Irland hat nichts zu lachen
15. Juli 2010Mittelland Zeitung
Dieses Jahr habe ich Irland als Reiseziel gewählt, was die Gelegenheit gibt, die irische Krise aus der Nähe zu analysieren. Die Zahlen sind für ein Land mit nur gerade 3,5 Millionen Einwohnern erschreckend. Das merkt etwa der Betreiber eines kleinen Hotels an der Südküste, dessen Haus in Irland als Trouvaille gilt. Nie musste er sich ums Marketing kümmern, die Mundpropaganda und die vielen lobenden Zeitungsartikel haben ihm das Haus fast ausschliesslich mit einheimischen Gästen gefüllt. Doch jetzt, in der Hochsaison, ist das Haus kaum halb voll. «Die Iren können sich schlicht keine Ferien mehr leisten», sagt er resigniert.
Über Jahre haben Irlands Banken fast blind in Immobilien investiert, ausgelöst durch eine von der Regierung initiierte, abstruse Steuerabschreibungspraxis. Wer in Immobilien investierte, konnte die Schuldzinsen von den Steuern abziehen, auch wenn er in einem ganz anderen Business zu Hause war. So wurden Unsummen in Hotels und Wohnüberbauungen gepumpt, ohne dass jemand abklärte, ob dafür auch genügend Nachfrage vorhanden war. In der Folge wurden jährlich bis zu 130000 Häuser und Wohnungen gebaut (Schweiz 2008: 44000 Wohnungen).
Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige Chef der drittgrössten irischen Bank, der Anglo Irish Bank, Sean Fitzpatrick. Schon während seiner Amtszeit investierte er privat in alle möglichen Immobilienprojekte, darunter auch in trendige Restaurantketten. Der einst als Held des keltischen Tigers gefeierte Fitzpatrick, dessen Anglo Irish Bank an der Börse zu Boomzeiten mit 13 Milliarden Euro bewertet war, mutierte zum grössten Finanzübeltäter der Nation. Im von Ehrgeiz geprägten Wettlauf um die Spitzenposition mischten auch alle anderen Banken im Immobilienbusiness mit und verloren dabei jede Hemmung. Fitzpatrick ist mittlerweile bankrott und schuldet seinem ehemaligen Arbeitgeber 110 Millionen Euro. Seine Bank wurde verstaatlicht und muss durch einen Auffangfonds der Zentralbank rekapitalisiert werden.
Mit Infusionen von 10 Milliarden Euro werden andere irische Banken am Leben gehalten. Weil der Markt so überhitzt ist, dürfte der grösste Teil dieses Geldes verloren sein. Noch ist der Finanzminister zuversichtlich, dass alle Banken den europäischen Stresstest bestehen. Die staatliche Hilfe machts möglich. Die Wunden wird das Land noch lange lecken müssen.
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