Gier ist schuld an Staatsschulden
27. Mai 2010Mittelland Zeitung
Die Erholung des Euro war von kurzer Dauer. Gestern schloss die Währung auf Fr. 1.4150 und ist damit nicht mehr weit entfernt von Fr. 1.4050, dem Niveau, auf dem die Nationalbank vor Wochenfrist so intensiv interveniert und damit ein Abgleiten unter die psychologisch wichtige Marke von Fr. 1.4000 verhindert hatte. Die erneute Euro-Schwäche ist Ausdruck wieder zunehmender Angst. Mittlerweile verstärkt sich am Markt die Meinung, auch die bereitgestellten 750 Milliarden würden nicht ausreichen, um das europäische Bankensystem zu stabilisieren.
Wichtig ist, sich vor Augen zu führen, worum es bei diesem Stabilitätspaket tatsächlich geht. Vordergründig war die Summe bereitgestellt worden, um die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands zu verhindern. Doch das Land ist «lediglich» mit rund 300 Milliarden Euro verschuldet. Weshalb sich die berechtigte Frage stellt, weshalb es denn 750 Milliarden Euro braucht, um Griechenland zu stabilisieren. Die Antwort: Mit dem Paket soll nicht in erster Linie Griechenland refinanziert werden. Vielmehr hat die Politik realisiert, dass ein Kollaps des Bankensystems droht, genau so wie nach der Lehman-Pleite im Oktober 2008. Gefährlich ist die Verknüpfung der Banken, weil sich alle Banken untereinander Geld ausleihen und damit voneinander abhängig sind. Die Befürchtung, dass es eine grössere Bank treffen könnte und dadurch das ganze System instabil würde, ist denn auch der Grund, weshalb alle Bankaktien in den letzten Tagen so viel an Wert verloren haben. Die Guthaben an Staatsschulden, welche bei den Banken liegen, sind gigantisch. Gemäss Weltbank ist allein der öffentliche und private Sektor Spaniens mit insgesamt 1500 Milliarden Euro verschuldet.
Mit dem Finger wird derzeit vor allem auf die Politik gezeigt, welche für die gigantische Verschuldung einer ganzen Reihe von Staaten verantwortlich gemacht wird. Doch der Politik wurde es zu leicht gemacht, denn das Geld bekam sie vom Markt, von den Geschäftsbanken. Sie waren es, welche auf die höheren Zinsen schielten und die Schulden gerne übernahmen. Sie machten es sich zu einfach, indem sie sich sagten: Spielt ja keine Rolle, die Staaten haften sowieso. Dass die Finanzspezialisten der Banken aber einem Staat Geld liehen, dessen Wirtschaftswachstum notorisch schwach ist (Griechenland), dessen Schuldenberg schon jedes gesunde Mass überschritten hat (Italien, Irland) oder dessen Immobilienmarkt aufgebläht wie ein Ballon war (Spanien), kümmerte offenbar niemanden. Blind wurde jede neue Obligation gezeichnet. Und einmal mehr tragen die Steuerzahler den Schaden, einmal mehr werden die Verluste sozialisiert. Bloss geht es dieses Mal ans Lebendige. Die Sparmassnahmen werden noch heftige politische Spannungen auslösen.