Ende der Krise? Wohl kaum
30. April 2009Mittelland Zeitung
Die teilweise kräftige Erholung insbesondere von Aktien der Finanzindustrie in den letzten Wochen hat manche Banker und Anleger in Verzückung versetzt, ja für nicht wenige ist die Finanzkrise wenn nicht schon vorüber, so doch zweifelsfrei auf dem Weg zur Besserung. Diese Einschätzung ist vielleicht nicht einmal so falsch, wenn man unterstellt, dass die Sanierungsmassnahmen der Zentralbanken und der jeweiligen Finanzminis- terien den Banken und Versicherungen tatsächlich helfen, ihre Probleme zu lösen. Oder im Klartext: Den Banken geht es deswegen wieder besser, weil die Politik aus der übergeordneten Überlegung, der Volkswirtschaft keine weiteren Bankenkonkurse zuzumuten, dem Steuerzahler die Sanierungslasten aufbürdet.
Was das heisst, ist am Wochenende in Deutschland ruchbar geworden und hat einen Aufschrei ausgelöst: Die «Süddeutsche Zeitung» publizierte ein Memo, aus dem hervorgeht, dass die vom Staat zur Sanierung der Banken geplanten «Bad Banks» von 17 Instituten giftige oder eben unverkäufliche Wertpapiere im horrenden «Wert» von 830 Milliarden Euro übernehmen sollen. Die «Bad Banks» entsprechen jenem Stabilisierungsfonds, den die Nationalbank als Auffangbecken für die unverkäuflichen Derivate der UBS geschaffen hat. Die umgerechnet 1250 Milliarden, mit denen die deutschen Banken buchhalterisch saniert werden sollen, ist im Vergleich zur UBS-Sanierung von 40 Milliarden Franken gigantisch. Pro Kopf der Bevölkerung gemessen ist das deutsche Sanierungspaket fast dreimal so gross wie jenes für die UBS. Besonders problembehaftet sind die deutschen Landesbanken (etwa vergleichbar mit unseren Kantonalbanken), die deutlich unterkapitalisiert sind.
Unterkapitalisierte Banken sind auch das Problem in den USA. Am Montag wird der so genannte Stresstest veröffentlicht, eine Bewertungsanalyse, welche die US-Notenbank in den letzten Monaten durchgeführt hat. Bei 19 Instituten, darunter die grössten und die anfälligsten, wurde untersucht, wie viele Verluste sie noch verkraften können. Bereits ist durchgesickert, dass das einstige Flaggschiff Citigroup sowie die mittlerweile riesige Bank of America den Test nicht bestanden haben und zusätzliches Kapital benötigen. Beiden Banken musste der Staat bereits früher kräftig unter die Arme greifen, der Citigroup mit 50, der BoA mit 45 Milliarden Dollar. Beobachter gehen davon aus, dass diese beiden Banken derzeit nicht kapitalmarktfähig sind und der Staat weitere Mittel einschiessen muss.
Gerade in den USA ist die Finanzkrise alles andere als vorbei: Schätzungen gehen davon aus, dass die Kreditverluste in den USA von derzeit 1200 Milliarden bis Ende kommenden Jahres auf 2700 bis 3500 Milliarden Dollar steigen werden. Je grösser die Wirtschaftskrise, desto gewaltiger der noch zu verkraftende Abschreibungsbedarf. Der eben bekannt gewordene Rückgang des amerikanischen Bruttoinlandprodukts im ersten Quartal von horrenden 6,1 Prozent übertrifft alle Befürchtungen und zeigt, wie brutal sich die Krise auf den Konsum auswirkt. Keine Frage, die Amerikaner sind daran, das Sparen zu lernen, mit all seinen Auswirkungen. Am Schuldenabbau führt kein Weg vorbei. Nur der Konsumverzicht und ein nachhaltiger Aufbau von Eigenkapital werden letztlich die Wirtschaft wieder gesunden lassen. Das alles wird viel länger dauern, als den Optimisten lieb ist. Realistisch scheint deshalb die Einschätzung, dass die Aufwertung der Aktien in den letzten Wochen bloss ein vorübergehendes Phänomen war. Erfreulich wenigstens, dass in der Schweiz der Schaden weit geringer ausfallen wird. Die Polster sind bei uns ganz einfach viel komfortabler, die Schulden weit geringer. Vorsorgen und Mass halten sind eben Tugenden.