Kategorie: Mittelland Zeitung


Die Strasse entscheidet

28. Februar 2013

AZ Nordwestschweiz

Italien musste gestern 6,5 Milliarden am Kreditmarkt aufnehmen, um fällig gewordene Obligationen abzulösen. Im Mittel musste das Land dafür 66 Basispunkte (0,66 Prozentpunkte) mehr an Zinsen bieten als noch Anfang Jahr. Im laufenden Jahr werden etwa 350 Milliarden Euro an italienischen Bonds fällig. Auf diese Summe gerechnet kostet das politische Patt das Land 2,3 Milliarden Euro mehr Zinskosten.

Das ist zugegebenermassen eine etwas theoretische Betrachtung. Fakt aber ist, dass mit der Wahl in Italien die Unsicherheit in Europa wieder gewachsen ist. Nicht übersehen sollten wir auch die Proteste in Spanien. Dort brodelt es und entsprechend sind auch die spanischen Zinsen gestiegen. Allen Verantwortlichen ist klar, dass soziale Unruhen der heikelste Faktor in der komplexen Gleichung der anvisierten Gesundung der Staatsfinanzen darstellen.

Welcher Weg ist richtig: sparen, was das Zeug hält, oder lockern?

Politisch wird die Sache für Deutschland immer ungemütlicher. Angela Merkel rutscht zunehmend in die Rolle der sturen Vertreterin einer radikalen Sparpolitik, welche Not und Elend der betroffenen Bevölkerungsschichten in Südeuropa schnöde ignoriert. Weil Deutschland das einzige grosse EU-Land mit einem Exportüberschuss und einigermassen gesunden Finanzen ist, fliesst dem Land billiges Geld in Massen zu (wie der Schweiz auch). Entsprechend tief sind die Zinsen, was den Argwohn zusätzlich schürt.

Sukkurs erhalten die Protestwähler und Demonstranten im europäischen Südgürtel von immer mehr Ökonomen, die sich gegen die von Deutschland aufgezwungene Sparpolitik wenden. Prominentester Vertreter einer lockeren Geldpolitik ist der Chefökonom der «Financial Times», Martin Wolf, der gestern in seinem Blatt den belgischen Ökonomen Paul de Grauwe zitierte, welcher die EZB als Verursacherin der gesamten Verschuldungskrise brandmarkt. Die EZB habe es zu Beginn der Krise verpasst, sagt de Grauwe, als letzte sichere Anlaufstelle die Staaten früh genug mit billigem Geld und Zusicherungen zu unterstützen. Auf einen Sparkurs könnten auch die USA mit der Schuldenbremse einschwenken und auf eine Austeritätspolitik hat sich auch die britische Regierung trotz Rezession versteift.

Welcher Weg ist richtig: sparen, was das Zeug hält, oder lockern? In den nächsten Wochen und Monaten werden wir unter Politikern, Notenbankern und Volkswirten einen erbitterten Streit beobachten, mit welchem Rezept die Krise zu meistern ist. Gut möglich, dass der Fight auf den Strassen von Madrid, Rom und Athen entschieden wird.

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EU will Banken-Boni begrenzen

21. Februar 2013

AZ Nordwestschweiz

Im Vergleich zu den Plänen der EU nehmen sich die Mittel geradezu harmlos aus, mit welchen die Minder-Initiative Boni und Entlöhnung von Managern begrenzen will. Derzeit debattiert das EU-Parlament nämlich über die Begrenzung von Boni von Bankmanagern (nur diese). Es will die Höhe der Boni an das Grundsalär koppeln – und zwar im Verhältnis 1:1. Will heissen: der Bonus eines Bankmanagers darf nicht höher sein als dessen Grundsalär.

Die Minder-Initiative schränkt die Boni und Gehälter nicht ein, was die meisten Stimmbürger nicht wissen. Vielmehr will die Initiative in der Bundesverfassung (!) verankert haben, dass künftig die Generalversammlung einer AG jährlich über die Höhe der Bezüge abstimmen muss. Abgesehen davon, dass eine solche Regelung nicht in die Bundesverfassung gehört, sitzt die Mehrheit der Aktienstimmen sämtlicher hiesiger Grosskonzerne, welche Topsaläre bezahlen, im Ausland.

Die EU aber plant im Bankensektor viel Rigoroseres. Das EU-Parlament ist dabei, die neuen Vorschriften des Basel-III-Abkommens in Gesetze zu giessen. Dabei lässt es sich das Parlament, unterstützt von der EU-Kommission, nicht nehmen, Vorschriften einzuführen, welche weit über das hinausgehen, was innerhalb des BIZ-Komitees an Liquiditäts- und Eigenkapitalvorschriften als Basel-III-Standard ausgehandelt worden war. Eine Boni-Obergrenze war nicht vorgesehen.

Massiv gegen diese Boni-Limite stemmt sich Grossbritannien, weil es befürchtet, der Finanzplatz London würde geschwächt. Finanzminister George Osborne versucht, den Parlamentariern wenigstens ein Verhältnis von 1:2, allenfalls von 1:3 schmackhaft zu machen. Noch ist unklar, ob sich das Parlament tatsächlich gegen den Willen der Briten durchsetzen wird. Doch Beobachter halten die Einführung einer Begrenzung für so gut wie sicher.

Auch hier gilt: Mit Begrenzung der Boni verdienen die Bankmanager nicht weniger. Vielmehr wären die Banken künftig gezwungen, die Basissaläre massiv zu erhöhen, was sie letztlich teurer zu stehen käme. Gewisse Manager erhalten heute bis zu 90 Prozent ihres Lohnes in Form von (variierenden) Boni. Im Hintergrund läuft deshalb ein wildes Lobbyieren, Topbanker versuchen Politikern und Parlamentariern einzubläuen, dass mit dieser Regelung nicht nur London, sondern der gesamte europäische Finanzplatz gegenüber Wall Street, Hongkong oder Singapur geschwächt würde.

Klar ist, dass die Gefahr eines britischen EU-Austritts deutlich steigt, falls die Briten überstimmt werden. Premier Cameron will bis 2017 eine Volksabstimmung über den Verbleib Grossbritanniens in der EU durchführen. Nach letzten Umfragen würden heute zwei Drittel der Bevölkerung gegen einen Verbleib in der EU stimmen. Das würde die EU massiv schwächen.

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Pressluft wird in die Börse gepumpt

20. Februar 2013

AZ Nordwestschweiz

Wie würden Sie den Zustand und die Aussichten der Wirtschaft beurteilen? Positiv? Verhalten positiv? Sind Sie eher kritisch? Orten Sie Probleme, etwa, was die Konjunktur in Europa betrifft? Trauen Sie der Verschuldung nicht? Den Politikern noch weniger?

Sie sind mit Ihrer Zurückhaltung nicht allein. Die Verschuldung in Europa steigt nach wie vor, die jüngsten Wachstumszahlen aus Frankreich und Deutschland sind miserabel. Das deutsche Bruttoinlandprodukt schrumpfte im vierten Quartal 2012 (gegenüber den drei Monaten zuvor) um beängstigende 0,6 Prozent und erreichte im Gesamtjahr 2012 nur gerade ein Plus von mageren 0,7 Prozent. Die Volkswirtschaften der gesamten EU-Währungsunion dagegen schmolzen übers Jahr um 0,5 Prozent, das schlechteste Ergebnis seit 1995.

Die Verschuldung in Europa steigt nach wie vor, Wachstumszahlen aus Deutschland und Frankreich sind miserabel.

Das ist zugegebenermassen eine Vergangenheitsbetrachtung. Die Börse dagegen nimmt die Zukunft voraus. Dennoch ist die Korrelation waghalsig. Der Schweizer Börsenindex SMI erreichte im Juni des letzten Jahres mit 5712 Punkten sein Jahrestief. Gestern schloss die Börse bei 7579 Punkten, satte 32 Prozent über dem Stand vor acht Monaten. Ist das Euphorie oder berechtigte Hoffnung auf bessere Zeiten? Nähme die Börse tatsächlich, wie immer wieder behauptet wird, die reale Wirtschaftsentwicklung neun bis zwölf Monate vorweg, müsste die EU längst wieder auf dem Wachstumspfad sein. Woraus also besteht die Pressluft, welche derzeit in die Börse gepumpt wird?

Zwei Gründe sind es, die zum Boom geführt haben. Dem Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ist es im Herbst gelungen, die bis dahin düstere Einschätzung der Finanzmärkte über die Verschuldungskrise in eine positive Grundstimmung zu verwandeln. Ein einziges verbales Statement genügte, um die Märkte umzustimmen. «Unlimited outright monetary transactions» nannte der Italiener die Absichtserklärung der EZB, die hoch verschuldeten Länder wie Spanien oder Italien zu unterstützen, am ehesten übersetzt mit «unlimitierte rigorose finanzielle Unterstützung». Die EZB wird so viel Geld drucken wie immer nötig, um die Krisenländer durchzuseuchen, versprach Draghi. Gleiches tat die Schweizer Nationalbank mit dem als Untergrenze definierten Eurokurs von 1.20, ebenso die amerikanische Notenbank mit ihrer «quantitativen Lockerung», indem sie Staatsanleihen aufkauft und so das US-Defizit finanziert. Draghis Commitment hat die Diskussion um ein Auseinanderbrechen des Euro völlig verstummen lassen. Die Zinsen, welche Italien und Spanien für Obligationen bieten müssen, sind von 6 bis 7 auf 4 bis 5 Prozent gesunken.

Derzeit gleicht die Stimmung an den Finanzmärkten einem Blick durch die rosa Brille.

Weil sich parallel dazu die Unternehmensgewinne gut entwickelt haben und auch die Banken wieder solider dastehen, schleusten die Pensionskassen und die grossen institutionellen Investoren jetzt ihre riesigen Cash-Polster in Aktien. Dividendenpapiere sind die einzigen Anlageobjekte, die derzeit eine ansprechende Rendite versprechen. Anleihen, so sie von soliden Staaten stammen, werfen praktisch keine Zinsen ab, also sind sie uninteressant. Die Eidgenossenschaft beispielsweise nimmt seit Monaten Milliarden am Kapitalmarkt auf und muss dafür kaum Zins zahlen. Selbst dreissigjährige Anleihen kosten nicht mehr als ein Prozent Zins.

Die dank Draghis Statement verflogene Angst vor einem möglichen Staatsbankrott hat auch die Attraktivität von Gold schwinden lassen. Sinkt dieses Risiko, nimmt auch die Nachfrage nach Gold ab. Von heiklen alternativen Anlagen abgesehen, bleiben Aktien deshalb die einzige Möglichkeit, sinnvoll Geld zu investieren. Ergo fliesst derzeit überproportional viel Geld in Unternehmensanteile, was die Kurse in die Höhe treibt. Je höher der Index, desto stärker der Herdentrieb.

So weit der Blick bis heute. Viele Marktspezialisten sind überzeugt, dass die Zuversicht schon weit übertrieben ist. Derzeit gleicht die Stimmung an den Finanzmärkten einem Blick durch die rosarote Brille.

Die Frage ist, welches Ereignis die Marktpsychologie wieder zu kippen vermag. Denkbar wäre ein Wahlsieg Berlusconis. Nicht auszuschliessen ist andererseits, dass sich die europäische Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich erholt und wieder bessere Wachstumszahlen resultieren. Stimmungen vermögen sich über einen gewissen Zeitraum zu halten. Je grösser die Ausschläge, desto eher folgt eine Korrektur. Das müssten eigentlich alle Aktionäre wissen.

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Vier wichtige Argumente gegen die Minder-Initiative

14. Februar 2013

AZ Nordwestschweiz

Als Kolumnist mit einem Herz für eine funktionierende Wirtschaft bringe ich hier meine Argumente gegen die Minder-Initiative und für den Gegenvorschlag. Dabei halte ich fest: Die überrissenen Löhne von Geschäftsleitungsmitgliedern einiger Konzerne halte ich für schädlich. Bloss ist die Minder-Initiative nicht nur das falsche Mittel, sie ist auch wirkungslos. Und sie schadet der gesamten Wirtschaft:

«Die Strafnorm vertreibt die internationalen Konzerne.»

Die Initiative will einen Verfassungsartikel. Doch ob die Generalversammlung (GV) einer Firma jährlich (!) über die Löhne entscheiden soll, gehört nicht in die Verfassung, sondern ins Gesellschaftsrecht, was ein Teil des Obligationenrechts ist. Um einen Verfassungsartikel wieder zu ändern, weil man erkennt, dass er schädlich ist, braucht es die Mehrheit von Volk und Ständen. Der Gegenvorschlag dagegen regelt die Salärpolitik korrekterweise im Gesetz.

Die Initiative verlangt bei Verstössen zwingend Busse und Gefängnis. Das ist absurd. Sogar bei fahrlässiger Tötung sieht das Gesetz Gefängnis oder Busse vor. Diese Strafnorm vertreibt die internationalen Konzerne aus der Schweiz, die in den letzten zehn Jahren über 150000 Arbeitsplätze in der Schweiz geschaffen haben. Die Stärke der Schweiz beruht auf zwei Prinzipien: ein flexibles Arbeitsrecht und ein flexibles Gesellschaftsrecht. Das aufzugeben ist ökonomischer Suizid.

Kein Unternehmen kann definitive Zusagen bei Anstellungen machen, weil die Lohnsumme für die Geschäftsleitung jedes Jahr von der GV abgesegnet werden muss. Mit dem Satz: «Wir stellen Sie unter dem Vorbehalt an, dass die GV ihrem Lohn zustimmt», kann keine seriöse Personalpolitik betrieben werden. Die Schweiz würde für internationale Konzerne unattraktiv.

Und es ist ein Irrtum zu glauben, die Initiative betreffe nur die Grosskonzerne. Wenn sich diese ins Ausland verabschieden, leiden die Zulieferer. Die Initiative zerstört Arbeitsplätze und schränkt das Wirtschaftswachstum ein!

Minder selbst hat in einem Interview mit der Zeitung «Le Temps» gesagt: «Ich habe nie gesagt, dass mein Ziel die Senkung der Löhne ist.» Er wolle nur den Aktionären die Verantwortung über die Bezüge geben. Genau das aber suggeriert Minder. Er führt das Volk an der Nase herum. Zu glauben, dass die Exzesse damit aufhören, ist naiv. Zumal die entsprechenden Gesetze erst noch geschaffen werden müssen. Lehnen Sie die Initiative ab, dann greift der Gegenvorschlag. Bereits ab 2014.

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Letzte Bastion der Autorität fällt

7. Februar 2013

AZ Nordwestschweiz

Sie sind die nobelsten Banken der Schweiz, die beiden Genfer Traditionshäuser Lombard Odier und Pictet. Sie waren echte Privatbanken, beide über 200-jährig. Jetzt zwingt ein garstiges Umfeld die bisher unbeschränkt haftenden Teilhaber (je acht), hinter die Mauern einer «anonymen Gesellschaft», wie eine AG so schön auf Französisch heisst, zu flüchten.

Landauf, landab wird das heftig bedauert. Meuchlings wird Ehrenwertes auf dem Altar des Regulierungswahns geopfert. Natürlich hat das ganz direkt mit den Amerikanern zu tun, die es fertig brachten, die älteste Bank der Schweiz, Wegelin, zu schleifen – wiewohl die St.Galler keine Filiale in den USA besassen. Wie ein Dutzend andere Banken ist auch Pictet in das Visier der Amerikaner geraten. Der Schutzwall des Bankgeheimnisses ist durchlöchert, die Bank damit angreifbar geworden.

Was noch vor zwei Jahren für undenkbar gehalten worden war, ist heute ein realistisches Szenario. Die Flucht in die AG ist verständlich. Natürlich ist das Bankengeschäft im Zuge der durch die Megakrise ausgelösten Kontrolllust der Behörden unendlich viel komplexer und aufwendiger geworden. Nichts läuft mehr ohne aufgeblähte Rechtsabteilung. Zudem sind diese beiden Genfer Institut – gerade weil sie so erfolgreich waren – stark gewachsen und damit auch unübersichtlicher und risikobehafteter geworden. Das alles noch als kleines Grüppchen von Privatpersonen mit voller solidarischer Haftung zu stemmen, kann durchaus schlaflose Nächte auslösen. Dass sich da die Besitzerfamilien nach mehr Sicherheit sehnen, ist verständlich.

Auf der gesellschaftlichen Makroebene betrachtet, markiert das Aufgeben der solidarischen Haftung der Teilhaber einen letzten markanten Autoritätsverlust, wie er in weiten Teilen der Gesellschaft in den letzten vierzig Jahren zu beobachten gewesen war. Noch in den 80er-Jahren war es üblich, dass sich ein CEO – damals hiess er noch Generaldirektor – mit seinem Titel anreden liess. Mittlerweile holt sich der Herr Generaldirektor, der jetzt einfach Herr Huber heisst, den Kaffee selber. Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Professoren und meist auch Bundesräte sind zu Menschen wie du und ich geworden.

Jetzt beugen sich die letzten Privatbankiers der Macht des Faktischen. Sie selber glauben nicht mehr daran, dass das Haftungsmodell im Ernstfall noch funktioniert. Die Pictets und de Saussures, die Lombards und Odiers waren die ungekrönten Häupter von Genf. Auch an ihnen geht der Kelch des Autoritätsverlusts nicht vorbei.

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So kommuniziert ein erfolgreicher Banker

31. Januar 2013

AZ Nordwestschweiz

Seit fünf Jahren stehen die Schweizer Grossbanker mit dem Rücken zur Wand. Was sie in dieser Zeit an Kommunikationsleistung geboten haben, nahm sich mehrheitlich penibel aus. Entschuldigungen tönten unglaubwürdig oder arrogant, es fehlte an Ernsthaftigkeit oder es dominierte Überheblichkeit. Wie anders Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan, der Nummer 1 der US-Grossbanken. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» wich er kritischen Fragen nicht aus, bewies Einsicht, stand zu Fehlern, zeigte Selbstvertrauen ohne Arroganz.

Kurz, nachdem ein UBS-Händler mehr als zwei Milliarden Dollar vernichtet hatte, verzockte ein Händler von JP Morgan sechs Milliarden Dollar. Dazu Dimon: «Das ist das Versäumnis von mir und anderen, und es tut mir leid. Vielleicht waren wir zu selbstgefällig. Ich hätte auch vorher niemals behauptet, dass Unternehmen keine Fehler machen. Aber dieser war einfach zu gross. Ich hoffe, es bleibt der grösste Fehler in meiner Karriere.» Auf die Frage, ob die Bank mit den Behörden über einen Vergleich verhandle, sagt Dimon selbstsicher: «Nein. Wozu auch? Wir haben Geld verloren. Da sollte nicht auch noch eine Strafe hinterherkommen. Der Handelsverlust stellt nicht in den Schatten, was die Bank Tag für Tag leistet.»

Unter dem Titel «Too big to fail» und dem Risiko des Investmentbankings verlangen Finma und Nationalbank von der UBS bekanntlich, dass sie weitgehend auf das Investmentbanking verzichtet. Dazu der Amerikaner: «Universalbanken sind nicht das Problem. In grossen Teilen der Welt waren die Geschäftsbereiche der Grossbanken nie getrennt. Australien, Japan, Kanada oder Brasilien hatten nie ein Trennbankensystem, und sie sind gut damit gefahren.» Dieses Argument brachten die Schweizer Banken nie vor.

Und zur Gretchenfrage, ob der «Swiss Finish» mit seinen viel strengeren Auflage für die Schweizer Banken nicht ein Wettbewerbsnachteil sei, sagt Dimon elegant, aber unzweideutig: «Jedes Land kann eigene Regeln erlassen.» Für die UBS könne man das ungerecht nennen, «aber es ist die Entscheidung der Schweizer Gesetzgebers». Fazit: Es ist erstaunlich, wie nüchtern man die Schweiz von aussen betrachtet. Erst sind wir selbstgefällig. Wenn Fehler geschehen, kommunizieren wir falsch und am Schluss wollen wir mit Überregulierung alles wieder gutmachen.

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Vasellas neue Verantwortung

24. Januar 2013

AZ Nordwestschweiz

Keine Wirtschaftsgrösse, welche die Schweiz der letzten zwanzig Jahre prägte, hat im Tonfall und im Duktus so stark den Gutmenschen markiert wie Dan Vasella. Als ausgebildeter Arzt, der er ist, fühlt man sich, wenn man ihn dozieren hört oder ihm im direkten Gespräch gegenübersitzt, als sässe man in der Sprechstunde. Seine Sätze sind wohlüberlegt, die Worte fallen sanft und leise und inhaltlich wirkt alles jungfräulich wie die reine Vernunft.

Erstaunlicherweise kontrastiert seine fürsorgliche Wortwahl krass mit Schilderungen von Personen, die Vasella im geschäftlichen Alltag an Sitzungen erlebt haben, wo er sich offenbar nicht scheut, vor versammelter Geschäftsleitung einen Mitarbeiter blosszustellen, wenn dieser Vasellas Vorstellungen von konziser Argumentation nicht erfüllt. Genauso wenig passt sein pastoraler Redestil zu seinen Gehaltsbezügen, ja er war sich nicht zu schade, einen Basler Anwalt mit einem guten Honorar zu beauftragen, seine Riesenbezüge im Rahmen des internationalen Pharmaumfeldes als gerechtfertigt zu deklarieren. Oder mit andern Worten: Das soziale Verständnis, das sein gelerntes Metier und sein verständnisvoller Tonfall implizit einfordern, passt so gar nicht zu seinen exzessiven Bezügen, die dem Image der Wirtschaft und im konkreten Fall all den seriös und zu vernünftigen Gehältern arbeitenden Managern so immensen Schaden zugefügt haben. Einen Sinn fürs Gemeinwohl scheint Vasella aus dieser Perspektive schlicht zu fehlen.

Auf der andern Seite hat der scheidende Novartis-Chef immer wieder betont, dass er seine riesigen Bezüge vor allem deshalb für gerechtfertigt hält, weil er mit dem Geld eine gemeinnützige Stiftung äufnen will, mit der er direkt und ohne administrativen Aufwand menschliches Leid lindern helfen könne. Vasella hat eine Stiftung für Kinder in Not gegründet und ein Spital in Mali finanziert. Zahlen fehlen allerdings.

So stellt sich nun die Frage, was ein umtriebiger Schnellläufer unternimmt, wenn er plötzlich nicht mehr in den Manageralltag eingebunden ist. Offenbar will Vasella konzerninterne Topmanager und hoffnungsvolle Jungtalente coachen, wie er dem Radio gegenüber sagte. Das ist nett, aber wenn der auf über 200 Millionen geschätzte Doktor einlösen will, was er predigte, dann müsste er von nun an aufzeigen, was seine Stiftung genau macht. Dann könnte Super-Dan ein Vorbild werden für das, was heute «Personal Social Responsibility» heisst. Das ist die wahrzunehmende Verantwortung reich gewordener Menschen, die dank ihres Vermögens und ihrer Fähigkeiten in der Lage sind, sich sinnvoll zum Wohl der Menschheit einzusetzen. Warren Buffet und Bill Gates haben es vorgemacht. Vasella kann dafür zum Vorbild in der Schweiz werden.

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Die Psychologie macht’s aus

17. Januar 2013

AZ Nordwestschweiz

Innert dreier Tage hat sich der Euro von 1.22 auf 1.24 verteuert beziehungsweise der Franken abgeschwächt. Der Börsenindex SMI legte in vier Wochen um über fünf Prozent zu; UBS-Aktien etwa, verteuerten sich allen Skandalen zum Trotz innert weniger Tag von 14 auf 16 Franken. Die Aktien der CS, am Jahresende noch für 23.50 Franken zu haben kosten nun über 26 Franken. Die Börse boomt, und bereits warnen Börsianer, es folge demnächst eine Korrektur.

Der Grund für den Boom ist leicht auszumachen. Seit Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Anfang September erklärt hatte, unbeschränkt Staatsanleihen auch stark verschuldeter Staaten wie Spanien oder Italien zu kaufen, ist die Angst vor einem Kollaps des Euro gewichen. Mit seinem Statement: «Wir tun, was immer nötig ist», hat der Zentralbanker einen Knebel in die psychologische Abwärtsspirale von Verschuldung und Defiziten geschoben. Die Zinsen für Staatsanleihen von Italien und Spanien sind um rund 2 Prozentpunkte gesunken – die Angst ist gewichen. Jetzt plötzlich erinnert sich die Finanzwelt wieder an positive Faktoren, etwa an die Tatsache, dass Pensionskassen, Firmen und reiche Private Abermilliarden in bar halten und bloss darauf warten, dieses Geld anzulegen.

Die Beispiele zeigen einmal mehr, dass die Finanzmärkte und damit auch die Wirtschaft zu einem ganz wesentlichen Teil von nicht beeinflussbaren Ängsten oder Hoffnungen getrieben sind, vom Massenphänomen eines kollektiven Gemütszustands, dem sich niemand entziehen kann. Läuft der Trend abwärts, blendet der Markt positive Signale aus. Als würde die Masse aber mit der Zeit der Schwarzmalerei überdrüssig, werden plötzlich positive Signale zur neuen Richtschnur und das Blatt wendet sich. In Spanien ist weder die gewaltige Arbeitslosigkeit noch die immense Verschuldung von Banken und Privaten gesunken. In Italien ist alles andere als klar, ob Monti seine Politik wird fortsetzen können. Deutschland erreichte im abgelaufenen Jahr gerade mal 0,7 Prozent Wachstum. Generell steigt die Verschuldung munter weiter. Als hätte Draghi einen Zauber gesprochen, hörte die Baisse-Spekulation auf. Keinen einzigen Euro musste die EZB in das angekündigte Kaufprogramm von Staatsanleihen stecken, ein markiger Satz genügte.

Auch wenn in den nächsten Tagen eine Korrektur an der Börse einsetzen sollte: Derzeit deutet nichts auf eine Rückkehr der pessimistischen Stimmung hin. Wie lang der Aufschwung anhält, weiss niemand, aber so sicher wie das Amen in der Kirche wird dieser Aufwärtstrend irgendwann wieder gebrochen. Weder hat Europa seine Probleme gelöst, noch sind die USA das Risiko los, durch die Schuldenbremse von der Klippe zu stürzen. Jetzt aber stehen die Ampeln auf Grün.

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Qualität wäre gefragt

10. Januar 2013

AZ Nordwestschweiz

Heiss läuft derzeit die Diskussion um die Weissgeldstrategie der Banken und harsch ist die Kritik an der immer noch weitverbreiteten Uneinsichtigkeit. Im heutigen Umfeld von hoher Staatsverschuldung treiben die Behörden in allen Ländern Geld ein, wo sie nur können. Den Amerikanern ist es dank ihrem hegemonialen Gehabe – umgesetzt durch das Fatca-Abkommen – gelungen, von ihren Bürgern im Ausland und all jenen, die dank Greencards und andern Umständen zu sogenannten US-Personen geworden sind, Steuern einzutreiben. Dass da die europäischen Staaten nicht hinten anstehen wollen, ist nachvollziehbar. Das Weissgeld-Papier, das nun ausgearbeitet worden ist, beruht auf Freiwilligkeit der Banken, von ihren Kunden Steuerehrlichkeit zu verlangen.

Es ist unschwer abzusehen, dass nicht nur von Deutschland und Frankreich, sondern besonders innerhalb der OECD weiter Druck auf die Schweiz, Liechtenstein, Österreich und andere Länder ausgeübt werden wird, bis eine Form von Datenaustausch realisiert ist. Die Antwort der Banken war bisher defensiv, einige haben sich offiziell zur Weissgeldstrategie bekannt. Jene, die zögern, werden auch noch folgen müssen.

Immer haben die Vorkämpfer betont, sie bräuchten die unversteuerten Gelder gar nicht mehr, entscheidend sei vielmehr die Qualität der Beratung. Da würde jetzt investiert, diesen komparativen Vorteil gelte es gegenüber der ausländischen Konkurrenz auszubauen. Am Ende merke jeder ausländische Kunde, dass er auch bei versteuertem Vermögen weit besser fahre, wenn er sein Geld in der Schweiz durch Schweizer Banken verwalten lasse, als wenn er das bei einer einheimischen Bank in seinem Domizilland mache.

Wohlan denn: Wird jetzt an der Qualität gearbeitet? Werden Schwachstellen ausgemerzt? Wird analysiert, geschult, verbessert? Wird den Kundenberatern mehr Freiraum gewährt? Wird die Zahl der zu betreuenden Kunden pro Berater gesenkt? Wird neues Qualitätsbewusstsein auch nach aussen kommuniziert? Von all dem ist nichts zu sehen, stattdessen wird gespart und Personal abgebaut. Durchwursteln ist angesagt, Hauptsache, die Rendite kann gehalten werden. Die gleiche Erfahrung schrumpfender Erträge haben in den letzten zehn Jahren die Verlage gemacht. Am besten gefahren aber sind jene, die in die Qualität investiert haben. Die Banken sollten sich das merken: Lippenbekenntnisse genügen nicht.

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Was 2013 wirtschaftlich bringt

3. Januar 2013

AZ Nordwestschweiz

Nachdem die Schweizer Börse 2012 mit einem Plus von 16 Prozent abgeschlossen hat, wäre so was wie eine kleine Euphorie angebracht: Die Regel sagt, dass die Börse die reale Wirtschaftsentwicklung 9 bis 12 Monate vorausnimmt; das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) prophezeit 2013 denn auch ein Wachstum von 1,3 Prozent. Wir wären begeistert, träfe dies ein. Es würde bedingen, dass die US-Wirtschaft wieder wächst, dass China wieder mindestens 8 bis 9 Wachstumsprozente erreicht und dass sich die Lage im südlichen Europa stabilisiert. Europa aber steckt in einer Rezession, in Italien ist die politische Lage unklar, Spanien mit seiner riesigen Jugendarbeitslosigkeit gleicht sozialpolitisch einem Pulverfass und Frankreich droht mit seiner absurden Steuerpolitik erst recht in die Abwärtsspirale zu geraten. Die Erfahrung zeigt auch, dass wachstumshemmende Schockwellen durch politische Krisen ausgelöst werden, welche optimistische Prognosen rasch zu Makulatur werden lassen. In Japan ist mit dem neuen Regierungschef Abe ein Hardliner an die Macht gekommen, der den absurden Streit mit China um die unbewohnten Inseln Senkaku zum Prestigefall erhoben hat. Gut möglich, dass daraus ein heftiger Konflikt entsteht.

Gefahr droht auch innenpolitisch. Im März stimmen wir über die Minder-Initiative ab. Sie ist zweifellos populär und wer sich dagegen ausspricht, läuft Gefahr, als Unterstützer absurd hoher Bankenlöhne zu gelten. Das Problem der Initiative steckt in den Details. Der vielleicht wichtigste Grund, die Initiative abzulehnen, dreht sich um unmögliche Anstellungsverhältnisse. Weil die Initiative verlangt, dass die Generalversammlung (GV) die Löhne von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat absegnen muss, sind Neuanstellungen kaum mehr möglich, weil das Management den Lohn mit einem Kandidaten nur unter Vorbehalt der Zustimmung durch die GV vereinbaren kann. Doch wer sagt schon zu, wenn er nicht sicher ist, ob er den vereinbarten Lohn überhaupt erhält. Zudem limitiert die Initiative nur die Managerlöhne, nicht aber jene der supergut verdienenden Händler und Mitarbeiter.

Schwierig wird dieses Jahr vor allem für die Bankenbranche. Die Weissgeldstrategie wird zu weiteren Geldabflüssen führen. Das schmälert die Erträge, dabei sollten die Banken in ihrer Beratungs- und Serviceleistung zulegen, um für ausländische Anleger trotz wegfallender Steuervorteile attraktiv zu bleiben. Qualität aber kostet Geld. Die Branche steht vor einer Konsolidierung. Sie war ein grosser Steuerzahler, wovon wir alle profitiert haben. Diese Zeiten sind vorbei. Die Wirtschaft mag heuer bescheiden wachsen, die meisten Bürgerinnen und Bürger aber werden via höhere Steuern mehr dem Staat abliefern müssen.

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