Archiv für März 2010


Die Nationalbank bringt uns näher an die EU

28. März 2010

SonntagsZeitung

Die Finanzkrise ist zwar überwunden, und die Behörden unternehmen alles, damit sich die Krise nicht wiederholt: Die Banken werden verpflichtet, ihr Eigenkapital zu erhöhen und deutlich mehr Liquidität zu halten. Doch die Gefahr einer neuen Krise ist nicht gebannt. Noch sind viele der krisengeschüttelten ausländischen Banken unterkapitalisiert, noch sind längst nicht alle faulen Positionen genügend abgeschrieben. Und bereits droht neues Ungemach, das sich vorerst im schwachen Euro manifestiert.

Die Unklarheit, wie die EU die Krise in Griechenland bewältigen soll, die zunehmenden Spannungen in dieser Frage zwischen der EU und Deutschland, das die Hauptlast wird tragen müssen, haben den Euro am Dienstag auf fast Fr. 1.42 gedrückt. Noch vor wenigen Tagen wurde noch über Fr. 1.46 bezahlt. Zwar hat sich der Euro-Kurs am Mittwoch wieder etwas erholt, aber von der von der Nationalbank definierten Zielgrösse von Fr. 1.50 ist der Euro meilenweit entfernt. Hinzu gekommen sind neue Befürchtungen, dass auch Portugal, Spanien, Italien und Irland nicht in der Lage sein werden, ihre Schulden fristgerecht zu bezahlen, beziehungsweise ihre riesigen Budgetdefizite auf ein akzeptables Mass zu kürzen. Gestern hat die Agentur Fitch das Rating von Portugal heruntergestuft.

«Jetzt sitzt die SNB auf einem gewaltigen Stock an Euro, den sie nur mit Verlust wieder loswird»

Wenn immer mehr Teilnehmer am Finanzmarkt zur Überzeugung gelangen, dass die Verschuldung der Staaten – auch der USA oder Grossbritanniens – nicht ohne Schuldverzicht oder gar Staatsbankrotte abgebaut werden kann, droht dem Euro eine psychologische Abwärtsspirale, die ihn letztlich in seiner Existenz bedroht. Das wird auch die Banken wieder vor ganz neue Probleme stellen.

Für die Nationalbank wird die Aufgabe, den Franken stabil zu halten, immer unerfüllbarer. Sie versucht es verbal, also mit bedeutungsvollen Statements ihrer Exponenten, die beteuern, die SNB werde eine Aufwertung des Frankens nicht zulassen. Vor allem aber interveniert sie mit massiven Euro-Käufen und versucht so, der schleichenden Abwertung des Euro Einhalt zu gebieten. So ist der Devisenbestand der Nationalbank allein im Februar um 15 Milliarden Franken gestiegen. Das hat offensichtlich nur kurzfristig geholfen und die Statements werden immer unglaubwürdiger.

Sollten sich die Befürchtungen um die Stabilität des Euro bewahrheiten, werden die Marktkräfte den Widerstand der Nationalbank schlicht wegfegen. Zudem ist den Devisenkäufen dort ein Ende gesetzt, wo die Preisstabilität gefährdet ist. Parallel zu den aufgebauten Währungsreserven dehnt die Nationalbank die Geldmenge aus und schafft so ein latentes Inflationspotenzial. So wie es derzeit aussieht, dürfte die Eurokrise der Schweizer Wirtschaft weit mehr schaden, als das die Finanzkrise getan hat.

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Schädlicher als die Finanzkrise

25. März 2010

Mittelland Zeitung

Die Finanzkrise ist zwar überwunden, und die Behörden unternehmen alles, damit sich die Krise nicht wiederholt: Die Banken werden verpflichtet, ihr Eigenkapital zu erhöhen und deutlich mehr Liquidität zu halten. Doch die Gefahr einer neuen Krise ist nicht gebannt. Noch sind viele der krisengeschüttelten ausländischen Banken unterkapitalisiert, noch sind längst nicht alle faulen Positionen genügend abgeschrieben. Und bereits droht neues Ungemach, das sich vorerst im schwachen Euro manifestiert.

Die Unklarheit, wie die EU die Krise in Griechenland bewältigen soll, die zunehmenden Spannungen in dieser Frage zwischen der EU und Deutschland, das die Hauptlast wird tragen müssen, haben den Euro am Dienstag auf fast Fr. 1.42 gedrückt. Noch vor wenigen Tagen wurde noch über Fr. 1.46 bezahlt. Zwar hat sich der Euro-Kurs am Mittwoch wieder etwas erholt, aber von der von der Nationalbank definierten Zielgrösse von Fr. 1.50 ist der Euro meilenweit entfernt. Hinzu gekommen sind neue Befürchtungen, dass auch Portugal, Spanien, Italien und Irland nicht in der Lage sein werden, ihre Schulden fristgerecht zu bezahlen, beziehungsweise ihre riesigen Budgetdefizite auf ein akzeptables Mass zu kürzen. Gestern hat die Agentur Fitch das Rating von Portugal heruntergestuft.

Wenn immer mehr Teilnehmer am Finanzmarkt zur Überzeugung gelangen, dass die Verschuldung der Staaten – auch der USA oder Grossbritanniens – nicht ohne Schuldverzicht oder gar Staatsbankrotte abgebaut werden kann, droht dem Euro eine psychologische Abwärtsspirale, die ihn letztlich in seiner Existenz bedroht. Das wird auch die Banken wieder vor ganz neue Probleme stellen.

Für die Nationalbank wird die Aufgabe, den Franken stabil zu halten, immer unerfüllbarer. Sie versucht es verbal, also mit bedeutungsvollen Statements ihrer Exponenten, die beteuern, die SNB werde eine Aufwertung des Frankens nicht zulassen. Vor allem aber interveniert sie mit massiven Euro-Käufen und versucht so, der schleichenden Abwertung des Euro Einhalt zu gebieten. So ist der Devisenbestand der Nationalbank allein im Februar um 15 Milliarden Franken gestiegen. Das hat offensichtlich nur kurzfristig geholfen und die Statements werden immer unglaubwürdiger.

Sollten sich die Befürchtungen um die Stabilität des Euro bewahrheiten, werden die Marktkräfte den Widerstand der Nationalbank schlicht wegfegen. Zudem ist den Devisenkäufen dort ein Ende gesetzt, wo die Preisstabilität gefährdet ist. Parallel zu den aufgebauten Währungsreserven dehnt die Nationalbank die Geldmenge aus und schafft so ein latentes Inflationspotenzial. So wie es derzeit aussieht, dürfte die Eurokrise der Schweizer Wirtschaft weit mehr schaden, als das die Finanzkrise getan hat.

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Plötzlich sind die Hedge-Funds gern gesehen

21. März 2010

SonntagsZeitung

Erstaunt reibt man sich die Augen: Plötzlich starten bürgerliche Parlamentarier Interpellationen in Sachen OC Oerlikon und verurteilen Hedge-Funds im Stil Münteferings – dieser hatte sie «Heuschrecken» genannt, weil sie angeblich Arbeitsplätze gefährdeten. Was ist geschehen? Losgeschickt haben die Parlamentarier die Lobbyisten von OC-Oerlikon-Mehrheitsaktionär Viktor Vekselberg, den die Finma wegen Gruppenbildung bei der Übernahme der OC Oerlikon mit der Rekordbusse von 40 Millionen Franken belegt hat (er rekurriert gegen das Urteil). Vekselberg steht seit Monaten in harten Verhandlungen mit Hedge-Funds. Ende März muss OC Oerlikon 600 Millionen von insgesamt 2,5 Milliarden Franken Schulden zurückzahlen.

«Statt Heuschrecken sind die Hedge-Funds plötzlich willkommene Investoren»

Es geht um die Frage: Wie viel Schuldenverzicht leisten die Banken, wie viel Eigenkapital muss Vekselberg neu einzahlen. Eine Wende erfuhr der Kampf, als die grossen der 25 Gläubigerbanken ihre Guthaben an fünf auf Überschuldung spezialisierte Hedge-Funds verkauften. Je nach Quelle haben die Banken diesen Spezialisten Schuldpapiere von insgesamt rund 1,5 Milliarden Franken mit 30 bis 50 Prozent Abschlag verkauft. Die Banken waren froh, ihre Schulden los zu sein und einen Teil des Geldes zurückzuhaben. Offensichtlich haben Hedge-Funds einen volkwirtschaftliche Nutzen.

Banken wollen Kredite vergeben und dafür Zinsen einnehmen. Doch wenn es darum geht, auf Guthaben zu verzichten und stattdessen Aktienkapital zu halten, sind sie die falschen Partner. Geübt im Verhandeln mit Schuldnern verstehen es die Hedge-Funds-Spezialisten, auf diese grossen Druck zu machen. Das erklärt, weshalb Vekselberg Hilfe bei Politikern bzw. beim Staat suchte, der ihn eben noch zu einer Busse verurteilt hatte. Doch der Kompromiss, der nun vorliegt, verheisst Gutes. Flugs verstummt Vekselbergs Kritik an Hedge-Funds, statt Heuschrecken sind sie willkommene, langfristig orientierte Investoren. Wenn bis zum 29. März auch alle übrigen Banken zustimmen, können die Parlamentarier ihre Interpellation gegenstandslos erklären. So kurzfristig kann Politik sein.

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Grübel verpasst eine Chance

18. März 2010

Mittelland Zeitung

Wie schnell eine Chance vertan ist, die leidige Boni-Diskussion zu beenden, zeigt das Beispiel von Oswald Grübel. Bisher hat der UBS-CEO damit kokettiert, auf einen Bonus für 2009 zu verzichten und sich mit drei Millionen Franken Basisgehalt zu begnügen. Nun steht im neuen Geschäftsbericht der UBS, dass der ehemalige CS-Chef bei Amtsantritt im Februar 2009 Optionen im Wert von 13,5 Millionen Franken erhalten hat, die ihm das Recht geben, Aktien zum Bezugspreis von Fr. 10.10 zu kaufen, was exakt dem damaligen Aktienkurs entspricht. Und prompt wird ihm in den Medien vorgeworfen, ein Abzocker zu sein, während die Linke die Faust im Sack macht. Kein Wunder: Als Grübel vor zwölf Monaten als gefeierter Sanierer verpflichtet worden ist, atmeten viele Politiker auf – auch in der SP. Und die gleichen Medien, die jetzt gegen ihn sticheln, hatten den Banker bei Amtsantritt in den höchsten Tönen gelobt.

Hätte die UBS mit Grübel vor Jahresfrist die finanzielle Bedingungen seiner Anstellung auf den Tisch gelegt, gäbe es heute keinen Grund für den Aufschrei. Man hätte bloss öffentlich erklären müssen, weshalb er dieses Optionenpaket erhält: nämlich nicht als versteckten Bonus, sondern weil die Bank ein Optionenpaket der CS ablösen musste, ohne das Grübel nicht zu haben gewesen wäre. Aus der Zeit bei der CS besass Grübel noch ein substanzielles, aber gesperrtes Optionenpaket auf CS-Titel, das bei einem Wechsel zur Konkurrenz verfällt. Also blieb der UBS nichts anderes übrig, als Grübel das entgangene Gehalt der CS zu ersetzen. Zudem wäre es geradezu pervers, besässe der Chef der UBS ein grosses Optionenpaket auf CS-Aktien. Er wäre damit mehr am Kursgewinn der Konkurrenz-Aktien interessiert als an dem der UBS-Titel.

Ihm dieses Geld zu neiden, heisst nichts anderes, als von ihm zu verlangen, er solle doch gnädigst den Risikojob bei der UBS antreten, jedoch auf einen einigermassen branchenüblichen und dem beachtlichen Risiko entsprechenden Lohn verzichten. Grübel hätte unter solchen Bedingungen den Job nie angetreten.

Bereits vor einem Jahr haben die Verantwortlichen der UBS und Grübel selbst gewusst, dass dieser Ablösevorgang durch den Geschäftsbericht im Februar publik werden wird. Hätte man damals den Sachverhalt offengelegt, wäre der Aufschrei jetzt ausgeblieben. So aber wird er sich wiederholen, sobald bekannt wird, dass Grübel mit den Optionen Kasse macht.

Dabei wollen die Aktionäre ja genau das: einen CEO, dessen Entlöhnung parallel zur Aktienentwicklung läuft. Wenn es aufwärtsgeht, verdient er mit, wenn es abwärtsgeht, verfallen die Optionen wertlos. Grübels Flair für gutes Timing ist bekannt.

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Unreflektierte Schnellschüsse

14. März 2010

SonntagsZeitung

Sind wir Griechenland? Hat uns unsere Regierung jahrelang mit falschen Zahlen belogen? Droht ohne radikalen Neuanfang der definitive Niedergang der Schweiz? Nichts dergleichen. Dem Land geht es wirtschaftlich im Vergleich zum Ausland hervorragend, offensichtlich hat sich unser Rechtssystem bewährt. Da fordert ein Zirkel um den Präsidenten jener Partei, die für sich in Anspruch nimmt, erst zu denken und dann zu reden, allen Ernstes von den Banken eine «Weissgeldstrategie». Sie sollen künftig nur noch versteuertes Geld annehmen.

Wie kann die auf Eigenverantwortung eingeschworene Partei nur auf die Idee kommen, den Banken eine Polizeifunktion zuzumuten? Eine offensichtlich unerfüllbare Forderung. Da übt sich eine Parteispitze in purem Populismus, da werden liberale Werte aufgegeben, bloss weil immer klarer wird, dass die Partei nach den nächsten Wahlen den zweiten Bundesratssitz nicht halten kann. Wer für den kurzfristigen Erfolg Grundsätze aufgibt, fährt tatsächlich in den Abgrund. Bei genauem Lesen zeigt sich, dass das offensichtlich unausgegorene FDP-Papier diese «Weissgeldstrategie» nur mit einzelnen OECD-Ländern vorschlägt, und diese sollen im Gegenzug den Kunden eine Amnestie und den Banken den Marktzugang aus der Schweiz heraus gewähren. Doch kommuniziert wurde so, als solle die Schweiz generell nur noch versteuertes Geld verwalten, die Schweiz zum Musterknaben des Planeten werden. Eine fahrlässige Kommunikation. Bankkunden aus aller Welt mussten den Eindruck haben, sie seien in der Schweiz definitiv nicht mehr erwünscht.

«Es gibt keinen Grund, anderen Finanzplätzen kampflos das Feld zu überlassen»

Hat die FDP vergessen, dass es hier um Wettbewerb zwischen den Finanzplätzen geht? Andere Länder stören sich am Erfolg der Schweiz und verstärken den Druck, um hier etwas zu holen. Sie vertreten eben ihre Interessen. Doch die Schweiz hat andere, volkswirtschaftliche wohlgemerkt, die darüber hinaus auf einem wohldurchdachten System der Eigenverantwortung basieren. Es gibt keinen Grund, anderen Finanzplätzen kampflos das Feld zu überlassen. Miami etwa hortet Hunderte von Milliarden südamerikanischen Geldes, selbstverständlich durch das Bankgeheimnis geschützt. Oder glaubt die FDP, die USA würden jemals eine Weissgeldstrategie proklamieren? Unversteuerte ausländische Milliarden liegen auch in Frankfurt und Paris. Gefragt ist folglich eine wohldurchdachte Strategie, wie der Finanzplatz zu verteidigen ist. Unreflektierte Schnellschüsse machen den Freisinn nicht glaubwürdiger.

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Plötzlich ist alles anders

11. März 2010

Mittelland Zeitung

Die düsteren Prognosen über weiter steigende Arbeitslosigkeit auf mindestens fünf Prozent im laufenden Jahr entpuppen sich als Schwarzmalerei. Die Wirtschaft erholt sich «überraschend schnell», wie die offizielle Begründung lautet. Noch vor einem halben Jahr sind die Prognostiker davon ausgegangen, dass es nach dem Auslaufen der Kurzarbeitskontingente zu veritablen Entlassungswellen kommen würde. Jetzt sinkt die Arbeitslosigkeit bereits. Das BIP stieg im vierten Quartal um 0,7 Prozent, ein Wert, der die Ökonomen förmlich aus den Socken gehauen hat. Die Situation war nicht so düster wie befürchtet, gerade einmal 1,5 Prozent betrug der Rückgang der Wirtschaftsleistung 2009, das ist gemessen an den Zahlen des Auslandes ein brillanter Wert. Als zuverlässiger Indikator hat sich der Aktienmarkt entpuppt, viele Industriewerte haben sich innerhalb eines Jahres glatt verdoppelt, Georg Fischer und Rieter haben sich seit den Tiefstwerten vor einem Jahr fast verdreifacht.

Einmal mehr zeigt sich, das die Prognosen tendenziell überzeichnet werden. Die Realität ist dann weniger dramatisch beziehungsweise die Märkt erholen sich viel schneller als erwartet. Die Fehleinschätzungen machen nicht die Prognostiker, zu pessimistisch sind vielmehrAussagen der befragten Personen, auf die sich die Prognosen stützen. Wenn es überall schlecht läuft, wenn die Zahlen einbrechen und die Zukunft düstererscheint, dann will niemand als naiver Schönfärber auftreten. Es gehört zurPsychologie der Masse, dass die Befragten halt mit den Wölfen heulen.

Kritik müssen sich die statistischen Ämter zum Thema Berechnungsmethode der Arbeitslosenzahlen gefallen lassen. Das Statistische Amt des Kantons Zürich beispielsweise hat bisher die Arbeitslosenquote auf der Basis der Volkszählung 2000 berechnet. Als wäre das nicht eine Selbstverständlichkeit, haben die Statistiker erst jetzt realisiert, dass sich die Arbeitslosigkeit weniger dramatisch darstellt, wenn sie sich auf aktuelle Jahresangaben abstützen. Und so kommt es, dass die Arbeitslosenquote im Kanton Zürich um 0,3 Prozentpunkte tiefer liegt als bisher ausgewiesen, jene für Ausländer ist gar um satte 0,8 Prozent geringer. Die Lage der Schweizer Wirtschaft ist weit besser als bisher vermutet. Währendandere Staaten in Schulden versinken,erzielt der Bundeshaushalt einen Überschuss von 2,7 Milliarden Franken. Dieses Land beweist seine Stärken vor allem in der Krise.

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Raiffeisen: Nicht alles Gold, was glänzt

7. März 2010

SonntagsZeitung

Keine Frage, die 350 genossenschaftlich organisierten Raiffeisenbanken gehören zu den Sympathieträgern im Wirtschaftskreislauf. Keine Raffgier trübt das Image. Eine Organisation, die auf über 1,6 Millionen Genossenschafter zählen kann und mit 1150 Filialen den Markt bearbeitet, ist tief verankert im Land. Das ist gut so. Dass sich in Zeiten, wo Fehlbaren die Kunden und damit die Gelder davonschwimmen, der Erfolg einstellt, ist nur folgerichtig. Entsprechend hat sich die Raiffeisen-Gruppe diese Woche gefeiert: 14 Prozent Gewinnzuwachs im letzten Jahr, 6,7 Milliarden Franken Neugeld, 9 Milliarden mehr Hypotheken, ein Rekordzuwachs. Alles paletti?

Bei sorgfältiger Betrachtung ist das Ergebnis nicht so toll. Trotz gewaltigem Neugeldzufluss und 9 Prozent höherem Hypobestand hat es die Bank nicht geschafft, den Bruttogewinn zu erhöhen, in einem guten Jahr blieb der Handelserfolg bescheiden (das haben die Kantonalbanken besser gemacht), und der Gewinnzuwachs kam nur dank der Aufwertung von Beteiligungen zustande. Zudem ist die Zahl der Kundendepots geschrumpft, offensichtlich sind wieder Kunden abgesprungen. Im Gegensatz zu den Kantonalbanken ist die Zinsmarge gesunken, und das in einer Zeit, wo Geld billig ist wie nie zuvor. Hier zeigt sich das Dilemma: Für das neue Geld gab es keine kurzfristigen Anlagemöglichkeiten. Früher konnte man überschüssige Gelder im Geldmarkt anlegen, doch mit der Krise wurde das zum Risiko. Also wanderten die Milliarden zur Nationalbank, wo sie zwar sicher sind, aber keinen Zins abwerfen. Weil Raiffeisen aber das Image der generösen Bank erhalten wollte, zahlte sie brav die höchsten Zinsen auf Sparbüchlein und verlor so mit jedem zusätzlich anvertrauten Franken Geld. Das ist auch der Grund, weshalb die Gruppe das Hypogeschäft so stark puschte. Sie stach die Konkurrenz aus und luchste ihr Marktanteile ab. Die Raiffeisenbanken geben sich mit geringeren Margen zufrieden als andere, namentlich auch als Kantonalbanken. Natürlich kann die Gruppe das verkraften, unangenehm wird es erst, wenn die Zinsen wieder steigen.

«Das Dilemma: Für das neue Geld gab es keine kurzfristigen Anlagemöglichkeiten»

Die Krise hat Raiffeisen zur drittgrössten Bankengruppe der Schweiz gemacht, womit sie immer mehr zur normalen Geschäftsbank mutiert. Explizit will sie jetzt verstärkt ins Firmenkundengeschäft einsteigen. Das braucht Knowhow und ist mit mehr Risiken verbunden. Auch in der Vermögensverwaltung muss die Bank zulegen, wozu eine bessere IT-Infrastruktur nötig ist. Vieles ist bei den Raiffeisenbanken noch etwas handgestrickt. Als Bank, welche bisher lediglich Spargelder sammelte und Hypotheken ausgab, war das problemlos. Mit der gewonnenen Postur und den gesunkenen Margen reicht es nicht mehr. Die fein ziselierte Genossenschaftsstruktur wird auf die Dauer in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten sein.

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Deshalb ist das Pfund so schwach

4. März 2010

Mittelland Zeitung

Umgerechnet 288 Milliarden Franken tief ist das budgetierte Loch in der diesjährigen britischen Staatskasse. Das sind 14 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), der katastrophalste Wert in der ganzen OECD und damit noch höher als jener von Griechenland (13 Prozent). Umgerechnet ergibt das in einem Jahr pro Kopf neue Schulden in einem einzigen Jahr von 4700 Franken. Entsprechend schwächelt das Pfund seit Monaten, allein am Montag verlor es vorübergehend vier Prozent, nachdem eine Umfrage ergab, dass an den Wahlen im Mai eine Pattsituation droht. Ein Parlament mit einer zu erwartenden 50:50-Besetzung blockiert sich weitgehend selbst, also fehlt es an der nötigen institutionellen Kraft, die Finanzen zu sanieren, was die Währung in den Keller schickte.

Im Einklang mit den Parteien sind auch die Ökonomen gespalten über den richtigen Gesundungsprozess für die britische Wirtschaft. Premier Gordon Brown und mit ihm die eine Hälfte der Wirtschaftsexperten vertritt die Ansicht, die quantitative Lockerung dürfe jetzt auf keinen Fall aufgegeben werden, weil sonst der leise anklingende Aufschwung sofort wieder abgewürgt würde. Für Brown ist das Riesendefizit ein kalkulierbares Risiko. Er glaubt, bis etwa 2014 liesse sich der Fehlbetrag halbieren.

Die Tories dagegen vertreten die Ansicht, es brauche ganz dringend schmerzliche Budgetkürzungen, weil mit dem wachsenden Schuldenberg die Situation des Königreichs nur noch schlimmer würde. Sie werfen der Labour-Partei vor, sie gehe verantwortungslos mit dem Geld künftiger Generationen um und würde die Kreditfähigkeit des Landes infrage stellen. Labour wiederum wirft den Tories vor, aus rein wahltaktischen Gründen das Pfund schwachzureden.

Tatsächlich sind in den letzten Tag die Prämien für Kreditversicherungen von britischen Staatspapieren nicht gestiegen, was darauf schliessen lässt, dass der Markt noch keine gravierende Schwächung des Staatshaushalts erwartet. In Griechenland war das ganz anders gewesen, die Versicherungsprämien waren in letzter Zeit massiv gestiegen.

Die finanziellen Perspektiven Grossbritanniens lassen sich indes nicht schön- reden. Die Lage ist dramatisch. In den letzten zehn Jahren sind 1,7 Millionen Arbeitsplätze in der Industrie verlorengegangen. Der Glanz des viel gelobte Finanzplatzes verblasst, Bankpleiten musste die Regierung mit Riesensummen verhindern. London verliert massiv Marktanteile an Asien, allen voran an Singapur und Hongkong. Zudem geht das Erdöl in der Nordsee zur Neige, weshalb jetzt mit erheblichem politischem Risiko vor den Falklandinseln nach Öl gebohrt wird. Wenn nicht sofort, so in spätestens einem Jahr kommt welche Regierung auch immer nicht um dramatisch Sparmassnahmen herum. Die entscheidende Frage wird sein, ob die Leute an der Spitze die Kraft dazu haben. Der Lakmustest steht dem Inselreich noch bevor.

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