Die Banken verweigern jedes Risiko
28. Juni 2009SonntagsZeitung
Man ist sich einiges gewöhnt in Sachen Konjunkturprognosen. Nachdem zwei Jahre lang die Voraussagen nach unten korrigiert wurden, scheint plötzlich das Gegenteil nötig zu werden. Die OECD hat am Donnerstag ihre März-Prognosen nach oben korrigiert. Im Jahr 2010 sollen die Schlüsselmärkte wachsen: China um 9,3 Prozent (statt 8,5), Brasilien um 4 (statt 3,8), die USA um 0,9 (statt 0), und Japan um 0,7 Prozent (statt -0,5). Die Trendwende hat mit den gewaltigen Summen zu tun, welche die Notenbanken den Geschäftsbanken zur Verfügung stellen. Eben hat die europäische Zentralbank 1100 Banken 442 Milliarden Euro zu gerade mal einem Prozent Zins ausgeliehen. So weit so gut. Doch reichen die Banken das Geld an die Industrie weiter? Zweifel sind berechtigt, wie Beispiele aus der Schweiz zeigen.
«Reichen die Banken das Geld an die Industrie weiter? – Zweifel sind berechtigt»
Tiefe Zinsen helfen, die Kosten tief zu halten, doch es braucht auch den Willen, Geld überhaupt aus- zuleihen. Den Banken ist der Risikoappetit vergangen. Bloss keine weiteren Ausfälle, lautet die Devise. Dazu kommt die Situation des einzelnen Kreditverantwortlichen. In einer Zeit, wo Stellen gestrichen und Kollegen gefeuert werden, fürchtet der Einzelne um seinen Job. Lieber verzichtet er auf ein Geschäft, als dass er (oder sie) einen Kreditausfall in Kauf nimmt. Und weil früher Boni für neue Geschäfte bezahlt wurden, heute aber ein Ausfall miteingerechnet wird, entfällt dieser Anreiz. Das Resultat: Kredite werden nur gesprochen, wenn das Risiko gegen null tendiert. «Dafür braucht es keine Banken», sagt ein entnervter KMUler, dem die UBS einen Kredit von einer halben Million Franken verweigerte, während die CS mit der Begründung, das Volumen sei zu klein, gar nicht erst mitgeboten hatte. Sein Vater musste ihm aushelfen, indem er bei der Kantonalbank die Hypothek aufstockte. Doch nicht jeder hat einen kreditfähigen Vater.
Kein Wunder fordert Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann, der Staat solle für KMU eine Bürgschaft anbieten, damit sie von den Banken bessere Kreditkonditionen erhalten. Wenn die Banken ihr Geschäft nur noch darin sehen, von Sparern Geld entgegenzunehmen und ihnen Aktien und Obligationen ins Portefeuille zu legen, bricht das System zusammen. Da nützt es nichts, wenn die Zentralbanken Geld fast gratis zur Verfügung stellen. Und die Konjunkturprognosen entpuppen sich einmal mehr als falsch.