Archiv für Januar 2009


UBS und CS nicht über den Berg

29. Januar 2009

Über das Davoser Stelldichein der so genannten Wirtschaftselite › so es sie denn überhaupt gibt › ergiesst sich derzeit Medienhäme. Da träfen sich just jene, die uns den derzeitigen Schlamassel eingebrockt hätten, und suchten angeblich nach Lösungen, zu denen diese Leute nicht fähig seien. Das ist in doppeltem Sinn eine Verkennung. Weder hat Davos je abschliessende Lösungen gebracht, noch ist Davos eine Weltregierung, die Entscheide fällt. Davos ist auch kein Parlament und keine Exekutive. Davos ist nichts mehr als Verdichtung der Zeit. Das WEF ermöglicht in einem Ausmass Dialoge und Meinungsaustausch innerhalb weniger Tage, für die sonst Monate der Vorbereitung und des Reisens aufgewendet werden müssen. Davos ist nichts weiter als eine Etappe in der permanenten politischen und wirtschaftlichen Diskussion.

Deshalb hat Davos die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise weder ausgelöst, noch hat es sie verhindern können (beispielsweise letztes Jahr). Überhaupt lässt sich diese Krise nicht auf eine Ursache zurückführen, auch wenn sie mit der geplatzten Immobilienblase in den USA begann. Genauso spielt die Politik des günstigen Wohneigentums eine Rolle, die mangelnde Aufsicht, die gut gemeinte, aber letztlich fatale Geldmengenausdehnung des Fed, die von Grossbritannien, Spanien, Frankreich und den Golfstaaten kopiert wurde. Zu den Ursachen gehörten die falschen Anreizsysteme der Banken, die generell überhöhte Bedeutung der Finanzindustrie, die mit ihren Zaubertricks ein Perpetuum der Schuldenwirtschaft zu etablieren suchte. Nicht zu vergessen aber auch die massive Aufrüstung Chinas (und anderer asiatischer Länder) zur Fabrik der Welt mit den daraus folgenden Ungleichgewichten in den Handels- und Zahlungsbilanzen, was den USA ermöglichte, auf Pump zu leben. Aus all diesen Gründen ist es müssig, einzelne Schuldige zu suchen, und deshalb bringt es auch nichts, Davos zu verteufeln.

Wir können aber davon ausgehen, dass in Davos Lösungen debattiert werden. Eine ist für die Schweiz besonders wichtig. Sie betrifft die Frage, wie die so genannten Giftmüll-Papiere (toxic assets) zu behandeln sind, zu denen jene 60 Milliarden Wertpapiere zählen, welche die Nationalbank der UBS abkaufen will. Das Thema ist deswegen so brisant, weil mittlerweile die Häuserpreise in den USA weiter gesunken sind, im November › gemäss letzten Zahlen › um über 18 Prozent. Das bedeutet, dass auch der Wert dieser Immo-Papiere seit Anfang Oktober weiter gesunken ist (im Durchschnitt um einen Drittel). Das Modell SNB/UBS gilt mittlerweile weltweit als Vorbild. Die zentrale Frage lautet: Zu welchem Preis sollen diese Wertschriften den Banken abgekauft werden und wie bewertet die Zentralbank diese Papiere? Die Frage der Entschuldung der Banken ist deswegen so heikel, weil die Last › indirekt via Notenbanken › auf den Steuerzahler bzw. den Staat übergeht. Doch ohne diese Massnahme kommt ganz offensichtlich das weltweite Kreditwesen nicht wieder in Gang › mit verheerenden Folgen für die Industrie. Die Notenbanken haben die Zinsen praktisch auf null gesenkt, doch die Geschäftsbanken geben das günstige Geld nicht weiter, sie fürchten sich vor dem Bankrott unzähliger Industriefirmen, die jedoch dringend auf Kredite angewiesen sind.

Angesichts der dramatischen Entwertung von Immobilien, der zunehmenden Zahlungsunfähigkeit von Privaten und Unternehmen, der daraus resultierenden Abschreibungen auf allen möglichen Bilanzpositionen müssen wir uns darauf einstellen, dass auch UBS und CS zu weiteren riesigen Abschreibungen gezwungen sind. Wie aber dem Volk erklären, dass weitere Unterstützung nötig ist? Das Thema wird sehr bald akut werden. Darüber wird in Davos auch diskutiert.

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Alarmstufe Rot bei Kielholz und Swiss Re

25. Januar 2009

Walter Kielholz, der eigentliche Schattenpräsident von Swiss Re, steht vor einer wichtigen Entscheidung. Er führt zwei Unternehmen, die einst glänzend liefen und jetzt vor existenziellen Problemen stehen: Swiss Re und Credit Suisse. Kielholz muss sich überlegen, wie lange er sich noch beide Hüte aufsetzen will. Die Lage von Swiss Re nimmt immer bedrohlichere Züge an. Das einstige Flagschiff des Finanzplatzes, der Inbegriff von Solidität und Vertrauen, ist in den Grundfesten erschüttert. Um über 40 Prozent ist der Aktienkurs binnen Wochenfrist eingebrochen, der Börsenwert ist auf unter 9 Milliarden geschmolzen. Es herrscht Alarmstimmung.

«CEO Jacques Aigrain zerstörte eine über Jahrzehnte aufgebaute Firmenkultur»

Das scheint den umstrittenen CEO Jacques Aigrain, dem die Spatzen auf dem Dach keine drei Monate mehr geben, nicht sonderlich zu beunruhigen. Am Freitag verschickte er ein internes Beruhigungsmail: «It’s just rumours that have driven our share price down, we stay focused, we are building a dynamic organisation» usw., um am Schluss festzuhalten, dass die deutsche Version am Montag am schwarzen Brett zu finden sein werde. Aigrain war im Januar 2006 angetreten, um dem in seinen Augen verschlafenen Konzern und seinen Schöngeistern zu zeigen, was Dynamik bedeutet, was Geld verdienen heisst und wie der Aktienkurs Richtung Norden getrieben wird. Der aus dem Investmentbanking kommende französisch-schweizerische Doppelbürger brüskierte interne Fachleute, verteilte via Presse Hiebe und zerstörte eine über Jahrzehnte aufgebaute Firmenkultur, die den Weltruf von Swiss Re ausgemacht hatte. Hundertschaften enttäuschter Fachleute verliessen den einstigen Thinktank oder mussten gehen. Stattdessen speeden nun am schnellen Geschäft interessierte Investmentbanker durch die Gänge. Vom Ausflug in dieses risikoreiche Geschäftsfeld sind wir alle tief beeindruckt: Der Aktienkurs liegt 78 Prozent unter dem Höchst vom Frühling 2007. Die Munich Re, mit der man sich früher gerne verglich, hat in der gleichen Zeit 30 Prozent eingebüsst.

Wieso hat Walter Kielholz so lange zugeschaut? Was bringt ein VR-Präsident ohne Führungserfahrung in einer kritischen Zeit wie jetzt? Ist Swiss Re unterkapitalisiert, wie die Gerüchte sagen? Was sind die Risiken auf dem Finanzplatz London, wo bald jede grosse Bank verstaatlicht ist? Gefragt wären Entscheide des Verwaltungsrats und nicht inhaltslose Botschaften eines offensichtlich kommunikativ überforderten CEO.

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In London ist der Bär los

22. Januar 2009

Grossbritannien wankt. Das Pfund verliert rapide an Wert. Vor zwei Jahren noch Fr. 2.50 teuer, kostete es gestern noch Fr. 1.57, allein innert Wochenfrist beträgt der Rückgang sieben Prozent. Am Wochenende musste die britische Regierung notfallmässig ein zweites Rettungspaket für die Banken schnüren. Darauf stürzten die Kurse der Banktitel erst recht ein, die einst so stolze Royal Bank of Scotland, Britanniens grösste Bank, brach am Montag förmlich zusammen (›66 Prozent). Die Bank gehört jetzt zu 70 Prozent dem Staat. Wichtige Politiker fordern jetzt, die Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds Bank sollten umgehend ganz verstaatlicht werden, um zu verhindern, dass Grossbritannien als Schuldner von den Agenturen herabgesetzt wird. RBS meldete vor wenigen Tagen einen Jahresverlust von umgerechnet über 40 Milliarden Franken, der Aktienkurs ist nicht einmal mehr ein Schatten seiner selbst. Gerade zwei Milliarden Pfund beträgt heute noch der Börsenwert, das ist, um einen böswilligen Vergleich zu bringen, noch die Hälfte dessen, was der Schoggihersteller Lindt & Sprüngli an Börsenkapitalisierung auf die Waage bringt.

Dolchstossartig kommentierte gestern Jim Rogers, zusammen mit Georg Soros Mitgründer des berühmten Quantum Fund, die Situation des Finanzplatzes London: «Es ist einfach: Das Vereinigte König-reich hat nichts mehr zu verkaufen.» Die zwei Säulen der britischen Wirtschaft seien das Öl in der Nordsee und London als grösster Finanzplatz gewesen, sagte Rogers. Doch das Nordseeöl gehe zur Neige (und kostet aktuell noch 33 Dollar) und der Finanzplatz sei am Ende. Das Finanzzentrum der Welt ziehe nach Osten, resümiert der Finanzspezialist und wagt eine ebenso düstere Prognose für das Pfund. Dieses werde bald eins zu eins zum Dollar gehandelt werden, also nochmals etwa dreissig Prozent tiefer als heute.

Als Sinnbild dieses plötzlichen und dramatischen Niedergangs muss der britische Fussball herhalten. Der russische Oligarch Abramowitsch versucht derzeit, Chelsea nach Dubai oder Saudi-Arabien zu verkaufen, und Manchester United hat eben den Hauptsponsor AIG verloren, jene US-Versicherung, die sich im Investmentbanking verrannt hat und mit über 100 Milliarden Dollar vor dem Untergang gerettet werden musste.

Am britischen Bankensystem wird deutlich, wie dramatisch die Situation rund um die Finanzkrise wieder geworden ist. Unterkapitalisiert und entsprechend mit Fremdkapital aufgeblasen, fehlen den Banken die Reserven, um all die notwendigen Abschreibungen überstehen zu können. Wie seinerzeit der japanische Immobilienmarkt war auch der britische (und übrigens vor allem auch der irische) völlig überhitzt. Wenigstens davor sind die Schweizer Banken bewahrt.

Die Lage in den USA ist nicht besser. Jetzt, wo die Welle der Euphorie rund um die Amtseinsetzung von Barack Obama als Hoffnungsträger eines neuen Amerika verebbt, tritt die desolate Situation des US-Finanzsystems wieder in den Vordergrund. Nouriel Roubini, der viel zitierte Professor der New York University, hat gestern an einer Konferenz in Dubai neue, furchterregende Prognosen gemacht. Die Kreditverluste im US-Finanzsystem würden sich nach seiner Schätzung nun auf 3600 Milliarden Dollar auftürmen, sagte der Ökonom, der schon früher mit seinen düsteren Prognosen richtig lag. Konkret bedeute das, dass das US-Finanzsystem insolvent beziehungsweise die Banken de facto bankrott seien, da diese Verluste das ursprünglich vorhandene Eigenkapital von 1400 Milliarden bei weitem übersteigen.

Mit Blick auf die im US-Markt immer noch stark engagierten UBS und CS tun wir deshalb gut daran, uns warm anzuziehen.

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Der ETH sei Dank für den Tabubruch

18. Januar 2009

Die ETH hat, ganz untypisch für die Schweiz, ein Tabu gebrochen. Entsprechend sorgt ihre Liste der besten Gymnasien (gemessen an jenen Studenten, die nach einem Jahr ETH die beste Basisprüfung ablegten) für Wirbel. Peinlich ist die Hitparade für jene Bildungsstätten, die überhaupt nicht auf der Liste erscheinen, und jene am Schwanz der Liste. Klar, Ranglisten stellen keine absoluten Zeugnisse dar, aber Fakten bleiben Fakten. Schliesslich wollen wir auch wissen, welches das beste Restaurant, der beste Zahnarzt und der beste Coiffeur ist. Doch während die meisten andern Berufsgruppen irgendeiner öffentlichen Wertung (und seis nur die Börse) ausgesetzt sind, schottet sich das Bildungswesen vom rauen Wind des Wettbewerbs ab.

Der Tabubruch der ETH könnte den ersten Schritt zu mehr Wettbewerb im Bildungswesen bedeuten, mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen. Die Studentenzahlen steigen immer noch rapide, an den Fachhochschulen derzeit um phänomenale 20 Prozent jährlich. Diese höheren Studentenzahlen verursachen entsprechend höhere Kosten, die Hochschulen haben Mühe, nur schon Räume und Dozenten zu finden, für Investitionen bleibt kaum Geld. Das ändert sich so lange nicht, als die Matura und Berufsmatur die Gratis-Eintrittstickets für ein Hochschulstudium bedeuten.

«So lange die Matura das Gratis-Eintrittsticket für die Uni ist, ändert sich nichts»

Was nichts kostet, ist nichts wert. Ergo gehen Semester durch Schnuppern und Studienwechsel verloren, den Studenten kümmerts nicht, schliesslich zahlt der Steuerzahler. Ganz anders wäre es, wenn die Hochschulen den Zutritt mittels eigener Prüfungen regeln könnten. Es ist ja ohnehin seltsam, dass nicht die höhere Bildungsstätte sagen darf, wer bei ihr zum Studium zugelassen wird, sondern die tiefere darüber entscheidet.

Würde der Eintrittsentscheid den Hochschulen überlassen, liessen sich gleich zwei gravierende Defizite ausräumen: Erstens brächten die Studenten dem Studium eine höhere Wertschätzung entgegen, womit die Ausfallquoten sänken. Und zweitens könnte die Zulassung zu all jenen geisteswissenschaftlichen Fächern reguliert werden, die in den meisten Fällen keine berufsbefähigten Studenten ausbilden. Will heissen, die Zahl arbeitsloser Akademiker würde sinken. Das Resultat: tiefere Bildungskosten mit höherem Wirkungsgrad und mehr Eigenverantwortung bei den Studierenden.

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Es wird eng für die UBS-Chefs

15. Januar 2009

Die defacto-Aufhebung des Bankgeheimnisses für ihre US-Kunden bringt die UBS in immer grössere Bedrängnis. Die «NZZ am Sonntag» hat am letzten Wochenende enthüllt, wie die UBS versucht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, in- dem sie den US-Behörden indirekt auf jene Kunden hinwies, welche das 2001 abgeschlossene Steuerabkommen zwischen der Schweiz und den USA dadurch umgingen, dass die Kunden ihr Geld bei einer juristischen Person parkierten. Gemäss diesem Artikel, der sich auf einen UBS-Kadermann beruft, hat die UBS eingeschwärzte Dokumente der US-Justiz übergeben, die zwar den Namen der US-Kunden verbergen, aber den Transfer zu einer neuen Gesellschaftsform (vor allem Stiftungen in Liechtenstein oder Trusts in andern Steueroasen) offenlegen. Damit kennen die US-Steuerbehörden die Anzahl Kunden und die juristische Person, was ihnen offenbar erlaubte, die Kundennamen zu eruieren.

Nun haben die amerikanischen Steuerbehörden die Schrauben weiter angezogen. Erstens wurde der suspendierte Chef des UBS-Vermögensverwaltungsgeschäfts, der Schweizer Raoul Weil, zur Verhaftung ausgeschrieben. Zweitens taxiert die US-Justiz nun die Fälle der Steuerumgehung mittels juristischer Personen als Geldwäscherei, wofür viel härtere Strafen vorgesehen sind. Das hat nun dazu geführt, dass viele der betroffenen 19 000 Kunden mit einem Gesamtvermögen von 20 Milliarden Dollar darauf verzichten, dass Geld überhaupt zurückzunehmen.

Nachdem die UBS im Sommer in einem Hearing angekündigte hatte, das aus der Schweiz heraus betriebene Geschäft mit US-Privatkunden aufzugeben, forderte sie ihre Kunden auf, ihr eine neue Bankverbindung anzugeben, an welche sie die Gelder transferieren könne. Erfolge keine Angabe über eine neue Bankverbindung, werde sie das Geld mittels Check überweisen und so die Bankverbindung löschen. Vor zwei Tagen zitierte dazu die «New York Times» einen amerikanischen Noch-Kunden der UBS: «Du kannst den Check annehmen und ihn gleich in den Wald schmeissen oder du kannst ihn bei einer Bank einkassieren › dann bist du ruiniert.» Will heissen, wer es wagt, die Gelder bei einer US-Bank zu deponieren, muss damit rechnen, wegen Geldwäscherei verfolgt zu werden. Klar ist, dass ein Geldtransfer Spuren hinterlässt, weil er durch das internationale Banken-ClearingSystem geschleust werden muss, das bekanntlich vom US-Geheimdienst angezapft wird. (Der Service «Remotegate» des Swiss Interbanking Clearing wird über das Swift-System abgewickelt, dessen Daten auf US-Servern landen.)

Amerika-Kenner rechnen damit, dass die UBS letztlich den Fall mit den US-Behörden wird lösen können. Aber wie? Die US-Behörden haben vorgerechnet, dass ihnen zwischen 2002 und 2007 aus den nicht versteuerten Vermögen jährlich rund 300 Millionen Dollar an Steuereinnahmen entgangen sind. Diese wird die Bank ohnehin zahlen müssen. Doch das wird nicht genügen. Die «New York Times» zitiert aus der Anklage gegen Raoul Weil. Demnach konzentriert sich die Untersuchung auch gegen nicht namentliche genannte Chefs der Bank, welche Positionen auf der höchsten Managementstufe innehaben, darunter auch in der Rechtsabteilung und in der Compliance. Damit kann nur der amtierende Präsident gemeint sein, der früher die Rechtsabteilung und Compliance geleitet hat.

Zwei zentrale Fragen sind damit offen. Gelingt es erstens der UBS, die Personalfrage auf oberster Ebene zu umgehen, oder vermögen die Amerikaner den Präsidenten zum Rücktritt zu zwingen? Zweitens: Verletzt die «Zusammenarbeit» der UBS mit den US-Behörden das Schweizer Bankgeheimnis. Klagen von US-Kunden sind so sicher wie das Amen in der Kirche.

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Was ist bloss mit der Migros los?

11. Januar 2009

Verwaltungspräsident Claude Hauser verkündete vor Weihnachten, Migros werde ihre Eigenmarken eindämmen. Tags darauf widerruft die Presseabteilung, es liege ein Missverständnis vor, um ein paar Tage später mitzuteilen, dass die Eigenmarken weniger beworben werden. Am Montag streute sich CEO Herbert Bolliger Asche aufs Haupt und erteilte Schelte: Die Werbung der Migros sei «oft chaotisch» gewesen, häufig unverständlich. Offenbar sah sich der Migros-Chef bemüssigt, seine Kundinnen darüber aufzuklären, dass sie auf schlechte Werbung reingefallen seien. Denn wenn die Werbung so dilettantisch war: Warum stieg der Gruppenumsatz um 13 bis 15 Prozent (im Gegensatz zu Coop weiss das die Migros noch nicht so genau)? Galt die Kritik der (ausgebooteten) Werbeagentur oder der Marketingabteilung? Ist Bolliger sauer auf Ex-Marketingchef Urs Riedener, der zu Emmi gewechselt hat? Oder wollte er darauf vorbereiten, dass bald deutsche Werber (die ja den Schweizer Markt viel besser kennen) uns sagen, wie toll die Migros ist?

Das schweizerischste aller Unternehmen macht einen verunsicherten Eindruck. Es begann mit der Berufung eines wegen schwerer Untreue gegenüber seinem früheren Arbeitgeber Verurteilten in die Konzernleitung. Die Irritation hält an, intern (bei Diebstahl durch Kassiererinnen gilt Nulltoleranz, sie werden für immer ausgeschlossen) und extern (wie ein Onlinekommentar diese Woche wieder bestätigte).

«Die Nervosität in der Migros-Führung hat drei Ursachen: Aldi, Lidl und Coop»

Die Nervosität in der Migros-Führung hat drei Ursachen: Aldi, Lidl und Coop. Im März eröffnet Lidl die ersten Läden. Die deutsche Kette ist höher positioniert als Aldi und zielt auch auf Migros-Kunden. Und dann ist da der Sultan von Basel, Coop-Chef Hansueli Loosli, der letzten Sonntag seine Position als Grossinserent ausnützte, zu einer Pressekonferenz rief und mit einer medial unterstützten, starken Kampagne vor dem Start von Lidl den Schweizern einbläut, wie billig Coop sei. Während er einen überzeugenden Job macht, streicht Migros die Kultlinie M-Budget zusammen. Dass wir das nicht verstehen, liegt wohl an der schlechten Werbung. Den Verzicht auf Billigprodukte wird uns die neue (deutsche?) Werbeagentur aber sicher noch plausibel machen.

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Fusionswelle bei den Gemeinden

8. Januar 2009

Die neueste Statistik über die Gemeinden der Schweiz enthält eine kleine Sensation: Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Gemeinden der Schweiz um über 3 Prozent oder konkret um 79 Orte auf 2636 gesunken. Noch nie seit der Gründung der modernen Schweiz 1848 war der Rückgang so stark. Ein Blick in die Statistik veranschaulicht diese Trendwende. Von 1900 bis 1950 nahm die Zahl der Gemeinden nur um 63 Einheiten ab. Die Dynamik von Fusionen und Eingemeindungen setzte erst in den letzten Jahren ein. Ende 2000 lag der Bestand an politisch unabhängigen Gemeinden noch bei 2899, also um 263 Einheiten höher.

Der Trend steht in direktem Zusammenhang mit den höheren Anforderungen, die heute an Gemeinden gestellt werden, insbesondere im Bereich der Infrastruktur für die Informationstechnologie. Für kleine Gemeinden wird es immer schwieriger, für die zu lösenden Aufgaben noch qualifizierte Leute zu finden. Viele Arbeiten werden dort noch freiwillig oder zu ganz kleinen Entschädigungen verrichtet, was nicht ohne Goodwill der Bevölkerung funktioniert. Weil aber die Effizienz einer Gemeinde nach Ansicht von Fachleuchten erst ab rund 5000 Einwohnern ein wirklich optimales Kos- ten-Nutzen-Verhältnis erreicht, sind immer mehr Gemeinden bereit, die Unabhängigkeit aufzugeben und zu fusionieren. Einem Hammerschlag gleich hatten 2006 die dreissig Gemeinden des Kantons Glarus an einer Landsgemeinde beschlossen, sich zu noch drei Gemeinden zusam-menzuschliessen. Diese Fusion soll 2011 in Kraft treten.

Weder in den Kantonen Aargau, Solothurn oder Baselland kam es im vergangenen Jahr zu einer Fusion, doch im kommenden Jahr wird sich das gründlich ändern. Im Kanton Solothurn schliessen sich die vier Gemeinden Balm, Brunnen- thal, Messen und Oberramsen zusammen, im Kanton Aargau sind vier Fusionen mit insgesamt elf Gemeinden beschlossen. Mindestens weitere zehn Fusionen sind beantragt.

Aktuell zählen immer noch knapp die Hälfte der jetzt noch 2636 Gemeinden der Schweiz weniger als 1000 Einwohner. Das Potenzial für Zusammenschlüsse ist also bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Zu einem Musterfall mit schweizweiter Beachtung wurde der Zusammenschluss der Gemeinden Rapperswil und Jona per 2007. Die neue Gemeinde zählt nun über 25 000 Einwohner. Der Erfolg war durchschlagend. So wurde ein völlig neues Konzept für den öffentlichen Verkehr realisiert, das eine Reihe umliegender Gemeinden einschliesst. Die neue Grossgemeinde erhielt im Kanton einen viel höheren Stellenwert, und die Wirtschaft begann zu investieren. Als Effekt konnte der Steuerfuss weiter gesenkt werden. Überhaupt scheinen die Steuern einer von zwei entscheidenden Knackpunkten für ein Ja zur Fusion zu sein. Entscheidend ist, dass der tiefste Steuersatz innerhalb der fusionswilligen Gemeinden zugesichert werden kann. Ist das nicht möglich, kommt die Fusion in der Regel nicht zustande.

Ein zweiter Knackpunkt sind die Politiker. Solange Gemeindepräsidenten ihre kleinen Königreiche verteidigen, sind Fusionen schwierig umzusetzen. Nötig ist dann ein starkes Engagement innerhalb der Zivilgesellschaft. Häufig ist die lokale Wirtschaft die treibende Kraft, etwa der Gewerbeverband oder eine Wirtschaftskammer. Vor allem aber braucht es Personen, die sich der Aufgabe verschreiben. Politbeobachter sind überzeugt, dass der Trend, Gemeinden zu grösseren Einheiten zusammenzulegen, in absehbarer Zeit auch die Kantone erfassen wird. Ein erster Versuch, nämlich den Kanton Waadt mit dem Kanton Genf zu fusionieren, war allerdings vor einigen Jahren gescheitert.

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Der Staat soll Aktionär werden

4. Januar 2009

An Silvester wurde ich überrascht. Eine ganze Reihe von Leuten äusserte sich positiv über die Wirtschaftsaussichten. Dabei ist die Ausgangslage unverändert beunruhigend. Psychologisch hängt die Weltwirtschaft von den USA ab, und dort ist die Krise mit Händen zu greifen. Kein Ausweg in Sicht aus dem Dilemma, alte Schulden durch neue zu tilgen oder das Wachstum durch höhere Steuern und Rezession zu dämpfen. Noch lässt sich eine Depression nicht ausschliessen.

Ob Obama und sein Team das Momentum in einen Umschwung umwandeln können, ist fraglich. Das Fed hat seine Munition fast vollständig verschossen. Die Zinsen sind, wie das vor der grossen Depression der Fall war, praktisch bei null. Damit nicht der Eindruck entsteht, die Währungsbehörden seien am Ende ihres Lateins, haben sie einen neuen Begriff für ihre letztmöglichen Massnahmen kreiert. Mit dem «Quantitative Easing», einer mengenmässigen Erleichterung, soll das Finanzsystem mit Geld geflutet werden. Was einfach klingt, ist in der Realität nicht umsetzbar. Die Banken würgen die Wirtschaft ab, weil sie die Hosen voll haben und keine Kredite gewähren. Das trifft für die USA zu, aber macht auch vor der hiesigen Wirtschaft nicht halt. Rieter ist ein Beispiel. Die Banken wären dazu da, auch Härtephasen zu finanzieren. Doch sie zieren sich, mit dem Resultat, dass Firmen in eine Liquiditätskrise geraten.

«Banken würgen die Wirtschaft ab, weil sie die Hosen voll haben und keine Kredite gewähren»

Nachdem all die Rettungsaktionen nicht wirklich gefruchtet haben und Konjunkturförderprogramme zu spät kommen, ist es Zeit, an bisher Undenkbares zu denken. Die Staaten sollten beginnen, Aktien zu kaufen. Steigende Börsenkurse wirken wie Balsam für die Seele der Märkte. Und vor allem wäre die Massnahme billiger als überhastete Rettungspakete. Aktienkäufe könnten sich als lohnendes Investment herausstellen. Der Staat wird sich mehr als bisher ins Wirtschaftsgeschehen einschalten. Damit rechtfertigt sich ein direktes Engagement in Aktien, zumal der Ausstieg leicht möglich ist. Dank der im Publikum vorhandenen Zuversicht würden Aktienkäufe auf fruchtbaren Boden fallen.

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