Archiv für Mai 2009


Stärkere Verschuldung des Staats vermeiden

31. Mai 2009

SonntagsZeitung

Am Dienstag publiziert die Maschinenindustrie Schreckenszahlen: Der Auftragseingang brach im ersten Quartal um über 40 Prozent ein. Zwei Tage später folgte die Bestätigung aus der Realwirtschaft: Georg Fischer meldete einen Umsatzeinbruch im ersten Quartal von 38 Prozent. Doch offensichtlich geht es längst nicht allen Sektoren schlecht. Die Exporte medizinischer Instrumente etwa haben in dieser Periode um 13,5 Prozent zugenommen, und die Ausfuhren von klassischen Industrieprodukten wie Elektromotoren lagen über 5 Prozent im Plus. Auch wenn Quartalszahlen mit Vorsicht zu interpretieren sind, so zeigen sie doch, dass Bereiche mit hoher Wertschöpfung viel weniger anfällig sind als Produkte mit geringer Wertschöpfung. GF ist ein gutes Beispiel für die Krise in einem Bereich mit mageren Margen: Fast die Hälfte des Umsatzes macht sie mit gegossenen Autobestandteilen. Massenprodukte, die in schlechten Zeiten sogar unter den Gestehungskosten verkauft werden müssen. Entsprechend war das Betriebsergebnis von GF-Automotiv schon im letzten Jahr negativ. Die angekündigte Strukturanpassung ist dringend nötig.

Die Aussage von Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann, wonach sich «für viele Unternehmen der Zugang zum Kredit- und Kapitalmarkt verschlechtert hat», ist dazu angetan, seine Verbandsmitglieder bei der Stange zu halten. Fakt ist, dass dies offensichtlich nur auf jene Firmen zutrifft, die ohnehin in strukturellen Schwierigkeiten stecken und es in den letzten fetten Jahren verpasst hatten, die nötigen Anpassungen vorzunehmen. Wir erinnern uns: In den Jahren 2004 bis 2007 berichtete die Maschinenindustrie geradezu euphorisch über Umsatzzuwächse. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Wirtschaftsministerin Doris Leuthard Schneider- Ammann gestern öffentlich eine Absage erteilte. Nicht einmal die Exportrisikogarantie wird ausgeschöpft.

«Gerade die Briten haben erfahren, was es heisst, wenn Staatsschulden aus dem Ruder laufen»

Derzeit drängen insbesondere die USA und Grossbritannien oder der Internationale Währungsfonds zu staatlichen Schuldenprogrammen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Schweiz tut gut daran, in diesem Spiel nicht mitzumachen. Gerade die Briten haben diese Woche erfahren, was es heisst, wenn die Staatsschulden aus dem Ruder laufen. Die Warnung einer Rating-Agentur hat die Staatspapiere massiv verteuert. Das nächste Debakel sind bankrotte Staaten. Nebst Ungarn, Rumänien oder Litauen sind auch Italien oder Spanien Kandidaten, manche reden sogar von Deutschland. Die weitsichtigste Vorsorge aus Staatssicht ist es deshalb, jetzt die Finanzen unter Kontrolle zu haben und die Staatsschulden nicht zu erhöhen. Gouverner, c’est prévoir.

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Roche zeigt Banken den Meister

28. Mai 2009

Mittelland Zeitung

Braucht es auch in Zukunft die Banken noch? Die Frage mag absurd erscheinen angesichts der Tatsache, dass der Staat die UBS stützen musste, weil sie nicht untergehen durfte. Offensichtlich braucht es sie noch, sie sind unverzichtbar für die Schweizer Wirtschaft. Die rettende Hand des Staates ist aus ordnungspolitischer Sicht jedoch ein Sündenfall. Wieso soll der Staat eine private Firma von ihrem unternehmerischen Risiko befreien, dem sie sich ungebührlich ausgesetzt hatte? Im Fall der UBS hat der Staat beziehungsweise die Nationalbank das Risiko der UBS auf die eigenen Schultern genommen, weil der Schaden eines Kollapses gigantisch geworden wäre. Dass dies nicht hätte sein dürfen, weiss niemand besser als die Verantwortlichen der Nationalbank selber. Deshalb werden derzeit eifrig Pläne geschmiedet, wie das Klumpenrisiko Grossbanken mit Bilanzsummen in vier- bis fünffacher Höhe des Bruttoinlandprodukts reduziert werden könnte.

Erhöhung des Eigenkapitals ist eine Rezeptur, eine andere wäre, die Banken zu Abspaltung von Geschäftsbereichen zu zwingen, auch nicht gerade das, was unter einer freien Marktwirtschaft verstanden wird. Staatsinterventionismus › ob Lohnbeschränkung oder Zwangsveräusserungen › darf keine Lösung sein, denn der Schaden folgt auf dem Fuss. Es kann nicht Aufgabe des Staates sein, Managementfunktionen zu übernehmen.

Doch das Problem könnte sich von allein lösen. In den letzten Wochen ist ein Exempel statuiert worden, das die Frage, ob es in der Zukunft noch (grosse) Banken braucht, deutlich mit Nein beantwortet: die Finanzierung der vollständigen Übernahme von Genentech durch Roche. Der Basler Pharmakonzern hat die 34 Milliarden Dollar schwere Transaktion praktisch ohne Bank oder nur mit bescheidener Hilfe der Credit Suisse durchgezogen. Ein Novum in der Bankengeschichte. Roche-Finanzchef Erich Hunziker hat die gewaltige Summe quasi im Alleingang und ohne Mithilfe von Banken direkt bei den grössten Investoren (Fonds, Pensionskassen, Hedge Funds) aufgetrieben. In der Branche hatte dieses souveräne unabhängige Vorgehen von Roche die Wirkung eines Hammerschlags. Bisher war es undenkbar, dass ein noch so grosses Unternehmen eine solche Summe ohne die Hilfe von Banken auftreiben konnte. Die Basler sparten sich Gebühren in der Grössenordnung von 1,5 Prozent des Gesamtbetrags, also etwa eine halbe Milliarde Franken.

In einem bemerkenswerten Kommentar hat der St. Galler Bankier Konrad Hummler von der Bank Wegelin (www.wegelin.ch) auf neue Finanzierungsplattformen hingewiesen, welche zumindest einen Teil der heutigen Allokationsfunktion der Banken übernehmen werden. Hummler geht davon aus, dass je stärker sich der Staat in das Bankenfinanzierungswesen einmischt und Verbote und Auflagen erlässt, desto ineffizienter es wird. Damit verteuern sich Kredite und Finanzierung und umso eher entstehen alternative Formen der Zuteilung von Geldern und Krediten. Hummler sieht darin allerdings nur positive Wirkung. Er schreibt: «Die Bedeutungsverminderung des Bankensystems hätte klar wohlstandvermehrende Auswirkungen.» Er weist auf eine Reihe von Internetplattformen hin, welche bereits Funktionen übernommen haben, die früher Banken alleine vorbehalten waren.

Die Politik, die sich derzeit überlegt, wie sie die Banken noch besser kontrollieren kann, darf nicht übersehen, dass möglichst frei zirkulierendes Geld der Wirtschaft zu Wachstum verhilft. Je flexibler und vor allem je günstiger Gelder für Investitionen zur Verfügung gestellt werden, desto grösser das Wachstum einer Wirtschaft.

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Abspaltung à la Bär als Vorbild für UBS und CS

24. Mai 2009

SonntagsZeitung

Die Bank Julius Bär hat diese Woche einen Entscheid gefällt, der für den Finanzplatz Folgen haben könnte. Die Bank trennt das Asset Management und vor allem das Hedge-Funds-Geschäft ab und schafft zwei rechtlich selbstständige Einheiten. Der Aktionär erhält zwei Aktien: eine fürs normale Private Banking, die andere für die sogenannten Alternativen Anlagen. Der Hintergrund der Abspaltung ist offensichtlich. Hedge- Funds und Derivative sind out. Die durch die Krise offenbar gewordenen Systemrisiken haften wie ein Mühlstein an der Bank, die gerade im Hedge-Fund-Geschäft viel Geld verloren hatte. Vor der Krise hatte noch alles ganz anders ausgesehen. Das Kreieren von Derivaten und der direkte Verkauf an die eigenen Kunden war als zukunftsträchtiges Geschäftsmodell gepriesen worden. Funktioniert hatte dies indes nie richtig, und jetzt ist damit erst recht kein Staat mehr zu machen. Um alternative Anlagen machen die Kunden heute einen grossen Bogen.

Originell am Bären-Modell ist die Aufteilung in zwei selbstständige Geschäftsbereiche mit eigenen Aktien. Stattdessen hätten die Bären den alternativen Bereich an einen Dritten verkaufen können. Mit der gewählten Konstruktion jedoch kann jeder Aktionär selber entscheiden, ob er bloss an einer Vermögensverwaltungsbank beteiligt sein will oder auch am Hedge-Fund-Geschäft. Wem die Hightech-Instrumente zu riskant sind, stösst einfach die entsprechende Aktie ab.

«Die Reduktion des Risikos, das die Giganten im Fall eines Kollapses darstellen, ist weiter ungelöst»

Das Modell könnte den beiden Grossbanken UBS und CS zur Leuchtmarke werden. Denn noch immer ist die Reduktion des Risikos, das die Giganten im Fall eines Kollapses für unsere kleine Volkswirtschaft darstellen, ungelöst. Zwar hat die Bankenaufsicht die beiden gezwungen, ihr Eigenkapital zu stärken, doch dies löst das Problem höchstens marginal. Die Frage des Systemrisikos angesichts von Bilanzsummen, welche das drei- bis fünffache des Schweizer Inlandprodukts ausmachen, bleibt ungelöst. Um eine Antwort wird sich die Politik nicht drücken können. Auch die Nationalbank und die Bankenaufsicht werden dazu noch Stellung nehmen müssen. Abspaltungen à la Bär könnten das Mittel sein, um das Problem der zu grossen Bilanzen wesentlich zu entschärfen. Welche Bereiche in neue rechtliche Einheiten verpackt werden sollen, muss dem Management überlassen werden. Getrennte Einheiten reduzieren das Risiko für die Volkswirtschaft, sie blieben aber Schweizer Banken. Der Aktionär kann frei wählen, an welchem Risiko er sich beteiligen will.

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Wenn jeder neue Franken Verlust bringt

17. Mai 2009

SonntagsZeitung

Noch immer ziehen Kunden Gelder von der UBS ab, wenn auch in geringerem Ausmass als noch im März und Anfang April. Viel Geld ist in jenen Tagen zu den Kantonal- und Regionalbanken geflossen und strömt nach wie vor dorthin. Auch zu den diversen Raiffeisenbanken, allesamt regionale Genossenschaften. Man könnte meinen, die einen schmerzts, die anderen freuts. Dem ist indes nicht so. Denn nach wie vor können die kleinen Banken die ihnen anvertrauten Gelder nicht zinsbringend anlegen oder höchstens einen kleinen Teil davon. Mangels Investitionsmöglichkeiten sind sie gezwungen, die neu bei ihnen eingehenden Spargelder direkt bei der Nationalbank zu deponieren. Sie werden dort im eigentlichen Sinn des Wortes «parkiert», will heissen abgestellt. Eine Verzinsung bietet die Nationalbank nicht an. Für die Banken heisst das: nullkommanull Einkommen, dafür Kosten. Dem Sparer wird je nach Bank ein Zins geboten, aktuell auf Sparkonten 0,25 bis 0,375 Prozent. Den Vogel schiessen die Raiffeisenbanken ab. Sie bleiben stur bei ihrem Image, eine Bank für Sparer zu sein, und bieten auf den Mitglieder-Sparkonten unverändert 0,75 Prozent Zins, also doppelt so viel wie der Markt heute zahlt. Sie wagen es nicht, die Sparzinsen ebenfalls gegen null zu senken, was das Gebot der Stunde wäre, und legen dafür drauf.

«Also zahlen die Raiffeisenbanken einen Dumpingpreis, um Marktanteile zu ergattern»

Der Zins ist bekanntlich ein Preis für geliehenes oder geborgtes Geld. Also zahlen die Raiffeisenbanken einen Dumpingpreis, so nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch Preise, wenn die Kosten nicht gedeckt sind und wenn damit bloss Marktanteile ergattert werden. Selbstverständlich argumentieren sie mit einer Mischrechnung. Ein Teil des Neugelds wird in Form von Hypothekar- oder Unternehmenskrediten langfristig wieder ausgeliehen und bereits bestehende Sparguthaben sind – so ist zu hoffen – fristgerecht und mit einer positiven Marge refinanziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass jeder neu eingehende Sparfranken Verluste verursacht.

Der daraus resultierende volkswirtschaftliche Unsinn ist beträchtlich: Der UBS ist ungebührlich viel Kapital abgeflossen, wodurch sie zum Risiko für das Land wurde. Die Tatsache, dass der Bund jetzt über den Verkauf der Pflichtwandelanleihe nachdenkt, zeigt, dass die UBS wieder kapitalmarktfähig ist und nicht auf Unterstützung des Bundes angewiesen ist. Damit steht sie wieder einigermassen gesund da, und der Geldabfluss sollte versiegen – womit sich das Problem ungebührlicher Zinssätze von alleine löst.

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Banken erleichtert und doch im Stress

14. Mai 2009

Mittelland Zeitung

Gute Nachricht für die Banken auch von der Zinsfront. Der Markt stuft das Risiko eines Bankenkollapses deutlich geringer ein als noch im März. Das Thermometer dafür sind die Prämien für Credit Default Swaps (CDS), jene Papiere, mit welchen Kredite versichert werden können. Die UBS muss aktuell noch rund 150 Basispunkte oder 1,5 Prozent des zu versichernden Kredits als Prämie bezahlen. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was die Bank noch im März hinblättern musste. Die Credit Suisse, die noch immer etwas sicherer als ihre Konkurrentin eingestuft wird, bezahlt einen «Prämiensatz» von knapp 120 Basispunkten oder 1,2 Prozent. Im März musste die CS noch 2,6 Prozent für die Absicherungen von Krediten aufwenden.

Doch nicht nur die Kreditabsicherungen sind günstiger geworden, vor allem sind die Banken wieder kapitalmarktfähig. So haben UBS, CS und Swiss Re in den letzten Wochen grosse Anleihen ausgegeben, vor allem in Euro. Das bedeutet, dass sich die Banken auch wieder zu einigermassen akzeptablen Konditionen refinanzieren können. Die UBS muss aktuell 290 Basispunkte über dem Referenzzinssatz (Libor) bezahlen, Credit Suisse bekommt das Geld etwa 0,4 bis 0,5 Prozent günstiger. Swiss Re, deren Aktien im März nach den angekündigten Verlusten in den Keller geschickt wurden und sich in den letzten Wochen aber wieder stark erholt haben, hat eine Anleihe von einer Milliarde Franken mit einer Laufzeit bis 2012 ausgegeben. Sie muss dafür 3,9 Prozent über Libor bezahlen. Für eine zweite Anleihe in der Höhe von 600 Millionen Euro und einer fünfjährigen Laufzeit bezahlt sie 4,3 Prozent über dem Referenzsatz.

Die Erleichterungen gehen so weit, dass sich die Banken vereinzelt auch wieder im Interbankengeschäft mit kurzfristigen Krediten aushelfen. Kapitalmarktspezialisten bestätigen, dass sich die Lage deutlich beruhigt hat. Dieser positiven Stimmung aber steht entgegen, dass der Internationale Währungsfonds nun auch von der EU fordert, die europäischen Banken müssten sich einem ähnlichen Stresstest unterziehen, wie ihn die US-Notenbank mit den amerikanischen Banken durchgeführt hat. Mit dem Stresstest haben die US-Behörden zu simulieren versucht, wie viel Eigenkapital die US-Banken noch benötigen, um allfällige weitere Abschreibungen verkraften zu können. Auf 75 Milliarden Dollar wurde die Unterdeckung veranschlagt, ein bescheidener Betrag, deren geringer Umfang viele Fachleute überrascht hat.

Die Forderung des IWF hat gestern die Aktien der UBS zum ersten Mal seit Wochen wieder substanziell geschwächt. Um teilweise über acht Prozent wurden sie zurückgestuft. Der Grund für den im Vergleich zu anderen Bankaktien starken Abschwung der UBS-Aktien liegt in der relativ tiefen Eigenkapitalquote der Bank. Die so genannte Kernkapitalquote liegt bei der UBS nach dem ersten Quartal knapp über 10 Prozent, bei der Credit Suisse aber auf stolzen 14 Prozent. Der geforderte Stresstest könnte im schlimmsten Fall bei der UBS dazu führen, dass die Bank nochmals unter Druck ihr Eigenkapital aufstocken muss, was eine nochmalige Beteiligung des Staates zur Folge haben könnte. Dies sind noch sehr frühe Überlegungen, aber die Börse reagierte entsprechend nervös auf die Forderung des IWF.

Das alles zeigt auf, dass die Gretchenfrage dieses Frühlings immer noch nicht gelöst ist: Handelt es sich beim gegenwärtigen Aufschwung um eine so genannte Bullenfalle, was bedeuten würde, dass die Optimisten auf dem falschen Fuss er-wischt werden, weil die Finanzkrise noch nicht ausgestanden ist und weitere grosse Abschreibungen unausweichlich sind. Oder aber ist die Finanzkrise tatsächlich vorbei? Eine klare Antwort ist offensichtlich nicht möglich.

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Der Bund sollte die UBS-Anleihe verkaufen

10. Mai 2009

SonntagsZeitung

Würden Sie sich von einer Firma anstellen lassen, deren Pensionskasse so mies dran ist, dass sie ihren Rentnern die Bezüge kürzen muss, wie das am Freitag die PK von Georg Fischer ankündigte? Und würde ein gefragter Banker in Deutschland zur Commerzbank wechseln, wo der Staat per Dekret den Toplohn auf maximal 500 000 Euro beschränkt? Ob GF oder Commerzbank, beide Firmen sind offensichtlich unattraktive Arbeitgeber. Alsbald wirds noch schlimmer, denn unter diesen miesen Voraussetzungen verlassen die Besten die Firmen und Neue kriegen sie keine. Mit gravierenden Folgen.

In Deutschland, England und den USA lässt sich jetzt schon eine Zweiklassengesellschaft von Banken unterscheiden: jene mit Staatshilfe und jene ohne. Die staatlich unterstützten Geldhäuser haben alle Mühe, sich im Markt zu behaupten. Je offenkundiger sich der Staat in die Strategie und die Gehaltsstrukturen einmischt, desto eher kehren die Aktionäre dem Institut den Rücken. Sie wissen, wie wichtig motiviertes Personal ist und wie schädlich sich staatliche Mitsprache auswirkt. Und es geht nicht lange, bis das zweitklassige Image auch Kunden vertreibt.

Ähnlich wie der Commerzbank drohen der UBS staatliche Lohnbeschränkungen und Auseinandersetzungen über die Strategie. Wenn die Schweiz ein Interesse an einer gesunden UBS hat, dann muss sie die staatliche Beteiligung so bald als möglich aufgeben. Dafür sind in den letzten Tagen die Chancen markant gestiegen. Seit dem Tiefstkurs vom 9. März sind die UBS-Aktien kontinuierlich von 8.20 Franken auf jetzt über 17 Franken geklettert, und viele Analysten haben in den letzten Tagen ihre Gewinnschätzungen deutlich nach oben revidiert. Sämtliche neueren Prognosen gehen von einem Gewinn für dieses Jahr aus. Es würde nicht überraschen und zum neuen CEO Oswald Grübel passen, wenn er schon im zweiten Quartal schwarze Zahlen präsentieren könnte.

«Staatlich unterstützte Geldhäuser haben alle Mühe, sich im Markt zu behaupten»

Damit bietet sich unserem Finanzdepartement plötzlich die Chance, die 6 Milliarden schwere Pflichtwandelanleihe, auf die sich die staatliche Kontrolle stützt, mit Gewinn zu veräussern. Diese auf 30 Monate laufende Anleihe wird mit horrenden 12,5 Prozent verzinst, der Wandelpreis liegt bei 18.30 Franken. Geht man davon aus, dass der Bund dieses Geld ohnehin zu 2,5 Prozent hätte anlegen können, lässt sich die Differenz von 10 Prozent abdiskontieren. Die Gewinnschwelle liegt somit bei einem Kurs von 14.20 Franken. Aktuell winken schon mal satte 1,2 Milliarden Franken Profit. Kann der Bund bei 20 Franken verkaufen, spült es bereits über 2 Milliarden in die Bundeskasse. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass beim Bund bald Angebote eingehen. Er sollte nicht zögern und die Anleihe in private Hände legen. Nicht um einen Gewinn zu realisieren, sondern um die UBS aus den Staatsfesseln zu befreien. Damit auch sie wieder zu den erstklassigen Banken gezählt werden kann.

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Porsche und VW fusionieren

7. Mai 2009

Mittelland Zeitung

Wenn da und dort von Hoffnungsschimmer die Rede ist, oder zumindest von einer Abflachung des Konjunkturrückgangs, dann bestimmt nicht in der Automobilindustrie. Im April haben die Amerikaner ein sattes Drittel weniger Autos gekauft als im ohnehin schon katastrophalen Vormonat März. Dabei gilt: je grösser die Autoklasse, desto heftiger der Einbruch. Oder anders: je kleiner das Auto, desto besser seine Marktstellung. Das ist mithin der Trumpf von Sergio Marchionnes Fiat. Nicht nur ist der Italo-Kanadier ein glänzender Verkäufer grosser Visionen, er hat tatsächlich die Trümpfe in der Hand. Frisch restrukturiert, baut Fiat kleine Autos und hat damit solchen Erfolg, dass ihm nun deutsche und amerikanische Politiker die Türen einrennen.

Genau umgekehrt läuft es für die deutschen Autobauer. Die Edelkarossen entpuppen sich als Ladenhüter, die Absätze für Autos in der Preisklasse über 50 000 Euro wird zwar nicht völlig einbrechen, aber die Aussichten sind nicht nur kurzfristig, sondern auch auf mittlere und lange Sicht extrem schlecht. Der Massentrend geht unverkennbar hin zu kleinen und billigen Fahrzeugen. In der oberen Preisklasse, wo sich Daimler und BMW tummeln, reissen die gesunkenen Verkäufe rasch gewaltige Löcher in die Kasse. Kein Wunder, denken Daimler und BMW über eine enge Zusammenarbeit nach.

Eine besonders steife Brise wehte der Edelmarke Porsche ins Gesicht. Im letzten Jahr noch feierte Konzernchef Wendelin Wiedeking den totalen Höhenflug, als er das Jahr mit mehr Gewinn als Umsatz abschliessen konnte. Möglich wurde dies durch die explodierenden VW-Optionen. Mit gefüllten Taschen wagte Porsche den Übernahmeversuch von VW, musste sich aber dennoch kräftig fremdfinanzieren. Doch die Übernahme geriet ins Stocken, über 51 Prozent kam Porsche nicht hinaus. Noch immer besitzt das Land Niedersachen eine Sperrminorität. Mittlerweile sind bei Porsche die Absatzzahlen dramatisch eingebrochen, die Nettoschulden türmen sich auf 9 Mrd. Euro auf. Porsche muss Kredite ablösen, was nicht ohne neues Kapital möglich sein wird. Statt sich einem Investor aus Katar an die Brust zu werfen, musste Porsche nur der Fusion mit VW zustimmen, wie am Mittwochabend bekannt wurde. Gegründet wird eine gemeinsame Dachholding unter welcher 10 Automarken vereint sein werden. De facto aber hat VW nun Porsche übernommen. Aber, o Wunder, alles bleibt in der Familie.

Das ist denn auch das Besondere an Porsche: Die Firma mit 12 000 Mitarbeitern ist im Besitz von zwei Familien mit gemeinsamem Stamm: Porsche und Piech. Doyen ist Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef bei Porsche. Er hat noch drei Brüder, die aber nicht in der Firma tätig sind. Auf der anderen Seite der charismatische Ferdinand Piëch, Cousin von Wolfgang. Piëch ist Aufsichtsratspräsident bei VW und der Macher in der Familie.

Gestern Mittwoch trafen sich beide Familien in Salzburg zur Aussprache. Wolfgang Porsche wollte, dass Porsche die Übernahme von VW durchzieht. Piëch dagegen, Wolfgangs Gegenspieler, plante gerade das Gegenteil: VW soll Porsche übernehmen. Geeinigt hat man sich jetzt offiziell auf die Formulierung Fusion. Keine Frage: In dieser Dachholding wird Piëch das Sagen haben. Offen ist, welche Rolle Wolfgang Piëchs Schützling, Porsche-CEO Wendelin Wiedeking, noch haben wird. Mit der Fusion sind die gloriosen Zeiten der auch finanziell eigenständigen Marke Porsche vorbei. Der wagemutige Übernahmeversuch endete im Verlust der Unabhängigkeit. Immerhin, beide Familien besitzen Porsche und diese gut die Hälfte an VW. Damit bleibt die Kirche im Dorf beziehungsweise der neue Konzern in der Familie.

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Der kleine Zustupf für die Verwaltungsräte

3. Mai 2009

SonntagsZeitung

Wie, glauben Sie, haben sich im letzten Jahr die Verwaltungsratshonorare entwickelt? Fühlen Sie sich in all Ihren Vorurteilen bestätigt: Die Raffgier in der Teppichetage ist ungebrochen. Im Mittel satte 38 Prozent mehr als im Vorjahr gönnten sich die Verwaltungsräte von Schweizer Topkonzernen. Kein Wunder, kocht die Wut auch bei Mitbürgern mit ausgeprägt freiheitlichem Denken hoch.

Zum zehnten Mal analysierte die Headhunter-Firma Heidrick & Struggles die Daten der Verwaltungsräte der wichtigsten europäischen Konzerne, darunter auch jene der 20 grössten Schweizer Konzerne, die im SMI-Index zusammengefasst sind. Für durchschnittlich acht Sitzungen und einige Subcommittee-Treffen erhielt ein Mitglied im Schnitt 300 000 Franken oder eben 38 Prozent mehr als 2007. Damit liegen die Schweizer mit meilenweitem Abstand an der Spitze europäischer Top-Unternehmen. Auf Platz zwei liegen die deutschen VR, die sich im Mittel mit 165 000 Franken begnügen mussten, ein holländischer Verwaltungsrat erhielt gar bloss 105 000 Franken. Merke: Die Gewinne stagnieren oder gehen zurück, die Bezüge steigen. Auch wenn die Analyse keinen Rückschluss auf «die Wirtschaft» zulässt (VR-Mitglieder mittlerer und kleiner Unternehmen erhalten in der Regel ein paar Tausend Franken), so sind die massiv höheren Ausschüttungen der Schweizer Blue Chips angesichts der Tragweite der Krise ein Hohn und inakzeptabel und mit krisenbedingt mehr Sitzungen allein nicht zu erklären.

«Es bräuchte jetzt jene Zurückhaltung, ohne die die Marktwirtschaft pervertiert wird»

Das Dilemma der aktuellen Systemkrise liegt an der offenkundigen Uneinsichtigkeit der Leaderfiguren. Jetzt, wo nicht nur die Linke die freie Marktwirtschaft und die liberale Ordnung immer mehr ablehnt, sondern auch bürgerliche Kreise laut nach staatlichen Eingriffen rufen, bräuchte es mehr denn je jene selbst auferlegte Zurückhaltung, ohne die die Marktwirtschaft pervertiert wird. Mit ungerechtfertigten und überbordenden Bezügen nimmt die allgemeine Verunsicherung immer fundamentalere Züge an. Verantwortung tragen heisst nicht nur das eigene Unternehmen im Auge haben, sondern eben auch das ganze System.

Weltweit sind die Aufsichtsbehörden daran, den der Finanzkrise zugrunde liegenden Systemfehler auszumerzen. Zwar wurden die einzelnen Institute kontrolliert, der Markt als wechselwirkendes Ökosystem aber aus den Augen verloren. Offensichtlich ist die Elite noch nicht fähig, das eigene Handeln innerhalb eines Systems zu begreifen. Ist sie nicht lernfähig oder lernwillig, wird es ihr die Allgemeinheit oder eben der Staat aufzwingen. Mit der viel gelobten Freiheit ist es dann zu Ende.

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