Staatliches Schneeballsystem
31. Dezember 2009Mittelland Zeitung
Die am Jahresende befragten Börsenprofis und Anlageberater malen in aller Regel – und auch heuer – ein verhalten positives Bild über die Börsenentwicklung der kommenden zwölf Monate. Das ist quasi berufsspezifischer Optimismus, schliesslich hängen die Börsenumsätze und damit die Einnahmen einer Bank ganz entscheiden von der Stimmung ab. Wer will diese schon schlechtreden? 2009 war für die Banken ein miserables Börsenjahr (Umsätze –40 Prozent), es kann folglich kaum schlechter werden.
Das Problem bei allen Börsenprognosen ist aber die statische Ausgangslage. Vorhersagen gehen immer von der Prämisse «ceteris paribus» (lat. für «unter sonst gleichen Bedingungen») aus. Die Prognose setzt voraus, dass Rahmenbedingungen gleich bleiben. Und genau daran scheitern die Auguren regelmässig, weil diese Rahmenbedingungen eben nicht gleich bleiben. So wurden weder die Finanzkrise noch der Golfkrieg und schon gar nicht die Terroranschläge von 9/11 vorausgesehen. Exogene Faktoren lassen sich schlicht nicht quantitativ in ein Prognosemodell einpacken.
Die Rahmenbedingungen, die im kommenden Jahr die Hoffnungen auf höhere Kurse durchkreuzen könnten, betreffen die Reaktionen des Marktes auf die massiv steigende Verschuldung einer Reihe von Staaten. Griechenland ist da bloss die Spitze des europäischen Eisbergs. Eben sind die Verschuldungszahlen Deutschlands für die ersten drei Quartale 2009 bekannt geworden. Innert Jahresfrist stiegen die Nettoschulden von 17,2 auf 114,1 Milliarden Euro. Um fast 200 Milliarden Euro wird die britische Neuverschuldung zunehmen, wobei die britische Volkswirtschaft deutlich weniger produktiv ist als die deutsche.
Die Zahlen von Frankreich, Spanien und Italien will man schon gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. All diese Gelder werden theoretisch ja nicht einfach mit Notendruck herbeigeschafft, sondern der Kapitalmarkt muss die horrenden Summen herbeizaubern. Doch siehe da, die kanadische Beratungsfirma Sprott hat herausgefunden, dass «gemogelt» wurde. Zur Finanzierung des einem Schwarzen Loch ähnelnden US-Defizits musste das Fed 2009 1271 Mrd. Dollar in Form von Staatsanleihen aufnehmen. Gemäss Sprott konnten aber 400 Milliarden davon nicht im Markt platziert und mussten von der Notenbank Fed übernommen werden. Damit wird in einem gewissen Sinn der Staat zu seinem eigenen Gläubiger, was nichts anderes als ein Schneeballsystem darstellt. 2010 aber stehen Staatsanleihen im geschätzten Umfang von gigantischen 1850 Mrd. Dollar zur Zeichnung an. Wenn der Markt dies nicht verkraftet, hiesse dies radikal formuliert: Das System droht erneut und endgültig zusammenzubrechen.