Die Erbsenzähler bei den SBB
30. Juni 2011AZ Mittelland Zeitung
Das Medienecho war bescheiden und das Publikum reagierte gelassen, als vor zwei Wochen die SBB ankündigten, künftig auf den Billettverkauf im Zug zu verzichten. Ab November wollen die SBB ihrem Zugpersonal also auch noch eine Art Polizeifunktion abverlangen. Mit 90 Franken wird gebüsst, wer kein gültiges Ticket vorweisen kann, im Wiederholungsfall kostet es 130, danach satte 160Franken. Merke, Säumige werden auf einer schwarzen Liste registriert.
Genauso wie die im Vergleich zum Ausland hohen Bussentarife im Strassenverkehr, passt die neueste Strafaktion der SBB ins Bild einer Schweiz, die im Zug des allgemeinen Kostendrucks die Bürger immer mehr bedrängt. Statt sich stolz auf die Kundenfreundlichkeit und den Service zu besinnen, haben bei den SBB nun offensichtlich die Erbsenzähler die Oberhand gewonnen. Dass es tausend Gründe gibt, die dazu führen, dass es für den rechtzeitigen Ticketkauf nicht mehr reicht, nehmen die Verantwortlichen in Kauf.
Vordergründig argumentieren die SBB mit der Gerechtigkeit. Weil es auf den mit wenig Zugpersonal fahrenden Zügen auf einigen wenigen hochfrequentierten (kurzen) Strecken wie etwa Bern–Thun, Lausanne– Montreux oder Zürich–Aarau nicht möglich sei, die Fahrgäste vollständig zu kontrollieren, nützten Schwarzfahrer die Situation aus. Diesen sei ein Riegel zu schieben. Doch das Problemchen ist nicht neu und die Schwarzfahrerquote ist seit Jahren bei 1,4 bis 1,5 Prozent stabil.
Die SBB opfern den Billettverkauf im Zug wegen ein paar Schwarzfahrern. Es geht nur noch ums Geld, weil in der Erfolgsrechnung der Aufwand aus dem Ruder läuft. Neues Rollmaterial kostet 20 Milliarden Franken und für den Unterhalt des Schienennetzes fehlen jährlich zwischen 500 und 800 Millionen. Doch weil starke Tarifaufschläge politisch nicht drin liegen, versuchen die SBB überall dort Geld einzutreiben, wos irgendwie möglich erscheint. Deshalb plötzlich Bussen fürs Schwarzfahren, was brutto gemäss Auskunft der SBB gerade mal einem «tiefen zweistelligen Millionenbetrag», also höchstens 10 oder 20 Millionen Franken, einbringt.
Doch diesen mageren Mehreinnahmen steht ein immenser administrativer Aufwand entgegen, der das erhoffte Plus weitgehend wieder wegfrisst. Rechnet man nämlich sauber den Kontroll- und Bussenaufwand durch, bleibt unter dem Strich wenig bis nichts. Stattdessen wird die Administration aufgebläht, man setzt auf Strafen und verzichtet auf eine beliebte Dienstleistung.
Kleinlich wirkt das und total uncool und leider auch typisch schweizerisch. Gerade ein Monopolbetrieb sollte sich um Kundenservice und um sein Image bemühen.
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