130 Prozent Preisdifferenz

9. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Frage ist schon fast philosophisch: Dürfen Produkte in der Schweiz teurer sein als im Ausland, weil wir besser verdienen? Sind hohe Preise quasi Garantie für einen insgesamt höheren Wohlstand in der Schweiz im Vergleich zum umliegenden Ausland? Und, wenn ja, um wie viel darf denn der Preis in der Schweiz höher sein als im Ausland?

Seit die Grossverteiler Migros und Coop mit Aldi und Lidl im direkten Wettbewerb stehen und vor allem, seit der Euro so viel billiger geworden ist, kauft wer kann im umliegenden Ausland ein. Dergestalt, dass die Grossverteiler Umsatzeinbussen erleiden und die Preise senken müssen. Mitleid brauchen wir keines zu haben, wie ein Beispiel zeigt: Kürzlich war ich in Deutschland in einem edlen Foodgeschäft – alles andere als ein Harddiscounter – und hab mir eher zufällig die Preise für mein Lieblings-Glace-Produkt von Unilever angeschaut: After Dinner. Ein paar Tage zuvor hatte ich bei Coop für Fr. 8.50 eine Packung davon erstanden, was ich gefühlsmässig teuer fand. Die gleiche Schachtel war im deutschen Edelladen für 2.99 Euro zu haben, also umgerechnet und aufgerundet Fr. 3.70. Daraus ergibt sich von unten gerechnet (ist ja ein ausländisches Produkt) eine Preisdifferenz von satten 130 Prozent.

Man mag das als ungeheuerlich abtun, Fakt ist: Unilever bzw. Coop kann in der Schweiz mehr als das Doppelte verlangen und erreicht dennoch – das ist der entscheidende Punkt – einen zufriedenstellenden Absatz. Genügend Konsumenten sind bereit, für die Süssigkeit stolze Fr. 8.50 zu zahlen. Übrigens: Die 2.99 Euro waren kein Aktions-, sondern ein regulärer Preis. Konkret: Der Glace-Gigant verdient unter dem Strich offensichtlich mehr, als wenn er höhere Mengen bei tieferen Margen absetzt.

Nun wissen wir aus diesem Preisvergleich zwischen Deutschland und der Schweiz natürlich nicht genau, was Coop im Einkauf für After Dinner bezahlen muss. Einkaufspreise sind bekanntlich ein gut gehütetes Geheimnis. Könnte es sein, dass Coop satte 130 Prozent draufschlägt? Bei aller Abgebrühtheit von versierten Händlern: Das glaube ich nicht. Undenkbar ist aber auch, dass Coop sich mit bescheidenen fünf Prozent Marge zufrieden gibt. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Doch weil Coop via die deutsche Rewe an einer europäischen Grosseinkaufsmacht angeschlossen ist, wird Coops Marge für dieses Luxusprodukt aber hoch sein.

Auf einem andern Blatt steht, ob solche Riesenmargen taktisch klug sind. Sie bestätigen, dass in den hiesigen Detailhandelspreisen offensichtlich noch viel Spielraum nach unten steckt. Der Wohlstand bricht deswegen also noch nicht zusammen.

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Kategorie: Mittelland Zeitung Comments Off

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