Archiv für November 2009


Ein 810 Meter hoher frommer Wunsch

29. November 2009

SonntagsZeitung

Hochmut kommt vor dem Fall. 810 Meter hoch ist der Burj Dubai, das höchste Gebäude der Welt, dessen Einweihung im kommenden Jahr nun gefährdet ist. Die Herscherfamilie al-Maktoum ist insolvent, der Staatsfonds Dubai World kann die Zinsen nicht bezahlen. Gestundet werden 60 Milliarden Dollar. Eigentlich eine vergleichweise harmlose Geschichte, denn verglichen mit den 613 Milliarden Dollar, welche die Lehman-Pleite verschlang, ist das ein Klacks.

Trotzdem war der Schock über Dubais Zahlungsunfähigkeit enorm, weil er bestens ins Bild der wieder zunehmend sichtbaren Zerbrechlichkeit des Finanzsystems passt. Das lässt sich etwa an den Zinsen für Staatspapiere ablesen. Kurzfristige US-Schatzpapiere sind so gesucht, dass sich die Käufer im Oktober mit null Zins begnügten. Hauptsache, das Geld ist sicher. Mit Fluchtreflexen hat auch der rekordhohe Goldpreis zu tun. Angst machen die steigenden Arbeitslosenzahlen und die horrend steigende Verschuldung der Staaten. Zudem gibt es für die geplatzte amerikanische Immobilienblase einen Musterfall, der nichts Gutes voraussagt: Seit vor zehn Jahren in Japan der Immobilienmarkt kollabierte, kränkelt Japans Wirtschaft bedenklich. Wachstum blieb seither praktisch aus, während die Staatsverschuldung auf schockierende 180 Prozent des Bruttoinlandprodukts emporgeschnellt ist. Zu allem Übel fallen auch noch die Preise (minus 2,2 Prozent gegenüber Vorjahr). Bei Deflation streiken die Konsumenten, und niemand investiert mehr.

«Die auf Pump lebenden Volkswirtschaften geraten immer tiefer in den Schlamassel»

Keine beruhigenden Worte auch von jenen Stellen, die am ehesten den Überblick über den Gang der Weltwirtschaft haben: Am Dienstag sagte Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds, dass die Banken erst die Hälfte der tatsächlichen Verluste abgeschrieben hätten und dass diese erst ihr Kapital aufstocken müssten, bevor die Wirtschaft wieder Tritt fassen könne. An Kapital aber fehlt es den Banken rund um den Erdball.

Das alles verheisst nichts Gutes. In der Industrie im OECD-Raum liegen die Umsätze nach wie vor um etwa ein Viertel unter dem Niveau der letzten Jahre; die Margen tendieren gegen null oder darunter. Für die Staaten bedeutet dies sinkende Fiskaleinnahmen bei massiv höherer Verschuldung. Etwas zugespitzt, beobachten wir auf Pump lebende Volkswirtschaften, die mangels Erträgen die Schulden nicht bezahlen können und immer tiefer in den Schlamassel geraten. Gesucht ist der Deus ex Machina, der Wachstum und Gewinn bringt. Das aber ist wie ein 810 Meter hoher frommer Wunsch, zu dessen Spitze der Lift fehlt.

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Abschreckendes Grossbritannien

26. November 2009

Mittelland Zeitung

Vor Wochenfrist sind die neuesten Eckzahlen über Japan publiziert worden. Sie waren ein Schock. Seit über zehn Jahren leidet das Land unter der geplatzten Immobilienblase. Die Wirtschaft wächst kaum, die Schulden machen unvorstellbare 180 Prozent des gesamten Bruttoinlandprodukts aus und der Regierung gelingt es nicht, das Land auf Wachstum zu trimmen. Viel schlimmer, die Preise verbilligen sich seit über einem Jahr, aktueller Stand des Konsumentenpreisindexes: minus 2,2 Prozent.

Es herrscht also Deflation, Gift für jede Volkswirtschaft, weil die Konsumenten wissen, dass sie günstiger fahren, je länger sie mit dem Kauf von Gütern zuwarten. Geld ist praktisch zum Nulltarif zu haben (offizieller Leitzinssatz 0,1 Prozent). Wie die nachfolgende Generation den gewaltigen Schuldenberg je wird abtragen können, weiss niemand. Ohne Besserung wird irgendwann eine Währungsreform der einzige Ausweg sein, was einer allgemeinen Vermögensvernichtung gleichkäme. Noch mogelt man sich durch, noch ist das Vertrauen nicht vollständig weg, weil man verbissen daran glaubt, dass das Wachstum irgendwann zurückkehren wird.

Hier in Europa nehmen wir Japan eher virtuell war. Anders ist das mit Grossbritannien, das uns viel näher steht. Dem Vereinigten Königreich geht es mies, die Schulden explodieren, die Währung erodiert, der Finanzplatz London wankt. Nicht auszuschliessen, dass die Briten vor einem ähnlichen Phänomen stehen wie Japan vor zehn Jahren: Gemäss einer Prognose des Internationalen Währungsfonds steigen die UK-Schulden bis 2014 um die Hälfte des Bruttoinlandprodukts.

Kein anderes westliches Land muss eine ähnliche Schuldenzunahme verkraften. Ausdruck dafür ist, wenn auch ohne direkten Zusammenhang, die geheime Unterstützung zweier Banken vor einem Jahr, welche die Bank of England mit umgerechnet über 100 Milliarden Franken vor dem Kollaps retten musste. Um die Krisenstimmung nicht weiter anzuheizen, war die Rettungsaktion verschwiegen worden. Wie stark Grossbritannien schwächelt, ist am Defizit abzulesen. Gemäss den über Bord geworfenen Maastricht-Kriterien dürfte dieses nur 3 Prozent des BIP betragen. Es wird im kommenden Jahr aber auf 7,8 Prozent geschätzt, das ist sogar höher als das japanische Defizit (minus 6,9 Prozent).

Wie das Land aus der Schuldenspirale herausfinden soll, steht in den Sternen. Die Industrie hat nicht die Qualität der deutschen oder schweizerischen, der Finanzplatz schrumpft. Zu lange hat man auf ihn gesetzt, jetzt wird er mit seiner monokulturartigen Stellung zur Hypothek. Das Pfund hat in gut zwei Jahren ein Drittel seines Wertes eingebüsst. England müsste sparen, gemäss IWF sollte das Budget um 12,8 Prozent jährlich gekürzt werden, was aber die Krise nur verstärken würde. Am Beispiel Grossbritannien lässt sich ablesen, was geschieht, wenn ein Staat über die Verhältnisse lebt.

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Nette lösen das Problem nicht

22. November 2009

SonntagsZeitung

Irgendwie tut es gut, zu sehen, dass Europa gleich tickt wie die Schweiz. Statt einen international erprobten Politfuchs wie Tony Blair zum ersten EU-Präsidenten zu küren, hat man sich in Brüssel in unendlichen Kompromissen für Herrn Unbekannt aus Belgien (Herman Van Rompuy) entschieden und als Aussenministerin gleich eine Frau Unbekannt nachgeschoben (Lady Ashton), die selbst im Heimatland Grossbritannien kaum jemand kennt. Was aus föderalen Überlegungen gut sein mag, reicht im globalen Wettbewerb der Blöcke nicht mehr. Ob die EU in dieser Besetzung den Machtblöcken USA und China wirksam entgegentreten kann, darf bezweifelt werden. So wie die Schweiz in den Fällen Ghadhafi, Bankgeheimnis, graue Liste oder jetzt beim italienischen Angriff auf den Tessiner Finanzplatz bewiesen hat, dass unser Regierungssystem und unser Regierungsteam den heutigen Anforderungen der internationalen Politik nicht mehr genügen.

«Ein starker EU-Präsident könnte den USA beistehen und den Druck auf China erhöhen»

Die EU machts nicht besser. Auch sie führt nach dem Motto «Management by Champignon»: Wer den Kopf zu weit herausstreckt, wird enthauptet. Stattdessen entscheidet man sich für jemand Netten, ganz wie bei uns. Wenn da nur nicht die wirtschaftliche Brisanz der Lage wäre, die an die Topleute ganz andere Anforderungen stellt, nämlich Leadership und Durchsetzungsvermögen. Vom Bundesrat haben wir beispielsweise bisher nicht vernommen, wie er sich die Zukunft des Bankenplatzes mit stark eingeschränktem Bankgeheimnis vorstellt und wie er die wegbrechenden Steuermilliarden ersetzen will. Gleichermassen hat die EU keine Antwort, wie die Banken zu regulieren wären, noch kennt sie Mittel gegen die Arbeitslosigkeit und massiv steigende Verschuldung. Vor allem aber müsste Europa im Kräftespiel der Blöcke mithalten können. Die beiden Grossen, USA und China, verfügen mit Barack Obama und Hu Jintao über zwei Power-Präsidenten an der Spitze. Die EU hätte eine adäquate Persönlichkeit als Präsident gebraucht.

Zu lösen wäre das Fundamentalste aller Wirtschaftsprobleme – das Übergewicht Chinas. Solange China mit einer zu billigen Währung die Fabriken in den USA und Europa bedroht und so den Aufschwung verhindert, bleibt uns die Krise erhalten. Obama ist es diese Woche nicht gelungen, sein Gegenüber zu einer Aufwertung des Yuan zu bewegen. Ein starker EU-Präsident könnte den USA zur Seite stehen und den Druck auf China erhöhen. Mit einem schwachen Herrn Unbekannt ist das kaum möglich.

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Die Trickkiste hat ausgedient

19. November 2009

Mittelland Zeitung

In den Unterlagen zu den vorgestern vom Justizdepartement veröffentlichten Anhängen zum Abkommen über die Amtshilfe in Steuerfragen mit den USA (siehe Ausgabe vom Mittwoch) sind unter dem Titel «Lügengebäude» die Methoden nachzulesen, mit welchen die UBS die Steuerbehörden ausgetrickst hat, um ihren Kunden Steuern in den USA zu ersparen. Von präparierten Handys über falsche Telefonkarten bis zu Strohmännern und Pseudo-Darlehen ist alles in der Trickkiste enthalten. Die Auflistung wird nicht ohne Folgen bleiben. Auch wenn Staatsrechtler betonen, das Abkommen sei nicht präjudizierend und erlösche, wenn die 4450 Fälle aufgearbeitet sind, so werden andere Länder nachziehen wollen. Mit andern Worten: Das Offshore-Banking beziehungsweise die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung – ein Pfeiler des hiesigen Bankenplatzes – wird immer schwieriger.

Wie problematisch diese Beratungsform namentlich innerhalb der EU ist, zeigte sich vorgestern am Investor’s Day der UBS. Über 100 Milliarden an privaten Vermögen verwaltet die UBS allein aus den umliegenden Ländern (also vor allem Deutschland, Frankreich und Italien) sowie Grossbritannien. Theoretisch ist die Beratung nur möglich, wenn der Kunde in die Schweiz kommt, ihn im Ausland zu beraten, auch telefonisch, verstösst gegen das Gesetz. Es besteht also Handlungsbedarf, denn gemäss Fachleuten sind in der Schweiz über 60 Prozent der ausländischen Vermögen nicht versteuert. Was tun, wenn eine Vermögensverwaltungsbank nicht (ausländisches) Recht brechen will? Bisher haben die Banken das Risiko in Kauf genommen. Jetzt wissen sie, dass sie ein erhebliches Risiko eingehen, wenn ihre Mitarbeiter Kunden im Ausland besuchen oder kontaktieren wollen.

Das ist mithin der Grund, weshalb immer mehr Banker – etwa auch der neue Präsident der Bankiervereinigung, Patrik Odier – betonen, die Banken seien an unversteuerten Geldern nicht mehr interessiert. Fragt sich also, wie das Problem zu lösen ist. Die einfachste Abhilfe wäre ein Wechsel von off-shore zu on-shore, will heissen, Banken müssten in ihren Zielmärkten Filialen eröffnen und ihre Kunden von dort aus betreuen. Das ist erstens teuer und zweitens müssten die Kunden ihre Gelder in ihr Heimatland zurücktransferieren und dort versteuern. Ohne Amnestie wird das kein Kunde wollen, weil er sonst gewaltige Bussen zahlen müsste.

Als Alternative hofft die Bankiervereinigung auf die Einführung einer Abgeltungssteuer, der die EU zustimmen müsste. In einem solchen Abkommen blieben die Kunden anonym, aber die Zielländer erhielten hohe Steuererträge. Voraussetzung wäre, dass die EU einer pauschal erhobenen Steuer zustimmen und gleichzeitig die grenzüberschreitende Beratung zulassen würde. Ob diese Abgeltungssteuer eine Chance hat, ist offen. Je nach Experte werden sie als «intakt» bis «aussichtslos» beurteilt.

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Aktionäre dürfen jetzt zu ihren Ansichten stehen

15. November 2009

SonntagsZeitung

Übernahmekämpfe und Einflussnahme von Aktionären gehören zu den spannendsten Vorgängen in der Wirtschaft. Es geht um Manager, um Macht und um viel Geld. Spätestens seit sich der Russe Viktor Vekselberg mit gütiger Hilfe der ZKB, der Deutschen Bank und der Neuen Zürcher Bank (NZB) die Kontrolle über Sulzer gesichert hat, ist die sogenannte Gruppenbildung ein Thema. Auf Geheiss der Finanzmarktaufsicht (Finma) musste der Chef der NZB vor zwei Wochen deswegen den Stuhl räumen.

Verwaltungsräte wehren sich gegen die Einflussnahme neuer Aktionäre, sie fürchten sich vor einer Übernahme und vor dem Verlust des einflussreichen und oft gut dotierten Jobs. Also bauen sie in den Statuten Mauern auf. Sie beschränken nicht nur das Stimmrecht des Einzelnen auf 3 oder 5 Prozent, sondern ziehen auch noch das Argument Gruppenbildung heran, teilweise mit haarsträubenden Mätzchen. Bestes Beispiel dafür ist die aktive Behinderung von Giorgio Behr als starkem Aktionär von Georg Fischer (GF). So hat der GF-Verwaltungsrat die fünf (!) Aktien eines Herrn Meyer zur «Gruppe» von Giorgio Behr gezählt, weil dieser angeblich CEO von Giorgio Behrs eigener Firma sei. Später musste GF kleinlaut zugeben, dass man den Namen «verwechselt» habe.

Wer eine Gruppe bildet, war juristisch bis anhin unklar. Fest stand nur, dass juristische Personen, sofern finanzielle Beziehungen bestehen, als Gruppe gelten (Konzernklausel). Ob auch Einzelpersonen ohne nachweisbare Absprache eine Gruppe bilden und demnach nicht eingetragen werden dürfen, ist nicht präzise umschrieben. Vor allem sind Aktienrecht und Börsenrecht nicht identisch. Nun hat das Zürcher Handelsgericht im zweijährigen Streit zwischen der Medtech-Firma Tecan und der Beteiligungsgesellschaft BB Medtech einen wegweisenden Entscheid gefällt. Demnach dürfen sich natürliche Personen absprechen, ohne dass sie eine unstatthafte Gruppe bilden. Eine faktische Übereinstimmung der Interessen reiche nicht aus, die Eintragung zu verweigern, heisst es im Tecan-Urteil. «Haben verschiedene Aktionäre gleichlaufende Interessen, so werden sie zwangsläufig gleich stimmen. Dies bedeutet nicht automatisch, dass sie damit missbräuchlich handeln.» Und noch konkreter ist im Urteil nachzulesen: «Aktionären muss es im Rahmen der Koalitionsfreiheit erlaubt sein, sich vor der GV zu besprechen und in der Folge gleich abzustimmen.»

Das sind deutliche Worte, die Folgen haben werden. Jetzt können Aktionäre offen zu ihren Ansichten stehen. Machtkämpfe und Übernahmen werden transparenter. Und wohl auch häufiger.

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Finma macht mächtig Dampf

12. November 2009

Mittelland Zeitung

Das Rundschreiben der Finma zu den Vergütungssystemen ist weltweite die erste erlassene Richtlinie einer Finanzaufsichtsbehörde zur Entlöhnung von Bankangestellten. Diese Vorreiterrolle ist insofern bedeutungsvoll, als die Finma (bzw. die Schweiz) aktives Mitglied des Financial Stability Board (FSB) ist, welche im Auftrag der G-20 aktiv an der Krisenbewältigung arbeitet und angehalten ist, mit Richtlinien und Vorschriften dafür zu sorgen, dass sich der Beinahe-Kollaps des Finanzsystems nicht wiederholen kann. Das FSB existiert seit 1999, die Schweiz ist indes erst seit Januar 2007 Mitglied. Angesiedelt ist die Organisation in Basel in den Räumen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Fest arbeiten im FSB 15 Personen, welche die Arbeit der international zusammengesetzten Arbeitsgruppen koordinieren und begleiten.

Eine dieser Arbeitsgruppen hatte im Frühling das Basispapier erarbeitet, welches die Grundlage für die jetzt von der Finma erlassenen Vergütungsregelung bildet. Präsidiert hatte diese Arbeitsgruppe der designierte Präsident der Nationalbank, Philipp Hildebrand. Sein Know-how ist also auch in das Finma-Papier eingeflossen.

Das FSB arbeitet intensiv an der Krisenprävention. Zwingend nötig ist ein international harmonisiertes Regelwerk. Richtlinien braucht es nicht nur für die Vergütung von Bankern (bzw. deren Boni), noch wichtiger sind Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften, eine griffigere Rechnungslegung, die Kontrolle von Derivaten und von Hedge Funds und letztlich die international harmonisierte Finanzaufsicht selber. Und genau da hapert es, denn letztlich stehen die einzelnen Finanzplätze zueinander im Wettbewerb. Ergo wird Widerstand gegen eingrenzende Vorschriften geleistet, die Banken fürchten, das Geschäft könnte abwandern, was selbstredend auch die jeweiligen Regierungen nicht wollen. Am meisten Opposition machen die mächtigen amerikanischen Banken, just jene also, welche für das Debakel am ehesten verantwortlich sind. Somit ist aus heutiger Sicht noch völlig unklar, wie das neue Regelwerk aussehen wird. Die wesentlichsten Punkte will das FSB erst Ende dieses Jahres in die Vernehmlassung schicken. Konkret heisst das, vor 2011 wird es keine international harmonisierten Richtlinien geben.

Die Finma macht im Vergleich dazu also mächtig Dampf, nicht zur Freude der Grossbanken (obschon die Richtlinien für alle gelten). Bereits im Frühling hat die Finanzaufsicht die Eigenkapitalvorschriften erhöht, bis 2013 sollen die beiden Grossbanken 5 Prozent Eigenkapital (leverage ratio) ausweisen müssen. Als Nächstes will die Finma die Liquiditätsvorschriften verschärfen. Doch dagegen wehren sich CS und UBS intensiv. Mit gewissem Recht befürchten sie einen Wettbewerbsnachteil, sollte die Finma wieder vorpreschen. Hinter den Kulissen wird heftig am Tau gezerrt.

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Die hohe Arbeitslosigkeit begleitet uns noch lange

8. November 2009

SonntagsZeitung

Alles war bekannt, die Gründe analysiert, und doch haben die neuesten Arbeitslosenzahlen schockiert. 7 Prozent Arbeitslosigkeit im Kanton Genf, jeder 13. in der Schweiz wohnende Ausländer ohne Arbeit. Was das heisst, wenn gesamtschweizerisch nicht 4 Prozent, sondern wie prognostiziert 5 Prozent ohne Arbeit sind, kann man sich leicht ausmalen. Wahrscheinlich sind dann in den schwachen Kantonen gegen 10 Prozent ohne Job. Zahlen, an die wir uns nicht gewöhnen möchten, aber vermutlich müssen.

Hört man sich nämlich in den Unternehmen um, vernimmt man keine optimistischen Töne. Zwar haben die Bestellungen wieder angezogen, aber der Normalzustand bleibt in weiter Ferne. Die meisten Patrons glauben nicht an die Nachhaltigkeit der jüngsten Erholung. Der Trend, sagen sie, sei vielmehr wieder rückläufig. Das bedeutet nicht nur, dass die Unternehmen weiter Stellen streichen, namentlich wenn die Kurzarbeit ausläuft, sondern auch, dass die Personalbestände noch lange nicht wieder aufgestockt werden. In der jüngsten Kof-Umfrage sagt denn auch ein sattes Viertel der Firmen, sie würden in den nächsten Monaten weiter Personal abbauen. Folglich werden bis Mitte nächsten Jahres bis zu 200 000 Menschen ohne Arbeit sein, die aus der Statistik gefallenen Ausgesteuerten nicht mitgerechnet. Die 4-Prozent-Grenze werden wir vermutlich in den nächsten drei bis vier Jahren nicht mehr unterschreiten.

«Die meisten Patrons glauben nicht an die Nachhaltigkeit der jüngsten Erholung»

Das alles hat mit der Weltkonjunktur und dem Chaos zu tun, das die Finanzkrise ausgelöst hat. Ökonomisch hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Die einen reden von einer globalen säkularen Stagnation, die anderen von einer neuen Normalität. Mit dem ersten Begriff meint man eine von hoher Arbeitslosigkeit begleitete, lang anhaltende Stagnation, ein Phänomen, das Japan seit zehn Jahren kennt. Vom gewaltigen Immobilien-Crash Anfang der Neunzigerjahre hat sich das Land nie mehr erholt, trotz tiefster Zinsen und staatlichen Aufträgen. Die neue Normalität ist zwar weniger dramatisch, in der Wirkung aber ähnlich: Das Wachstum bleibt über lange Zeit niedrig. Einerseits weil wegen der gewaltigen Verschuldung immer mehr Steuereinnahmen für den Zinsendienst verwendet werden müssen. Andererseits müssen die Notenbanken bald die Zinsen erhöhen, was Investitionslust und Konsum dämpft. Das zwingt die Unternehmen, weiter zu rationalisieren. Ergo verharrt die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau. Innerhalb dieser globalen Grosswetterlage wird es der Schweiz etwas besser gehen, verschont aber werden wir nicht. All dies verheisst nichts Gutes: Immer wenn die Arbeitslosigkeit das Normalmass übersteigt, nehmen die sozialen Spannungen zu. Die Zeiten sind unruhig, und sie könnten noch weit ungemütlicher werden

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Trend «Schmalspur-Banking»?

5. November 2009

Mittelland Zeitung

An Wortschöpfungen im Finanzsektor sind wir mittlerweile ja gewöhnt. Nach den toxischen, also giftigen Wertschriften und den «Too-big-to-fail-Banken» jetzt also noch das «Narrow Banking», das enge, eingeschränkte Banking. Vielleicht brächte «Korsettbanking» die Absichten einzelner Regulatoren und Politiker auf den Punkt. Banken in ihrer Tätigkeit einzugrenzen, beruht auf der Idee, die systemrelevanten unter ihnen in ein engeres Korsett von Regulierungen zu zwängen, um damit die Sicherheit des Systems zu erhöhen. Konkret müssten sie auf eine Reihe von risikoreicheren Geschäften verzichten, insbesondere auf weite Teile des Investmentbanking, darunter vor allem Derivatgeschäfte, Verbriefungen und Wertpapierhandel.

An einer Tagung in London haben Aufsichtsbehörden und Banker diskutiert. Die Protagonisten des Narrow Banking sind überzeugt, dass eine erneute Systemkrise nur vermieden werden kann, wenn die grossen Institute aufgespalten werden. Die Kritiker dagegen sehen ein Zweiklassensystem, das nicht überleben könne. Gegen die Abspaltungsgelüste wehren sich selbstverständlich die Banker dieser Geldhäuser, etwa Joe Ackermann, Chef der Deutschen Bank. Globale Industriekonzerne brauchten global tätige Banken.

Entscheidend wird sein, ob die USA Ja zum Narrow Banking sagen werden. Der Kongress ist an der Vorbereitung eines neuen Gesetzes. Die einen möchten die Verantwortung für die systemischen Risiken der Notenbank (Fed) abnehmen und an eine neue Behörde übertragen. De facto entspräche dies einer Schwächung des Fed, was dem Umstand Rechnung tragen würde, dass die US-Notenbank unter Allan Greenspan jahrelang zu viel und zu billiges Geld zur Verfügung gestellt hatte, was die Blase erst möglich machte. Die Regierung Obama möchte genau das Gegenteil erreichen und das Fed mit der Überwachung der Systemrisiken betrauen.

Dass Europa die Aufteilung von Banken im Alleingang durchziehen wird, ist unwahrscheinlich, namentlich seit sich der Chef der britischen Überwachungsbehörde, Adair Turner, explizit dagegen stemmte. Stattdessen aber wird mit Sicherheit umgesetzt, was das in Basel ansässige Financial Stability Board beschliessen wird: international gültige Vorschriften für höhere Eigenkapital- und Liquiditätsquoten. Das allein wird die Banken vor erhebliche Probleme stellen, denn neues Eigenkapital muss weitgehend am Kapitalmarkt aufgenommen werden. Doch wer hat jetzt Lust, Milliarden in die Banken zu pumpen? Zudem verteuern neue Vorschriften die Kredite: Wenn die Banken mehr Liquidität halten müssen, kann weniger Geld ins Kreditgeschäft fliessen. Die Gefahr der Überregulierung ist real.

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China ist die Stütze der Weltwirtschaft

1. November 2009

SonntagsZeitung

Der Börsenkommentator der «Financial Times», John Authers, hat sich diese Woche bei seinen Lesern dafür entschuldigt, dass er das Börsenrally in diesem Jahr verpasst hat (S & P 500 und SMI seit März plus 60 Prozent). Damit steht Authers nicht alleine da. Die meisten Anlageberater haben ihre Kunden zur Vorsicht gemahnt. Gekauft haben Institutionelle, die nicht auf Cash sitzen bleiben durften. Dem klassischen Kleinanleger blieb bloss der Frust, die Hausse zog an ihm vorüber. Mittlerweile ist der kräftige Aufwärtstrend erschlafft und Vorsicht angebracht. Wir waren Zeuge des stärksten Wiederaufschwungs der letzten hundert Jahre. Eine Korrektur der Korrektur drängt sich förmlich auf.

Davon abgesehen könnten die Unsicherheiten über den weiteren Konjunkturverlauf nicht grösser sein. Zu den Pessimisten gehörte bis letzte Woche die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF). Ihre Prognose war düsterer als alle andern. Doch am Freitag der plötzliche Wandel: Das Stimmungsbarometer, teilte die KOF mit, habe sich innert Monatsfrist deutlich verbessert, von 0,77 auf 1,45 Zähler, was übersetzt auf das sogenannte Kern-BIP, das 90 Prozent der Wertschöpfung enthält, bedeutet, dass die Wirtschaft wieder wachse. Ende der Rezession also. Ist das die Entwarnung?

Davon kann keine Rede sein. Die Schwarzmaler führen eine Reihe von Argumenten ins Feld: Die Banken hätten die notwendigen Abschreibungen ihrer Risikopositionen erst zu Hälfte vollzogen, die Entlassungswellen in Europa stünden erst noch bevor. In den USA verlören jetzt wegen der Rezession auch die Geschäftsimmobilien massiv an Wert, was ebenso schlimm sei wie die Subprime-Krise. Jene, welche die Welt durch die rosa Brille sehen, nehmen zur Kenntnis, dass die US-Wirtschaft wieder um 3,5 Prozent gewachsen ist, dass das Finanzsystem wieder funktioniert und die meisten Banken Gewinne schreiben. Vor allem aber verweisen sie auf China, das für das dritte Quartal ein Wachstum von 8,9 Prozent gemeldet hat, weit über den Erwartungen.

Tatsächlich ist China die grosse Überraschung und straft alle Prognosen Lügen. Der Regierung hat niemand abgenommen, dass sie das angekündigte Investitionsprogramm auch umzusetzen in der Lage ist. Doch die Zahlen zeugen von einer Flexibilität, der der Westen nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hat. Die Nachfrage aus China ist zur entscheidenden Stütze für die Weltwirtschaft geworden. Die Frage ist bloss: Wird es für einen nachhaltigen Stimmungsumschwung reichen? Die Welt hat ein Klumpenrisiko: Es heisst China. Ergo bleibt die Ungewissheit.

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