Ein Land in der Krise
26. Februar 2009Während in Bern offenbar ein Machtkampf um die Task-Force in Gang gekommen ist – immerhin soll es wenigstens eine geben -, steckt das Land in einer Art Staatskrise. Es herrscht Orientierungslosigkeit. Da grassiert einerseits die Angst über den Fortbestand der UBS, die im Würgegriff der amerikanischen Justiz unter keinen Umständen ersticken darf, schliesslich ist sie, wie wir alle wissen, der Blutkreislauf unserer Wirtschaft. Allein die Tatsache, dass die grösste Schweizer Bank geschunden und gescholten ist, nagt am helvetischen Selbstbewusstsein. Und da ist andererseits das Bankgeheimnis, das die Nation spaltet.
Bisher zeigten sämtliche Umfragen zum Bankgeheimnis, dass eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung dieses schützen wollte. Doch die Stimmung hat gekehrt. Jetzt, wo plötzlich die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug, die untrennbar mit dem Bankgeheimnis verknüpft ist, zum Thema am Familientisch wird, realisieren immer mehr Bürgerinnen und Bürger, dass sie selbst nicht in der Lage sind, diesen Unterschied jemandem plausibel und verständlich erklären zu können. Sie fragen deshalb auch, ob sie denn von diesem Unterschied überhaupt profitieren. Die grosse Mehrheit merkt, dass diese Differenzierung vermutlich bloss einer Minderheit nützt, allen andern aber zum Schaden gereicht, weil eben die Minderheit «vergisst», Steuern zu deklarieren. Somit, kalkulieren sie scharf, wäre doch das Steueraufkommen grösser, wenn es die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung gar nicht gäbe. Sie haben deshalb Verständnis für die Forderungen insbesondere der EU, die mit dem helvetischen Steuersystem Mühe hat, nicht nur mit der zitierten Differenzierung, sondern auch mit dem Holdingsteuerprivileg oder eben mit der Pauschalsteuer.
Diese Einsicht allerdings, dass viele Probleme gelöst würden, kämen wir in Steuerfragen dem Ausland entgegen, wird durchkreuzt von einem psychologisch schwer zu überbrückenden inneren Widerstand. Die Amerikaner, die Deutschen, Franzosen und Engländer respektieren unsere freiheitliche Rechtsauffassung nicht und wollen uns aus eigennützigen Gründen ihr Recht aufs Auge drücken. Das kommt gerade in der Eidgenossenschaft mit ihrer historischen Tradition, fremde Richter zu verbannen, nicht nur schlecht an, das löst eine verbissene Auflehnung aus, nach der Devise: Die sollen nur kommen! Denen zeigen wirs!
Aufgeschlossene Mitbürger indes realisieren, dass wir damit nicht weiterkommen. Was aber tun? Wir müssen konstatieren: Die Krise ist vor allem eine Bewusstseinskrise. Sollen wir dem ausländischen Druck nachgeben, wohlwissend, dass all diese fordernden Länder ihre eigenen wohlbehüteten Schlupflöcher haben? Wir argumentieren, es sei doch nicht unser Problem, wenn Deutschland seinen Bürgern die Hälfte des Einkommens für Steuern abzwackt, bloss weil die Staatsfinanzen völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Bloss, was hilfts?
Was die Schweiz jetzt dringend braucht, ist ein einiger Bundesrat, der überzeugend führen kann und in dieser Diskussion das Heft in die Hand nimmt. Die Task-Force ist eine gute Sache, verstärkt mit dem Know-how von Fachleuten soll sie eine Debatte in Gang bringen, die es den Bürgern ermöglicht, sich eine Meinung zu bilden. Unter den meisten Bankern jüngeren Zuschnitts ist jedenfalls die Einsicht gereift, dass der Finanzplatz langfristig eher gestärkt würde, wenn wir in Steuerfragen mit dem Ausland kooperieren. Die Wohlstandseinbusse kommt ohnehin, die Finanzkrise und die heftige Rezession werden das Steueraufkommen markant eindämmen. Es wird kaum ohne höhere Steuern gehen.