Hummler findet Frieden mit Bach
29. Januar 2012BaZ Basler Zeitung
Der Wegelin-Banker ist Rebell und Bildungsbürger in einer Person
St. Gallen. Es war böse, was der linke WOZ-Journalist im Kulturmagazin «Saiten» über Konrad Hummler und dessen Freunde schrieb: «Was sich aufgeschlossen und unideologisch gibt, ist zutiefst reaktionär und rechts: Man strebt nach Geld und Glück und Vollkommenheit. Freiheit und Brüderlichkeit! Gleichheit und Gerechtigkeit hingegen negiert man. Über die Dummen, die Armen und die Ehrlichen wird gespottet.» Und seis nicht genug, setzte der Schreiber noch eins oben drauf: «Hummler, der Superreiche, der eine Lohndumping-Politik mitverantwortet: Anstelle der Demokratie soll es einen Hofstaat geben.»
Spannend ist nicht so sehr, ob und wie berechtigt diese Pauschalverurteilung ist, aufschlussreich ist vielmehr, wie sich der Sohn des St. Galler Stadtpräsidenten und FDP-Nationalrats Alfred Hummler gegen dieses Pamphlet wehrte: Musikmäzen Hummler schrieb in ebendiesem Kulturmagazin einen geharnischten Leserbrief mit folgender Sentenz: «Was wir heute (im «Saiten», Red.) zu lesen bekommen, ist ein aufgemotzter Dorfkalender, inseratemässig finanziert von den inflationär um sich greifenden, oft nur mässig besuchten, hochsubventionierten Veranstaltungen, drapiert mit zusammengekleistertem schlechtem Fotomaterial und nicht einmal halbwegs lustigen Cartoons, das kulturelle Alibi redaktionell zusammengekratzt mit Möchtegern-Meienberg-Material. Meienberg ist tot; er hat im Dorf nur Würstchen hinterlassen.»
Vorbild Niklaus Meienberg
Man merkt, da fehlt einem brillanten Kopf die Nonchalance, da enerviert sich einer und sagt, wie es halt in St. Gallen üblich ist, wo Gott hockt. Reaktionsschnell haut er in die Tasten, ganz so, wie er es in seinen Anlagekommentaren der Bank Wegelin und immer öfter auch in der von ihm nach wie vor präsidierten NZZ tut oder bisher tat. In langen, aber gut gedrechselten Sätzen, so, wie es einige altgediente Redaktoren noch pflegen, sprudelt es nur so aus ihm heraus, wortgewaltig und unverblümt, frech, direkt, schonungslos. Keine Frage, Meienberg erwähnte er nicht zufällig. Dieser Sprachtitan war ihm Vorbild.
Dass der 59-jährige so direkt und undiplomatisch ist, hat mit der Gallusstadt zu tun. In diesem klosterdominierten Bischofssitz kennt sich Hinz und Kunz, schliesslich sind alle in die «Flade» zur Schule gegangen und buhlten in der gleichen Disco. Ob Harry Hasler oder Hummler, St. Galler nehmen kein Blatt vor den Mund.
Eigenwilligkeit ist schon früh im Leben des Koni Hummler ein Thema. Fünfzehnjährig türmt er 1968 nach Paris. Er will mit eigenen Augen sehen, wie gegen das Establishment demonstriert wird. Er studiert in Zürich Jura und hängt ein Wirtschaftsstudium in Rochester im US-Bundesstaat New York an, wird begeisterter Offizier.
Holzach-Assistent, «Widder»-Umbau
Schon damals holen sich die Grossbanken die besten Köpfe, die allerbesten dürfen ins Vorzimmer des Präsidenten. Hummler wird Assistent von Robert Holzach, dem Grandseigneur der Bankgesellschaft mit Schloss im Thurgau. Dieser betraut seinen Assistenten nicht nur mit allerlei Privatjobs rund um das stolze Anwesen, Hummler betreut den kostspieligen Kauf und Umbau des Hotels Widder am Zürcher Rennweg, das zum Prestigeobjekt der Bankgesellen wird. Wie in der Bahnhofstrasse 45 damals üblich, gehörte eine zünftige Militärkarriere zum Berufsethos, Hummler schafft es in den Generalstab. Bei den Bankgesellen lernt er auch seinen späteren Kompagnon Otto Bruderer kennen, auch er ein Assistent der Generaldirektion.
Es spricht für den unternehmerischen Geist der beiden, dass sie 1989, als der bisherige Besitzer der Bank Wegelin, der kinderlose asketische Arthur Eugster, einen Nachfolger für sein kleines Bänkli suchte, um die Privatbank warben und die übliche Managerkarriere in der Grossbank ausschlugen. Wegelin lief nicht besonders gut, der Preis war mithilfe von Bankkrediten zu stemmen. Die beiden ergänzten sich prima, Otto Bruderer als intellektueller Kopf kümmerte sich um die Interna, der umtriebige, gesellige Hummler entpuppte sich als begnadeter Verkäufer. Die Bank gedieh, die Kundenvermögen stiegen von einer Milliarde auf 21 Milliarden, die Mitarbeiterzahl explodierte von 30 auf 700.
Ein Treiber hinter diesem fulminanten Wachstum war Hummler mit seinen immer ausführlicheren Anlagekommentaren, die sich zum absoluten «must» unter der Bankenliteratur entwickelten und auf die Traumauflage von fast 100 000 Exemplaren anschwollen. Nach jedem neuen Erguss tingelte er von Filiale zu Filiale, die Kunden und Mitarbeiter hingen an den Lippen des Gurus, die Journalisten liebten die knackigen Sätze. Keiner schrieb prägnanter, keiner sprach so Klartext wie der St. Galler Privatbanker. Das Bankgeheimnis verteidigte er als Menschenrecht, und die amerikanische Politik und insbesondere die verlogene Steuermoral geisselte er mit Blick auf Miami und Delaware als «atemberaubende Doppelmoral».
Das Schulterklopfen war ihm sicher, allein, sein Erfolg machte ihn blind. Als die UBS 2008 ihre US-Kunden vor die Tür setzte, sprang Wegelin, auf das Bankgeheimnis pochend, in die Lücke und übernahm Dutzende US-Kunden, in der falschen Annahme, unbehelligt zu bleiben, weil die Bank keine Niederlassung in den USA besass. Doch Mitarbeiter flogen nach Miami und besuchten Kunden, einer wurde erwischt, Anklage wurde erhoben. Ob Recht verletzt wurde ist offen, doch Hummler wäre nicht Hummler, wenn er sich nicht weigern würde, Kundendaten auszuliefern.
Im laufenden Steuerstreit zwischen elf Schweizer Banken und den USA wurde Wegelin herausgepflückt und zum Bauernopfer gemacht. Die Amerikaner, so die Lesart, sind nur dann zu einem abschliessenden Deal bereit, wenn sie einen Erfolg in der Verfolgung von Steuersündern vermelden können. Obwohl noch keine Anklage und schon gar kein Urteil gegen die Bank vorliegt, hat die Finanzmarktaufsicht (Finma) Wegelin regelrecht zur Aufgabe gezwungen. Wie die «Finanz und Wirtschaft» am Samstag meldete, hätte die Finma den Teilhabern die Gewährleistung für eine einwandfreie Geschäftsführung entzogen, wenn sie nicht in einen Verkauf der Bank eingewilligt hätten.
Ideales Verhandlungspfand
Mit der Trophäe Wegelin können die Amerikaner der Welt beweisen, dass selbst die älteste Schweizer Privatbank aufgeben muss, wenn sie hilft, steuerpflichtige Amerikaner vor dem Fiskus zu verstecken. Für die Schweizer Verhandlungsdelegation ist das Verschwinden der Bank Wegelin von der Bildfläche das kleinste Übel. Die Bank ist nicht systemrelevant, sie kann unter neuem Namen von einem anderen Institut (Raiffeisen) weitergeführt werden, die meisten Jobs bleiben erhalten.
Ob Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Verhandlungsleiter Botschafter Michael Ambühl dank der mit Staatsräson begründeten Preisgabe von Wegelin tatsächlich zum Ziel kommen und einen Vertrag mit den USA zustande bringen, wird sich weisen. In jedem Fall haben sie Schweizer Recht gebrochen und Kunden ans Ausland verraten. Genau dazu war der liberale Hummler nicht bereit. Er mag leichtfertig oder gar tollkühn gewesen sein, aber fraglos hat er Stil bewiesen.
Trost in der schmerzlichen Aufgabe seines Lebenswerkes wird Hummler bei Johann Sebastian Bach finden. Wer eine solche Geistesgrösse ernsthaft als seinen Übervater bezeichnen kann (Hummler, NZZ 19. 1. 2009), wird in den Klängen des kongenialen Komponisten Frieden mit sich selber finden. Als Dank an diesen Übervater finanziert Hummler über eine Stiftung in einem rund 20-jährigen Projekt die Aufführung aller 224 Kantaten des Genies. Einmal monatlich in der Kirche von Teufen, seinem steuergünstigen Appenzeller Wohnsitz.
Der neue Name der bisherigen Bank Wegelin ist Notenstein. So heisst das Haus mitten in St. Gallen, in dem Wegelin den Hauptsitz hat. Ob Notenstein eine Anspielung auf die Frieden bringenden Klänge Bachs sind, ist eher fraglich. Im 15. Jahrhundert hiess das turmartige Haus Nothfeststein. Eine in Not schutzbietende steinerne Festung ist tatsächlich, was die Kunden jetzt dringend brauchen.
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