Entwarnung nur für die Schweiz
29. April 2010Mittelland Zeitung
Eine parlamentarische Anfrage über die Höhe der griechischen Schulden bei Schweizer Banken zeigt, wie gross die Angst vor einer neuen Finanzkrise auch hierzulande ist. Verständlich, denn gemäss einer Statistik waren angeblich 21 Prozent der griechischen Schulden von 245 Milliarden Euro bei Schweizer Banken platziert. Schon lange war klar, dass das nicht stimmen konnte. Die Lösung des Rätsels: Die in Genf ansässige griechische EFG-Bank hat naturgemäss grosse Guthaben in Griechenland. Die Bank verlegte aber kürzlich ihren Sitz nach Luxemburg, so- dass sich das Problem von selbst löste. Ende September 2009 lagen 1,9 Milliarden bei Schweizer Banken. Heute dürfte der Bestand gegen null tendieren.
Die EU aber erschüttert das griechische Schuldendrama in ihren Fundamenten. Eindrücklich hat dies ein deutscher Politiker geschildert, der nicht verstehen kann, wie Deutschland den eigenen Unternehmen hohe Steuern abverlangt, Griechenland aber seit Jahren mit Milliarden unter die Arme greift. Seit am Dienstag Standard & Poor’s das Rating Griechenlands auf «Ramsch» gesetzt hat, ist die Situation eskaliert. Das Land ist schlicht nicht mehr kreditfähig, während der Bedarf an Neugeld mittlerweile auf über 100 Milliarden Euro geschätzt wird. Gemäss neuestem Plan soll die EU den Hellenen eine Summe von 110 bis 120 Milliarden zusichern, sodass das Land in den kommenden drei Jahren den Kapitalmarkt gar nicht mehr beanspruchen muss. Man nimmt Griechenland quasi vom Markt.
Für die EU wird das ein teurer, aber vermutlich der einzig gangbare Weg, wenn das ganze Gebilde um den Euro nicht zusammenbrechen soll. Als nicht praktikabel erweist sich die oft diskutierte Variante, Griechenland wieder aus dem Euro zu entlassen und eine Ersatzwährung einzuführen, die gegenüber dem Euro sofort um geschätzte 40 Prozent abgewertet würde. Zwar gewänne das Land damit seine Wettbewerbsfähigkeit zurück, doch die Ersatzwährung hätte den Bankrott des griechischen Bankensystems zur Folge, was einen grossen Teil der Wirtschaft ruinieren würde.
Viel wahrscheinlich erscheint das, was die Briten als Haarschnitt, «hair cut», bezeichnen: ein Moratorium mit einem partiellen Schuldenerlass. Das könnte heissen, dass Griechenland für zwei oder drei Jahre keine Zinsen mehr bezahlt und der Nominalwert der ausstehenden Anleihen beispielsweise von 100 auf 60 Prozent herabgesetzt würde. Der Nachteil dieses Szenarios: Griechenland wäre so lange nicht mehr kreditfähig, bis der Staat saniert und die Finanzen nachhaltig gesundet wären. Das aber könnte sehr lange dauern. Die EU will beide Szenarien vermeiden, weil dies dem Scheitern des Euro gleichkäme.
Weil die Stabilität des Euro und die Glaubwürdigkeit der EU auf dem Spiel stehen, ist Brüssel gewillt, den ohnehin riesigen Schuldenberg im EU-Raum weiter zu erhöhen und darauf zu hoffen, dass Griechenland nach und nach gesundet. Augen zu und durch heisst die Devise. Das ist nur möglich, weil über das Sanierungspaket keine Abstimmung durchgeführt wird. Vor dem Volk hätte der Plan keine Chance.