Archiv für Februar 2012


Aufgescheuchte Hühner

16. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Man kann nicht mal schadenfreudig sein. Den gut betuchten und ehedem wohlbezahlten Bankern bläst ein eisiger Wind ins Gesicht, dergestalt, dass der gesamte Bankensektor zu erstarren droht. Das wird unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft und mithin auf den Wohlstand in diesem Land haben. So wie die Dinge derzeit liegen, ist es vorbei mit der üppigen Wertschöpfung in der Finanzbranche. Überall wird Personal abgebaut, Geschäftsmodelle bringen schlicht nicht mehr genügend Ertrag. Kleinere und mittlere Institute werden gezwun- gen sein, sich grösseren anzuschliessen. Ein Schrumpfungsprozess gröberen Ausmasses steht bevor. Das Steuersubstrat schrumpft und reisst Löcher in die Kassen von Gemeinden, Kantonen und Bund, die zu stopfen wohl nur über Steuererhöhungen möglich sein wird.

Noch immer tut jedoch die öffentliche Schweiz so, als sei mehr oder weniger alles im Griff. Es brauche bloss die Steuerabkommen mit Deutschland und Grossbritannien sowie eine Pauschallösung mit den USA und schwupps sei alles in Butter. Dabei wird längst klar, dass das Steuerabkommen im Deutschen Bundestag scheitern wird, dass in der Folge auch das Vereinigte Königreich vom Vorschlag Abstand nehmen wird. In den USA wird es keine Pauschallösung geben, vielmehr wird sich die Justiz jede einzelne Bank vorknöpfen. Zu einer gemeinsamen Haltung, zu einer für den hiesigen Finanzplatz kohärenten Strategie können sich die Banken nicht durchringen. Die Bankiervereinigung ist der Club des kleinsten gemeinsamen Nenners. Stattdessen sollten das Justizdepartement, die Finma, die Steuerverwaltung und die Banken längst an einer gemeinsamen Finanzplatzstrategie arbeiten. Doch die Herren (und einige Damen) liegen sich in den Haaren. Die Banken sind über die Finma und das Justizdepartement frustriert, sie selber bieten sich untereinander gegenseitig keine Hand. Jede versucht, ihr Scherflein ins Trockene zu bringen, verhandelt direkt mit den Amerikanern und liefert hemmungslos Daten über Kunden und eigene Mitarbeiter, dass einem die Haare zu Berge stehen.

So gleicht der Finanzplatz einem Haufen in Panik geratener Hühner, weil der Fuchs um den Zaun herumstreicht. Dazu kommen interne Auseinandersetzungen über die Retrozessionen, die, sollten sie definitiv durch ein Bundesgerichtsurteil den Kunden zugeteilt werden, die Geschäftsgrundlage der beiden Grossbanken infrage stellt. Wie gerne würde man einen mit hellen Köpfen zusammengesetzten Finanzplatz-Ausschuss sehen, der in der Lage ist, eine tragfähige, zukunftsgerichtete Strategie für den gesamten Finanzplatz auszuarbeiten. Vermutlich wird ein solcher eingesetzt, wenn die Dämme längst gebrochen und die Kunden auf Nimmerwiedersehen abgewandert sind.

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130 Prozent Preisdifferenz

9. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Frage ist schon fast philosophisch: Dürfen Produkte in der Schweiz teurer sein als im Ausland, weil wir besser verdienen? Sind hohe Preise quasi Garantie für einen insgesamt höheren Wohlstand in der Schweiz im Vergleich zum umliegenden Ausland? Und, wenn ja, um wie viel darf denn der Preis in der Schweiz höher sein als im Ausland?

Seit die Grossverteiler Migros und Coop mit Aldi und Lidl im direkten Wettbewerb stehen und vor allem, seit der Euro so viel billiger geworden ist, kauft wer kann im umliegenden Ausland ein. Dergestalt, dass die Grossverteiler Umsatzeinbussen erleiden und die Preise senken müssen. Mitleid brauchen wir keines zu haben, wie ein Beispiel zeigt: Kürzlich war ich in Deutschland in einem edlen Foodgeschäft – alles andere als ein Harddiscounter – und hab mir eher zufällig die Preise für mein Lieblings-Glace-Produkt von Unilever angeschaut: After Dinner. Ein paar Tage zuvor hatte ich bei Coop für Fr. 8.50 eine Packung davon erstanden, was ich gefühlsmässig teuer fand. Die gleiche Schachtel war im deutschen Edelladen für 2.99 Euro zu haben, also umgerechnet und aufgerundet Fr. 3.70. Daraus ergibt sich von unten gerechnet (ist ja ein ausländisches Produkt) eine Preisdifferenz von satten 130 Prozent.

Man mag das als ungeheuerlich abtun, Fakt ist: Unilever bzw. Coop kann in der Schweiz mehr als das Doppelte verlangen und erreicht dennoch – das ist der entscheidende Punkt – einen zufriedenstellenden Absatz. Genügend Konsumenten sind bereit, für die Süssigkeit stolze Fr. 8.50 zu zahlen. Übrigens: Die 2.99 Euro waren kein Aktions-, sondern ein regulärer Preis. Konkret: Der Glace-Gigant verdient unter dem Strich offensichtlich mehr, als wenn er höhere Mengen bei tieferen Margen absetzt.

Nun wissen wir aus diesem Preisvergleich zwischen Deutschland und der Schweiz natürlich nicht genau, was Coop im Einkauf für After Dinner bezahlen muss. Einkaufspreise sind bekanntlich ein gut gehütetes Geheimnis. Könnte es sein, dass Coop satte 130 Prozent draufschlägt? Bei aller Abgebrühtheit von versierten Händlern: Das glaube ich nicht. Undenkbar ist aber auch, dass Coop sich mit bescheidenen fünf Prozent Marge zufrieden gibt. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Doch weil Coop via die deutsche Rewe an einer europäischen Grosseinkaufsmacht angeschlossen ist, wird Coops Marge für dieses Luxusprodukt aber hoch sein.

Auf einem andern Blatt steht, ob solche Riesenmargen taktisch klug sind. Sie bestätigen, dass in den hiesigen Detailhandelspreisen offensichtlich noch viel Spielraum nach unten steckt. Der Wohlstand bricht deswegen also noch nicht zusammen.

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Ausgelieferte Bankberater

2. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Hoch gehen die Wogen im aktuellen Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA. Die Emotionen sind zwiespältig: Da ist auf der einen Seite der ruchlose Druck der Amerikaner, die sich einen Deut um unterschiedliche Rechtssysteme scheren und knallharte Machtpolitik ausüben. Es kümmert sie nicht, dass sie eine Bank zerstören, obwohl weder ein Fehlverhalten nachgewiesen ist, geschweige denn ein Urteil vorliegt.

Doch auch die gegenteilige Sichtweise hat ihre Berechtigung: Wie konnten einzelne Banken nach dem UBS-Fall so töricht sein und aktiv jene US-Kunden aufnehmen, welchen die UBS die Türe gewiesen hatte und die seit Jahren Geld vor dem US-Fiskus versteckten und dies auch weiterhin tun wollten? Jetzt soll sie der Staat aus der Falle befreien, die sie sich selber gestellt haben. Dabei hätte diesen Geldhäusern das kompromisslose Vorgehen der US-Steuerbehörden im Fall der UBS eine unmissverständliche Warnung sein müssen.

Wie dieser für den hiesigen Finanzplatz in höchstem Masse schädliche Streit ausgehen wird, ist völlig offen. Vielleicht gelingt es Staatssekretär Michael Ambühl, einen (milliardenteuren) Deal mit Schlussstrichwirkung auszuhandeln, vielleicht aber war Wegelin erst ein Vorgeschmack auf das, was noch folgt.

Für unbeteiligte Dritte hält sich das Bedauern mit den Bankern und insbesondere mit den verantwortlichen Chefs in engen Grenzen. Etwas anders sieht es mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus, den Bankberatern, deren Job es jahrelang war, ihre amerikanischen Kunden zu betreuen, meist nur in der Schweiz. Weil viele Daten schon geliefert sind – Mails, Kundenkontakte, Besuchsprotokolle auch aus der Schweiz – müssen viele von ihnen befürchten, auf einer «Verschwörer»-Liste zu stehen. Ihre Rechtsabteilungen haben ihnen längst untersagt, in die USA zu reisen.

Doch damit nicht genug. Sie müssen jeden einzelnen Auslandaufenthalt vorzeitig melden, auch wenn es sich um reine Ferien handelt. Die Gefahr besteht nämlich, dass die USA solche Personen auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt haben. Sobald diese Personen in ein Land reisen, das mit den USA ein Auslieferungsabkommen unterzeichnet hat, besteht die Gefahr, dass dieses Land den USA einen Gefallen erweisen will und den gesuchten Bankberater verhaftet und ausliefert.

Damit wird auch verständlich, weshalb der Bund entschied, in den auszuliefernden Bankdaten die Namen der Berater zu verschlüsseln. Nur schon der Fakt, dass die Namen bei einem Abkommen entschlüsselt werden, ist Bedrohung genug. Immerhin haben diese Mitarbeiter im Auftrag der Bank gehandelt. Dass die Schweiz sie potenziell ausliefert, ist schon eine Ungeheuerlichkeit an sich.

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