Archiv für Juli 2011


Italien auf dem Krankenbett

29. Juli 2011

AZ Aargauer Zeitung – Mittelland Zeitung

In Italien mehren sich die Anzeichen, dass sich die Finanzwelt von Silvio Berlusconi verabschiedet. Das wird nicht ohne Wirkung bleiben, denn die Politik wurde schon immer vom Geld regiert. Bleiben die Geldgeber aus, muss der König abdanken. Italien ist so krank wie nie zu vor. Das Hauptproblem ist nicht einmal die horrende Verschuldung von rund 1900 Milliarden Euro – es ist die Wachstumsschwäche, aus der Italien nicht herausfindet.

Innert zwölf Jahren hat das Land markant an Wettbewerbsfähigkeit verloren, wenn man die Lohnstückkosten als Massstab nimmt. Produzierte Italien 1999 noch rund 15 Prozent billiger als Deutschland, so liegen die italienischen Lohnstückkosten heute fast 10 Prozent über dem deutschen Niveau.

Unvorstellbare Zustände herrschen im aufgeblähten Staatsapparat. Da gibt es zu Tausenden Beamte in der Provinz, deren Vollzeitpensum um 14 Uhr beendet ist, und die dann noch einem Zweitjob nachgehen. Die Verwaltung ist auch deshalb aufgebläht, weil es nicht nur die 20 Regionen gibt oder die rund 8000 Gemeinden. Es bedarf auch noch 110 Provinzen mit eigenem Apparat, mit Regierungen und Parlamenten.

Die Wachstumsschwäche hat einen direkten Einfluss auf die Refinanzierung des Staates. Der Mittelstand verarmt und spart weniger. Und: Die Italiener beginnen, am Staat zu zweifeln. Beide Faktoren führen zu Kapitalverlagerungen in Sachwerte oder ins Ausland. Dadurch sinken die Einlagen bei den Banken, die nicht mehr in der Lage sein werden, dem Staat neue Anleihen abzukaufen. Dieser wird seine Schulden nicht mehr refinanzieren können.

Der für seine schonungslosen Prognosen bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini verkündete in der «Zeit», der Euro werde in dieser Form noch maximal fünf Jahre überleben; danach müssten die Länder mit der grössten Wachstumsschwäche austreten. Die erste Voraussetzung, dass Italien nicht dazugehören wird, wäre der Abgang von Berlusconi.

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Kein blühendes Geschäft mehr

21. Juli 2011

AZ Aargauer Zeitung – Mittelland Zeitung

Wenn nächste Woche UBS und CS ihre Halbjahreszahlen – und besonders jene des zweiten Quartals – publizieren, werden wir erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass sich das Bankengeschäft offenbar fundamental verändert. Verlust werden beide zwar nicht schreiben, aber manche Analysten rechnen mit einem Gewinneinbruch im Jahresvergleich von bis zu 60 Prozent. Zudem werden Entlassungen angekündigt, nicht nur im Investmentbanking, sondern auch in der Vermögensverwaltung, dem Private Banking.

Nicht umsonst sind die Aktienkurse massiv gefallen, insbesondere jene der CS, die zusätzlich unter der angedrohten Klage in den USA leiden. Um 25 Prozent sind die CS-Titel seit Jahresbeginn eingebrochen, die UBS-Titel gaben 13 Prozent nach. Sogar in US-Dollar gerechnet – was für die internationalen Investoren wichtig ist – sind die Werte negativ (–17 Prozent für CS beziehungsweise –12 Prozent für UBS).

Immer deutlicher zeichnet sich eine tiefgreifende Veränderung im Geschäftsmodell der Banken ab. Im Investmentbanking sind die beiden Grossen bestenfalls noch in der 2. Liga anzusiedeln. Das gezielt reduzierte Risiko führt zwangsläufig zu geringeren Renditen und zu einer schwächeren Beachtung im Markt. Schlimmer jedoch wiegt der Einbruch in der Vermögensverwaltung. Dem Vernehmen nach verlassen immer mehr Milliarden an verwalteten Vermögen die Schweiz, weil sich die Verhandlungen über ein Steuerabkommen mit Deutschland und Grossbritannien hinziehen.

Offenbar befürchtet ein erheblicher Teil Deutscher und Britischer Kunden, trotz versprochener Amnestie doch noch belangt zu werden. Deshalb ziehen die Betroffenen ihr Geld ab und platzieren es bei einer anderen Bank etwa in Hongkong oder Singapur. Das harte Geschäft führt zu einer Erosion der Margen, und weil ein erheblicher Teil der Erträge in Euros oder Dollar anfällt, resultieren in Franken gerechnet deutlich tiefere Erträge.

Doch nicht genug: Die Schuldenkrise lässt die Anleger förmlich erstarren. Obligationen werden verschleudert, Aktien werden keine mehr gekauft. An den Märkten herrscht Flaute. All dies zusammen ergibt ein trübes Bild, weshalb nächste Woche beide Grossbanken ankündigen werden, in erheblichem Umfang Personal abzubauen. Dies wird einen Trend einläuten, der bald auch die Privatbanken erfassen wird.

Die Banken als wundersame Geldmaschinen – ein Bild, von dem wir uns nach dem Ende des Bankgeheimnisses verabschieden müssen. Vergessen wir nicht, dass damit auch erhebliche Steuererträge verloren gehen. Nicht nur jene der Banken selber, sondern auch jene gut bezahlter Mitarbeiter.

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Eurobonds sind eine Illusion

14. Juli 2011

AZ Mittelland Zeitung

Man mag Ökonomen wie den Amerikaner Nouriel Roubini oder den Schweizer Felix Zulauf als Schwarzmaler bezeichnen, weil sie Italien als nächstes Krisenland sehen. Leider haben beide bisher in wesentlichen Prognosen recht behalten. Seit gestern zählt auch der viel beachtete Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», zur Gilde jener Volkswirtschafter, die keinen gangbaren Weg mehr aus der europäischen Verschuldungskrise sehen.

Zum Euro hielt Wolf in seinem Blatt fest: «Die Politiker in Europa müssen sich mit dem Vermächtnis eines utopischen Projekts auseinandersetzen, das ein Mass an Solidarität verlangt, das die einzelnen Völker Europas gar nicht nachempfinden.» Mit der nicht vorhandenen Solidarität spielt Wolf auf die seit Neus- tem herumgebotene Lösung der Schuldenproblematik an. Danach sollen alle EU-Länder ihre Staatsschulden an die EU abtreten, die künftig sämtliche Staatsschulden verwaltet.

Das ist in der Tat eine utopische Forderung, die nichts weiter bedeutet, als dass die Steuerzahler einiger weniger, noch einigermassen solide finanzierter EU-Staaten für die Schulden des gesamten Europa aufzukommen hätten. Das aber würden die Deutschen, Holländer oder Schweden niemals gutheissen. Diese so genannte «Vergemeinschaftung» aller Staatsschulden wäre nur möglich, wenn Europa zur Fiskalunion würde, was wiederum eine politische Union mit einer zentralen Regierung voraussetzte. Das ist es, was Wolf mit dem «Vermächtnis eines utopischen Projekts» – gemeint ist der Euro – sagen will.

Jetzt zeigt sich, dass die Einheitswährung bei Sturm nicht funktioniert.

Jetzt zeigt sich, dass die Einheitswährung bei Sturm nicht funktioniert, weil die EU kein tragendes, einheitliches politisches Konstrukt bildet. Jetzt ist mit der dramatischen Verschuldung an ihrer Peripherie nicht nur die politische Einheit in weite Ferne gerückt, sondern nun ist auch der Euro gefährdet und Eurobonds als Lösung des Schuldenproblems ein No-go. Die Idee ist typisch für die verfahrene Situation. Statt die Verschuldung bei den Wurzeln zu packen, werden immer neue Ideen kreiert, wie Zeit gewonnen werden könnte, in der Hoffnung, in das Problem löse sich dann schon irgendwie.

Stattdessen verstärkt sich der Teufelskreis, wie das Beispiel Italien zeigt: Die Einlagen bei den italienischen Banken nehmen ab, weil der Mittelstand ausblutet, was direkt mit der abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit Italiens zu tun hat. Roubini prognostiziert den «perfekten Sturm» – wir würden sagen: die grosse Krise – im 2013.

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Monumentale Mauschelei

14. Juli 2011

Weltwoche

Klammheimlich hat die Übernahmekommission im Fall Quadrant Anfang Juli eine ausländische Bank zur Prüfungsstelle ernannt. Ein krasser Fehlentscheid in einem spektakulären Fall.

Ein komplexer Fall von heikler Firmenübernahme spielt sich derzeit im Klandestinen ab. Wäre da nicht der mutige und bewährte Kämpfer für die Gerechtigkeit von Kleinaktionären, der Fall wäre längst versandet. Doch Peter Lehner, Leiter des Sarasin-Fonds für KMU, wehrt sich zusammen mit der Bank. Es geht um die Ausgrenzung und Benachteiligung von ­Kleinaktionären, und es geht um viel Geld. Und ­aktuell um einen Entscheid der Übernahmekommission (UEK) vom 5. Juli, mit dem ­einer ausländischen Bank eine rechtsstaatliche Aufgabe in der Schweiz zugewiesen wurde. Das Institut soll überprüfen, ob bei der Übernahme der Firma Quadrant im Jahr 2009 alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Damals hatte die eigens für die Übernahme gegründete Aquamit den Publikumsaktionären ein Angebot für 86 Franken pro Aktie geboten, ein Preis, der von der Übernahmekommission als korrekt angesehen und akzeptiert wurde. Aquamit gehört zu je 50 Prozent der ­japanischen Mitsubishi und den vier massgeblichen Managern von Quadrant. Später stellte sich heraus, dass diese Manager, die zusammen rund 20 Prozent der Quadrant-Aktien hielten, mit Mitsubishi einen Sonder-Deal vereinbart hatten, der im Übernahmeprospekt nicht erwähnt worden war. Die vier hatten ihre Qua­drant-Aktien in die Firma Aquamit ein­gebracht und erhielten dafür 50 Prozent der Aquamit. So kam es, dass die vier via Aquamit plötzlich 50 Prozent von Quadrant besassen. Um sich hälftig an Aquamit beteiligen zu ­können, gewährte Mitsubishi den Managern ­einen Kredit zu Spezialkonditionen: Lediglich 3,5 Prozent Zins mussten die Manager dafür zahlen, marktüblich aber wäre ein Satz von mindestens 15 Prozent gewesen. De facto hatten sich die Manager über den Umweg eines extrem verbilligten Sonderkredits einen besseren Paketzuschlag für ihre Quadrant-Aktien ausgehandelt.

Rechnet man diese Sonderkondition auf den Aktienkurs um, so ergibt sich für das ­Management ein Erlös pro Aktie von etwa 250 Franken oder rund dreimal mehr, als was den Kleinaktionären zugestanden worden war. Das trieb Peter Lehner als Leiter des Sarasin-An­lagefonds auf die Barrikaden. Sein Fonds hatte rund drei Prozent der Quadrant-Aktien gehalten, die er offensichtlich viel zu billig andienen musste. Sarasin brachte den Fall vor die Übernahmekommission, dann vor die Finma, doch beide Behörden schützen die Über­nahme durch Aquamit. Daraufhin legte Sarasin beim Bundesverwaltungsgericht Berufung ein. Und siehe da, das Gericht, das schon im Fall Vekselberg und Holenweger mutig entschieden hatte, befand im letzten November, dass die von Mitsubishi gewährten Sonderkonditionen in die Bewertung mit einzube­ziehen seien.

Der Fall ging zurück an die Übernahmekommission, welche – und hier liegt der springende Punkt – Aquamit, also de facto die Mana­ger, beauftragte, eine Prüfungsgesellschaft zu suchen, welche die Rechtmässigkeit des Übernahmeangebots nochmals überprüfen solle. Doch Aquamit fand keinen von der Finma autorisierten Effektenhändler – davon gibt es 374 – in der Schweiz, der den Fall unter den gegebenen Umständen beurteilen mochte. Verständlich: Kommt nämlich eine Prüfstelle zum Schluss, dass der Preis nicht stimmt, hätte das massive Folgen. Die Übernahmekommission selbst würde genauso blossgestellt wie die Finma. Mit Haftungsforderungen würde vermutlich die beratende Anwaltskanzlei Bär & Karrer wegen Prospekthaftung belangt, Mitsubishi müsste nachzahlen, die Manager verlören ihr Geld. Doch weil die Verordnung vorsieht, dass der Anbieter (in ­unserem Fall Aquamit) selber die Prüfstelle benennen kann, ist nach dem Motto «Wer zahlt, befiehlt» ohnehin nicht mit einem vorurteilsfreien Ergebnis zu rechnen. Und so schlug Aquamit als Prüfstelle schliesslich die Frankfurter Zweigniederlassung einer schwedischen Bank als Prüfstelle vor, welche – von der UEK akzeptiert wurde! Damit würde wohl erstmals in der Geschichte eine ausländische Bank mit hoheitlicher, also staatlicher Gewalt ausgerüstet. Denn das Urteil der schwedischen Bank, wiewohl vom beklagten Management bezahlt und instruiert, müsste von der UEK als rechtskräftig akzeptiert werden.

Juristen verwenden deftige Worte

Sarasin hat dagegen nun bei der Finma Einsprache erhoben. Dieser wird, so, wie die ­Dinge liegen, die Finanzmarktaufsicht nicht stattgeben, wonach der Fall erneut ans Bundesverwaltungsgericht weitergezogen werden wird. Unverständlich ist, weshalb die UEK nicht selber einen namhaften, neutralen Juristen mit der Klärung beauftragt hat.

Offenbar gibt es auch Bestrebungen von Mitsubishi, den Fall mittels Vergleich zu ­regeln. Doch ein Einlenken von Sarasin wäre ­fatal. Juristen bezeichnen den Fall als grösste Mauschelei in der Übernahmegeschichte, ­andere verwenden gar ein konkreteres Vokabular aus der Juristerei. Wie auch immer, der Fall verdient mehr öffentliche Beachtung, weil er nicht nur aufzeigt, welche Systemfehler in der Übernahmeverordnung stecken, sondern weil dahinter auch noch unzulässige perso­nelle Verflechtungen stecken. Der Übernahmekommission ebenso wie der Finma stellt der Fall kein gutes Zeugnis aus.

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Weber wird UBS nicht entschweizern

7. Juli 2011

AZ Mittelland Zeitung

Über die Akquisition des bank- und finanzpolitischen Schwergewichts Axel Weber als künftiger UBS-Präsident ist viel geredet und noch mehr gemäkelt worden. Kritisiert wurden die Transferzahlung von umgerechnet gut fünf Millionen Franken als «Handgeld» für die Zusage sowie das Faktum, dass erstmals ein Deutscher die grösste Schweizer Bank führt – und erst noch keck betont, es handle sich bei der UBS um eine europäische Bank. Das Eintrittsgeld ist nichts weiter als der Ersatz für die entgangene Pensionskasse. Deutschland leistet keine Transferzahlung ins Ausland. Zudem geht über ein Drittel der Summe direkt an den Fiskus.

Die Germanisierung der Schweizer Wirtschaft ist ein Faktum. Genaue Zahlen fehlen zwar, aber von den börsenkotierten Unternehmen haben über die Hälfte ausländische Chefs und auch in den mittleren Kaderrängen ist die Dichte hoch. Dabei wird vergessen, dass die meisten Ausländer, namentlich die Deutschen, nicht nur in die Schweiz kommen, weil hier ein gut bezahlter Job winkt, sondern weil sie mit dem deutschen Wirtschaftssystem zunehmend Mühe haben. Jährlich verliert Deutschland rund 150000 bestens ausgebildete Köpfe, rund ein Viertel davon kommt in die Schweiz, was Ausdruck einer zunehmend unzufriedenen Elite ist. Das heisst auch, dass jene, die in die Schweiz kommen, unser System sehr bewusst als positiv wahrnehmen und mitunter einen Patriotismus entwickeln, zu dem die Schweizer selber gar nicht mehr imstande sind.

Weber scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein. Als er in Konstanz studierte, wohnte er in Kreuzlingen. Den Job bei der UBS hat er bestimmt nicht wegen des Geldes angenommen, auch nicht der UBS zuliebe. Auch wenn die Deutsche Bank es verpennt hat, ihm rechtzeitig ein konkretes Angebot zu machen (az vom 6. Juli), das Aufsichtsratspräsidium war ihm sicher, der Bankenjob also mit dem höchsten Prestige in Deutschland. Natürlich muss Weber seine Swissness unter Beweis stellen, aber bestimmt wird er die Bank nicht entschweizern oder vereuropäisieren, sondern das tugendhafte einer Schweizer Bank betonen wollen.

Spannend wird es bei der Nachfolge von Oswald Grübel. Bankintern geht man davon aus, dass Grübel spätestens auf die GV 2013 zurücktritt, allenfalls schon aufs Jahresende 2012. Weber tritt zwar seinen Job als Vizepräsident erst im nächsten Jahr an, doch er wird schon bald ein Büro beziehen und sich einarbeiten. Das bedeutet konkret, dass er bei strategischen Fragen ab sofort mitentscheidet, wenn auch im Hintergrund. Gespannt wird man deshalb beobachten, wie Grübel und Weber in den nächsten Monaten miteinander zurande kommen. Für eine Überraschung ist Grübel immer gut.

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