Archiv für März 2011


Ein schwarzer Tag

31. März 2011

AZ Mittelland Zeitung

Hilflos waren die Sätze von Andy Rihs, die er im Fernsehen und auf diversen Internetseiten zum Besten gab. Er wirkte unglaubwürdig, gebrochen. Nichts mehr vom Strahlemann von einst.

Plumper hätte dieser Insiderhandel nicht vollzogen werden können. Jeder VR-Präsident, CEO und Finanzchef und selbstverständlich jeder Wirtschaftsjournalist weiss, dass auf der Website der Schweizer Börse die Transaktionen von Geschäftsleitungsmitgliedern und Verwaltungsräten publiziert werden. Also dürfen wir noch wählen, ob die Motivation für diesen Insiderdeal bloss Dummheit war oder schiere Arroganz. Haben die drei wirklich geglaubt, niemand schaue hin?

Man mag in diesen Tagen die Worte Tsunami oder GAU nicht verwenden. Für den Ruf der Sonova, für ihre Mitarbeiter, die Kunden, für die Wirtschaft im Allgemeinen ist das, was geschehen ist, aber tatsächlich die schlimmstmögliche Variante. Chapero und Rihs waren Stars der Wirtschaft, offen, herzlich, erfolgreich. Und jetzt die totale Demontage.

Was läuft da psychologisch ab, fragen wir uns, dass die Gier bei finanziell so erfolgreichen Männern immer noch eine solch dominante Rolle spielen kann? Es ist leider immer wieder zu beobachten, dass der Erfolg blind macht und überheblich.

Chapero hat Firmen hinzugekauft, die nicht brachten, was von ihnen erhofft wurde. Misserfolg passt nicht ins Lebenskonzept. Tritt er dennoch ein, scheint jede Hemmung zu fallen. Dann bricht der Egoismus wie eine riesige Welle herein und spült den letzten Rest von Verantwortung weg. Die Ehre, würde man meinen, sei das höchste Gut. Doch auch diese fällt dem persönlichen Profit zum Opfer.

Nein, die Ratio hilft für Erklärungen nicht weiter. Nur die Fakten bleiben. Die Firma ist in den Grundfesten erschüttert und auf Jahre hinaus geschädigt. Arg angekratzt ist damit auch der Ruf der Manager und Unternehmer ganz allgemein. Der Fall beweise, wird es heissen, dass die Wirtschaft halt doch korrupt und ohne Moral sei. Da mag das Argument, es handle sich, wenn nicht um einen Einzelfall doch wenigsten und ein Ausnahmeereignis, nicht mehr überzeugen. Niemand wird das mehr glauben wollen.

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«Teil eines sinnvollen Lebens»

31. März 2011

Weltwoche

Sie fördert Kunst, sie spendet, und sie will eigenständig sein. Maja Oeri hat sich aus dem Roche-Aktionärsbindungsvertrag gelöst. Eine innere Befreiung.

Mit Reichtum zu prahlen, ist in Basels Daig bekanntlich nicht nur verpönt, sondern gilt als hochgradig unanständig. Damen der oberen Basler Gesellschaft gar haben sich, der Tradition folgend, völlig im Hintergrund zu halten. Nun hat Maja Oeri mit dieser verstaubten Benimmregel radikal gebrochen. Als eine der acht Roche-Erben der 4. Generation (der mit Adèle La Roche verheiratete Fritz Hoffmann [ 1868—1920 ] war ihr Urgrossvater) kündigte sie den Aktionärsbindungsvertrag mit ihren Schwestern Sabine Duschmalé-Oeri und Catherine Oeri, ihrem Bruder Andreas ­Oeri, ihren Cousinen Vera Michalski-Hoff mann und Maja Hoffmann und ihrem Cousin André Hoffmann. Mit dem Austritt schrumpft der Familienpool auf 45,01 Prozent der Aktienstimmen am Roche-Konzern, Maja Oeris fünf Prozent bringen derzeit rund 1,2 Milliarden Franken auf die Waage. Auch wenn sie weiterhin mit der Familie stimmen wird, die Kündigung befreit sie von der Bevormundung. Jetzt kann sie schalten und walten, wie sie will.

Der Kunsthistorikerin jedoch bloss späte Emanzipation anzudichten, wäre verfehlt. ­Dazu gilt die Präsidentin der Emanuel Hoffmann-Stiftung, einer der weltweit bedeu tendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst, als viel zu selbstbewusst. Als sie vor über elf Jahren dem Basler Kunstmuseum den Kauf des ehemaligen Nationalbankgebäudes finanziert hatte, unterstrich sie in einem ihrer seltenen Interviews ihr Selbstverständnis und ihre Eigenwilligkeit mit einer prägenden Bemerkung. Ihr grosses finanzielles Engagement für die moderne Kunst, sagte sie, sei «Bestandteil eines sinnvollen Lebens».

Gutes Gespür für Macht und Einfluss

Der Satz mag in erster Linie ihre Hingabe für die bildende Kunst begründen, er zeugt aber auch von einer klaren Zielorientierung. Ihr Austritt aus dem Familienpool macht Sinn und folgt einer ökonomischen Logik. Da ist einmal der simple Fakt, dass Frauen zu Recht beweisen wollen, dass sie ebenso gute und umsichtige Verwalterinnen geerbter Vermögen sind wie Männer. Dafür den Tatbeweis geliefert haben unter anderem Frauen wie Esther Grether, Carolina Müller-Möhl oder Franziska Tschudi. Im Übrigen ist Maja Oeri nicht die erste Roche-Erbin, die ausschert. Ihre ­Schwester Beatrice hat vor zwei Jahren den ­Familienpool ebenfalls verlassen, doch im ­Gegensatz zu ­ihrer Schwester Maja verkaufte Beatrice ihre Aktien dem Familienpool und spielt im heiklen Gleichgewicht um das Eigentum am ­Roche-Konzern keine Rolle mehr.

Maja Oeri dagegen behält ihre Aktien, womit ihrem Paket plötzlich eine bedeutende Rolle zukommt: Bekanntlich hält Novartis seit Jahren 33,3 Prozent an Roche. Für Novartis ­jedenfalls sind die 5 Prozent von Maja Oeri ­erheblich mehr wert als die 1,2 Milliarden Franken, die sich aus dem aktuellen Börsenkurs errechnen. In der Familie gilt Oeri als jenes Mitglied mit dem besten Gespür für Macht und Einfluss. Mit der Aufkündigung ihrer Poolmitgliedschaft hat sie diese Position verstärkt. Nicht nur ihr Vermögen hat potenziell zugenommen, sie könnte zusammen mit ihren beiden erwach­senen Söhnen dereinst das berühmte Zünglein an der Waage spielen, wenn Novartis versuchen sollte, ihren Einfluss auf Roche zu verstärken.

Oeris Abnabelung ist auch ein ganz unmittelbarer finanzieller Befreiungsschlag. Auch wenn sie ihre Roche-Titel weiter behält, so kann sie jetzt über grössere Summen eigenständig verfügen. Das war bisher nicht so. Im Familienpool ist nämlich strikte geregelt, wie bedeutende Summen vergeben werden. An ­regelmässig stattfindenden Poolmeetings wird jeweils über die Vergabe grösserer Be­züge einzelner Mitglieder abgestimmt. Dem Vernehmen nach ist der «Bestandteil eines sinnvollen Lebens», also Maja Oeris grosszü­giges Mäzenatentum, bei einigen Poolmit­gliedern zunehmend auf Zurückhaltung, um nicht zu ­sagen auf Widerstand gestossen. Für die kunstbeflissene Frau, die in den Beiräten der Tate Modern und des Museum of Modern Art in New York sitzt, muss diese Ein­schränkung unerträglich geworden sein. Erst im letzten Jahr beglückte sie Basel wieder mit 50 Millionen Franken und ermöglichte dem Kunst­museum einen Erweiterungsbau.

Nebst der Emanzipation, dem Machtbewusstsein und der gewonnenen finanziellen Freiheit gibt es noch einen vierten Punkt, der Oeri zum Austritt aus dem Pool bewegt haben muss. Absehbar ist, dass die Familie mit der fünften Generation eine Grösse erreicht, bei der es immer schwieriger wird, die unterschiedlichen finanziellen Interessen der Familienmitglieder zu bündeln. Gleiches hat die Bankiers-Familie Bär in Zürich vor Jahren erfahren müssen. Erst musste sich die Bank von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft wandeln, später, als die Familie auf rund fünfzig Mitglieder gewachsen war, blieb nur noch der Verkauf. Die Hoffmann-Familienstruktur ist zwar noch kleiner und gefestigter. Doch der Schritt von Maja Oeri ist ein ­Zeichen dafür, dass der Besitz an Roche früher oder später ­anders geregelt und aufgeteilt sein wird.

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Börse für dumm verkauft?

24. März 2011

AZ Mittelland Zeitung

Erinnern Sie sich noch ans schnelle Geschäft in der Zeit der Internet-Euphorie? Wer konnte, gründete eine Internetfirma und brachte sie möglichst rasch an die Börse. Das schnelle Geld winkte. Die Frage eines jeden Start-up-Unternehmers war: Wie schnell erreiche ich Exit-Level? Hiess damals: Rasch Kasse machen. Die Geprellten waren Heerscharen von Kleinanlegern, die glaubten, am Boom teilhaben zu können. Fast alle holten sich eine blutige Nase.

Einem ähnlichen Muster folgen die beiden Rieter-Hauptaktionäre, Peter Spuhler (Stadler Rail) und Michael Pieper (Franke), die 19 beziehungsweise 11,5 Prozent der Rieter-Aktien besitzen. Sie waren vor zwei Jahren beim Textilmaschinenbauer und Autozulieferer eingestiegen, als es schlimm um Rieter aussah. Die Krise hatte den Bestellungseingang zum Versiegen gebracht, die Banken pochten auf mehr Eigenkapital und niemand war bereit, dieses bereitzustellen. Die beiden erfolgreichen Industriellen bewiesen Mut und engagierten sich. Ein Aufatmen ging damals durch die Industrie.

Vertraut mit den Finanzierungsmechanismen, erkannten die beiden rasch, dass das Automobilgeschäft von Rieter viel Eigenkapital verlangte und wenig Ertrag brachte. Margenschwach heisst das im Jargon. Ihr Geld, folgerten sie, wäre anderswo besser angelegt. 1,7 Milliarden gross ist das Umsatzvolumen mit Schallisolationen und Innenverkleidungen und brachte im wieder gut laufenden letzten Jahr nur mal zwei Prozent Ebit-Marge – von echtem Gewinn keine Spur. Also machten sie sich daran, einen Käufer für ihre Automobilsparte zu finden. Doch – wen wunderts – niemand biss an. Zu teuer, zu ertragsschwach, zu gross die Konkurrenz.

Was tut da der clevere Investor, wenn er keine industriellen Käufer für sein unrentables Geschäft findet? Er erinnert sich an die gloriosen Internet-Zeiten, teilt den Konzern in zwei und bringt die Automobilsparte unter dem neuem Namen Autoneum an die Börse. Das kann ja nur bedeuten, dass man das Publikum entweder für dumm verkauft oder ihm zumindest eine gehörige Prise Hoffnung auf bessere Zeiten anzudrehen versucht.

Natürlich werden mit der gewählten Konstruktion, wonach jeder bisherige Aktionär statt einer Dividende eine Autoneum-Aktie mit einem Buchwert von 70 Franken erhält, erst mal alle bisherigen Rieter-Aktionäre auch zu Autoneum-Eignern. Die Frage ist bloss, ob zu diesem Preis überhaupt jemand bereit ist, Autoneum-Aktien zu kaufen. Das ist zu bezweifeln, weil die neue Firma ihr Dasein mit einem erheblichen Netto-Schuldenberg von 150 bis 200 Mio. Franken beginnt.

Dass der Deal offensichtlich mit Risiken behaftet ist, zeigt die Tatsache, dass sich die beiden Hauptaktionäre verpflichtet mussten, bis 2014 im Verwaltungsrat zu bleiben und bis dann mindestens 10 Prozent des Kapitals zu halten. Will wohl heissen, danach wollen sie so rasch wie möglich aussteigen. Gespannt darf man deshalb die Preisbildung am ersten Börsentag abwarten. Die Börse jedenfalls ist mehr als skeptisch. Gestern tauchte der Kurs um fast fünf Prozent.

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Ein Grandseigneur

24. März 2011

Weltwoche

Hans J. Bär war einer der letzten grossen ­Privatbankiers im Land. Sein Beruf war für ihn Berufung und ­erforderte Haltung. Ein Nachruf.

Genau weiss ich nicht mehr, wann ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein. Er hatte mich als jungen Journalisten zum Lunch eingeladen, in die gleichen repräsentativen Räume, die die Bank heute noch benützt: Stuckdecke, Ahnengalerie, eine Bronzebüste von Gründer Julius Bär in der Ecke. Der Eindruck, den er hinterliess, war prägend. Da sprach einer ohne Umschweife, selbstbewusst, aber nie überheblich. Er verströmte so gar nichts von der übereifrigen Hektik, die man bei Manager n auf der andern Seite der Bahnhofstrasse, bei den Bankgesellen oder der ­Kreditanstalt, beobachten konnte. Seine Worte waren gewählt, das v erhaltene Lächeln nie arrogant, die Krawatte eleganter als bei Bankern üblich, das Poschettli fehlte nie. Ein Grand­seigneur, eine graue Eminenz schon damals.

Banking war für ihn nicht die Kunst der Wahl der richtigen Aktie oder der optimalen Risikoverteilung eines Portefeuilles. Bankier sein war eine Haltung. Den Kunden das Vertrauen in seine Bank einflössen hiess für ihn als deren Eigentümer und Partner, dieses Vertrauen zu verkörpern, es auszustrahlen, sichtbar zu machen auch für die Öffentlichkeit. Im Übrigen engagiert man sich als Bankier, wenn man schon auf der Sonnenseite geboren wurde, für die gehaltvolleren Dinge im Leben als bloss ­dafür, anderer Leute Geld zu verwalten: für Kultur im Allgemeinen, für die bildende Kunst im Speziellen, aber vor allem für die Musik. Hans Bär war der grosse Mäzen der Zürcher Tonhalle und als solcher jahrelang deren Präsident. Künstler wie der Violinist Isaac Stern und Pianist Vladimir Ashkenazy gingen bei Bärs zu Hause ein und aus, wurden Freunde des Hauses. Dem Sponsoring des Musikbegeisterten war es zu verdanken, dass die Tonhalle 1995 David Zinman als Chefdirigenten gewinnen konnte, unter dessen Leitung das Orchester zur Weltklasse aufstieg (eben wurde der grossartige Mahler-Zyklus vollendet).

Wichtiger Vermittler in den USA

Hans J. Bärs jüdischer Background und seine Verbindungen in die USA – wohin seine Mutter mit den Kindern vor dem Krieg geflüchtet war und wo Bär auch studiert hatte – haben ihn zu einem der wichtigsten Vermittler in der Holocaust-Affäre gemacht, die in den neunziger Jahren den Bankenplatz erschüttert hat. Seine Beziehungen zur Wall Street und zu höchsten politischen Kreisen waren legendär.

Indes, es gab auch Schattenseiten. Zusammen mit seinen beiden Vettern (er sagte immer «Vetter», nie «Cousin») Nicolas und Peter und später mit seinem Bruder Thomas (von ihm hat die Anwaltskanzlei Bär & Karrer ihren Namen) gelang es Hans Bär nicht, die 1890 gegründete Bank erfolgreich in die Hände der vierten Generation zu legen und sie als eigenständiges Institut in der Familie zu belassen. Zu gross war die Familie geworden, über sechzig Mitglieder zählte sie vor zehn Jahren. Um Familienmitglieder auszahlen zu können, musste die Bank in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und mussten der Bankgesellschaft dreissig Prozent der Aktien abgetreten werden, die fortan ein Faustpfand hielt. Als 2003 die vierte Generation das Ruder übernahm, anfänglich mit je einem Vertreter aus den drei Familienzweigen, dauerte es nicht lange, bis ein Machtkampf und Streit ausbrach. In der Folge kam es erst zur vollstän­digen Übernahme durch die UBS und danach zur Verselbständigung über die Platzierung der Aktien an der Börse. Kein Familienmitglied hält heute so viele Aktien, dass es die ­Meldeschwelle von drei Prozent überschreiten würde.

Beethoven-Titel für die Memoiren

Vor neun Jahren, nach über fünfzig Jahren in der Bank, hat sich Hans Bär vollständig aus dem Geschäft zurückgezogen. Zum Helden wider Willen wurde er erst danach. In seinen von Ignaz Miller aufgezeichneten, unter dem Beethoven-Titel «Seid umschlungen, Millionen» erschienenen Memoiren liess er es sich nicht nehmen, am Schluss des Buches eine Einschätzung der Lage der (Bank-)Nation vorzulegen. Eigentlich wollte er bloss aufrütteln, als er sagte: «Es [das Bankgeheimnis] ist ein defensives Instrument, das die Schweiz vom allgemeinen Wettbewerb verschont und das uns, um ein Churchill-Wort aufzunehmen, ‹fett, aber impotent› macht.» Der Satz wurde zum Fanal, er entzweite die Bank und jenen Mann, der massgeblich zur Lösung des Holocaust-Problems beigetragen hatte. Danach wurde es still um den grossgewachsenen Mann, dem sehr wohl bewusst war, dass er das Aushängeschild der grossen Nachkriegsepoche war, die nicht wiederkommen wird. Jetzt ist auch er ­gegangen.

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Tsunami wischt Wachstum weg

17. März 2011

AZ Mittelland Zeitung

9/11 hat die geopolitische Landschaft umgepflügt, der Irak-Krieg war eine direkte Folge des Anschlags auf die Twin- Towers. Knapp zehn Jahre später erschüttert das März-Erdbeben 2011 die Welt erneut. Diesmal werden es vor allem wirtschaftliche Folgen sein, die auch unser Leben beeinflussen werden.

Die Energieversorgung und der Stromverbrauch werden völlig neu beurteilt werden – vor allem, wenn sich das Desaster von Fukushima zum unkontrollierten Multi-GAU entwickeln sollte, was nach aktuellstem Stand zu befürchten ist. Wenn der öffentliche Druck so gross wird, dass KKW teilweise stillgelegt werden müssen, wird Strom ganz schnell zur Mangelware – und offensichtlich sehr viel teurer. Stromsparen erhält eine völlig neue Dimension, Energieeffizienz wird zum alles schlagenden Kriterium.

An den sinkenden Aktienkursen ist das Ausmass der Schockwelle abzulesen. Nicht nur die japanische Notenbank hat sofort Geld ins System gepumpt. Schnell gehandelt hat auch die US-Notenbank. Auf die erwartete Zinserhöhung hat sie verzichtet. Heute tagt das Direktorium der Nationalbank. Auch sie hätte bis vor dem Erdbeben allen Grund gehabt, eine leichte Zinserhöhung bekannt zu geben. Die Angst, die die mögliche nukleare Katastrophe auslöst, hat die Investoren wieder in den Franken getrieben. Der Dollar sackte auf fast 91 Rappen ab, der Euro kostet noch 1.26. Eine Zinserhöhung würde den Aufwärtsdruck des Franken noch verstärken.

Das zarte Pflänzchen Wachstum, das die USA und der Südgürtel Europas so dringend brauchen, hat der Tsunami weggespült. Für die Weltwirtschaft kam das Erdbeben zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Zinserhöhungen sind kein Thema mehr. Das mag gute Kunde sein für Eigenheimbesitzer, für die Wirtschaft ists ein schlechter Trost. Wachstum wäre die Voraussetzung, dass sich Europa und die USA aus eigener Kraft aus der Schuldenfalle retten können. Nebst aller Tragik, der wir in Japan ohnmächtig zusehen müssen, wird damit auch die Schuldenkrise wieder virulenter.

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Flucht ins Ausland

17. März 2011

Weltwoche

Die geplante Verschärfung des Bankengesetzes droht den Finanzplatz zu zerstören und treibt die Grossbanken  an günstigere Standorte.

W enn in der Mai-Session das Parlament erstmals darüber diskutiert, wie die beiden Grossbanken gezähmt werden sollen, werden die Diskussionen heftig sein. Die ­Linke wird im Gleichschritt mit vielen Bürgerlichen Credit Suisse und UBS als Gefahr für die Schweiz darstellen und auf die immer noch viermal grössere Bilanzsumme im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt verweisen. Deshalb, so ihre Argumentation, brauche es mindestens 19 Prozent Eigenkapital, eher mehr, also praktisch eine Verdoppelung der Quote, die Basel III fordert. Am besten aber würde das Investmentbanking gleich verboten.

So rührend die Sorge der Politik, so hehr die Ziele von Nationalbank und Bankenaufsicht sind, so gefährlich ist es, zu glauben, die Schweiz könne losgelöst vom Ausland ein ­globales Problem lösen. Die Bankenkrise war nicht eine Folge des populistischen too big to fail, sondern des too interconnected to fail und ist also im stark international vernetzten Finanzsystem zu suchen.

Global eingebunden bleiben UBS und CS auch mit höheren Eigen­kapitalquoten. Unzählige Finanzinstrumente, gegenseitige Verpflichtungen und Verbindlichkeiten fesseln die Akteure der internationalen Bankenwelt aneinander, und wie ein grosser Klumpen Quecksilber fluktuiert der weltweite Finanzmarkt immer dorthin, wo die Temperatur am höchsten ist. Das Business wird dort gemacht, wo die Einschränkungen am geringsten und folglich die Kosten am tiefsten sind. Das ist in London, New York, ­Singapur, Hongkong und allenfalls noch in Frankfurt der Fall. Die Schweiz aber, die als erster Staat den Banken nicht nur Basel III vorschreiben, sondern diese Vorschriften noch verdoppeln wird, treibt damit die beiden einheimischen Grossbanken früher oder später ins Ausland. Das wird den Finanzplatz Schweiz nachhaltig schwächen, dergestalt, dass Tausende von Elitejobs, die sich um das Bankwesen gebildet haben, verschwinden. Jahrelang waren CS und UBS zudem die besten Steuerzahler.

Um Konsequenzen und Logik einer Kettenreaktion durch Überregulierung zu verstehen, muss man sich die Situation auf den Finanzplätzen vor Augen führen. Die Banken zu massiv höheren Eigenkapitalquoten zu zwingen, bedeutet, das Kapital zu verteuern, das die Banken der Wirtschaft zur Verfügung stellen, ja es den Firmen teilweise zu entziehen. Das Wachstum der Wirtschaft wird gedrosselt. Das aber können sich weder die USA noch das Vereinigte Königreich und auch Deutschland kaum leisten. Diese Länder werden ihren Banken im besten Fall Basel III aufzwingen, doch darüber hinausgehen werden sie nicht.

Von allen Finanzplätzen ist London für die Schweiz der grösste Konkurrent. Auch London versucht, seine Banken an die Kandare zu nehmen, doch die neue Regierung wird es nicht wagen, die City schlechter zu stellen als die Wall Street. Eine bittere Lektion wurde den britischen Banken bereits erteilt, als sich ­Island weigerte, seine riesigen Schulden zurückzuzahlen. Derlei, haben sich die Briten ­geschworen, sollte ihnen nie mehr passieren. Die Regierung plant deshalb, die ausländischen Banken in London dazu zu zwingen, ­ihre dortigen Ableger zu Niederlassungen mit eigenen Bilanzen umzubauen. Die UBS beispielsweise müsste rund 800 Milliarden Franken nach London verschieben. Aufgrund dieser Entwicklungen hat UBS-Chef Oswald Grübel schon laut darüber nachgedacht, die UBS in eine Holding umzubauen und den Sitz ins Ausland zu verlegen.

Die Schweiz wird für Banken zu teuer

Eine Holding mit Sitz in der Schweiz würde schlicht zu teuer. Deren Töchter im Ausland wären zu mindestens 51 Prozent im Besitz der Schweizer Holding und wären zwingend vollumfänglich dem schweizerischen Bankengesetz unterstellt. Damit aber würde sich eine Bank mit Schweizer Sitz einen Wettbewerbsnachteil einhandeln, weil die Eigenkapital-Unterlegungs-Pflicht in London weit günstiger, die Margen in der Schweiz aber entsprechend dünner wären.

Noch ist es nicht so weit. Doch Grübel und teilweise auch die CS kritisieren am neuen Bankengesetz zu Recht, dass es die beiden Grossbanken vordergründig sicherer macht, diese aber in vier bis fünf Jahren ins Ausland treiben könnte. Deshalb, sagt etwa Grübel, ­wäre dringend eine Diskussion darüber angesagt, welchen Bankenplatz die Schweiz langfristig anstrebe, bevor man kurzfristig Regelungen festlege, deren Konsequenzen niemand zu ­Ende gedacht habe.

Der Finanzplatz hat zum hohen Wohlstand in der Schweiz beigetragen. Die tiefen Zinssätze, die uns günstige Hypotheken und Firmenkredite bescheren, sind eine direkte Folge von ausländischen Einlagen in der Schweiz. Wenn CS und UBS nicht mehr als Schweizer Banken gelten und hier bloss noch Niederlassungen unterhalten, wird der gesamte Finanzplatz nach und nach in die Mittelmässigkeit zurückfallen, und die Zinsvorteile werden verschwinden. Bevor wir die Banken vertreiben, sollten wir über die Folgen diskutieren, welche das neue Bankengesetz nach sich ziehen würde.

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Cocos – wann zieht UBS nach?

10. März 2011

AZ  Mittelland Zeitung

So begehrt wie umstritten sind die neuen Finanzierungsinstrumente, die Cocos, jene bedingten Pflichtwandelanleihen, mit denen sich die Banken gegen neue Risiken absichern müssen. An diesen besonderen von der Expertenkommission im letzten Herbst beschlossenen Obligationen hat UBS-Chef Oswald Grübel gar keine Freude. Cocos werden dann automatisch in Aktien umgewandelt, wenn das Eigenkapital einer Bank unter einen bestimmten Prozentsatz fällt. Die Expertenkommission hat zwei Arten von Cocos mit unterschiedlichen Umwandlungspunkten (Triggerpoints) definiert. Der erste setzt ein, wenn das Eigenkapital auf 7 Prozent sinkt, der zweite, wenn das Eigenkapital auf 5 Prozent sinkt. Grübel argumentiert, dass im Krisenfall die bestehenden Aktionäre ihre Titel verhökern würden, bevor der Triggerpunkt erreicht sei, was den Aktienkurs erst recht in den Keller treibe.

Der Markt sieht das anders. Vor drei Wochen hatte die CS eine erste Tranche von zwei Milliarden Franken der Cocos mit höherem Triggerpunkt ausgegeben. Die CS wurde förmlich mit Zeichnungen zugedeckt, sie hätte 22 Milliarden aufnehmen können. (Damit sie und die UBS weitere Cocos ausgeben können, müssen sie erst wieder bedingtes Aktienkapital schaffen, da im Ernstfall die Anleihe ja umgewandelt werden muss.) Die gewaltige Nachfrage lässt darauf schliessen, dass die CS die Cocos mit dem 5-Prozent-Trigger zu sehr günstigem Zins wird beschaffen können, weil die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass die Bank in einer allfälligen Krise so viel Geld verlieren wird, dass ihr Eigenkapital auf 5 Prozent sinkt.

Vor dem Hintergrund des Erfolgs der CS sind Grübels Vorbehalte den Cocos gegenüber schwer verständlich. Seine Einwände kommen auch spät. An der Schlussabstimmung der Expertenkommission im Herbst war Grübel nämlich höchstpersönlich anwesend und er hat den Vertrag mitunterzeichnet. Jetzt, sagt ein Politiker, behaupte Grübel, dazu gezwungen worden zu sein. Eine reichlich abwegige Sichtweise.

Die Cocos haben im Übrigen noch einen gewichtigen Vorteil: Bilanztechnisch sind sie Fremdkapital. Für die Berechnung der für den Aktienkurs so bedeutenden Eigenkapitalrendite fallen sie weg. Mindestens in dieser Hinsicht sind damit CS und UBS den ausländischen Banken gegenüber nicht benachteiligt. Zu vermuten ist deshalb, dass Grübel den Widerstand den Cocos gegenüber aufgeben wird, sobald die Zahlen der UBS besser sind und sie auf breiter Front wieder kapitalmarktfähig ist.

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Widerstand gegen «too big to fail»

10. März 2011

Weltwoche

Um das Sicherheitsnetz der Grossbanken  zeichnet sich ein Tauziehen ab. Das Finanzdepartement hat die Vorlage unnötig verschärft.

Letzte Woche hat UBS-Chef Oswald Grübel den Briten unverblümt die Leviten gelesen: Wenn mit der Regulierung so weitergemacht würde wie bisher und die Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften über Basel III hinaus erhöht würden, so wie das die Schweizer mit dem sogenannten Swiss finish planten, dann, prophezeite er, werde London als Finanz platz zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Das hat noch kein Banker so laut und deutlich zu sagen gewagt. Die Wirkung des Diktums blieb nicht ­ungehört. Am Sonntag setzte kein Geringerer als der mächtige Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, zum Gegenangriff an. King warf den Bankern – und er meinte damit auch Grübel – Arroganz und Uneinsichtigkeit vor. Sie hätten aus dem Schlamassel offensichtlich nichts gelernt.

Was sich als Kampf der Finanztitanen ausnimmt, ist in Tat und Wahrheit die klassische Auseinandersetzung zwischen Ethik auf der einen und der Macht des Faktischen auf der anderen Seite. Das britische Finanzsystem war 2008 um Haaresbreite kollabiert, das hatte auf der Insel ähnliches Entsetzen ausgelöst wie hierzulande die UBS-Krise. Ergo sollen dort wie hier die Banken zu massiv mehr Eigen­­- kapital gezwungen werden, als das interna­tional gefordert wird (Basel III). Fakt ist aber auch, dass sich weder in den asiatischen Finanz zentren noch in den USA oder Deutschland verschärfte Eigenkapitalvorschriften durchsetzen werden. An Asien ging die Krise spurlos vorbei, die US-Wirtschaft kann höhere Eigenkapitalquoten nicht finanzieren, und die deutschen Banken sind für Investoren nicht attraktiv. Die Finanzmärkte aber ziehen dorthin, wo die Regulierungsdichte am geringsten ist.

Widmer-Schlumpf verschärft Sachverhalt

Die gleiche Auseinandersetzung über Geist und Geld zeichnet sich in der Mai-Session im Nationalrat ab, wenn über die too big to fail- Problematik (TBTF) debattiert wird. Die Vorlage befindet sich in der Schlussphase der Vernehm lassung. Den finanzplatzfreundlichen Politikern ist nicht entgangen, dass sich London, New York, Singapur (und Frankfurt) als Hauptkonkurrenten des Schweizer Finanzplatzes nicht um verschärfte, Basel III übersteigende Vorschriften bemühen werden. «Wir wollen unseren ­Finanzplatz nicht so regulieren, dass er nicht mehr konkurrenzfähig ist», sagt der ­Solothurner CVP-Nationalrat Pirmin Bischof. Am Bericht der Expertenkommission Siegenthaler, auf dessen Basis die Vorlage beruht, wird aber grundsätzlich festgehalten.

Indes hat Finanzministerin Eveline Widmer- Schlumpf den ohnehin komplexen Sachverhalt noch verschärft, indem sie einen Passus der Expertenkommission gestrichen hat, der den Banken eine Erleichterung der Eigenkapitalquote von einem Prozentpunkt gebracht hätte, falls diese das geforderte Kapital schneller als bis Ende 2018 aufstocken würden. ­Damit die schweizerischen Eigenkapitalvorschriften nicht allzu krass von jenen der konkurrenzierenden Finanzplätze abweichen, überlegen sich die Parteien eine flexible Lösung der geforderten Höhe des Eigenkapitals. Dieses soll sich gemäss Expertenkommission aus 10 Prozent Aktienkapital sowie 9 Prozent bedingten Pflichtwandelanleihen (Cocos) zusammensetzen, die als Puffer dienen. Die erste Coco-Stufe (3 Prozent des Eigenkapitals einer Bank) wandelt sich automatisch in Aktienkapital um, wenn das Eigenkapital der Bank auf 7 Prozent absinkt, die zweite Stufe (6 Prozent des Eigenkapitals einer Bank) wandelt sich um, wenn das Eigenkapital auf 5 Prozent fällt. Um den Abstand zum Ausland zu verringern, könnte der 5-Prozent-Puffer von den jetzt geplanten 6 Prozent auf beispielsweise 3 oder 4 Prozent gesenkt werden, wenn sich herausstellt, dass die Differenz zum Ausland zu gross ist.

Um die Cocos in der Schweiz emittieren zu können, sollen sie von der Stempelsteuer befreit werden. Die Vorlage sieht vor, dass die Emissionssteuer gleich für sämtliche in der Schweiz begebenen Anleihen gestrichen wird. Doch auch dieses Geschäft dürfte bekämpft werden. Am meisten Kopfschütteln aber löst eine Änderung der Verrechnungssteuer aus, die Widmer-Schlumpf ebenfalls in die Vorlage hineingepackt hat und die mit der TBTF-Problematik nichts zu tun hat. Die geplante Umstellung von der Besteuerung der Emittenten auf die Besteuerung der Zahlstelle hätte zur Folge, dass eine grosse Menge bisher nicht unter die Verrechnungssteuer fallender Wert­papiere neu zu versteuern wären. All diese ­Zusätze gefährden die Vorlage. Das kann nicht im Sinne eines sicheren Finanzplatzes sein.

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Kein kurzer Ölschock

3. März 2011

AZ Mittelland Zeitung

An der Ausgangslage gibt es nichts zu deuteln. Das Stimmungsbarometer der Weltwirtschaft hat innerhalb weniger Tage von sanftem Hellgrün und verhaltenem Optimismus auf Dunkelrot und Angst umgeschlagen. Mit 114 Dollar pro Fass nähert sich der Ölpreis rasant der Rekordmarke von 147 Dollar aus dem Jahr 2008. Das Gold ist ebenfalls auf Rekordniveau geklettert, während die Börsenkurse sinken. Die Welt zittert.

In erschreckendem Ausmass zeigt die Facebook- und Twitter-Revolution in den arabischen Staaten auf, wie machtlos die korrupten Despoten gegenüber den neuen Kommunikationsmitteln sind. Fernsehen und Print haben sie im Griff, doch dank Internet und SMS ist eine unkontrollierbare Massenkommunikation möglich geworden, die sich dem Zugriff der Mächtigen entzieht. Und so werden wir plötzlich der Hebelkraft gewahr, die von dieser anfänglich als so harmlos eingestuften Technologie ausgeht.

Aus diesen Gründen steckt im Ölpreisschock von 2011 mehr als eine Knappheit durch den aktuellen Ausfall der halben

libyschen Produktion, die erst noch – zumindest vorübergehend – durch saudische Förderung kompensiert wird. Ungewissheit ist über uns hereingebrochen. Die Despoten waren die Garanten unseres Energiekonsums. Jetzt ist deren Existenz infrage gestellt. So wird unsere Abhängigkeit vom Öl sichtbar; die Ausweglosigkeit auch, in einem System gefangen zu sein, aus dem es keine Befreiung gibt.

Natürlich heisst das alles nicht, dass im Fall eines Machtwechsels neue Machthaber den Ölhahn zudrehen werden. Doch das Unvorhersehbare beherrscht die Psychologie des Marktes. Deshalb verteuert sich das Öl mit jeder Demonstration weiter mit einschneidender Wirkung auf das Wirtschaftsgeschehen.

Was das im Detail bedeutet, wurde beim letzten Ölpreisschock 2008 tausendfach durchdekliniert: Die Konsumenten reagieren rasch, fahren aber weiter Auto und sparen stattdessen bei anderen Konsumgütern. Die Wirtschaft stoppt die Investitionen, Arbeitsplätze werden abgebaut. Die ölproduzierenden Länder werden reicher, die importierenden ärmer, Handelsbilanzdefizite nehmen zu. Der teure Ölpreis wird auf andere Güter überwälzt, Flugtickets etwa werden teurer. Durch die «gefühlte» Teuerung wird insgesamt die Inflation angeheizt. «There is no free lunch», sagen die Engländer.

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Gewaltiger sozialer Zündstoff

3. März 2011

Weltwoche

Seit Jahren kritisiert Nestlé-Chef Peter Brabeck die Verwendung von Nahrungsmitteln zur Produktion von Biotreibstoff. Wie recht er hat, zeigen die jüngsten Aufstände.

Die arabische Revolution, so die einhellige Meinung, haben erst Handy, Internet und vor allem Social Networks wie Twitter und Facebook möglich gemacht. Eine durch diese ­neuen Kommunikationsmittel vernetzte Jugend lehnt sich gegen eine wirtschaftlich aussichtslose Zukunft auf. Entzündet hat sich der Volksaufstand aber an den massiv gestiegenen Nahrungsmittelpreisen. Mais hat sich zum Beispiel innerhalb eines ­knappen Jahres um neunzig Prozent ver­teuert.

Den Preisanstieg verursachten eine höhere Nachfrage wie auch Produktionsausfälle etwa in Russland. Tatsächlich hat das massive Wirtschaftswachstum in Asien, insbesondere in China und Indien, zu einer stark wachsenden Mittelschicht geführt. Mit steigendem Wohlstand ändert der Mensch auch sein Essverhalten. Er konsumiert mehr Fleisch, zu dessen Produktion mehr Grundnahrungs­mittel benötigt werden. Mit der an Geflügel und Schweine verfütterten Menge Sojabohnen und Mais liesse sich heute schon die gesamte Weltbevölkerung ernähren.

Doch weder die Nachfrage noch Ernteaus­fälle und schon gar nicht der Handel sind der Hauptgrund für die Preiserhöhungen. Preistreibend ist vor allem die in den USA stark subventionierte Herstellung von Biotreibstoff, der aus Mais gewonnen wird. Mittlerweile werden sage und schreibe 36 Prozent des gesamten Maisanbaus in den USA nicht mehr als Nahrungsmittel, sondern zur Ethanolproduktion verwendet. Auf ­einer dreimal so ­grossen Fläche wie die Schweiz werden in ­diesem Jahr über 120 Millionen Tonnen Mais zu Treibstoff umgewandelt. Initiiert wurde die Ethanol-Anbauschlacht noch von Präsident Bill Clinton. Mit dem Argument, die Abhängigkeit der USA von importiertem Erdöl reduzieren zu wollen, hatte sich Clinton dadurch die Stimmen der Farmer gesichert. Gemäss den Prognosen des US-Departements für Agrikultur (USDA) werden die Preise für Mais, Sojabohnen und Weizen auch 2011 weitersteigen, was die Nahrungsmittelpreise für den Endkunden um drei bis vier Prozent verteuern wird. Für Inflation ist damit gesorgt.

Verdoppelung der Ethanolproduktion

Dass die Ethanolproduktion die Nahrungsmittel verteuern würde und vor allem in den armen Ländern des Südens zu massiver ­sozialer Unrast führen könnte, predigt seit Jahren kein klassischer Grüner, sondern der Präsident des weltgrössten Nahrungsmittelkonzerns, Nestlé. In einem Interview sagte ­Peter Brabeck vor drei Jahren: «Lebensmittel für Biotreibstoff einzusetzen, ist weder von der moralischen noch von der wirtschaftlichen Seite her gerechtfertigt.» Damit kritisiert ein einflussreicher Konzernchef die Energie­politik der USA. Mit Recht: Rund eine Milli­arde Menschen ist nicht in der Lage, sich genügend Nahrung zu kaufen, und mit steigenden Preisen nimmt diese Zahl laufend zu. Am letzten G-20-Treffen waren denn auch die Nahrungsmittel das Top-Thema. Doch die Sorgenfalten der Politiker mögen noch so tief sein, am anhaltenden Preisauftrieb wird sich nichts ändern. Bis in zehn Jahren soll die Ethanolproduktion in den USA verdoppelt werden, und die Farmer weiten ihre Anbaugebiete aus, um Einnahmen zu steigern. Im laufenden Jahr werden auf vier Millionen Hektaren neu Mais, Weizen und Soja angebaut.

Weltweiter Protektionismus

Fatal wäre, sich der Illusion hinzugeben, Preisschübe bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln seien ein vorübergehendes Phänomen. Nebst der Biotreibstoffproduktion sorgt auch der Protektionismus für hohe Preise, der nirgends so floriert wie in der Landwirtschaft. Weil jedes Land – auch die Schweiz – glaubt Selbstversorger sein zu müssen, werden nur rund sieben Prozent der weltweit produ­ zierten Nahrungsmittel international gehandelt.

Für weiteren Preisdruck sorgen ferner der Anstieg der Weltbevölkerung sowie der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern. Von jetzt knapp sieben Milliarden Menschen wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf über neun Milliarden zunehmen. Unterstellt man, dass auch noch die Millionen Menschen zu ernähren sind, die heute unterversorgt sind, so müssen bis in vierzig Jahren drei Milliarden mehr Menschen ernährt werden als heute. Weil parallel dazu auch der Wohlstand und damit der Fleischkonsum steigen werden, erwartet die FAO einen Zusatzbedarf an Nahrungsmitteln von gegen siebzig Prozent.

Dass dieser Nachfrageüberhang gewaltigen sozialen Zündstoff in sich birgt, weiss Peter Brabeck nur zu genau, schliesslich ist Nestlé praktisch in jedem Land der Erde vertreten und entsprechend nahe am Markt, auch in den Entwicklungsländern. Mit seiner Kritik an der Verwendung von Nahrungsmitteln zur Treibstoffproduktion beweist der Nestlé-Präsident nicht nur Weitsicht, sondern auch Mut. Denn vordergründig könnte er sich auf die absehbar höheren Preise freuen, sie erleichtern Preiserhöhungen. Doch wenn soziale Unrast droht und die Menschen zur Gewalt greifen, weil sie nicht genügend zu essen haben, hat die Politik offensichtlich versagt.

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