Kategorie: Mittelland Zeitung


2014 wird kein Superjahr

20. Februar 2014

AZ Nordwestschweiz

Von Konjunkturoptimismus war in jüngster Zeit in Europa viel die Rede. Die EU-Politiker beschworen den Aufschwung, es gehe deutlich bergauf, wurde verkündet. Derlei Spassstimmung mag manche beruhigt haben, doch wie sich immer deutlicher zeigt, ist es angebracht, die Vorfreude auf reduzierterer Flamme zu halten. Gestern hatte die Credit Suisse zusammen mit dem Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung ihren Index veröffentlicht: Zum zweiten Mal in Folge nimmt die Zahl jener ab, die für dieses Jahr einen Aufschwung erwarten. Waren es im Dezember noch 39 Prozent, sind es jetzt noch 28,7 Prozent der befragten Analysten.

In Deutschland – angeblich die europäische Konjunkturlokomotive – wuchs die Wirtschaft im vierten Quartal 2013 gerade mal um 0,4 Prozent, die Prognosen hatten noch 1,1 Prozent vorgegaukelt. Im laufenden Jahr soll das deutsche BIP um 1,8 Prozent zulegen. Wie Figura zeigt, sind auch diese Prognosen wohl zu optimistisch. Der Konsum soll dabei nur um 1,5 Prozent steigen, also unterdurchschnittlich. Dabei raten die Ökonomen seit Jahren, Deutschland müsste die Binnenwirtschaft ankurbeln, damit Europa überhaupt in Fahrt kommt. Doch selbstverständlich ist der deutschen Industrie das eigene Hemd am nächsten, will heissen, ihre Exponenten sind nicht bereit, die Löhne über das Notwendige hinaus zu erhöhen. Die Binnenwirtschaft aber lässt sich nur durch höhere Kaufkraft ankurbeln, und dies wiederum würde höhere verfügbare Einkommen bedingen.

Dass die deutsche Wirtschaft als EU-Zugpferd zwar nicht lahmt, aber nur bescheiden läuft, hat mit dem übrigen Europa zu tun, das nach wie vor gebeutelt ist. In Spanien und Griechenland sind immer noch über 20 Prozent aller Arbeitsfähigen ohne Arbeit. Frankreichs Wirtschaft soll in diesem Jahr offiziell 0,9 Prozent zulegen, effektiv wird das BIP im Minus enden. Italien ist und bleibt strukturpolitisch ein Desaster und auch die USA vermögen die hochgesteckten Wachstumserwartungen nicht zu erfüllen.

Es würde mich nicht wundern, wenn im Nachgang zur Abstimmung vom 9. Februar die Schweizer Konjunkturforscher beginnen, ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr zu trimmen. Aktuell hat die UBS den Zähler für das BIP auf ein Plus von 2,1 Prozent gestellt, das KOF liegt bei 2,2 Prozent, das Seco gar bei 2,3 Prozent.

Das Rosenpicker-Image von uns Schweizern wird sich nach und nach auch in der Wirtschaft durchschlagen. Bald folgt der Automatische Informationsaustausch, der Finanzplatz Schweiz wird noch mehr schrumpfen, die Banken zahlen kaum noch Steuern. Dies treibt die Steuersätze in Gemeinden und Kantonen hoch, wodurch die Kaufkraft sinkt. In Brüssel werden wir zu Bittstellern. Das alles kommt uns noch teuer zu stehen.

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Wir sind nicht (ganz) allein

13. Februar 2014

AZ Nordwestschweiz

Die Sendung «Hart, aber fair» in der ARD vom Montagabend hat vor allem deutlich gemacht, dass eine Abstimmung über die Masseneinwanderung in Deutschland zu einem ähnlichen Ergebnis führen würde. Ein Kommentator des «Berliner Tagesspiegels» ist überzeugt, dass in Deutschland der Ja-Stimmen-Anteil noch deutlich höher ausfallen würde – manche glauben, er läge bei 70 Prozent. Und in Frankreich wäre ein Ja zur Einschränkung der Personenfreizügigkeit so sicher wie das Amen in der Kirche. Wir könnten uns also durchaus in guter Gesellschaft fühlen.

Ebenso klar aber ist, dass die Situation für die Schweiz nach dem Nein mehr als unangenehm geworden ist. Die Drohungen mit der Nichtunterzeichnung des Strommarktvertrags, die Ausgrenzungen der Schweiz aus den Bildungsprogrammen, die Ankündigung, den Schweizern die Personenfreizügigkeit in der EU zu streichen, mögen zwar übertrieben sein. Doch auch nüchtern betrachtet markiert dieser historische Abstimmungssonntag mit grosser Wahrscheinlichkeit die Wende zu einer weniger prosperierenden Schweiz. Wie meistens in der Politik reagiert die Wirtschaft schneller, als die Politiker Lösungen finden.

Diese Reaktionen sind wenig verheissungsvoll. Beispiel: Ein befreundeter Besitzer eines KMU-Betriebs mit 50 Millionen Franken Umsatz sagte mir: «Ich muss investieren, werde das jetzt aber sicher nicht in der Schweiz tun. Wenn ich keine Mitarbeiter mehr finde und mit Retorsionsmassnahmen der EU beim Export rechnen muss, wäre dies unverantwortlich.» Er wird seine Produktionserweiterung in einem EU-Land realisieren. Auch ausländische Unternehmen werden ob der Unsicherheit keinen Risikoentscheid fällen und entweder wegziehen oder die Schweiz als Wahlland auf der Wunschliste streichen. Allein die unsicheren Aussichten werden das Wachstum dämpfen.

Die Wirtschaft reagiert schneller, als die Politiker Lösungen finden.

Die Schweiz hat nur eine Chance, aus diesem Dilemma herauszukommen, wenn es ihr gelingt, Verständnis für eine nicht mehr uneingeschränkt gültige Personenfreizügigkeit zu erwecken – ganz im Sinn der Stimmung in der Bevölkerung anderer EU-Länder. Es muss in Brüssel dämmern, dass diese vierte Freiheit eine Grenze haben muss. Wenn – auf Schweizer Verhältnisse umgerechnet – Jahr für Jahr 800000 Zuzüger nach Deutschland strömten und der Fremdenanteil schon über 23 Prozent läge, würden auch die SPD-Politiker anders reden. Eine intelligente Deckelung der Personenfreizügigkeit muss das Ziel sein.

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Warum die UBS keine Steuern zahlt

6. Februar 2014

AZ Nordwestschweiz

Die mediale Aufregung am Dienstag und vor allem auch gestern Mittwoch in den Medien war gross, als die UBS verkündete, erst wieder 2017 Steuern zu zahlen, obwohl sie im letzten Jahr 3,2 Milliarden Franken Gewinn erwirtschaftet hatte und etwa 3,2 Milliarden Franken Boni ausschüttet. Woher die Aufregung?

Die Möglichkeit, Verluste auf das nächste Jahr zu übertragen, ist eine ganz normale, sinnvolle Regelung der öffentlichen Hand, die allen Betrieben offensteht. Was für einen KMU-Betrieb gut ist, ist auch für eine Bank rechtens. Hinter der Regelung steckt der betriebswirtschaftliche Gedanke, dass einem durch Verluste geschwächten Unternehmen die Möglichkeit geboten wird, wieder Kapital anzusammeln und zu genesen. Der Staat «weiss», dass ein Unternehmen den grössten volkswirtschaftlichen Nutzen schafft, wenn es Arbeitsplätze zur Verfügung stellen kann. Das wiederum setzt gesunde Finanzen voraus. Auch ist es gerecht, dass – wenn Gewinne zu versteuern sind –Verluste in den Folgejahren entsprechend zu einem Steuerabzug berechtigen. Deshalb sieht das Gesetz vor, dass Verluste bis zu sieben Jahre lang gegen Gewinne aufgerechnet werden können, also die folgenden Rechnungsjahre vorgetragen und so nach und nach eliminiert werden können.

Die Vorrangstellung der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, was die öffentliche Hand so hoch hält, lässt sich auch an der Ansiedlungspolitik der Kantone ablesen. Diese bieten ausländischen Firmen – oder zuzugswilligen Unternehmen aus anderen Kantonen – hemmungslos zehnjährige Steuerbefreiung an, vorausgesetzt, sie schaffen Arbeitsplätze. Eine Praxis übrigens, die einmal auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu hinterfragen wäre.

Im Fall der UBS hat dies für die öffentliche Hand selbstverständlich unangenehme Folgen: In den Jahren 2007, 2008 und 2009 türmten sich die Verluste der Bank auf über 50 Milliarden Franken auf. Davon sind Ende 2013 noch 22,6 Milliarden übrig geblieben. Bei einem Gewinn von 3,2 Milliarden und einem Steuersatz von etwa 25 Prozent (die UBS zahlt vor allem auch in den USA und im Vereinigten Königreich Steuern) ist klar, dass die Bank die ihr zustehenden sieben Jahre Verlustvortrag locker ausnützen kann. Deshalb wird die Bank bis und mit 2016 keine Gewinnsteuern abliefern. Was sie natürlich trotzdem bezahlen muss, sind die üblichen Liegenschaften- und Grundstück- und Verrechnungssteuern. Den Gürtel enger schnallen müssen Stadt und Kanton Zürich (und zu einem kleinen Teil Basel). In Zürich (Stadt und Kanton zusammen) haben UBS und CS bis vor der Krise jeweils rund 400 Millionen Franken Steuern abgeliefert. Sieben Jahre addiert bedeuten einen Ausfall von 2,8 Milliarden Franken. Sehr viel Geld.

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Neue Ära bei Novartis

30. Januar 2014

AZ Nordwestschweiz

Halten wir es mit aller Deutlichkeit fest: Die Ära Daniel Vasella bei Novartis ist endgültig vorbei. Novartis ist daran, sich neu auszurichten. Der einst so gefeierte und später verhasste Doyen im Hintergrund zieht keine Fäden mehr. Sein Mentoring-Vertrag ist ein «Kann»-Vertrag: CEO Joe Jimenez kann Vasellas Coaching für Kader abrufen, aber er muss nicht. Im ersten Jahr hatte er es nicht getan.

Bei aller berechtigten Kritik an Vasellas Lust an der Macht, an seinem überdehnten Ehrgeiz und an seinen überrissenen Bezügen soll man allerdings auch nicht vergessen, was Vasella geleistet hat. Aus zwei heterogenen Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Kulturen – Ciba-Geigy und Sandoz – hat er in der Pharmaindustrie einen Weltkonzern mit hoher Ertragskraft gezimmert. Über zehn Milliarden Jahresgewinn wollen erst einmal erwirtschaftet sein.

Das Augenfälligste am neuen VR-Präsidenten Jörg Reinhardt und damit an der Post-Vasella-Ära ist Reinhardts Gespür für korrekte Checks and Balances, also für ein ausgewogenes Machtgefüge zwischen Verwaltungsrat und Management, und für weniger Pomp. Rasch und radikal hat Reinhardt mit den feudalen Strukturen der Ära Vasella gebrochen. Verantwortung wurde nach unten delegiert, die Löhne sind bescheidener, der Verwaltungsrat wird verkleinert und ist nur noch zuständig, wofür er auch von Gesetzes wegen amtet: für die Strategie.

Auf eine neue Strategie warten Aktionäre und Mitarbeiter: War Novartis unter Vasella mit einer breiten Produktepalette aufgestellt, so würde es nicht überraschen, wenn das Duo Reinhardt-Jimenez den Konzern straffen würde. Bleiben die ertragsschwachen Sparten «Tiermedizin», «nicht rezeptpflichtige Medikamente» und «Impfstoffe» beim Konzern oder werden sie verkauft? Folgt eine Konzentration auf hoch spezialisierte Medikamente und Verfahren? Ein Umbau zeichnet sich ab.

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Wir sind keine Charmebolzen

24. Januar 2014

AZ Nordwestschweiz

Zwei Schweizer im Halbfinal am Australian Open, das hat es noch nie gegeben. «Wir» sind spitze im Tennis. Wäre es doch auch im Tourismus so. Denn: Kein einziger helvetischer Skiort schafft es in einer Rangliste des Basler Wirtschaftsforschungsinstituts BAK unter die ersten 15. Weder St. Moritz noch Zermatt, weder Gstaad, Davos, Engelberg oder Verbier. Spitze aber sind die Österreicher, allen voran Lech-Zürs, gefolgt von den Tiroler Orten Serfaus-Fiss-Ladis und Paznaun. Die ersten 14 Ränge belegen österreichische Destinationen.

Etwas besser sind wir im Sommer vor allem dank Luzern, seit Jahren die Sommer Topdestination im Alpenraum. Die Leuchtenstadt konnte den Platz 1 verteidigen, Interlaken, als zweiter Schweizer Ferienort schaffte es auf Platz 7. Doch dann ist schon Schluss. Auch hier dominieren die Österreicher gefolgt von den Italienern.

So weit, so schlecht. Bei genauerer Betrachtung ist das Bild allerdings zu revidieren. So sagt die BAK-Analyse nur sehr beschränkt etwas über die Qualität aus. Wie bei jeder Untersuchung spielen auch im Fall dieses «Erfolgs-Index» die untersuchten Kriterien die entscheidende Rolle. Gemessen wurden nämlich gerade mal drei Kriterien: 50 Prozent des Index machen die Auslastungen der Hotelübernachtungen aus, 30 Prozent die Hotelpreise und 20 Prozent die Entwicklung der Hotelübernachtungen (Zu- oder Abnahme in den letzten neun Jahren). Nicht erhoben wurden Softfaktoren wie Freundlichkeit, Hotel-Qualität, Gastronomie, auch nicht die Pisten, nicht die Lifte, Seilbahnen, Wanderwege oder die übrige touristische Infrastruktur.

Da, wie 2012 geschehen, der Schweizer Franken teuer wurde, profitierten folgerichtig alle andern Gebiete, die im Euro-Raum angesiedelt sind. Dennoch gilt es, einige interessante Faktoren herauszuschälen. Österreich weist einen deutlich höheren Anteil an Drei- und Viersternehotels auf als die Schweiz, nämlich 44 Prozent aller Betten. In den Schweizer Orten liegt der Vergleichswert bei lediglich 27 Prozent. Fakt ist, dass die Auslastung in den Qualitätshotels höher ist als in den einfacheren Gasthäusern. Die BAK-Ökonomen machen deshalb ein Strukturdefizit in der Schweizer Hotellerie aus, keine neue Erkenntnis, aber eine Bestätigung.

Insgesamt muss man das vernichtende Resultat also nicht überbewerten: Es zeigt vor allem, dass der Tourismus eine sehr preissensitive Branche ist. Das beginnt schon beim Skiwasser oder dem Züri-Gschnetzlete. Doch auch wenn die Gastfreundschaft in dieser Erhebung nicht analysiert wurde, ist doch klar: Charmebolzen sind wir Schweizer noch nie gewesen. Da haben uns die vielen familiengeführten Hotelbetriebe im östlichen Nachbarland fast naturgemäss einiges voraus.

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Schuss in den eigenen Fuss

17. Januar 2014

AZ Nordwestschweiz

Seit Jahren drängt die EU die Schweiz, die Holdingbesteuerung abzuschaffen. Dazu hat eine Fachgruppe des Finanzdepartements ein 82-seitiges Papier publiziert, das unter dem Begriff «Unternehmenssteuerreform III» im Dezember den Medien präsentiert wurde. Das Papier enthält Brisantes.

Die Abschaffung der Steuerprivilegien würde zum Exodus ausländischer Konzerne und zu Arbeitsplatzverlusten führen. Deshalb will der Bund die Holdingprivilegien zwar abschaffen, aber gleichzeitig die Unternehmenssteuern so senken, dass für die betroffenen ausländischen Konzerne nur geringfügige Steuererhöhungen resultieren. Das führt zu Steuerausfällen, die vor allem jene Kantone massiv treffen, die viele Holdinggesellschaften beherbergen. Gesamtschweizerisch, sagen Schätzungen, würden den Kantonen jährlich 3 Milliarden Steuereinnahmen entgehen.

Die Ausfälle müssten weitgehend durch die privaten Haushalte kompensiert werden. Das dem Souverän zu verkaufen, ist gewagt. Die Fachgruppe schlägt deshalb unter anderem die Einführung einer Steuer auf Kapitalgewinnen vor – das sind insbesondere Börsengewinne. Ein Sakrileg, denn in der Vergangenheit haben die wenigen Kantone, die noch eine Kapitalgewinnsteuer kannten, diese abgeschafft. Die Argumente waren vielfältig: Erstens wäre der Aufwand zur Erfassung gross, zweitens sei die Steuer im Verhältnis zum Aufwand wenig ergiebig. Dank dem Verzicht auf eine Kapitalsteuer ziehen begüterte Ausländer in die Schweiz, was das Steueraufkommen erhöht. Jetzt behauptet die Expertengruppe, kämen die Kantone zu 800 Millionen zusätzlicher Einnahmen.

In ihrem Bericht ist auch eine Korrektur der verhassten steuerfreien Rückzahlung der Kapitaleinlagereserven enthalten. Dank dieser Rückzahlungen können Unternehmen seit 2011 statt steuerbarer Dividenden steuerfrei Kapitalrückzahlungen ausschütten. Resultat: Kantonen und Gemeinden entgehen dadurch über mehrere Jahre 4 Milliarden an Steuereinnahmen. Das hat einige Kantone und Gemeinden zu Steuererhöhungen gezwungen.

Natürlich sind wir noch weit entfernt von der Einführung einer Kapitalgewinnsteuer. Sie käme einem Schuss in den eigenen Fuss gleich. Eine Kapitalgewinnsteuer würde noch mehr ausländische Kunden vertreiben. Schwer vorstellbar, dass der Souverän, der in Finanzfragen immer sehr ökonomisch entscheidet, Ja zu einer Kapitalgewinnsteuer sagt. Die steuerfreie Rückzahlung von Reserven muss gestoppt werden.

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Die Begehrlichkeiten der Politiker

9. Januar 2014

AZ Nordwestschweiz

Der Ausfall der Milliardenzahlung an Bund und Kantone durch die Nationalbank macht den Finanzdirektoren der Kantone schwer zu schaffen und wirft einige Fragen auf. Etwa: Warum wurden die Kantone durch die SNB nicht explizit vorgewarnt? Oder: Ist die angewandte Bewertungsmethode tatsächlich sinnvoll? Und letztlich: Ist es überhaupt angebracht, dass die SNB neues reales Geld ausschüttet, obwohl die Buchgewinne und – wie im vorliegenden Fall – die Verluste einzig auf dem Papier entstanden sind.

Dass der Goldpreis im Vergleich zum Vorjahr massiv tiefer sein würde – effektiv ist er um 26 Prozent gefallen – und hohe Buchverluste verursachen würde (exakt waren es 15 Milliarden Franken), war bereits im Juli absehbar. Damals notierte der Goldpreis nur unwesentlich über dem Stand vom Jahresende. Eine explizite Warnung hätte dazu geführt, dass die Kantone ihre Ausgaben für 2014 zwangsläufig ohne den erheblichen Zustupf durch die SNB hätten budgetieren müssen.

Es gibt für die SNB keine absolut richtige Bewertungsmethode

Gleichzeitig ist den Finanzdirektoren der Kantone vorzuwerfen, dass sie auch ohne eine solche konkrete Warnung durch die Nationalbank hätten wissen können, dass die Zahlung in diesem Jahr mit aller Wahrscheinlichkeit ausbleiben würde. Wer sich, wie die Finanzdirektoren, mit Budgetprozessen auseinandersetzt, weiss, dass die Nationalbank seit vielen Jahren zum Prinzip der tagesaktuellen Marktbewertung ihrer Aktiven übergegangen und von der Bewertung zum Anschaffungspreis abgerückt ist. Und dass die Währungshüter demzufolge den Wert der 1040 Tonnen Gold bei Jahresende massiv nach unten korrigieren mussten.

Der Ausfall der Gewinnauszahlungen durch die SNB zeigt, dass Bewertungsmethoden Vor- und Nachteile haben und keine absolut richtig ist, so überzeugend die Argumente auch vertreten werden. Entsprechend ist die Diskussion darüber, welche Methode im Fall der SNB richtig ist, neu entfacht.

Die Tageswertmethode bringt grosse Schwankungen mit sich, die umso grösser sind, desto höher die Bilanzsumme der SNB ist. Die horrende Ausweitung der Devisenbestände, entstanden durch die Festbindung des Frankens an den Euro, macht die Nationalbank gegenüber kurzen und heftigen Schwankungen verletzlicher. Zudem verbuchen andere Notenbanken, etwa jene der USA, das Gold zu einem fixen, tiefen Kurs. Dadurch entstehen weder Verluste noch Gewinne.

Der frühere Notenbankchef Fritz Leutwiler hatte sich immer gegen eine Ausschüttung nur schon eines Teils des SNB-Gewinns gewehrt mit dem Argument, dass weder Gewinne noch Verluste der SNB mit der realen Wirtschaft etwas zu tun haben. Jetzt zeigt sich, wie recht er hatte. Solange Gewinne ausgeschüttet werden, sind alle glücklich, selbst wenn es nur Buchgewinne sind. Kehrt die Situation, zeigt sich, wie problematisch diese einer realen Grundlage entbehrenden Zahlen sind. Es mag ja menschlich sein, dass die Begehrlichkeit der Politik obsiegt, sie macht die Ausschüttungen indes nicht sinnvoller.

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Ein Mann für die Geschichte

19. Dezember 2013

AZ Nordwestschweiz

Es war Ben Bernankes letzter Auftritt als Chef der amerikanischen Notenbank Fed, Bernanke geht fast auf den Tag genau mit 60 in den Ruhestand und wird ab Januar durch Janet Yellen ersetzt.

Das Fed ist jene Behörde, die mit ihren Währungsentscheiden wie keine zweite Einfluss auf das Weltgeschehen nimmt. Bernanke war in all den Krisenjahren der vielleicht wichtigste Mann der Welt. Er hätte es in der Hand gehabt, die Welt ins Chaos zu stürzen, denn bekanntlich richtet sich die Politik im Wesentlichen nach den wirtschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen. Bernanke, das muss man festhalten, hat mit seinen ungewöhnlichen Massnahmen die Weltwirtschaft vor einem Infarkt bewahrt.

Mit drei riesigen Aufkaufprogrammen von amerikanischen Staatsanleihen finanziert er unter dem Begriff «mengenmässige Lockerung» (Quantitativ Easing) den amerikanischen Staatshaushalt. Monatlich kauft das Fed 85 Milliarden Dollar neue US-Anleihen auf, womit sich eine noch nie gesehene Geldschwemme über die US-Wirtschaft ergossen hat. Das Programm hat eine brutale Rezession verhindert, die, wäre die Flutung ausgeblieben, zweifellos die ganze Weltwirtschaft in die Krise getrieben hätte. Zu dieser drastischen Massnahme hat der ehemalige Harvard-Professor gegriffen, weil er wie niemand sonst die Ursachen der Grossen Depression in den Dreissigerjahren studiert hatte.

Damals hatten die Regierung und das Fed das Vordergründige getan, indem sie angesichts einbrechender Steuereinnahmen gespart hatten, was das Zeug hielt, mit katastrophalen Auswirkungen. Bernanke war es übrigens auch, welcher der Schweizerischen Nationalbank jenen günstigen Kredit verschaffte, der es ihr 2008 erlaubt hatte, der UBS die giftigen Hypothekarpapiere im Wert von über 50 Milliarden Franken abzukaufen.

Bernankes Programm brauchte Mut, noch nie hat ein Notenbanker die Notenpresse in diesen Drehzahlen laufen lassen. Mittlerweile hat sich die Fed-Bilanz auf über vier Billionen Dollar aufgebläht, was bei Ökonomen mit klassischer Sichtweise das nackte Grauen auslöst. Eines ist jedenfalls sicher: Das Bernanke-Experiment ist erst auf halbem Weg geglückt. Wie die aufgeblähte Bilanz wieder abgebaut werden kann, steht noch auf keinem Blatt.

Man möchte hier Faust zitieren und beten, dass es nicht so kommt: «Die Geister, die ich rief, werd’ ich nicht mehr los». Ein britischer Leserbriefschreiber vergleicht das Experiment der radikalen Geldschwemme mit der Eroberung des Südpols. Robert Scott hatte den Südpol zwar als Erster erreicht, allein, den Rückweg schaffte er nicht. Der nachhaltige Erfolgsausweis steht also noch aus.

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Gute Chefs sind Mangelware

12. Dezember 2013

AZ Nordwestschweiz

Einmal im Jahr und meist um diese Zeit sollten die berühmt-berüchtigten Mitarbeitergespräche stattfinden. Das formelle Gespräch zwischen dem Chef und seinem oder seiner Untergebenen dient einem Rückblick auf die Leistungen, und im Dialog sollen die Ziele und allfällige Verbesserungen fürs nächste Jahr festgelegt werden. Bei vielen Angestellten lösen diese Gespräche Schweissausbrüche aus.

Noch weniger Freude an diesen Gesprächen haben leider viele Chefs. Die oft mit extensiven Fragebögen strukturierten Gespräche empfinden viele von ihnen als das Unangenehmste ihrer Führungsaufgabe. Aus Angst, zu demotivieren, drückt sich der Chef vor einer deutlichen Ansage. Er fragt sich, was er einem Mitarbeiter sagen soll, mit dem er schon mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte zusammenarbeitet und es «eigentlich ja ganz gut geht». Details auflisten? Sicher nicht, schliesslich will der Boss nicht kleinlich wirken. Macken hat schliesslich jeder. Raspelt er auf der andern Seite zu viel Süssholz, gilt er im Team bald mal als Weichei.

Leider laufen die meisten Gespräche etwa so ab: Chef: «So Mario, wie gahts dir so bi eus?» – «Danke, gut.» – «Bisch zfride mit dinere Arbet?» – «Ja sehr… guet, es isch mängisch e chli hektisch.» – «Tja gäll, wo isch es das nöd. Also Mario mir chönds kurz mache: Ich bi sehr zfriede mit dir, ich hoff, au du mit mir?» – «Ja, cha mi nöd beklage.» – «Prima und susch, wie gahts dinere Frau?» – «Danke, gaht gut.» – Schön, das freut mi… Ähm, isch susch no öpis?» – Nei, alles ok… Ussert villicht de Lohn. Gits echli meh?» – «Ja du weisch, s Business isch härt, aber will du so gueti Arbet machsch, chömmer dir echli ufegah. Gell, du verstahsch, es isch meh e symbolischi Geste. Es git 50 Franke meh. Besser als nüt, oder?» Mario schluckt leer, lächelt verlegen, denkt , «du Schleimer». Aber er sagt etwas anderes: «Danke, ja besser als nüt.» Mario für seinen Einsatz zu danken, hat der Chef vergessen, was mehr Wert wäre als 50 Franken.

Während sich die Chefs also häufig um ihre Führungsaufgabe drücken, nutzen die mutigen unter den Mitarbeitenden das Jahresgespräch für eine «Kropfleerete». Betretenes Schweigen, wenn die Untergebene schonungslos Schwächen ihres Chefs aufdeckt. In der Regel bleibt dann die Wirkung nicht aus. Doch das sind Ausnahmen.

Oberflächliche und unehrliche Gespräche bewirken ziemlich genau das Gegenteil dessen, was sie sollten. Statt zu motivieren, hinterlässt der Chef einen frustrierten Mitarbeiter. Ein guter Vorgesetzter nimmt sich während des Jahres öfter mal Zeit zu einem Gespräch und kritisiert oder lobt, wenn es Grund dafür gibt. Leider wird in den wenigsten Unternehmen geübt, wie Führungsgespräche zu führen sind. Gute Chefs fallen leider nicht vom Himmel.

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Banken drohen zu verdorren

5. Dezember 2013

AZ Nordwestschweiz

Noch nie ist der Finanzplatz Schweiz so durchgeschüttelt worden wie jetzt. Der Steuerstreit mit den USA, der drohende automatische Informationsaustausch, das verschwundene Bankgeheimnis, eine Regulierungsbehörde, die mittlerweile via Medien mit ihren Schützlingen kommuniziert, Grossbanken, die ihr Investmentbanking abtrennen, reihenweise zum Verkauf stehende Vermögensverwaltungsbanken, Kantonalbanken, die zum Systemrisiko werden, oder die Flut neuer, nicht mehr zu bewältigender rechtlicher Bestimmungen – so ist in einer Kurzfassung die Situation zu umschreiben.

Die Folgen dieser Wirrnisse sind fatal. Am Ende drohen Steuererhöhungen für alle, weil nicht nur die Banken, sondern auch das Bankpersonal als Steuerzahler ausfallen. Dabei wird der Umgang der Behörden mit den Banken immer fragwürdiger. Am deutlichsten sichtbar am Beispiel des US-Steuerstreits. In der Schweiz ansässige Banken müssen bis Ende Jahr deklarieren, zu welcher der vier definierten Sündenkategorien sie sich zählen.

Das betrifft auch Banken, die nicht aktiv Kunden gesucht haben und die nicht wissen konnten, ob ihre US-Kunden ihr Vermögen rechtmässig versteuern oder nicht. Solche Banken haben nie gegen Schweizer Recht verstossen. Insbesondere aber sind sie nie von der Finma gewarnt worden, sie würden sich allenfalls strafbar machen, wenn sie weiterhin US-Kunden betreuen. Kein Wunder, fühlen sich diese Institute vom Bund im Stich gelassen. Obendrein forderte Finma-Präsident Patrick Raaflaub am letzten Freitag die Banken via NZZ-Artikel auf, sich auch dann in eine höhere (schärfer geahndete) Kategorie einzuordnen, wenn sie glauben, rechtmässig gehandelt zu haben.

Den Banken drohen Bussen oder die Gefahr, vom Dollar-Zahlungsverkehr abgeschnitten zu werden, sodass eine betroffene Bank wie weiland Wegelin aufgeben müsste. Insgesamt könnten die Bankbussen zusammen zwischen 10 und 20 Milliarden Franken kosten, meldet der «Tages-Anzeiger» unter Berufung auf eine Berner Quelle. Das Bankgeschäft in der Schweiz droht zu verdorren.

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