Archiv für Januar 2012


Hummler findet Frieden mit Bach

29. Januar 2012

BaZ Basler Zeitung

Der Wegelin-Banker ist Rebell und Bildungsbürger in einer Person

St. Gallen. Es war böse, was der linke WOZ-Journalist im Kulturmagazin «Saiten» über Konrad Hummler und dessen Freunde schrieb: «Was sich aufgeschlossen und unideologisch gibt, ist zutiefst reaktionär und rechts: Man strebt nach Geld und Glück und Vollkommenheit. Freiheit und Brüderlichkeit! Gleichheit und Gerechtigkeit hingegen negiert man. Über die Dummen, die Armen und die Ehrlichen wird gespottet.» Und seis nicht genug, setzte der Schreiber noch eins oben drauf: «Hummler, der Superreiche, der eine Lohndumping-Politik mitverantwortet: Anstelle der Demokratie soll es einen Hofstaat geben.»

Spannend ist nicht so sehr, ob und wie berechtigt diese Pauschalverurteilung ist, aufschlussreich ist vielmehr, wie sich der Sohn des St. Galler Stadtpräsidenten und FDP-Nationalrats Alfred Hummler gegen dieses Pamphlet wehrte: Musikmäzen Hummler schrieb in ebendiesem Kulturmagazin einen geharnischten Leserbrief mit folgender Sentenz: «Was wir heute (im «Saiten», Red.) zu lesen bekommen, ist ein aufgemotzter Dorfkalender, inseratemässig finanziert von den inflationär um sich greifenden, oft nur mässig besuchten, hochsubventionierten Veranstaltungen, drapiert mit zusammengekleistertem schlechtem Fotomaterial und nicht einmal halbwegs lustigen Cartoons, das kulturelle Alibi redaktionell zusammengekratzt mit Möchtegern-Meienberg-Material. Meienberg ist tot; er hat im Dorf nur Würstchen hinterlassen.»

Vorbild Niklaus Meienberg

Man merkt, da fehlt einem brillanten Kopf die Nonchalance, da enerviert sich einer und sagt, wie es halt in St. Gallen üblich ist, wo Gott hockt. Reaktionsschnell haut er in die Tasten, ganz so, wie er es in seinen Anlagekommentaren der Bank Wegelin und immer öfter auch in der von ihm nach wie vor präsidierten NZZ tut oder bisher tat. In langen, aber gut gedrechselten Sätzen, so, wie es einige altgediente Redaktoren noch pflegen, sprudelt es nur so aus ihm heraus, wortgewaltig und unverblümt, frech, direkt, schonungslos. Keine Frage, Meienberg erwähnte er nicht zufällig. Dieser Sprachtitan war ihm Vorbild.

Dass der 59-jährige so direkt und undiplomatisch ist, hat mit der Gallusstadt zu tun. In diesem klosterdominierten Bischofssitz kennt sich Hinz und Kunz, schliesslich sind alle in die «Flade» zur Schule gegangen und buhlten in der gleichen Disco. Ob Harry Hasler oder Hummler, St. Galler nehmen kein Blatt vor den Mund.

Eigenwilligkeit ist schon früh im Leben des Koni Hummler ein Thema. Fünfzehnjährig türmt er 1968 nach Paris. Er will mit eigenen Augen sehen, wie gegen das Establishment demonstriert wird. Er studiert in Zürich Jura und hängt ein Wirtschaftsstudium in Rochester im US-Bundesstaat New York an, wird begeisterter Offizier.

Holzach-Assistent, «Widder»-Umbau

Schon damals holen sich die Grossbanken die besten Köpfe, die allerbesten dürfen ins Vorzimmer des Präsidenten. Hummler wird Assistent von Robert Holzach, dem Grandseigneur der Bankgesellschaft mit Schloss im Thurgau. Dieser betraut seinen Assistenten nicht nur mit allerlei Privatjobs rund um das stolze Anwesen, Hummler betreut den kostspieligen Kauf und Umbau des Hotels Widder am Zürcher Rennweg, das zum Prestigeobjekt der Bankgesellen wird. Wie in der Bahnhofstrasse 45 damals üblich, gehörte eine zünftige Militärkarriere zum Berufsethos, Hummler schafft es in den Generalstab. Bei den Bankgesellen lernt er auch seinen späteren Kompagnon Otto Bruderer kennen, auch er ein Assistent der Generaldirektion.

Es spricht für den unternehmerischen Geist der beiden, dass sie 1989, als der bisherige Besitzer der Bank Wegelin, der kinderlose asketische Arthur Eugster, einen Nachfolger für sein kleines Bänkli suchte, um die Privatbank warben und die übliche Managerkarriere in der Grossbank ausschlugen. Wegelin lief nicht besonders gut, der Preis war mithilfe von Bankkrediten zu stemmen. Die beiden ergänzten sich prima, Otto Bruderer als intellektueller Kopf kümmerte sich um die Interna, der umtriebige, gesellige Hummler entpuppte sich als begnadeter Verkäufer. Die Bank gedieh, die Kundenvermögen stiegen von einer Milliarde auf 21 Milliarden, die Mitarbeiterzahl explodierte von 30 auf 700.

Ein Treiber hinter diesem fulminanten Wachstum war Hummler mit seinen immer ausführlicheren Anlagekommentaren, die sich zum absoluten «must» unter der Bankenliteratur entwickelten und auf die Traumauflage von fast 100 000 Exemplaren anschwollen. Nach jedem neuen Erguss tingelte er von Filiale zu Filiale, die Kunden und Mitarbeiter hingen an den Lippen des Gurus, die Journalisten liebten die knackigen Sätze. Keiner schrieb prägnanter, keiner sprach so Klartext wie der St. Galler Privatbanker. Das Bankgeheimnis verteidigte er als Menschenrecht, und die amerikanische Politik und insbesondere die verlogene Steuermoral geisselte er mit Blick auf Miami und Delaware als «atemberaubende Doppelmoral».

Das Schulterklopfen war ihm sicher, allein, sein Erfolg machte ihn blind. Als die UBS 2008 ihre US-Kunden vor die Tür setzte, sprang Wegelin, auf das Bankgeheimnis pochend, in die Lücke und übernahm Dutzende US-Kunden, in der falschen Annahme, unbehelligt zu bleiben, weil die Bank keine Niederlassung in den USA besass. Doch Mitarbeiter flogen nach Miami und besuchten Kunden, einer wurde erwischt, Anklage wurde erhoben. Ob Recht verletzt wurde ist offen, doch Hummler wäre nicht Hummler, wenn er sich nicht weigern würde, Kundendaten auszuliefern.

Im laufenden Steuerstreit zwischen elf Schweizer Banken und den USA wurde Wegelin herausgepflückt und zum Bauernopfer gemacht. Die Amerikaner, so die Lesart, sind nur dann zu einem abschliessenden Deal bereit, wenn sie einen Erfolg in der Verfolgung von Steuersündern vermelden können. Obwohl noch keine Anklage und schon gar kein Urteil gegen die Bank vorliegt, hat die Finanzmarktaufsicht (Finma) Wegelin regelrecht zur Aufgabe gezwungen. Wie die «Finanz und Wirtschaft» am Samstag meldete, hätte die Finma den Teilhabern die Gewährleistung für eine einwandfreie Geschäftsführung entzogen, wenn sie nicht in einen Verkauf der Bank eingewilligt hätten.

Ideales Verhandlungspfand

Mit der Trophäe Wegelin können die Amerikaner der Welt beweisen, dass selbst die älteste Schweizer Privatbank aufgeben muss, wenn sie hilft, steuerpflichtige Amerikaner vor dem Fiskus zu verstecken. Für die Schweizer Verhandlungsdelegation ist das Verschwinden der Bank Wegelin von der Bildfläche das kleinste Übel. Die Bank ist nicht systemrelevant, sie kann unter neuem Namen von einem anderen Institut (Raiffeisen) weitergeführt werden, die meisten Jobs bleiben erhalten.

Ob Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Verhandlungsleiter Botschafter Michael Ambühl dank der mit Staatsräson begründeten Preisgabe von Wegelin tatsächlich zum Ziel kommen und einen Vertrag mit den USA zustande bringen, wird sich weisen. In jedem Fall haben sie Schweizer Recht gebrochen und Kunden ans Ausland verraten. Genau dazu war der liberale Hummler nicht bereit. Er mag leichtfertig oder gar tollkühn gewesen sein, aber fraglos hat er Stil bewiesen.

Trost in der schmerzlichen Aufgabe seines Lebenswerkes wird Hummler bei Johann Sebastian Bach finden. Wer eine solche Geistesgrösse ernsthaft als seinen Übervater bezeichnen kann (Hummler, NZZ 19. 1. 2009), wird in den Klängen des kongenialen Komponisten Frieden mit sich selber finden. Als Dank an diesen Übervater finanziert Hummler über eine Stiftung in einem rund 20-jährigen Projekt die Aufführung aller 224 Kantaten des Genies. Einmal monatlich in der Kirche von Teufen, seinem steuergünstigen Appenzeller Wohnsitz.

Der neue Name der bisherigen Bank Wegelin ist Notenstein. So heisst das Haus mitten in St. Gallen, in dem Wegelin den Hauptsitz hat. Ob Notenstein eine Anspielung auf die Frieden bringenden Klänge Bachs sind, ist eher fraglich. Im 15. Jahrhundert hiess das turmartige Haus Nothfeststein. Eine in Not schutzbietende steinerne Festung ist tatsächlich, was die Kunden jetzt dringend brauchen.

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Vorsicht vor zu viel Hoffnung

26. Januar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Wolken haben sich etwas gelichtet. Die Zinsen, die die südlichen Eurostaaten entrichten müssen, sind etwas gesunken. Offensichtlich zeigt die dreijährige de facto Gratisfinanzierung von Banken durch die EZB Wirkung. Gut sichtbar wird das abgeflaute Fieber der Finanzmärkte an den deutlich höheren Aktienkursen der Banken. UBS und CS haben innerhalb von gut zwei Wochen um über 15 Prozent zugelegt. An den Bond-Märkten hat ein kleines Rally eingesetzt. Kein Wunder: Die Institutionellen sitzen auf Bergen von Cash und warten nur, bis sich eine Gelegenheit mit vertretbarem Risiko bietet, Geld wieder irgendwie zinsbringend anzulegen. Zur besseren Stimmung haben auch die optimistischen Aussichten der US-Wirtschaft beigetragen, insbesondere ist die Arbeitslosigkeit auf den tiefsten Stand seit fast vier Jahren gesunken.

Durchaus möglich, dass dieser optimistischere Blick auf die Weltlage eine Welle von Anleihen- und Aktienkäufen auslöst, nach dem Motto: La hausse amène la hausse. Zumal Chinas Wirtschaftswachstum im vierten Quartal überraschend hoch ausgefallen ist, sodass bereits spekuliert wird, dass der prognostizierte Abschwung weitgehend ausbleiben dürfte. Setzt der Herdentrieb erst einmal ein, können Dämme brechen, was die Zinsen kräftig drücken würde, sodass eine positive Spirale in Schwung käme.

Doch so vielversprechend sich ein solches Szenario auch ausnimmt, uns fehlt der Glaube. Der bevorstehende Schuldenschnitt Griechenlands kommt die Banken teuer zu stehen und eine einseitig formulierte Zahlungsunfähigkeit ist immer noch wahrscheinlich. In Italien hat Mario Monti zwar einen hoffnungsvollen Anfang gemacht, doch die Umsetzung der Reformen und Steuererhöhungen muss erst noch bewiesen werden. Irland und Portugal brauchen ebenfalls einen Schuldenschnitt und Spanien ist auch nicht aus dem Schneider. Wenn die EZB ihre griechischen Anleihen im Umfang von 40 Milliarden abschreibt, ist das zwar auf den ersten Blick hilfreich, doch untergräbt sie damit ihre Wirkungskraft, weil der Markt davon ausgehen wird, dass von der EZB aufgekaufte Anleihen wertlos werden.

Vor allem aber ist das Grundproblem der Ungleichgewichte innerhalb der EU nicht gelöst. So lange Deutschland dank dem Exporterfolg riesige Zahlungsbilanzüberschüsse produziert, während der Süden in Defiziten versinkt, wirkt der Euro für die schwachen Länder wie ein Knebel im Rad. Deutschland müsste mehr konsumieren und der Süden seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Aber solche Reformen werden noch Jahre und Jahrzehnte auf sich warten lassen. Die Lösung, glauben kritische Ökonomen, könne für die schwachen Länder nur darin bestehen, den Euroraum zu verlassen. Nicht vorstellbar, dass der Süden ohne Abwertung gesunden kann.

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Banken und Finma uneinig

19. Januar 2012

AZ Mittelland Zeitung

In der Too-big-to-fail-Debatte zur Regulierung der beiden Grossbanken lief bis am Montag die Vernehmlassung über die Verordnung dieses neuen Gesetzes. Auf insgesamt 64 Seiten begründen die Banken ihre Vorbehalte (auch zur Hypothekenfinanzierung), was beweist, wie heikel eine Regelung von Risiken ist, wenn quasi bis ins letzte Detail vorbestimmt sein soll, was wie wann und unter welchen Umständen zu bewerten, zu regeln und zu handhaben ist. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Finma zusammen mit dem Finanzdepartment ein Regelwerk aufstellen will, das ähnlich radikale Züge aufweist wie seinerzeit das Sarbanes-Oxley-Gesetz in den USA, das nach dem Zusammenbruch von Enron geschaffen wurde und das, wie mittlerweile erkannt ist, einen gigantischen, fast paranoiden Kontrollmechanismus in Gang gesetzt hat, der den Unternehmen nicht nur horrende Kosten in Form von absurdem Papierkram aufbürdet, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit massiv einschränkt.

Selbstverständlich ist es richtig, dass der Staat nach dem UBS-Desaster deutliche härtere Vorschriften erlässt. Doch weil die Sache so hoch komplex ist, hatte das Parlament bewusst auf eine zu detaillierte Regelung im Gesetz verzichtet und vieles auf die untere Verordnungsebene delegiert, an die Fachleute quasi. Jetzt hingegen zeigt sich, wie Exponenten der Grossbanken überzeugend darlegen, dass die Behörden nun in einzelnen Bereichen über das hinausgehen, was seinerzeit die Expertenkommission einvernehmlich beschlossen hat. Das betrifft – unter anderem – die Regelung, dass sich die neu vorgeschriebenen 19Prozent Eigenkapital auf eine konsolidierte Konzernrechnung beziehen und nicht einzeln auf das Stammhaus angewendet werden kann. In der Verordnung hingegen ist jetzt wieder die Stammhausregel aufgenommen worden, was gemäss Berechnungen bis zu 26 Prozent Eigenkapital auf konsolidierter Basis erforderlich macht. Verständlich, dass die Banken nun finden, die TBTF-Verordnung verstosse gegen Treu und Glauben der Vereinbarung der Expertenkommission. Dabei ist daran zu erinnern, dass der so genannte Swiss Finish massiv über die von Basel III verlangten 13 Prozent hinausgeht.

Besonders brisant wird diese versuchte Verschärfung durch die Hintertür, weil die Verordnung zwar noch vom Parlament abgesegnet werden muss, aber natürlich nicht, wie das bei einer Gesetzesvorlage der Fall ist, Punkt um Punkt, sondern nur pauschal als Ganzes. Entweder wird sie durchgewinkt oder zurückgewiesen. Es ist nicht vermessen, zu fordern, Behörden und Bankexperten sollten sich noch einmal an den Tisch setzen. Die offenkundig feindliche Stimmung nützt niemandem. Ein gut eidgenössischer Kompromiss sieht anders aus.

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Wenn der Hass auf die Schweiz wächst

17. Januar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Über den bevorstehenden Bankrott Griechenlands

Im bedrohten Europa wird die Schweiz zum Musterschüler. Und entsprechend gepiesackt. Seit zwei Jahren schieben nun die Politiker eine Lösung für Griechenland vor sich her, ohne eine Lösung präsentieren zu können. Letzte Woche ist der finale Akt des Dramas eingeläutet worden. Die Verhandlungen zwischen den griechischen Behörden und der Troika Brüssel, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds sind gescheitert. Wenn das Duo Merkel-Sarkozy in den nächsten Wochen nicht in einem Kraftakt eine hieb- und stichfeste Lösung präsentieren kann, ist ein chaotischer Bankrott Griechenlands nicht mehr zu vermeiden. High Noon ist am 20. März, wenn Hellas 14,4 Milliarden Euro zurückzahlen muss. Längst flüchten nicht nur die Intellektuellen ins Ausland, jeder Grieche, der irgendwie konnte, hat sein Geld ins Ausland verschoben oder eingegraben. Die Geldquellen des Staates sind versiegt, die Banken sind pleite, die Arbeitslosigkeit gigantisch, die Rezession dramatisch. No way out. Doch statt zügig die Schulden zu sanieren, schob die Politik gutes Geld schlechtem nach. Jeder hoffte, sein Scherflein ins Trockene zu bringen. Eigensinn herrscht mit, wie sich nun abzeichnet, schrecklichem Resultat.

High Noon ist am 20. März, wenn Hellas 14,4 Milliarden Euro zurückzahlen muss.

Aus Sicht der aufstrebenden Asiaten und der unentwegten Amerikaner liefert Griechenland das Musterbeispiel für das Versagen des gesamten alten Kontinents mit seiner unkontrollierten Schuldenpolitik. Den Chinesen ist sie ein Beweis für die systemimmanente Fehlallokation in einer Demokratie, während die Amerikaner das Sozialsystem mit seiner Umverteilung schlicht für utopisch, weil nicht finanzierbar halten.

Ihre Wettbewerbsfähigkeit kam den Euroländern abhanden, weil sie die Auswirkungen der Globalisierung ignorierten. Leichtfertig erklärte man Arbeitsplätze und ganze Branchen für verloren, statt den Unternehmen bessere Bedingungen, sprich erleichterten Arbeitsplatzabbau zu ermöglichen. Man wahrte den Besitzstand, bis es zu spät war. Nachdem nun fast zwei Jahrzehnte lang Arbeitsplätze nach Asien verlagert worden sind, ist der europäische Südgürtel ausgeblutet. Jetzt fehlt jenes Wachstum, das Voraussetzung gewesen wäre, um die laufend aufgestockten Schulden zu rechtfertigen.

Noch ist Europa nicht erwacht. Aufgeschreckt ist jetzt wenigstens Frankreich durch das Downgrading durch Standard & Poor’s. Die stolzen und unbelehrbaren Franzosen müssen erkennen, dass sie sich mit der 35-Stunden-Woche und dem gigantischen Staatsapparat (jeder fünfte Arbeitnehmer steht auf einer behördlichen Lohnliste) völlig aus dem Markt herauskatapultiert haben. Innert zehn Jahren ist die Produktivität der französischen Industrie im Vergleich zur deutschen um satte 30 Prozent gefallen.

Und die Schweiz? Noch ruhen wir quasi im Auge des Taifuns. Sollten sich aber nach einem Bankrott Griechenlands lange Schlangen vor den systemrelevanten europäischen Banken bilden, werden manche von ihnen verstaatlicht werden müssen. Die Sparpläne der Regierungen werden gewaltsame soziale Proteste auslösen, denn die breite Bevölkerung kann nicht verstehen, weshalb Schuldenabbau, Sparen, Steuererhöhungen, Aufheben von Kündigungsschutz, Abbau von Sozialleistungen, Erhöhung des Rentenalters nötig sind, während auf ihrem Buckel die undurchsichtigen geldgierigen Ansprüche des Kapitalmarkts befriedigt werden. Ohnmächtige Wut wird sich ein Ventil suchen mit unabsehbaren Konsequenzen. All dies bedroht die EU von innen heraus. Ein unheilvolles Szenario.

Wos immer nur geht, gerät die Schweiz auch zunehmend unter politischen Druck.

Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Schweiz. Der Aufwertungsdruck auf den Franken wird massiv zunehmen und die Unabhängigkeit der Nationalbank bedrohen. Helvetien als eine vermeintliche Insel der Glückseligen wird zur Projektionsfläche für Neid und zum begehrten Ziel für Arbeitssuchende jeder Gattung. Und weil Musterschüler bekanntlich gehasst und geplagt werden, wos immer nur geht, gerät die Schweiz auch zunehmend unter politischen Druck: Steuerharmonisierung, Aufhebung des Holdingprivilegs, gläserne Banken, darüber hinaus grösstmögliche Personenfreizügigkeit, Forderung nach Beteiligung an den Sanierungskosten von Währungsfonds und EU-Stabilitätspakt.

Weil wir zudem konjunkturell im besten Fall mit einem Null-Wachstum rechnen können, im wahrscheinlicheren aber in eine Rezession, eventuell in eine neue Eurokrise geraten, stehen uns sehr unangenehme Zeiten bevor. Die Herausforderungen für den neuen Aussenminister Didier Burkhalter und den neuen Präsidenten der Nationalbank werden gewaltig. Genauso wie für ganz viele Unternehmer, die ihre Firmen über Wasser halten müssen.

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Vor einer heissen Woche

12. Januar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Es ist etwas ruhiger geworden um den Euro, die Hektik vom Dezember ist verflogen. Geholfen hat namentlich eine Meldung der Rating-Agentur Finch, die verkündet hat, Frankreich würde seine Bestnote AAA in den kommenden zwölf Monaten nicht verlieren. Nicht verborgen blieb ferner, dass der neue Chef der Europäischen Zentralbank EZB, Mario Draghi, pragmatischer vorgeht als sein fundamentalistischer Vorgänger.

Doch hinter den Kulissen ist die Nervosität gross. Eine neue Bewährungsprobe steht nächste Woche an, wenn in Italien und Spanien Milliarden an Staatspapieren fällig werden, Geld, das die beiden Staaten neu am Markt aufnehmen müssen. Noch immer liegen die Zinsen für 10-jährige italienische Staatspapiere bei 7 Prozent, was allen Sparbemühungen zuwiderläuft und die Finanzsituation des Landes nochmals verschlechtert. Dies wiederum lässt befürchten, dass Italien nächste Woche nicht genügend Neugeld beschaffen kann, um die fällig werdende Anleihe zurückzuzahlen. Um das Schlimmste zu verhindern, müsse die EZB bereitstehen und selber Staatsanleihen übernehmen.

Dabei ist die Lage geradezu grotesk: Die Banken schwimmen im billigen Geld, das sie de facto zinsfrei von der Zentralbank und vom Fed beziehen können. Würden sie damit italienische Staatspapiere kaufen, könnten sie Unsummen verdienen. Allein, das Risiko ist ihnen zu gross. Ähnliches gilt für die Pensionskassen. Diese sitzen auf Bergen von Cash, auf neu eingegangenen Prämien und zurückbezahlten Anleihen und müssten diese Gelder dringend anlegen. Auch sie scheuen sich, die rentablen, aber mit Risiken behafteten Staatspapiere zu zeichnen, obschon sie damit die klaffende Ertragslücke stopfen könnten.

Als Folge dieser neu sich abzeichnenden Krise schwächelt der Euro gegenüber dem Dollar und ist auf unter 1.27 gefallen. Seit dem Höchst im Mai 2011 hat der Euro gegenüber dem Dollar satte 14 Prozent verloren. Das jedoch hat eine positive Seite, weil dadurch die Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums gestärkt wird. Ausserhalb Europas werden damit die EU-Produkte entsprechend billiger. Weil viele Beobachter zudem Draghi zutrauen, dass er im Ernstfall tatsächlich die EZB im grossen Stil Staatsanleihen kaufen lässt, empfehlen gewiefte Investoren, jetzt italienische Staatsanleihen zu kaufen.

Keine Frage, eine heisse Spekulation. Doch gerade dieses Beispiel zeigt, wie hilfreich Spekulation manchmal sein kann. Sehr wohl möglich, dass durch spekulative Käufe ein eigentlicher Run auf hochverzinsliche Staatspapiere einsetzt. Dies wiederum würde die Zinsen drücken und Italien geringere Kosten aufbürden. Das Land erschiene alsbald als solider. Was wiederum die Nachfrage nach Staatspapieren weiter ankurbelt. So funktioniert eben der Markt: Es gibt immer zwei Seiten der Medaille.

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Den Franken hatte er im Griff – seine Frau nicht

10. Januar 2012

AZ-Mittelland Zeitung

Philipp Hildebrand · Der Rücktritt des Nationalbankpräsidenten könnte die Schweiz noch teuer zu stehen kommen

«Kashya, es tut mir leid (dass ich eingreifen muss, Red.), aber Währungen sind wirklich ein Spezialfall». Man muss es mit dieser Deutlichkeit sagen: Philipp Hildebrand, der international eine ausserordentliche Reputation geniessende Nationalbanker und im Standing derzeit neben Roger Federer der höchst angesehene lebende Schweizer, ist über seine Frau gestolpert. Und über seine eigene Grosszügigkeit, ihr in Geldfragen freie Hand zu lassen.

Der zitierte Satz im Mail vom 16. August um 7.36 Uhr an seinen Sarasin-Banker mit Kopie an seine Frau und den internen Rechtsdienst lassen keinen Zweifel offen: Hildebrand hat Kashya blind vertraut und darauf gezählt, dass sie die SNB-internen Regeln einhalten würde, genauso übrigens wie der Bankberater auch. Beide wussten sehr wohl, was erlaubt ist und was nicht. Wie Kashya Hildebrand gestern offiziell bestätigte, war sie die Auftraggeberin, er nicht resolut genug. Hildebrands Rücktritt ist die logische Konsequenz einer nüchternen Analyse: Zur für einen Nationalbanker gebotenen absoluten Glaubwürdigkeit hätte er nie mehr zurückgefunden.

In breiten Schichten der Bevölkerung herrschen jetzt Konsternation und Wut.

Damit geht eine Ausnahmekarriere zu Ende, welche die Schweiz noch beklagen wird. Hildebrand war beliebt, hat gerade mit seinen letzten beiden Medienauftritten auch die Herzen vieler Bürgerinnen und Bürger gewonnen. Jetzt herrschen in breiten Schichten der Bevölkerung Konsternation und Wut. Darüber, dass ausgerechnet die SVP diesen Mann mit Datenhehlerei (Rechtsprofessor Paolo Bernasconi) zu Fall gebracht hat. Ausgelöst oder mitbeeinflusst von Hildebrands Intimfeind Christoph Blocher, der – wie schon im Fall der «Basler Zeitung» – gelogen hat, als er behauptete, er hätte der Bundespräsidentin keine Unterlagen abgegeben. Es ist nicht etwas faul im Staate Schweiz, es gibt «Grusiges» in der SVP.

Prophetische Worte

In einem in bewunderndem Ton gehaltenen Porträt über Hildebrand, das die «Bilanz» 2003, einige Monate nach seiner überraschender Ernennung ins Direktorium der Nationalbank, publizierte, schloss der Autor mit der Frage, ob ein ehemaliger Hedge-Funds-Manager, der es innert weniger Jahre zum dutzendfachen Multimillionär gebracht habe, den Versuchungen der Devisendeals widerstehen könne. Schon damals war Hildebrand offensichtlich bewusst, wie heikel der Job in Sachen Eigenanlagen ist. «In jedem öffentlichen Amt gibt es potenzielle Interessenkonflikte, im Fall der SNB sind sie vermutlich am grössten», diktierte er den Journalisten fast prophetisch ins Notizbuch.

Sein Privatvermögen sei, sagte er damals, «extrem langweilig strukturiert». Nicht langweilig genug, wie man heute weiss und wie er an der gestrigen Medienkonferenz auch zugab, als er sagte, mit heutigem Kenntnisstand hätte er überhaupt nie Dollar halten sollen. Pikant, dass der Bankrat nach Hildebrands Ernennung ein erstes Reglement ausarbeiten liess und dieses erst vor zwei Jahren überarbeitete. Es verbietet explizit Devisentransaktionen (unter sechs Monaten) auch für «in häuslicher Gemeinschaft verbundene Personen». Nicht vorstellbar, dass Hildebrands Frau Kashya davon keine Kenntnis hatte.

Beim WEF den letzten Schliff geholt

In Toronto den Bachelor, in Genf und Harvard den Master und in Oxford den Doktortitel in internationalen Beziehungen: Klar fand WEF-Gründer Klaus Schwab Gefallen an dem sprachgewandten Jungtalent. Mehrere Jahre arbeitete Hildebrand für das WEF, wo er den ungezwungenen Umgang mit Regierungschefs und Topmanagern lernte. Dort holte er sich den nötigen Schliff, dort lernte er, auf internationalem Parkett zu tanzen. Englisch hatte er in den USA gelernt, wo er vier Jahre Mittelschule absolvierte, als sein Vater bei IBM arbeitete.

Als er einmal einen Partner vom Hedge Fund Moore Capital vom Flughafen nach Davos ans WEF chauffieren musste, bot ihm dieser einen Job in Paris an. Dort lernte er auch seine Frau kennen, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, die früher Devisenhändlerin war und schon vor Hildebrands Ernennung ins Direktorium der SNB in Genf eine internationale Galerie betrieb. Das Paar besitzt Grundstücke und Häuser in den USA, deshalb ist auch nachvollziehbar, dass der Dollar «zu unserem Leben gehört», wie Hildebrand gestern sagte.

Philipp Hildebrand wollte Vorbild sein unter seinesgleichen.

Das herausragendste Merkmal des mehrfachen Schweizer Meisters im Schwimmen ist seine gewinnende, stets freundliche Art. Davon war schon sein Mentor bei Moor Capital angetan. Und dank seinem Charme hievte ihn der Bundesrat ins Direktorium der SNB. Kombiniert mit seiner politischen Analyse und eines globalen und exklusiven Netzwerkes, avancierte er nach der Lehman-Brothers-Krise 2008 bald auch zum gefragten Mann in der sonst anglosächsisch dominierten Sphäre der Zentralbanker. Die beiden Schweizer Grossbanken, glaubte er, könnten es sich leisten, doppelt so hohe Eigenkapitalquoten zu halten wie die übrigen systemrelevanten Geldhäuser. Er wollte Vorbild sein unter seinesgleichen. Ohne ihn wäre das «Too big to fail»-Gesetz nicht durchgekommen, doch damit holte er sich den Zorn der Grossbanken. 2010 war er mit unkoordinierten Devisenkäufen noch gescheitert, ein Jahr später aber setzte er unter grossem Risiko den Euro auf 1.20 fest. Der Markt gehorchte, Hildebrand erntete internationalen Applaus. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, wird der Markt den Franken testen. Das kann teuer werden.

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Der Entscheid liegt im Ausland

5. Januar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Es hat lange gedauert, bis Philipp Hildebrand bereit zur Transparenz war. Jetzt wo das Reglement über Eigengeschäfte publik ist und der Bericht der Revisionsfirma PwC vorliegt, wird deutlich, was gelaufen ist. Offensichtlich hat seine Frau einen kapitalen Bock geschossen. Nicht nur mit der Dollarspekulation, sondern auch mit ihrem Auftritt in «10 vor 10», wo sie frisch-fröhlich das Termingeschäft als für eine Ex-Devisenhändlerin völlig risikolos und logisch darstellte. Ein cooler Deal eben. Jetzt lautet die zentrale Frage: Kann sich Hildebrand als Präsident des Direktoriums der SNB halten?

Hildebrand hat sofort realisiert, dass der Deal seiner Frau nicht rechtens war.

Es ist dem stolzen Banker zugutezuhalten, dass er umgehend gehandelt hat. Wie die Revisionsstelle PwC bestätigt, hatte er erst einen Tag später vom Deal seiner Frau erfahren und umgehend per Mail die Bank Sarasin angewiesen, nur noch von ihm selber Aufträge entgegenzunehmen. Parallel dazu hat er den SNB-Rechtsdienst über den Dollarkauf informiert. Hildebrand hat sofort realisiert, dass der Deal nicht rechtens war und seine Frau ihn mit dem Dollarkauf massiv gefährdet.

Wenn gesagt wird, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, so trifft dies im Falle des Ehepaars Hildebrand im Übermass zu. Bloss ist die ehemalige Hedge-Fund-Spezialistin so stark und selbstbewusst, dass sie eigenmächtig und kopflos handelte. Ob ihr Mann sie über das Reglement orientiert hat oder nicht, wissen wir nicht.

Wäre Hildebrand Zentralbankchef in einem europäischen Staat – der Fall wäre klar: Er müsste gehen. In der Schweiz werden Fehlleistungen eher entschuldigt. Im Fall des SNB-Chefs ist die Situation besonders delikat. Seit Fritz Leutwiler hat sich nie mehr ein Schweizer Notenbanker international ein so hohes Renommee aufbauen können.

Einen valablen Ersatz für Hildebrand zu finden, ist fast nicht möglich, was erklärt, dass der Bundesrat rasch, wenn auch unbeholfen versuchte, die Wogen zu glätten. Ob sich Hildebrand halten kann, dürfte aber weniger bundesratsintern als vielmehr im Ausland entschieden werden. Erst im November wurde er zum Vizepräsidenten des Financial Stability Board gewählt, die zentrale Behörde für die Überwachung international systemrelevanter Banken. Sollte ihm das FSB den Rücktritt nahe legen, wird er sich auch als SNB-Direktionspräsident nicht halten können. Es wäre schade. Schade vor allem für die Stellung der Schweiz in Finanzfragen.

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