Ein 810 Meter hoher frommer Wunsch
29. November 2009SonntagsZeitung
Hochmut kommt vor dem Fall. 810 Meter hoch ist der Burj Dubai, das höchste Gebäude der Welt, dessen Einweihung im kommenden Jahr nun gefährdet ist. Die Herscherfamilie al-Maktoum ist insolvent, der Staatsfonds Dubai World kann die Zinsen nicht bezahlen. Gestundet werden 60 Milliarden Dollar. Eigentlich eine vergleichweise harmlose Geschichte, denn verglichen mit den 613 Milliarden Dollar, welche die Lehman-Pleite verschlang, ist das ein Klacks.
Trotzdem war der Schock über Dubais Zahlungsunfähigkeit enorm, weil er bestens ins Bild der wieder zunehmend sichtbaren Zerbrechlichkeit des Finanzsystems passt. Das lässt sich etwa an den Zinsen für Staatspapiere ablesen. Kurzfristige US-Schatzpapiere sind so gesucht, dass sich die Käufer im Oktober mit null Zins begnügten. Hauptsache, das Geld ist sicher. Mit Fluchtreflexen hat auch der rekordhohe Goldpreis zu tun. Angst machen die steigenden Arbeitslosenzahlen und die horrend steigende Verschuldung der Staaten. Zudem gibt es für die geplatzte amerikanische Immobilienblase einen Musterfall, der nichts Gutes voraussagt: Seit vor zehn Jahren in Japan der Immobilienmarkt kollabierte, kränkelt Japans Wirtschaft bedenklich. Wachstum blieb seither praktisch aus, während die Staatsverschuldung auf schockierende 180 Prozent des Bruttoinlandprodukts emporgeschnellt ist. Zu allem Übel fallen auch noch die Preise (minus 2,2 Prozent gegenüber Vorjahr). Bei Deflation streiken die Konsumenten, und niemand investiert mehr.
«Die auf Pump lebenden Volkswirtschaften geraten immer tiefer in den Schlamassel»
Keine beruhigenden Worte auch von jenen Stellen, die am ehesten den Überblick über den Gang der Weltwirtschaft haben: Am Dienstag sagte Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds, dass die Banken erst die Hälfte der tatsächlichen Verluste abgeschrieben hätten und dass diese erst ihr Kapital aufstocken müssten, bevor die Wirtschaft wieder Tritt fassen könne. An Kapital aber fehlt es den Banken rund um den Erdball.
Das alles verheisst nichts Gutes. In der Industrie im OECD-Raum liegen die Umsätze nach wie vor um etwa ein Viertel unter dem Niveau der letzten Jahre; die Margen tendieren gegen null oder darunter. Für die Staaten bedeutet dies sinkende Fiskaleinnahmen bei massiv höherer Verschuldung. Etwas zugespitzt, beobachten wir auf Pump lebende Volkswirtschaften, die mangels Erträgen die Schulden nicht bezahlen können und immer tiefer in den Schlamassel geraten. Gesucht ist der Deus ex Machina, der Wachstum und Gewinn bringt. Das aber ist wie ein 810 Meter hoher frommer Wunsch, zu dessen Spitze der Lift fehlt.