Archiv für Dezember 2009


Staatliches Schneeballsystem

31. Dezember 2009

Mittelland Zeitung

Die am Jahresende befragten Börsenprofis und Anlageberater malen in aller Regel – und auch heuer – ein verhalten positives Bild über die Börsenentwicklung der kommenden zwölf Monate. Das ist quasi berufsspezifischer Optimismus, schliesslich hängen die Börsenumsätze und damit die Einnahmen einer Bank ganz entscheiden von der Stimmung ab. Wer will diese schon schlechtreden? 2009 war für die Banken ein miserables Börsenjahr (Umsätze –40 Prozent), es kann folglich kaum schlechter werden.

Das Problem bei allen Börsenprognosen ist aber die statische Ausgangslage. Vorhersagen gehen immer von der Prämisse «ceteris paribus» (lat. für «unter sonst gleichen Bedingungen») aus. Die Prognose setzt voraus, dass Rahmenbedingungen gleich bleiben. Und genau daran scheitern die Auguren regelmässig, weil diese Rahmenbedingungen eben nicht gleich bleiben. So wurden weder die Finanzkrise noch der Golfkrieg und schon gar nicht die Terroranschläge von 9/11 vorausgesehen. Exogene Faktoren lassen sich schlicht nicht quantitativ in ein Prognosemodell einpacken.

Die Rahmenbedingungen, die im kommenden Jahr die Hoffnungen auf höhere Kurse durchkreuzen könnten, betreffen die Reaktionen des Marktes auf die massiv steigende Verschuldung einer Reihe von Staaten. Griechenland ist da bloss die Spitze des europäischen Eisbergs. Eben sind die Verschuldungszahlen Deutschlands für die ersten drei Quartale 2009 bekannt geworden. Innert Jahresfrist stiegen die Nettoschulden von 17,2 auf 114,1 Milliarden Euro. Um fast 200 Milliarden Euro wird die britische Neuverschuldung zunehmen, wobei die britische Volkswirtschaft deutlich weniger produktiv ist als die deutsche.

Die Zahlen von Frankreich, Spanien und Italien will man schon gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. All diese Gelder werden theoretisch ja nicht einfach mit Notendruck herbeigeschafft, sondern der Kapitalmarkt muss die horrenden Summen herbeizaubern. Doch siehe da, die kanadische Beratungsfirma Sprott hat herausgefunden, dass «gemogelt» wurde. Zur Finanzierung des einem Schwarzen Loch ähnelnden US-Defizits musste das Fed 2009 1271 Mrd. Dollar in Form von Staatsanleihen aufnehmen. Gemäss Sprott konnten aber 400 Milliarden davon nicht im Markt platziert und mussten von der Notenbank Fed übernommen werden. Damit wird in einem gewissen Sinn der Staat zu seinem eigenen Gläubiger, was nichts anderes als ein Schneeballsystem darstellt. 2010 aber stehen Staatsanleihen im geschätzten Umfang von gigantischen 1850 Mrd. Dollar zur Zeichnung an. Wenn der Markt dies nicht verkraftet, hiesse dies radikal formuliert: Das System droht erneut und endgültig zusammenzubrechen.

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Leuenbergers kapitaler Führungsfehler

27. Dezember 2009

SonntagsZeitung

Es ist Dienstag, 22. Dezember, 13.40 Uhr. Vor der vergitterten Poststelle 8045 Zürich-Giesshübel, zu der auch das nahegelegene Quartier Binz mit Hunderten von KMU gehört, steht sich ein Dutzend Personen die Beine in den Bauch und wartet entnervt, bis die Schalter aufgehen. Staatlich verordnete Mittagspause von 12 bis 13.45 Uhr im Parade-Dienstleistungsbetrieb der Schweiz. Offensichtlich denkt die Post auch in der pulsierenden Wirtschaftsmetropole nicht daran, sich auf die Kundschaft einzustellen. Weshalb sollte sie auch? Schliesslich hält sie ja immer noch bequem das Monopol auf alle Briefsendungen unter 100 Gramm. Der personifizierte Besitzer dieses Betriebs heisst Moritz Leuenberger, von Beruf Bundesrat und Sozialdemokrat alter Schule. Bei ihm ist die Botschaft, dass der Kunde König sei, auch zur Weihnachtszeit nicht angekommen. Verständlich, denn seine Post erledigt sein Sekretariat, mit den Nöten der KMU muss er sich nicht herumschlagen.

«Die Botschaft Rudolf Hugs, eines Strategen mit scharfem Geist, wollte Leuenberger nicht hören»

Genötigt, aktiv zu werden, fühlte sich der Departementschef indes in der Causa Béglé und erteilte dem lang gedienten VR-Mitglied der Post, Rudolf Hug, eine Rüge, weil dieser sich in den Augen des Magistraten erfrechte, vorzeitig und per sofort aus dem Verwaltungsrat auszutreten. Im nicht kommentierten Protestaustritt sah Hug die einzige Möglichkeit, einigermassen wirkungsvoll auf den autokratischen Führungsstil des neuen Post-Präsidenten hinzuweisen. Doch die Botschaft des Ex-Generaldirektors der Credit Suisse, eines verschwiegenen, geradlinigen Strategen mit scharfem Geist, wollte Leuenberger nicht hören. Stattdessen stellt sich der Sozialdemokrat vor den mit feudalistischen Allüren herrschenden Béglé. Dabei hätte ihm der Austritt Hugs ein Alarmzeichen sein sollen.

Indem Leuenberger öffentlich Partei für den Post-Präsidenten ergreift und tut, als führe er selber den Konzern, beraubt er sich jeder Handlungsfreiheit. Ein kapitaler Fehler. Nicht nur sind die Kompetenzen zwischen CEO und VR-Präsident offensichtlich nicht sauber geregelt, es ist auch unklar, wie stark der Staat als Eigentümer die Strategie mitbestimmt. Béglé, mit seiner Erfahrung bei der französischen Post, kopiert den klassischen französischen PDG, den Président-Directeur général, der über eine uneingeschränkte Machtfülle verfügt. Mit der in der Schweiz üblichen Trennung zwischen VR-Präsident und CEO und vor allem mit der hier üblichen Dialogkultur hat Béglés überholtes Führungsverständnis nichts zu tun. Dafür pusht Béglé die mit gewaltigen Risiken behaftete Auslandexpansion. Den Heimmarkt dagegen scheint er schon aufgegeben zu haben. Wen wunderts? Auch ein PDG geht halt nicht selber zur Post.

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Ausblick ist nur bedingt positiv

24. Dezember 2009

Mittelland Zeitung

Die Börse wird das Jahr – am Swiss Market Index gemessen – mit einem Plus von etwa 20 Prozent abschliessen. Das wäre in normalen Zeiten ein respektabler Zuwachs, allein, das Wachstum ist de facto bloss eine Korrektur auf die teilweise brutalen Verluste im Nachgang der Finanzkrise. Gemessen an den Kursen von 2006 oder 2007 liegen die meisten Anleger mit ihrem Vermögen noch tief im Minus. Wer die 20 Prozent Wachstum erreicht hat, verdankt das einer glücklichen Hand, doch das sind wohl die wenigsten. Denn der Aufschwung kam unvermittelt und war nach zwei Monaten schon wieder vorbei. Wer nicht schon lange auf den Aktien sass und auch den Abschwung durchgestanden hatte, ging leer aus.

Das neue Jahr beurteilen die Optimisten positiv, die Pessimisten warnen heftig. Mit einer rosa Brille ausgerüstet, erkennt man Silberstreifen am Horizont, das Ende der Rezession ist in Sicht. Die Börse wird die Konjunkturerholung irgendwann, in drei, sechs oder neun Monaten, vorwegnehmen, also empfehlen die Optimisten, jetzt Aktien zu kaufen. Die Kunst liegt im Stockpicking, also in der richtigen Auswahl. Da kann eine Branche schlecht laufen, aber auf den richtigen Titel gesetzt, übertrifft man den Index.

Die Pessimisten dagegen glauben nicht an das übliche Spiel von Krise gefolgt von nachhaltigem Aufschwung, sondern sie bewerten die Erholung vom letzten Frühjahr bloss als die Folge einer PflästerliPolitik, ohne dass die fundamentalen Probleme der Krise gelöst wären. Gemeint sind die Mengenerleichterungen (quantitative easing) der Notenbanken, also deren massive Geldspritzen, mit denen sie die Staatskassen liquide gehalten haben. Jetzt gelten diese hoch verschuldeten Staaten – Italien, Irland, Grossbritannien und die USA – als Zeitbomben, die, wie das Beispiel Griechenland zeigt, durchaus das Potenzial zu sozialen Konflikten haben, weil der aufgezwungene Sparkurs letztlich Zehntausende von Stellen kostet, die Schulen schwächt, die Armen benachteiligt und die Wirtschaft an den Rand des Abgrunds treibt.

Zu vermuten ist, dass sowohl die Optimisten wie die Pessimisten Recht bekommen. Es wird 2010 Aktien mit herausragender Performance geben, aber gleichzeitig werden wir erkennen müssen, dass die Krise Metastasen gebildet hat mit dramatischer Wirkung. Unbarmherzig, wie der Markt ist, wird er Länder, denen er keine Erholung zutraut, abstrafen. Damit stehen der EU schwere Prüfungen bevor. An den Euro gebundene schwache Länder sind der Möglichkeit beraubt, abzuwerten und damit ihre Exporte zu verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Stattdessen muss die EU-Kasse die Löcher stopfen, was das Problem nur verschiebt, aber nicht löst. Das wird den Euro schwächen, ein Trend, dem der Dollar schon unterliegt. Für den Schweizer Franken ein dramatisches Szenario. Der Aufwärtsdruck wird massiv sein. Ein harter Franken ist nicht, was unsere Industrie braucht.

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Zur Nachahmung nicht empfohlen

20. Dezember 2009

SonntagsZeitung

Banker und Politiker in London streiten heftig über die Bonus-Supersteuer. Die Noch-Labour-Regierung will bei den in London ansässigen Banken die Hälfte des für die Boni reservierten Betrags abschöpfen. Bezahlen müssen also nicht die Bezüger, sondern die Banken. Die Begründung des wahlpolitisch motivierten Schachzugs: Ohne die Staatshilfe wäre das Finanzsystem zusammengebrochen, und die Banken wären pleite. Folglich seien die heuer erzielten Gewinne nur dank dem Staat möglich geworden, der also das Recht habe, diese zur Hälfte abzuschöpfen.

Ein Modell für die Schweiz kann diese Supersteuer nicht sein. Erstens ist die Argumentation schwach, weil rund die Hälfte der geplanten Supersteuer ohnehin durch die übliche Einkommenssteuer dem Staat zufliesst. Der Zusatznutzen ist bescheiden, der Imageschaden umso grösser. Dass ein Staat kurz vor Jahresende in das laufende private Vertragsrecht eingreift, kommt Willkür gleich. Die Steuer soll den Druck auf die Banken erhöhen, die Boni zu senken und stattdessen das Eigenkapital zu stärken. Doch die Hauruck-Aktion wird auch hier zum Rohrkrepierer, denn die Banken werden – an Verträge gebunden – die Differenz auf andere Weise ausgleichen, sodass am Schluss weniger statt mehr für die Kapitalaufstockung übrig bleibt.

«Es heisst, die Banken planten, ganze Abteilungen nach Zürich zu verlegen»

So hat Joe Ackermann (Deutsche Bank) bereits angekündigt, die Londoner Kollegen nicht allein bluten zu lassen, sondern den verbleibenden Bonusbetrag der Gesamtbank unter allen Bonus-Berechtigten, also auch unter den Londoner Kollegen, anteilsmässig zu verteilen. Die Banken werden jetzt die Basissaläre erhöhen oder den Umweg über Kredite wählen. Wir sind gespannt, wie CS und UBS das Problem lösen. Beide Banken schütten einen Grossteil ihrer Boni in der City aus.

Der Frust in London sitzt tief, und schon wird der Zerfall oder gar das nahe Ende des Finanzplatzes beschworen. Es heisst, die Banker studierten jetzt eifrig die Immobilienpreise in Zürich und Hongkong, und mancher erwäge den Wegzug. Bereits hätten einige Dutzend Hedge-Funds London Richtung Schweiz verlassen und die Banken planten, ganze Abteilungen nach Zürich zu verlegen. Wie schnell sich ganze Märkte verschieben, hatte in den Siebzigerjahren der Schweizer Finanzplatz erfahren, als wegen der Stempelsteuer der gesamte Eurobondhandel über Nacht auf Nimmerwiedersehen von Zürich nach London verlegt wurde. Der Schweiz kann die Diskussion in London recht sein. Nachahmung nicht empfohlen.

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UBS: Versagen bleibt Versagen

17. Dezember 2009

Mittelland Zeitung

Zugegeben, die Zürcher Staatsanwaltschaft hatte eine unlösbare Aufgabe. Der Volkszorn über die Milliardenverluste der UBS ruft nach Schuldigen und nach Verurteilung. Mit dem angerichteten Desaster hat die Bank die Schweiz in eine Krise gestossen. Das helvetische Selbstverständnis ist nicht mehr, was es war, unser Image im Ausland ist angekratzt, manche Bürger hatten manchmal das Gefühl, man wohne in einem Schurkenstaat.Kein Wunder, ruft die Masse nach Sühne.Doch die Staatsanwaltschaft winkt ab. Mit gutem Grund.

Die schiere Grösse der Verluste verstellt den Blick auf die juristischen Fakten. Es liegt kein Betrug vor, auch keine Urkundenfälschung, sondern schlicht und einfach Managementversagen ingigantischem Ausmass zwar, aber eben «nur» ein Versagen. Das aber ist kein Offizialdelikt. Denn die ungetreue Geschäftsbesorgung, die eine Verurteilung erlauben würde, setzt ein absichtliches, also vorsätzliches Handeln voraus. Das ist auch richtig so, denn unternehmerisches Handeln heisst ja per se, Entscheide zu fällen, deren Auswirkungen erst in der Zukunft sichtbar werden. Die Zukunft aber ist unsicher, deshalb wird jeden Tag irgendwo unternehmerisch falsch entschieden: OC Oerlikon kaufte Saurer viel zu teuer, Swiss Life überzahlte AWD massiv. Im Fall der UBS waren die Auswirkungen der Subprime-Käufe gigantisch und krass, die Kontrolle hat versagt, ja es lag eine Kaskade von Fehleinschätzungen vor. Aber niemand behauptet Ospel, Wuffli oder Kurer hätten ihre Bank absichtlich schädigen wollen, und schon gar nicht lässt sich das belegen.

Geradezu grotesk ist der Vorwurf von SP-Generalsekretär Levrat, die Staatsanwaltschaft habe «die Arbeit verweigert», weil sie jetzt auf eine Strafuntersuchung verzichte. Das ist reiner Populismus. Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft Tausende von Seiten an Dokumenten geprüft, zeitweise waren vier Staatsanwälte mit der Voruntersuchung betraut. Es wurden Rechtsprofessoren zurate gezogen, ausländische Behörden befragt und Verfahren geprüft. Durch detaillierte Untersuchungen (Finma) war der Sachverhalt gegeben, was in vielen Rechtsfällen unklar ist und erst erarbeitet werden muss. Deshalb konnte die Staatsanwaltschaft lehrbuchmässig überprüfen, ob eine Verletzung einer Strafrechtsnorm vorliegt. Sie kam zum eindeutigen Schluss, dass dies nicht der Fall ist. Das gilt auch für die Beihilfe zur Steuerflucht in den USA. Die ist bekanntlich in der Schweiz nicht strafbar. Der Vergleich mag lapidar klingen, aber er ist im Grundsatz derselbe: Wer in den USA zu schnell fährt, wird dort bestraft (die UBS hat sich mit den US-Behörden in einem Vergleich geeinigt und eine Busse bezahlt), aber deswegen wird man nicht auch noch in der Schweiz gebüsst.

Das Recht ist das eine, die Ehre das andere. Ein Strafverfahren wäre zwar eine offizielle Schuldzuweisung, quasi für das Geschichtsbuch. Doch die Verantwortlichen für das Debakel sind öffentlich gebrandmarkt. Oder möchte jemand in der Haut von Marcel Ospel stecken? Versagen, bleibt Versagen.

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Das Desaster von OC Oerlikon

13. Dezember 2009

SonntagsZeitung

Mit OC Oerlikon steht wieder einmal ein Grosser der Schweizer Industrie am Abgrund, und wie so oft läuft die Kommunikation schief. Die Bombe (Kapitalschnitt, Kreditstundung, Verzichtsleistungen) liess der Konzern am Dienstagnachmittag mitten ins Börsengeschehen platzen. Angeblich wegen eines Lecks in London konnte man mit der Information nicht noch zwei Stunden bis Börsenschluss warten. Ach ja? Wo war denn das Leck? Niemand weiss etwas Konkretes. Die 23 Banken des Kreditkonsortiums hingegen sind schon seit dem 23. November informiert. Sie haben gegenüber den Kleinanlegern einen Wissensvorsprung. Die Börse müsste das Informationsverhalten von OC Oerlikon überprüfen. Auch würde man gerne wissen, weshalb sie am Dienstagnachmittag den Handel in OC Oerlikon nicht ausgesetzt hat.

«Die Banken verlangen von Vekselberg 300 bis 500 Millionen Franken neues Geld»

Das Informationsverhalten von OC Oerlikon sieht eher nach gezieltem Druck auf die Banken aus. Denn die Zeit drängt. Sobald ein Konzern wankt, springen Kunden ab. Auch finanziell ist die Lage schlimmer, als es der Markt wahrhaben will. OC Oerlikon ist überschuldet. Mit aufgelaufenen Zinsen sind rund zwei Milliarden Franken Kredite ausstehend, bei einer Ebit-Marge, die tief im Minus liegt. Gemäss Insidern wird der Konzern dieses Jahr nochmals rund eine halbe Milliarde Verlust machen. Damit Arbeitsplätze gerettet und die darbenden Töchter wie Balzers und Saurer oder der Solar-Bereich weiterarbeiten können, muss mit tiefen Schnitten saniert werden. Unter diesen Umständen wird die Revisionsgesellschaft nur noch bereit sein, die einzelnen Firmen zu Tageswerten in der Holding-Bilanz einzusetzen, womit sich der gewaltige Goodwill in Luft auflöst. Um einigermassen gesund dazustehen, müssen die Schulden zwingend von zwei auf eine halbe Milliarde gesenkt und die Kredite von der Holding in die Betriebsgesellschaften verlegt werden.

Das würde bedeuten, dass die Banken auf die Hälfte ihrer Ausstände verzichten, für eine weitere halbe Milliarde müssten sie Kredite in Aktienkapital umwandeln. Vor allem aber muss Grossaktionär Viktor Vekselberg (44 Prozent der Stimmen) neues Geld einschiessen, denn die Banken sind nicht bereit, auf ihre Kosten die Firma eines Milliardärs zu sanieren. 300 bis 500 Millionen Franken neues Geld fordern die Banken von Vekselberg. Sonst werden sie ihn mit OC Oerlikon fallen lassen. Damit steht ein Showdown bevor. Die bisherigen Aktionäre aber werden den Wert ihrer Papiere auf einen symbolischen Restbetrag schrumpfen sehen. Kaum zu glauben, dass OC Oerlikon vor drei Jahren noch fast acht Milliarden wert war.

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OC Oerlikon wankt bedenklich

10. Dezember 2009

Mittelland Zeitung

Man musste wahrlich kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass das OC-Oerlikon-Abenteuer irgendwann Schiffbruch erleiden würde. Ein Fall fürs Lehrbuch: Am Anfang steht ein ohne Inspiration geführter Konzern, der gerade deswegen in die Fänge von Spekulanten gerät. Eine Staatsbank (ZKB) mit ehrgeizigem Chef will auch zu den grossen Deal-Makern gehören und verhilft zwei österreichischen Spekulanten, mit Optionen und anderen Tricks die Kontrolle über die Firma zu erlangen. Sie holen sich einen grossspurig auftretenden deutschen Jungmanager, der verkündet, aus der Firma eine Kopie der legendären General Electric machen zu wollen. In der Folge wird massiv expandiert, Höhepunkt ist die überteuerte Akquisition von Saurer. Mit dem Textilmaschinenbauer wagt sich OC Oerlikon auch noch in eine der schwierigsten Branchen überhaupt, wozu jedes Know-how fehlt. Über die Runden kommt man in einer ersten Phase nur dank einem Deus ex Machina, der in Form des russischen Oli-garchen Viktor Vekselberg erscheint. Er ermöglicht den Österreichern den Ausstieg und hält nun fast 45 Prozent der Aktien. Die Banken erliegen seinem Charme und gewähren dem Konzern irrwitzige Kredite von 2,5 Milliarden Franken. Doch die Finanzkrise und die darauffolgende heftige Rezession bereiten alledem ein Ende. Die Verkäufe brechen in allen Sparten dramatisch ein, der gewaltige Schuldenberg wird zum Mühlstein, der den Konzern erbarmungslos auf den Grund zieht.

Eilends holt man sich mit Hans Ziegler einen Sanierer, der das tut, was unvermeidlich ist. Er versucht den Banken nicht die Stundung einer im März fälligen 600-Millionen-Kredittranche aufzuzwingen, die Geldgeber sollen auch auf einen erheblichen Teil davon verzichten bzw. Kredite in Aktienkapital umwandeln. Auch von einem Kapitalschnitt ist die Rede. Symptomatisch für das Chaos, misslingt die Kommunikation total, das ganze Krisenszenario musste am Dienstag wegen eines Lecks mitten im Börsengeschehen publiziert werden.

Aus ähnlichen früheren Sanierungsfällen weiss man: Die Übung ist zum Scheitern verurteilt. Wenn sich 23 Banken eines Konsortiums auf einen Sanierungsplan einigen sollen, scheren immer ein paar aus und das ganze Konstrukt stürzt in sich zusammen. OC-Oerlikon-Aktionäre tun gut daran, sich auf einen drastischen Kapitalschnitt einzustellen. Denn in diesem Spiel werden sich die Revisionsfirmen sträuben, die Beteiligungen in den Büchern der Holding weiterhin zu Fortführungswerten zu bilanzieren. Also müssen Tageswerte eingesetzt werden, womit der gesamte gigantische Goodwill aus den Akquisitionen verpufft und zu einem nicht verkraftbaren Abschreibungsbedarf führen wird. Das Problem jedenfalls dürfte unlösbar sein, die Gruppe wird ihre Beteiligungen notfallmässig verkaufen müssen.

Verhindern könnte dies allenfalls Vekselberg selber. Er müsste Hunderte von Millionen einschiessen und so das Eigenkapital wieder aufstocken. Ob er dazu überhaupt noch in der Lage ist? Nein, sagen die meisten auf dem Finanzplatz. Es ist zu befürchten, dass OC Oerlikon in der aktuellen Form nicht überleben wird.

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Warum höhere Studiengebühren sinnvoll sind

6. Dezember 2009

SonntagsZeitung

Das Thema Studiengebühren ist wieder einmal auf dem Tapet. Die Finanzkommission des Kantons Zürich will die Beiträge an Uni und Fachhochschulen kürzen, was diese zwingen würde, die Semestergebühren von heute knapp 700 Franken auf 1200 Franken zu erhöhen. Ist das staatspolitisch erwünscht?

Niemand soll aus finanziellen Gründen vom Studium ausgeschlossen werden. Dafür gibt es Stipendien, und die sind grosszügig zu gewähren, allenfalls in Form zinsloser Darlehen. Tiefe Studiengebühren aber sind ungerecht und fördern bildungspolitische Ineffizienz. Fakt ist, dass der überwiegende Teil der Studierenden aus Familien des Bildungsbürgertums, des Mittelstands, stammt, die sehr wohl in der Lage sind, ihre Sprösslinge mitzufinanzieren. Gemäss dem gültigen Gesellschaftsvertrag finanziert die Allgemeinheit – der Steuerzahler – eine Elite und ermöglicht ihr ein Hochschulstudium. Diese wiederum gibt der Gesellschaft später überdurchschnittliche Leistungen zurück, in Form von wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Sonderleistungen oder einfach über ein höheres Steueraufkommen. Den Staat kostet ein Student je nach Fakultät zwischen 30 000 und 130 000 (Medizin) Franken pro Jahr. Im Mittel sind die Studierenden fünf bis sieben Jahre an einer Hochschule, am längsten die Phil.-I-Absolventen. Bei einer durchschnittlichen Studienzeit von fünfeinhalb Jahren und durchschnittlichen Kosten von 40 000 Franken erhält ein Hochschulabsolvent vom Steuerzahler eine Bildung im Gegenwert von 220 000 Franken.

«Studierende würden sich viel eher überlegen, ob das Studium zum Broterwerb reicht»

Höhere Studiengebühren hätten eine durchaus erwünschte Lenkungswirkung. Heute deckt ein Student gerade mal drei Prozent der Kosten seines Studiums. Je höher aber die Studiengebühr, desto eher kommt das Prinzip «Wer zahlt, befiehlt» zum Tragen. Mehr Mitsprache der Studierenden würde sich positiv auf die Studienqualität auswirken, schlechte Dozenten etwa würden eher ausgemustert. Dank der höheren Eigenfinanzierung würden sich die Studierenden viel eher überlegen, ob das gewählte Studium auch zum Broterwerb reicht. Die Nachfrage nach berufsbefähigenden Abschlüssen, etwa nach Ingenieurstudien, nähme zu. Höhere Studiengebühren sind verursachergerecht, führen zu mehr Eigenverantwortung und zu mehr Effizienz. Davon profitierten alle, die Studierenden, der Staat und die Steuerzahler.

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Banken: Bisher keine Geldabflüsse

3. Dezember 2009

Mittelland Zeitung

Führt das Minarett-Verbot dazu, dass die Schweizer Banken mit dem Abzug von Vermögen aus dem islamischen Raum rechnen müssen? Natürlich lässt sich diese Frage nach drei Tagen nicht beantworten, weil bisher schlicht keine entsprechenden Kündigungen oder Geldabzüge festzustellen sind. Jedenfalls ist das die einhellige Antwort aller angefragten Banken und Vermögensverwalter, die insbesondere im arabischen Raum, in den Golfstaaten vertreten sind oder aus der Schweiz heraus Kunden betreuen. Nahostspezialist Leo Wyss etwa, von der Vermögensfirma Wyss-Partner in Wangs SG, der täglich mit Anlagekunden aus der Golfregion kommuniziert, hat seit Montag nicht eine einzige Bemerkung zur Minarett-Verbot mitbekommen, geschweige denn sei Geld abgezogen worden. «Gerade den Menschen am Golf ist sehr wohl bewusst, dass der islamistische Terror das Image des Islam im Westen negativ beeinflusst.» Die Reaktion sei vor allem in den hiesigen Medien heftig, zumindest in der Golfregion, die Wyss aus langjähriger Tätigkeit kennt, sei die Annahme der Minarett-Initiative kaum beachtet worden.

Weit gravierender hingegen sind die Auswirkungen der Meldung, wonach die staatseigene Investmentgesellschaft Dubai World um Zahlungsaufschub für die Zinsen von zwei Anleihen bitten musste. Am Dienstag wurden die Börsen in Dubai erstmals wieder geöffnet. Der Aktienindex fiel um 7,3 Prozent, die Aktien von Dubai World gar um 15 Prozent und die fraglichen Anleihen werden noch mit einem Kurs von 55 Prozent ihres Nominalwertes gehandelt. Gemäss Schätzungen ist Dubai mit insgesamt rund 80 Milliarden Dollar verschuldet, das entspricht ziemlich genau dem Bruttoinlandprodukt (BIP). Im internationalen Kontext ist das sehr hoch und entspricht ungefähr der Verschuldung von Italien, Griechenland oder Island.

Damit hat die Dubai-Krise zu einer neuen Erkenntnis in der Verschuldungsproblematik geführt: Bisher sind die Schwellenländer immer als besondere Risikofaktoren angesehen worden und mussten entsprechend hohe Zinsen zahlen. Nun realisiert der internationale Kapitalmarkt, dass die Risiken in hochverschuldeten Ländern der industrialisierten Welt (wozu auch Dubai zählt) offensichtlich grösser sind als jene der aufstrebenden Märkte. Griechenland und Irland etwa erreichen im kommenden Jahr einen stark ansteigenden Verschuldungsgrad (gemessen am BIP) von 110 beziehungsweise 80 Prozent, wogegen in China oder Brasilien die Schulden nicht zunehmen und auf einem bescheidenen Niveau von 46 beziehungsweise 65 Prozent verharren.

Die Anleihen hochverschuldeter Länder sind denn auch in den letzten Tagen unter Druck geraten. Analog zu Dubai wird nun befürchtet, dass auch einzelne westliche Länder zahlungsunfähig werden und um Zahlungsaufschub ihrer Schuldendienste bitten müssen. Kein Wunder, glauben viele, die nächste Finanzkrise werde durch zahlungsunfähige Industriestaaten ausgelöst.

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