Das Beständige loben

8. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Viel ist in den letzten Jahren lamentiert worden über die Schweiz. Angefangen hat das schon lange, etwa als Klaus Jacobs die Toblerone an die Amerikaner verkaufte oder als Bally ins Ausland verscherbelt wurde. Schlimm wurde es, als uns amerikanische Anwälte in der Holocaust-Krise kollektiv der Hehlerei bezichtigten und vollends ans Lebendige ging es, als die Swissair von einigen an die Wand gefahren wurde. Die UBS-Krise hat uns den Glauben genommen, der Finanzplatz sei unangreifbar. Dazu zwangen uns die Amerikaner zum juristisch fragwürdigen Kotau in Form eines Staatsvertrags und Gaddafi führte uns vor wie einen Zirkusbären. Nein, Schweizerin oder Schweizer zu sein, war in den letzten Jahren kein Schleck. Gerade der Finanzplatz liefert immer wieder Munition zur Kritik. Dabei sind die Banken Gefangene ihrer selbst. Sie wehren sich kaum, ihre Argumente sind schwach, oder sie schiessen sich selber in den Fuss, etwa wenn Bonus-Programme zu absurden Bezügen führen.

Dabei ist die Schweiz, wie wir wissen, hervorragend durch die Krise gekommen (wenige haben es besser gemacht, Kanada etwa, das keine einzige Bank retten musste). Weshalb das so ist, wird kaum je erörtert. Wir lieben es stattdessen, uns selbst schlechter zu machen, als wir sind. Während sich andere Länder hemmungslos schönreden und – um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken – mit dem Finger auf andere zeigen, besitzen wir Schweizer eine veritable Obsession, uns Asche aufs Haupt zu streuen. Dabei hätte dieses Land durchaus eine Botschaft an die Welt, nämlich, dass das Kleinräumige immense Vorteile hat, dass die politisch nach unten delegierte Verantwortung, das Subsidiäre also, zu Spareffekten führt, dass weiter die Steuerhoheit der Kantone und Gemeinden untereinander einen Wettbewerb auslöst, der den Fiskus limitiert. Wir schreiben Eigenverantwortung gross und sind dem Kollektiv gegenüber kritisch.

Die Bank Julius Bär als Player auf dem viel kritisierten Finanzplatz hat nun den Mut, in einem ausführlichen und sorgfältig recherchierten Essay (www.juliusbaer.com) eine Exegese der Schweiz vorzunehmen, also in einer fast psychoanalytischen Auslegeordnung den helvetischen Seelenzustand darzulegen und die positiven Faktoren aufzulisten, die diesem Land zu Wohlstand verholfen haben . Dabei ist der Text nie salbaderisch und durchaus auch kritisch.

Dieser Text macht den Bürgern bewusst, weshalb dieses Land da steht, wo es ist. Das ist nötig und hilfreich. Dass er von einer Bank angeregt wurde, mag man als PR-Übung abtun. Doch wer sonst hat denn etwas Ähnliches geleistet? Die viel gescholtene UBS oder die CS? Die FDP, CVP oder gar die SVP. Erwarten würden wir eine solche Analyse von den politischen Behörden, allen voran vom Bundesrat. Doch dazu ist dieser nicht fähig. Aber das wissen wir ja. Und gehört offenbar zum System.

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