Die Wirtschaft profitiert vom tiefen Euro
11. Juli 2010Sonntagszeitung
Bekanntlich hat die Nationalbank im ersten Halbjahr den Euro in gigantischem Ausmass gestützt und die Bestände auf rund 200 Milliarden aufgestockt. Dafür wird sie zunehmend lauter kritisiert. Die Probleme in Euroland scheinen unsere Währungshüter unterschätzt zu haben. Die Verschuldungsprobleme werden nicht gelöst, sondern wie eine Bugwelle vor sich hergeschoben. Namhafte Ökonomen glauben, dass besonders Griechenland saniert werden muss. Gemäss Devisenexperten gehört die griechische Eiterbeule aufgestochen, was eine heilsame Wirkung auf den Euro hätte, der an Wert zulegen würde. Mit ihrer Strategie, Franken auf den Markt zu werfen und Euros zu kaufen, versuchte die Nationalbank in erster Linie, unsere Exportindustrie zu schützen. Was schon der legendäre Fritz Leutwiler festhielt, hat sich auch diesmal gezeigt: Interventionen wirken höchstens temporär. Auch eine Notenbank hat dem langfristigen Trend nichts entgegenzusetzen. Tatsächlich ist der Euro über 15 Prozent vom Zielkurs von 1.50 Franken entfernt. Dafür hat sich die Notenbank im ersten Halbjahr Währungsverluste von über 10 Milliarden Franken eingehandelt.
«Steigt der Euro wieder, mutieren die Währungsverluste in Währungsgewinne»
Dabei hat die Exportindustrie die immens teure Schwächung des Frankens gar nicht nötig. Der tiefe Euro verhilft Europa zum Exportboom. Vor allem in Deutschland verzeichnet die Industrie plötzlich massive Bestellungseingänge, wovon die Schweizer Industrie als Zulieferer profitiert. Das gilt etwa für die Chemie, aber auch für die Autoindustrie. Mehrere angefragte Zulieferer bestätigen sprunghaft gestiegene Bestellungseingänge. Diese Volumen kompensieren einen wesentlichen Teil der Währungsverluste. Verbilligt haben sich ferner Roh- und Halbfertigfabrikate sowie Maschinen, welche unsere Industrie in Euro bezahlt. Bleiben die Lohnkosten. In der häufig hochgradig automatisierten Produktion ist der Lohnanteil in einem Produkt gering. Konklusion: Für die Exportindustrie ist die Frankenstärke unangenehm, aber nur in wenigen Fällen wirklich bedrohlich.
Hat sich die Nationalbank also verspekuliert? Vielleicht hat sie die Abfederung unterschätzt, oder sie hat dem Lamento der Industrie zu viel Gehör geschenkt. Ironie oder Kalkül: Am Ende könnte sich das Euro-Engagement als eine gigantische Spekulation entpuppen: Wenn nämlich Griechenland doch saniert wird und der Euro tatsächlich wieder steigt, mutieren die Währungsverluste in Währungsgewinne. Doch derlei verwegene Spekulation wollen wir der SNB natürlich nicht unterstellen.
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