Das Gespenst Staatsbankrott geht um
29. März 2009SonntagsZeitung
Das zentrale Thema am G-20-Gipfel sind selbstverständlich nicht die Steueroasen. Im Brennpunkt stehen die divergierenden Meinungen über die Art und Weise, wie diese Krise bekämpft werden soll. Die Amerikaner wollen mit allen Mitteln die Wirtschaft ankurbeln und drängen die übrigen 19 grössten Volkswirtschaften zu Investitionsprogrammen und zur Refinanzierung ihrer überschuldeten Banken.
Die Europäer, allen voran Angela Merkel, widersetzen sich einer exzessiven Schuldenpolitik. Mit gutem Recht. Denn das Gespenst des Staatsbankrotts geht um. Nach den Banken wird die nächste Krise jene Staaten treffen, die über ihre Verhältnisse gelebt haben und massiv verschuldet sind. Schulden mit Schulden zu bekämpfen, muss langfristig ins Desaster führen. Dass die Amerikaner lockerer mit Schulden umgehen, hat seinen Grund: Noch ist der Dollar Leitwährung, eine Dollarentwertung kümmert sie wenig, damit reduzieren sich ihre Schulden im Ausland. Das US-Defizit wird sich in diesem Jahr vervierfachen.
«Noch ist der Dollar Leitwährung – Amerikaner kümmert eine Entwertung wenig»
Die unterschiedlichen Rezepte basieren auf der grundverschiedenen Struktur der beiden Wirtschafts- mächte. Solange die EU keine einheitliche Wirtschaftspolitik durchzusetzen imstande ist, bleibt der Euro eine Schönwetterwährung. Tatsächlich droht eine Zerreissprobe, wenn die ersten EU-Staaten zahlungsunfähig werden. Italien beispielsweise muss 2010 Staatsanleihen im Wert von über 200 Milliarden Euro refinanzieren. Keine Bank und kein vernünftiger EU-Bürger wird neue italie-nische Staatspapiere zeichnen. Insolvenzkandidaten in der EU sind auch Griechenland, Irland, Spanien, Polen oder Ungarn. Wer springt dann ein? Der IWF oder die Europäische Zentralbank? Dem IWF fehlt das Geld, die Zentralbank würde Hyperinflation riskieren.
Die sich widersprechenden Ansichten der Krisenbewältigung wird die Amerikaner zum Alleingang zwingen, mit dem Risiko, dass der Dollar als Leitwährung abdanken muss, während die Europäer so weit wie möglich auf Stabilität setzen und dafür in Kauf nehmen, dass Banken, Industrieunternehmen und allenfalls Staaten zahlungsunfähig werden. Das wird China zur dominierenden Wirtschafts- und Finanzmacht erheben. Nicht umsonst will China die Sonderziehungsrechte des IWF zur neuen Welt-Reservewährung erklären. So könnte das Riesenreich mit seinem Zahlungsbilanzüberschuss das weltweite Währungssystem kontrollieren.