Bahnfahren ist viel zu billig

18. Juli 2010

Sonntagszeitung

Moritz Leuenberger hinterlässt bekanntlich jede Menge Baustellen, reale wie die Neat (die am Schluss den Steuerzahler doppelt so viel kosten wird wie einst geplant) und Baustellen im übertragenen Sinn. Nur schon aus dieser Sicht ist zu hoffen, dass ein neuer Wind im Departement Uvek blasen wird. Besonders gravierend ist die Situation bei den SBB.

«Die Pendler nehmen immer längere Fahrwege in Kauf. Das kostet die Allgemeinheit doppelt»

Obwohl die Passagierzahlen im letzten Jahr um 1,5 Prozent zunahmen – ein stetiger Prozess –, gingen die Erträge insgesamt massiv zurück. Der ausgewiesene Gewinn von 370 Millionen Franken ist reine Kosmetik: Für 240 Millionen verscherbelten die SBB Tafelsilber (in Form von Immobilienbesitz). Für die Infrastruktur (Geleise, Bauten) und die nicht rentierenden Regionallinien werden die SBB direkt vom Bund mit 2,7 Milliarden Franken jährlich entschädigt. Doch auch so konnten die Bähnler die Investitionen nicht vollständig aus den Betriebsmitteln zahlen, sodass die Verschuldung um 0,8 auf 8 Milliarden netto anstieg. Seit ein paar Monaten wissen wir, dass der Unterhalt der Geleise falsch berechnet wurde. Der Nachholbedarf beträgt je nach Quelle 500 bis 850 Millionen Franken jährlich. Hinzu kommt neues Rollmaterial von 20 Milliarden, das über die kommenden Jahre zu beschaffen ist. Das Loch wird immer grösser. Eine Rückzahlung der Verschuldung innert zehn Jahren eingerechnet, fehlen den SBB bei ungeschönter Kostenrechnung jährlich mindestens 4 Milliarden Franken. Anders formuliert: Gerade weil immer mehr Leute Zug fahren, steigen die Kosten sprunghaft. Doch statt verursachergerechte Tarife zu erheben, betreibt der Staatsbetrieb Umverteilung zulasten der Allgemeinheit. Auf den Fahrplanwechsel hin wollen alle Bahnen die Tarife um 6,4 Prozent anheben, was der Preisüberwacher verhindern will, weil nicht klar geregelt ist, wie der Gewinn der SBB zu berechnen ist. Es besteht die Gefahr, dass eine völlig ungenügende oder gar keine Erhöhung beschlossen wird.

Das hat Konsequenzen: Weil das Bahnfahren viel zu billig ist, werden falsche Anreize geschaffen. Statt dass Pendler den Wohn- und Arbeitsort in einer vernünftigen Distanz halten, nehmen sie immer längere Fahrwege in Kauf. Das kostet die Allgemeinheit doppelt: In den Metropolregionen steigen die Infrastrukturkosten überproportional, und die SBB bitten den Steuerzahler vermehrt zur Kasse. Die Unternehmen schliesslich können sich bequem in den Speckgürteln der grossen Städte ansiedeln, das Personal finden sie dank dem übersubventionierten ÖV ohnehin.

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