Hayek gab uns die Präzision zurück
30. Juni 2010Mittelland Zeitung
Die Uhrenindustrie hat dem Unternehmer viel zu verdanken
Er ist, er war nach Roger Federer der berühmteste Schweizer. Ein Spitzenathlet in der Disziplin des Unternehmertums. Kein anderer war in der Schweiz erfolgreicher, kein anderer hat es weiter gebracht als er. Herzblut haben andere auch, bei Hayek aber war die pure Lust, Visionen umzusetzen, mit Händen zu greifen.
Welch ein Charakter war dieser Mann! Er hat provoziert, er hat polarisiert, er war rücksichtslos und schonungslos. Einer, der sich durchtankte wie neulich Klose gegen England. Wehe, du standest ihm im Weg! Napoleon muss ein ähnlicher Typ gewesen sein oder Alfred Escher. Wer als General oder Unternehmer in die Geschichte eingeht, ist kein Softie. Nie vergesse ich die zitternden Knie und den Schweiss auf der Stirn seines Chefbuchhalters, als er diesen einmal in meiner Gegenwart in sein Büro zitierte und über ein Detail in der Erfolgsrechnung Auskunft verlangte.
1983 hatte ich Nicolas Hayek kennen gelernt, an der ersten Pressekonferenz der Swatch-Gruppe. In Zürich. Ein unscheinbarer Raum in einem Hotel. Nicht mehr als 20 Journalisten. Vorne ein schlichter Holztisch. Darauf ein grosser Berg Uhren. Unscheinbares Plastik. Unifarbig, unspektakulär, blau, schwarz, braun, militärgrün. Hässlich. War es das gewesen? Wir waren enttäuscht und konnten uns nicht vorstellen, dass damit die Schweizer Uhrenindustrie gerettet werden sollte.
Sein Glück war, dass der geniale Marketing-Mann Max Imgrüth für den Verkauf der Swatch verantwortlich war.
Wie viele internationale Blätter titelte gestern, unter anderem auch «Die Welt»: «Swatch-Erfinder Nicolas Hayek gestorben». Das ist Geschichtsklitterung, gegen die sich Hayek nie gewehrt hat. Erfunden hatte er die Uhr nicht, das waren zwei Ingenieure – lange bevor Hayek in die Firma eingetreten war. Den Anstoss dazu hatte Ernst Thomke geben, der damalige Chef der SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère). Ihm war klar geworden, dass die Schweiz nur dann eine Chance gegen die japanische Digitaluhren hatte, wenn es gelänge, eine Uhr mit massiv weniger Teilen weitgehend automatisch herzustellen. Derlei war nur mit Plastikspritzguss und ausgeklügeltem Anlagebau zu schaffen.
Hayek war als Berater von SSIH engagiert worden und ihm gelang Ähnliches, was auch Christoph Blocher gelungen war: Beide überzeugten die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG), dass sie sich an den Firmen beteiligte, für die sie tätig waren. Christoph Blocher konnte so die Mehrheit an Ems-Chemie erwerben, Hayek und andere übernahmen von der Bankgesellschaft Aktien der von ihr rekapitalisierten SMH (Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie), dem Fusionsprodukt der gescheiterten SSIH und Asuag. Möglich gemacht hatte das einer, der heute fast vergessen ist: SBG-Generaldirektor Peter Gross vertraute auf Hayek. Zum Dank sitzt er mit seinen 79 Jahren noch im Verwaltungsrat der Swatch Group.
Mit seinem Engagement ging Hayek ein grosses Risiko ein. Entsprechend legte er sich mächtig ins Zeug. Sein Glück war, dass der geniale Marketing-Mann Max Imgrüth für den Verkauf der Swatch verantwortlich war. Ihm war der frühe Höhenflug der Plastikuhr zu verdanken, er hatte es fertiggebracht, dass eine weltweite, über mehrere Jahre anhaltende Sammelwut einsetzte. Zehn Jahre nach der Lancierung war die Billiguhr die Stütze des Konzerns.
Hayeks grosses Verdienst ist, was er in den letzten 25 Jahren aus dem Konzern gemacht hat. Den Umsatz vervierfachte er, das Prestige des Konzerns trieb er in sphärische Höhen. Das gelang ihm dank seiner unkonventionellen Persönlichkeit, dank seiner Art, sich in Szene zu setzen. Er liebte die Kamera und er wusste genau, was es brauchte, um eine mediale Wirkung zu erzielen. Ganz im Gegensatz zum herkömmlichen Schweizer Unternehmer wollte er auffallen und im Mittelpunkt stehen. Es war ihm klar, dass die Uhr nicht in erster Linie der Zeitmessung dient, sondern der sozialen Identifikation. Er wusste, dass ein Konzern, der emotionale Produkte verkaufte, ein Gesicht braucht. Da halfen nicht nur das offene Hemd und die vielen Uhren am Handgelenk, da beeindruckte sein kühner stechender Blick. Mit seiner mitreissenden Art hat er der gesamten Schweizer Uhrenindustrie neues Leben eingehaucht. Er hat damit der Schweiz ihr bestes Identifikationsmerkmal zurückgegeben, die Präzision.