Wir Westler verarmen
31. Januar 2010SonntagsZeitung
Griechenland ist aus dem Ruder. Das Land muss neues Geld in Form von Euro-Obligationen aufnehmen, doch die Investoren auf dem Eurobondmarkt streiken. Der Zinssatz ist am Freitag auf 6,9 Prozent gestiegen, in der Schweiz liegt der vergleichbare Satz bei 2,5 Prozent. Weil in diesem Jahr Dutzende von Milliarden griechischer Obligationen zur Rückzahlung fällig werden, die das Land durch Neuemissionen ersetzen muss, würde die Zinslast nicht mehr finanzierbar. Ergo ist niemand mehr bereit, diesem Land Kredit zu gewähren. Am Ende wird die EU einspringen, obwohl eine Rettung in solchen – bisher hypothetischen Fällen – immer kategorisch ausgeschlossen wurde. Die unvermeidliche Rettung hat den Euro massiv geschwächt, zumal Griechenland vermutlich Vorreiter einer ganzen Welle möglicher staatlicher Insolvenzen ist: Irland, Portugal und Spanien könnten folgen, später vielleicht Italien.
«Niemand hat ein taugliches Rezept für eine Trendwende»
Diese Länder sind Beispiele für die typische Situation des Westens: Die Staatsverschuldung nimmt furchterregende Ausmasse an, auch in den USA. Rekorddefizite melden auch das Vereinigte Königreich, Frankreich oder Deutschland. Die Schweiz übrigens steht mit weisser Weste da, Finanzminister Hans-Rudolf Merz wird für 2009 schwarze Zahlen präsentieren können, was allerdings im Ausland nicht nur Respekt hervorrufen, sondern auch Argwohn schüren wird.
Wie schlimm es um den Westen steht, blenden die Politiker aus. Die Schuldenberge drücken auf die Konkurrenzfähigkeit, Spanien hat beschlossen, die Mehrwertsteuer von 16 auf 18 Prozent zu erhöhen. Gleichzeitig wachsen die Schwellenländer – die Bezeichnung wird zunehmend grotesker – mit enormem Tempo. China boomt wieder mit einem Wirtschaftswachstum von über 10 Prozent, die Währungsreserven betragen gigantische 2400 Milliarden Dollar. Die globalen Folgen dieser Krise sind beängstigend. Das Ungleichgewicht zwischen dem verschuldeten Westen und den Überschussländern nimmt gewaltig zu, ja Letztere finanzieren den Konsum der westlichen Welt. Ein taugliches Rezept für eine Trendwende hat niemand. Das Beispiel Griechenlands zeigt, welche Folgen eine Korrektur hat: Lohnkürzungen, höhere Steuern, Arbeitslosigkeit und wohl bald soziale Unruhe. Nein, die Zukunft sieht vielerorts nicht lustig aus.
