Kategorie: Mittelland Zeitung


Undankbarer Job gut gemacht

19. August 2010

Zum Rücktritt von Finma-Präsident Eugen Haltiner

Mittelland Zeitung

Es ist billig, wie dies gewisse Online-Medien schon gestern Mittwoch getan haben: den zurücktretenden Eugen Haltiner als den falschen Mann an der Spitze der Finma zu bezeichnen und ihn quasi für das UBS-Debakel mitverantwortlich zu machen. Bloss weil er seine lange Karriere in der UBS durchlief, wo er es bis zum Generaldirektor brachte, hat er in der Überwachung nicht versagt. Die Finma hätte das Investment der UBS in die giftigen Subprimes gar nicht verhindern können. Zudem lag das Problem vor allem daran, dass der ausserhalb der Bank geführte eigene Hedge Fund die gleichen Produkte in den Büchern hatte. Auch ist das Timing nicht Sache der Finma. Wann der richtige Zeitpunkt zum Aussteigen ist, muss die Bank selber wissen. Haltiner kann man auch nicht dafür verantwortlich machen, dass ein überehrgeiziger Marcel Ospel die UBS angetrieben hatte, um sie zur grössten Investmentbank der Welt umzuschmieden.

Als Haltiner 2006 zum damaligen Präsidenten der Eidgenössischen Bankenkommission (heute Finma) gewählt wurde, klatschte man Beifall, dass ein ehemaliger Generaldirektor der UBS für ein solches Amt gefunden werden konnte. Man versprach sich besondere Fachkenntnisse, die der Überwachungsbehörde bisher gefehlt haben. Zudem galt der Schaffhauser als gradliniger Typ, der sich sehr wohl getrauen würde, den mächtigen Grossbanken auf die Finger zu klopfen. Das hatte er auch bewiesen, als er – wie im GPK-Bericht über die UBS-Krise nachzulesen ist, im Frühling 2008, als die UBS eben wieder massive Verluste meldete, an einem Freitagnachmittag zusammen mit seinem Stellvertreter Peter Eckert nach Zürich zu Marcel Ospel fuhr und seinen Ex-Kollegen zum sofortigen schmachvollen Rücktritt zwang.

Haltiner musste in den schlimmsten Tagen der UBS in seinen Statements dauernd abwägen zwischen der brutalen Wahrheit und einer noch vertretbaren Besänftigung. Würde er zu deutlich, wäre unter den drei Millionen Schweizer Kunden Panik ausgebrochen, es hätten sich lange Schlangen vor den Schaltern gebildet und die Bank wäre nicht mehr zu retten gewesen. Wäre er zu schönfärberisch gewesen, hätte man ihn der Lüge und Vertuschung bezichtigt. Zudem wurde er ein Gefangener des Systems, ein Rücktritt während der grössten Krise war unmöglich, weil damit Zweifel an seiner Integrität (und jener der Finma) aufgekommen wären. Keine Frage, sein Job war 2008 und 2009 alles andere als ein Schleck. Dafür beneidete ihn niemand. Auch ihm war klar, dass an der Regulierungsbehörde etwas hängen bleiben würde, wenn eine Bank vom Format einer UBS an den Rand des Abgrunds gerät. Wo Fehler passieren, sucht man Schuldige, die in der Regel rasch gefunden werden. Ergo prasselte unaufhaltsam Kritik auch auf Haltiner nieder. Und weil ein Übel selten alleine kommt, wurde die Finma auch noch der Untätigkeit im Fall der Steueraffäre der UBS mit den USA bezichtigt. Doch erstens war Haltiner zur Tatzeit gar nicht im Amt und zudem spielten sich die Fälle ausserhalb des Kontrollbereichs der Finma ab.

Haltiners Rücktritt hat einen direkten Zusammenhang mit der Demission von Bundesrat Merz. Ein neuer Finanzminister wird diesen vorbelasteten Posten neu besetzen wollen. Also kommt Haltiner einer Rücktrittsaufforderung jetzt zuvor. Im Rückblick hat er einen schwierigen Job korrekt gemacht. Ob ein anderer effizienter gewesen wäre, ist eine hypothetische Frage. Schwierig wird es, einen Nachfolger zu finden. Von der UBS oder der Credit Suisse kann er nicht kommen.

Doch dann wird es wohl heissen, er verstehe vom Banking nichts.

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Die Show der US-Milliardäre

12. August 2010

Mittelland Zeitung

Die knappe Ankündigung von 40 US-Milliardären letzte Woche, spätestens bei ihrem Ableben die Hälfte ihres Vermögens zu spenden, hat hohe Wellen geworfen. In Kommentaren ist sofort die Frage gestellt worden, ob das sinnvoll sei. Und am liebsten hätten die Medien Nachahmer präsentiert.

Die Attraktivität von Geld und Reichtum in der Öffentlichkeit wird nur noch durch Sex übertroffen. Die Vorstellung, dass die Reichsten ihr Geld spenden und damit auf irgendeine Weise symbolischen Verzicht leisten – real mangelt es ja an gar nichts –, erfüllt die Sehnsucht aller andern, die nichts oder weniger haben. Gerechtigkeit soll herrschen, die ganz besonders in der christlichen Ethik eine zentrale Rolle der Heilslehre darstellt. Nirgends aber ist dieser Wunsch nach Gleichheit stärker als in Deutschland, der Wiege der sozialen Marktwirtschaft. Die Parteien spendeten Lob, sofort wird die Idee einer Sondersteuer lanciert.

Indes, die durchaus lobenswerte Spendenpraxis in den USA gibt für Europa kein brauchbares Vorbild, zu unterschiedlich sind die Mentalitäten. Da ist erst mal der Umstand, dass in den USA Spenden von den Steuern abgesetzt werden können, was staatspolitisch hochproblematisch ist, weil so dem Staat die Lenkung von wertvollem Steuersubstrat entzogen ist. Ferner lässt sich die Zahl der Milliardäre in europäischen Ländern meist an einer oder zwei Händen abzählen, wogegen in den USA über 400 Personen mit einem Vermögen von über 1000 Millionen bekannt sind. Der Durchschnittsmilliardär läuft unter «ferner liefen» und versinkt quasi in der Anonymität. Von Bedeutung ist zudem das sehr entkrampfte Verhältnis der Bevölkerung reichen Leuten gegenüber. Larry Ellison etwa, der Besitzer von Oracle, steigert sein Vermögen pro Jahr um 1,8 Milliarden Dollar und niemand regt sich darüber auf. Reichtum gilt allgemein als «geil». Dass jetzt auf Initiative von Bill Gates (Microsoft) und Warren Buffett (Birkshire Hathaway) die beiden reichsten Männer des Landes auf einer Website (www.thegivingpledge.org) eine Milliardärsliste publizieren, zeigt nur, mit welcher Unbekümmertheit die reichsten Amerikaner ihren Reichtum boulevardisieren. Die Idee der Website sei es, andere Milliardäre zu animieren, Gleiches zu tun.

Weil in Europa die Vermögen deutlich kleiner sind als in den USA und die Gelder in der Regel in grossen Aktienpaketen gebunden sind, sind riesige Spenden schwierig. Dieses Geld zu Lebzeiten zu verschenken, hiesse, die Kontrolle über Firmen ganz oder teilweise aufzugeben und den Konzern zu destabilisieren. Das ist etwa bei der Familie Hoffmann (Roche) der Fall. Und letztlich ziehen es aus verständlichen Gründen die meisten reichen Leute in Europa vor, Geld anonym zu spenden, offensichtlich auch in den USA. Schliesslich figurieren auf der genannten US-Liste nur gerade 10 Prozent aller US-Milliardäre.

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Die USA müssen China fürchten

11. August 2010

Mittelland Zeitung

Gewaltiger Handelsbilanzüberschuss im Reich der Mitte

Wir können den Trend in der Schweiz ablesen: Der Touristenstrom aus China ist heuer gewaltig angeschwollen. Die Bergbahnen verzeichnen diesen Sommer Rekordwerte an chinesischen Touristen, die Uhrenverkäuferinnen in Luzern kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Was im Kleinen das hiesige Business freut, manifestiert sich auf eindrückliche Weise in makroökonomischen Zahlen. Mit eingeschaltetem Nachbrenner stösst Chinas Wirtschaft in neue Sphären vor: Im Juni lagen die Exporte fast unvorstellbare 43 Prozent über dem Vergleichsmontag des Vorjahres, im Juli betrug das Plus 38 Prozent. Was für die Titlis-Bahnen oder den Uhrenhändler Bucherer Good News sind, bereitet Ökonomen und politischen Beobachtern Sorgen der gröberen Art.

Der Handelsbilanzüberschuss ist der wirkungsvollste Machtfaktor Chinas. Die Spannungen, die sich um das steigende Ungleichgewicht aufbauen, sind ernst zu nehmen.

China als Fabrik der Welt bolzt davon, während vor allem die südlichen Länder Europas und die USA stagnieren. Das Ungleichgewicht zwischen den Blöcken wird dramatisch grösser. Das zeigt sich konkret am massiv gestiegenen Handels- bilanzüberschuss Chinas. Allein im Juni betrug dieser 20 Milliarden Dollar, im Juli waren es bereits satte 28 Milliarden Dollar. Chinas Exporte steigen massiv, das Wachstum der Importe dagegen schwindet. Eine fatale Tendenz, denn China scheffelt massiv Geld, die Staatskasse quillt über, während die Schulden in Europa und insbesondere in den USA unheilvolle Löcher in die Staatskassen reissen.

Dieses Ungleichgewicht ist der Kern des Übels. Es hat die grosse Krise vor zwei Jahren erst möglich gemacht, indem es den Amerikaner erlaubte, auf Pump zu leben. China musste die Überschüsse investieren und kaufte damit US-Schuldenpapiere. Die Amerikaner erhielten billiges Geld und kreierten so die Immobilienblase.

Die chinesischen Überschüsse wiederum sind eine Folge fast unbeschränkt zur Verfügung stehender billiger Arbeitskräfte. Also verlagern Firmen ihre Produktion ins Reich der Mitte. Betroffen davon sind nicht nur die Textil-, die Schuh- oder die Spielzeugindustrie, sondern auch die Computerproduktion.

Überhaupt werden immer mehr technisch anspruchsvolle Güter in China produziert. Als Folge entvölkern sich im südlichen Europa, in England und in den USA die Fabriken, was auch die Nachfrage nach Ingenieuren schwinden lässt. Das führt zu einem eklatanten Verlust an Know-how, sodass viele Branchen in diesen Ländern gar nicht mehr in der Lage sind, auf dem Weltmarkt mitzuhalten.

Gerade hier zeigt sich jetzt die Dramatik, die hinter den neuesten Zahlen aus China steckt. In den genannten Ländern und vor allem in den USA erholt sich die Wirtschaft nicht. Die Weltmacht oder was von ihr übrig geblieben ist, vermag die Produktion nicht anzukurbeln, viele Produkte sind technologisch überholt, es fehlt an Know-how. Dort aber, wo US-Firmen führend sind, lassen sie just in China produzieren.

Paradebeispiel dafür ist das iPhone. Im internationalen Vergleich ist die US-Industrie in weiten Teilen nicht mehr wettbewerbsfähig. Es droht der «double dip», dass die Wirtschaft also nach der kurzen Er- holung ein zweites Mal taucht. Trifft dies ein, scheint Deflation unvermeidlich. Sinkende Preise aber sind das übelste Gift für eine Volkswirtschaft.

Dieses wahrscheinliche Szenario birgt ungeheuren politischen Zündstoff. Seit zwei Jahren drängen die USA China vergeblich, den Yüan zu verteuern, das beste Rezept, um das Ungleichgewicht abzubauen. Derweil kauft sich China in Afrika und Südamerika Mine um Mine und sichert sich so die Rohstoffzufuhr, die im eigenen Land fehlt. Die US-Regierung gerät damit unter doppelten Druck: Steigt die Arbeitslosigkeit weiter und kommt es zur Deflation, sind innenpolitische Spannungen unvermeidlich. Gleichzeitig muss Präsident Obama in der Währungsfrage einen Erfolg buchen können. Bisher hat China ausser ein paar verbalen Zugeständnissen und einer symbolischen Aufwertung des Yüan um 0,8 Prozent den USA die kalte Schulter gezeigt. Der Handelsüberschuss ist der sichtbarste und wirkungsvollste Machtfaktor Chinas. Die Spannungen, die sich um das steigende Ungleichgewicht aufbauen, sind sehr ernst zu nehmen.

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Transparenz im Verkehr ist nötig

5. August 2010

Mittelland Zeitung

Der Preisüberwacher hat die gewünschten Aufschläge der Bahn marginal reduziert. Er mag dafür seine Gründe haben. Aus volkswirtschaftlicher Sicht aber ist das Bahnfahren viel zu billig, genauso wie das Autofahren die Kosten nicht deckt. Dem Steuerzahler werden unverhältnismässige Kosten aufgebürdet, das Verursacherprinzip wird zugunsten einer wiewohl effizienten, aber superteuren Infrastruktur mit Füssen getreten. Die Folgen viel zu tiefer Transportkosten: Wir alle greifen gierig nach dem billigen Gut Transport, Arbeits- und Wohnort können bald beliebig weit auseinander liegen – und wir realisieren nicht, dass damit die Nachfrage erst recht steigt und die ungedeckten Kosten bald ins Unermessliche steigen.

Schauen wir uns die Bahn etwas genauer an: Der Bundesbetrieb SBB ist mit satten acht Milliarden Franken verschuldet. Schulden in einem Staatsbetrieb sind nur dann gerechtfertigt, wenn vorübergehend hohe Investitionen (beispielsweise in Rollmaterial) finanziert werden müssen. Doch bei den SBB ist es gerade umgekehrt. Um die gewaltig angeschwollenen Passagierströme bewältigen zu können, haben die SBB begonnen, in den nächsten Jahren für 20 Milliarden Franken neues Rollmaterial zu bestellen. Mit Entsetzen mussten die SBB zudem im Frühling mitteilen, dass sie den Nachholbedarf im Gleisunterhalt falsch berechnet hatten, die gestiegenen Frequenzen führen auch zu erhöhter Abnützung. Es fehlen jährlich (!) 500 bis 850 Millionen Franken.

Wären die SBB ein privat geführtes Unternehmen, der Aktienkurs läge im Keller, die Firma wäre ein Sanierungsfall. Die Rechnung ist einfach: Nehmen wir an, die Schulden und das neue Rollmaterial, zusammen 28 Milliarden, müssten in den nächsten 10 Jahren auf null abgeschrieben werden. Damit fielen jährlich zusätzlich 2,8 Milliarden an. Dazu kommen die unterschätzten Unterhaltskosten sowie die Zinsen auf den Investitionen und Schulden. In diesen Betrag nicht eingerechnet sind die Infrastrukturkosten (Gleise, Bahnhöfe, Betriebskosten für unrentable Randregionen etc.), die Bund und Kantone bezahlen, zusammen rund drei Milliarden Franken.

Noch weniger transparent ist die Kostenwahrheit im Strassenverkehr, weil die Bereitstellung der Infrastruktur auf Bund, Kantone und Gemeinden verteilt ist und die individuell gefahrenen Kilometer nur geschätzt werden können. Sicher ist nur, dass auch der Individualverkehr nicht kostendeckend ist.

Was endlich not täte, wäre die Publikation von zwei ganz simplen Eckwerten, die zu berechnen zwar nicht einfach, aber machbar wäre. Auf der Basis gefahrener totaler Bahn- und Strassenkilometer müsste der Bürger wissen, was ihn 1km Bahnfahren und 1 km Strassenbenützung tatsächlich kostet. Mehr Kostenbewusstsein wäre die Folge und ein grösseres Verständnis für höhere Tarife und Benzinzuschläge.

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Basel III – abgeschwächt

29. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Der satte Sprung um rund 10 Prozent, den die europäischen Bankaktien am Dienstag vollführt haben, war eine Folge des Einlenkens der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Diese internationale Aufsichtsbehörde hatte Ende 2009 ein Papier in die Vernehmlassung geschickt, welches von den Banken massiv höhere Eigenkapital- und Liquiditätspolster verlangte. Weil aber namentlich deutsche, britische und französische Banken immer noch auf mageren Reserven sitzen, hätten sie die neuen Vorschriften mit dem Titel Basel III in unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht.

Abgeschwächt wurden im Wesentlichen finanztechnische Vorschriften, wie Anleihen, Kredite, Hypotheken, Derivate, Hedge-Instrumente, CDO etc. in der Bilanz zu bewerten sind. Was im Detail gemeint ist, zeigen zwei Beispiele. Viele Banken halten Minderheitsbeteiligungen an anderen ausländischen Banken. Solche Minderheitsbeteiligungen werden nicht konsolidiert und gelten als ausserhalb der Bilanz (off balance sheet) geführt. Nun wurde festgelegt, dass bereits eine 10-Prozent Beteiligung dem Eigenkapital zugerechnet werden darf.

Ein zweites Beispiel betrifft den Begriff «Stabiles Nettowiederbeschaffungsverhältnis» («net stable funding ratio»), das stark gelockert wurde. Mit diesem Wert wird die zeitliche Übereinstimmung von Kredit und Absicherung definiert. Dabei gilt: je kongruenter die zeitliche Abstimmung, desto höher der Eigenkapitalbedarf. Hätte die BIZ am ursprünglichen Wert festgehalten, hätte dem Finanzsektor insgesamt die horrende Summe von 1500 Milliarden Euro gefehlt, wie ein Analyst ausgerechnet hat.

Das Nachgeben der BIZ hat einen konkreten Hintergrund. Dem Bankensystem fehlt es massiv an Eigenkapital. Einerseits, weil die Krise viel davon weggefressen hat, andererseits, weil gerade die Krise deutlich machte, dass das Finanzsystem mit mehr Eigenkapital ausgestattet sein muss. Ein gutes Beispiel sind die britischen Banken. Sie haben zwar den Stresstest bestanden, doch müssen sie gemäss der Bank of England bis Ende 2012 total 800 Milliarden Pfund an kurzfristigen Verbindlichkeiten zurückbezahlen, können aber nur etwa die Hälfte davon auf dem Kapitalmarkt beschaffen. Woher das Geld nehmen? Wächst die Wirtschaft stark, ist die Kapitalbeschaffung via Wachstum möglich, wächst sie nicht, werden die Banken das Geld von ihren Schuldnern zurückfordern und entsprechend Kredite kündigen. Das würde das Wirtschaftswachstum erst recht beeinträchtigen.

Die BIZ reagiert mit ihren gelockerten Vorschriften also auf die Gefahr, dass es zum doppelten Taucher kommen könnte, dass auf die durch die Finanzkrise ausgelöste Rezession eine zweite folgen könnte, die durch Kreditverknappung ausgelöst würde. Deshalb wird die Einführung der Vorschriften auch zeitlich verzögert, von 2012 erst auf 2018.

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Das gewagte Spiel der Nationalbank

22. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Das hat es in der neueren Geschichte der Nationalbank noch nie gegeben: Die Währungshüterin veröffentlicht eine Gewinnwarnung. Sie tut das aus gutem Grund: Die Kritik an ihrer Geldpolitik hat massiv zugenommen. Sie richtet sich gegen die Euro-Stützungskäufe, die nun prompt jene Verluste gebracht haben, vor der viele gewarnt haben. Alleine 14 Milliarden mit dem Euro zu verspekulieren, ist schon ein starkes Stück. Schon in früheren Phasen, als für die Schweiz noch der Dollar die absolute Leitwährung war, hatte die Nationalbank hin und wieder versucht, Kursausschläge zu glätten. Immer wieder hatten frühere Nationalbankchefs selber darauf hingewiesen, dass sich weder die Notenbanken gemeinsam, geschweige denn eine einzelne wie die schweizerische gegen den Markttrend stemmen könnten.

Dennoch hat die SNB in diesem Frühling in noch nie da gewesenem Ausmass Euro gegen Franken gekauft. Sie tat dies im Glauben, Arbeitsplätze der Exportindustrie sichern zu müssen. Doch dieser geht es plötzlich blendend, just wegen des tiefen Euros. Namentlich die deutsche Wirtschaft boomt dank der tiefen Währung, was zu Anschlussaufträgen in der Schweizer Wirtschaft führt. Diverse Branchen verzeichnen plötzlich wieder Auftragseingänge wie in der Hochkonjunktur. Und Asien boomt sowieso.

Doch die Eurokäufe führten zu einer ganzen Reihe von neuen Ungleichgewichten. Plötzlich schwimmen im Ausland Milliarden von Franken, die irgendwann wieder abgesogen werden müssen. Das wird dann den Euro drücken und den Franken stärken, auf jeden Fall neue Kursauschläge bewirken. Die Wirtschaft aber wünscht sich eine möglichst berechenbare Währung. Die Geldschwemme kann zu Inflation führen, welche die Notenbank mit hohen Zinsen bekämpfen muss.

Natürlich kann die Nationalbank die Verluste verkraften, zumal der Zufall wollte, dass das Gold teurer wurde und damit die Goldbestände an Wert zulegten, was einen grossen Teil der Euroverluste kompensierte. Und als besondere Pointe verdiente die Nationalbank an den Subprimes, welche die UBS notfallmässig an die Nationalbank auslagern musste. Doch was, wenn der Euro weiter fällt, etwa auf Fr. 1.20, wie das verschiedene Ökonomen in ihre Szenarien eingebaut haben? Was, wenn das Gold wieder taucht und der Dollar dazu? Die Nationalbank ist unnötig grosse Risiken eingegangen.

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Irland hat nichts zu lachen

15. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Dieses Jahr habe ich Irland als Reiseziel gewählt, was die Gelegenheit gibt, die irische Krise aus der Nähe zu analysieren. Die Zahlen sind für ein Land mit nur gerade 3,5 Millionen Einwohnern erschreckend. Das merkt etwa der Betreiber eines kleinen Hotels an der Südküste, dessen Haus in Irland als Trouvaille gilt. Nie musste er sich ums Marketing kümmern, die Mundpropaganda und die vielen lobenden Zeitungsartikel haben ihm das Haus fast ausschliesslich mit einheimischen Gästen gefüllt. Doch jetzt, in der Hochsaison, ist das Haus kaum halb voll. «Die Iren können sich schlicht keine Ferien mehr leisten», sagt er resigniert.

Über Jahre haben Irlands Banken fast blind in Immobilien investiert, ausgelöst durch eine von der Regierung initiierte, abstruse Steuerabschreibungspraxis. Wer in Immobilien investierte, konnte die Schuldzinsen von den Steuern abziehen, auch wenn er in einem ganz anderen Business zu Hause war. So wurden Unsummen in Hotels und Wohnüberbauungen gepumpt, ohne dass jemand abklärte, ob dafür auch genügend Nachfrage vorhanden war. In der Folge wurden jährlich bis zu 130000 Häuser und Wohnungen gebaut (Schweiz 2008: 44000 Wohnungen).

Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige Chef der drittgrössten irischen Bank, der Anglo Irish Bank, Sean Fitzpatrick. Schon während seiner Amtszeit investierte er privat in alle möglichen Immobilienprojekte, darunter auch in trendige Restaurantketten. Der einst als Held des keltischen Tigers gefeierte Fitzpatrick, dessen Anglo Irish Bank an der Börse zu Boomzeiten mit 13 Milliarden Euro bewertet war, mutierte zum grössten Finanzübeltäter der Nation. Im von Ehrgeiz geprägten Wettlauf um die Spitzenposition mischten auch alle anderen Banken im Immobilienbusiness mit und verloren dabei jede Hemmung. Fitzpatrick ist mittlerweile bankrott und schuldet seinem ehemaligen Arbeitgeber 110 Millionen Euro. Seine Bank wurde verstaatlicht und muss durch einen Auffangfonds der Zentralbank rekapitalisiert werden.

Mit Infusionen von 10 Milliarden Euro werden andere irische Banken am Leben gehalten. Weil der Markt so überhitzt ist, dürfte der grösste Teil dieses Geldes verloren sein. Noch ist der Finanzminister zuversichtlich, dass alle Banken den europäischen Stresstest bestehen. Die staatliche Hilfe machts möglich. Die Wunden wird das Land noch lange lecken müssen.

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Das Beständige loben

8. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Viel ist in den letzten Jahren lamentiert worden über die Schweiz. Angefangen hat das schon lange, etwa als Klaus Jacobs die Toblerone an die Amerikaner verkaufte oder als Bally ins Ausland verscherbelt wurde. Schlimm wurde es, als uns amerikanische Anwälte in der Holocaust-Krise kollektiv der Hehlerei bezichtigten und vollends ans Lebendige ging es, als die Swissair von einigen an die Wand gefahren wurde. Die UBS-Krise hat uns den Glauben genommen, der Finanzplatz sei unangreifbar. Dazu zwangen uns die Amerikaner zum juristisch fragwürdigen Kotau in Form eines Staatsvertrags und Gaddafi führte uns vor wie einen Zirkusbären. Nein, Schweizerin oder Schweizer zu sein, war in den letzten Jahren kein Schleck. Gerade der Finanzplatz liefert immer wieder Munition zur Kritik. Dabei sind die Banken Gefangene ihrer selbst. Sie wehren sich kaum, ihre Argumente sind schwach, oder sie schiessen sich selber in den Fuss, etwa wenn Bonus-Programme zu absurden Bezügen führen.

Dabei ist die Schweiz, wie wir wissen, hervorragend durch die Krise gekommen (wenige haben es besser gemacht, Kanada etwa, das keine einzige Bank retten musste). Weshalb das so ist, wird kaum je erörtert. Wir lieben es stattdessen, uns selbst schlechter zu machen, als wir sind. Während sich andere Länder hemmungslos schönreden und – um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken – mit dem Finger auf andere zeigen, besitzen wir Schweizer eine veritable Obsession, uns Asche aufs Haupt zu streuen. Dabei hätte dieses Land durchaus eine Botschaft an die Welt, nämlich, dass das Kleinräumige immense Vorteile hat, dass die politisch nach unten delegierte Verantwortung, das Subsidiäre also, zu Spareffekten führt, dass weiter die Steuerhoheit der Kantone und Gemeinden untereinander einen Wettbewerb auslöst, der den Fiskus limitiert. Wir schreiben Eigenverantwortung gross und sind dem Kollektiv gegenüber kritisch.

Die Bank Julius Bär als Player auf dem viel kritisierten Finanzplatz hat nun den Mut, in einem ausführlichen und sorgfältig recherchierten Essay (www.juliusbaer.com) eine Exegese der Schweiz vorzunehmen, also in einer fast psychoanalytischen Auslegeordnung den helvetischen Seelenzustand darzulegen und die positiven Faktoren aufzulisten, die diesem Land zu Wohlstand verholfen haben . Dabei ist der Text nie salbaderisch und durchaus auch kritisch.

Dieser Text macht den Bürgern bewusst, weshalb dieses Land da steht, wo es ist. Das ist nötig und hilfreich. Dass er von einer Bank angeregt wurde, mag man als PR-Übung abtun. Doch wer sonst hat denn etwas Ähnliches geleistet? Die viel gescholtene UBS oder die CS? Die FDP, CVP oder gar die SVP. Erwarten würden wir eine solche Analyse von den politischen Behörden, allen voran vom Bundesrat. Doch dazu ist dieser nicht fähig. Aber das wissen wir ja. Und gehört offenbar zum System.

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Ohne Sanierung geht es nicht

1. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Sparen oder nicht sparen, das ist hier die Frage. Leider fällt die Antwort nicht leicht. Denn wenn gespart würde, wie das die G-20 mit politischem Schönreden getan haben, droht unweigerlich die nächste heftige Rezession. Denn gespart werden würde an Löhnen, an Projekten und Subventionen, die letztlich alle nur eines tun: Menschen Arbeit bescheren. Also stiege die Arbeitslosigkeit und sänke der Konsum und damit die Nachfrage. Unternehmen gerieten in Schwierigkeiten, Steuereinnahmen blieben aus, was es noch schwieriger machen würde, die Staatsfinanzen ins Lot zu bringen.

Auf der andern Seite die gewaltigen Defizite nicht zu bekämpfen, hiesse die Schuldenberge weiter aufzutürmen. Damit nähme das Vertrauen der Märkte in die Solidität der Staatsfinanzen weiter ab. Die grossen Institutionellen, die Pensionskassen, die Finanzabteilungen grosser Konzerne würden aufhören, Staatsobligationen zu kaufen. Das würde die Notenbanken, also insbesondere die Europäische Zentralbank, die Bank of England und das amerikanische Fed, zwingen, Staatspapiere zu kaufen, was gleichbedeutend ist mit dem Drucken von Geld, für das es keinen Gegenwert gibt. Für die Politiker eine miserable Situation. Sie können tun und lassen, was sie wollen, es kommt falsch heraus. Also wählen sie das letzte zur Verfügung stehende Mittel: Sie beschwichtigen, machen gute Miene zum absehbaren Desaster und versuchen, das Problem auf morgen zu vertagen.

Allein, der Abgrund naht. Der Euro sinkt und sinkt. Was wir schon vor zwei Wochen gesagt haben, wird immer unausweichlicher: Die griechischen Schulden (und danach vermutlich auch die spanischen) müssen saniert werden. Das heisst, Gläubiger müssen auf einen erheblichen Teil ihrer Schulden verzichten, vermutlich auf die Hälfte. Treffen würde es hauptsächlich deutsche und französische Banken. Doch eine Sanierung ist die Voraussetzung dafür, dass das Vertrauen in den Euro wieder zurückkehrt. Medizinisch betrachtet gehört die Beule aufgestochen.

Eine Sanierung mit dem Skalpell ist allemal die fairere Lösung, denn sie trifft jene, die Geld haben. Schliesslich haben die Investoren auch ein Risiko genommen, denn auch bei einem Staat kann man nicht davon ausgehen, dass er ein risikoloser Schuldner ist. Das ist keine neue Erkenntnis aus der Zeit nach der Finanzkrise, das steht in jedem Schulbuch. Freilich ist eine Schuldensanierung kein schmerzfreies Unterfangen. Banken werden die Eigenständigkeit verlieren, Arbeitsplätze gingen verloren. Doch im Szenario «Weiterwursteln» träfe es die ganze Bevölkerung, alle Steuerzahler, Unschuldige verlören ihren Job.

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Hayek gab uns die Präzision zurück

30. Juni 2010

Mittelland Zeitung

Die Uhrenindustrie hat dem Unternehmer viel zu verdanken

Er ist, er war nach Roger Federer der berühmteste Schweizer. Ein Spitzenathlet in der Disziplin des Unternehmertums. Kein anderer war in der Schweiz erfolgreicher, kein anderer hat es weiter gebracht als er. Herzblut haben andere auch, bei Hayek aber war die pure Lust, Visionen umzusetzen, mit Händen zu greifen.

Welch ein Charakter war dieser Mann! Er hat provoziert, er hat polarisiert, er war rücksichtslos und schonungslos. Einer, der sich durchtankte wie neulich Klose gegen England. Wehe, du standest ihm im Weg! Napoleon muss ein ähnlicher Typ gewesen sein oder Alfred Escher. Wer als General oder Unternehmer in die Geschichte eingeht, ist kein Softie. Nie vergesse ich die zitternden Knie und den Schweiss auf der Stirn seines Chefbuchhalters, als er diesen einmal in meiner Gegenwart in sein Büro zitierte und über ein Detail in der Erfolgsrechnung Auskunft verlangte.

1983 hatte ich Nicolas Hayek kennen gelernt, an der ersten Pressekonferenz der Swatch-Gruppe. In Zürich. Ein unscheinbarer Raum in einem Hotel. Nicht mehr als 20 Journalisten. Vorne ein schlichter Holztisch. Darauf ein grosser Berg Uhren. Unscheinbares Plastik. Unifarbig, unspektakulär, blau, schwarz, braun, militärgrün. Hässlich. War es das gewesen? Wir waren enttäuscht und konnten uns nicht vorstellen, dass damit die Schweizer Uhrenindustrie gerettet werden sollte.

Sein Glück war, dass der geniale Marketing-Mann Max Imgrüth für den Verkauf der Swatch verantwortlich war.

Wie viele internationale Blätter titelte gestern, unter anderem auch «Die Welt»: «Swatch-Erfinder Nicolas Hayek gestorben». Das ist Geschichtsklitterung, gegen die sich Hayek nie gewehrt hat. Erfunden hatte er die Uhr nicht, das waren zwei Ingenieure – lange bevor Hayek in die Firma eingetreten war. Den Anstoss dazu hatte Ernst Thomke geben, der damalige Chef der SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère). Ihm war klar geworden, dass die Schweiz nur dann eine Chance gegen die japanische Digitaluhren hatte, wenn es gelänge, eine Uhr mit massiv weniger Teilen weitgehend automatisch herzustellen. Derlei war nur mit Plastikspritzguss und ausgeklügeltem Anlagebau zu schaffen.

Hayek war als Berater von SSIH engagiert worden und ihm gelang Ähnliches, was auch Christoph Blocher gelungen war: Beide überzeugten die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG), dass sie sich an den Firmen beteiligte, für die sie tätig waren. Christoph Blocher konnte so die Mehrheit an Ems-Chemie erwerben, Hayek und andere übernahmen von der Bankgesellschaft Aktien der von ihr rekapitalisierten SMH (Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie), dem Fusionsprodukt der gescheiterten SSIH und Asuag. Möglich gemacht hatte das einer, der heute fast vergessen ist: SBG-Generaldirektor Peter Gross vertraute auf Hayek. Zum Dank sitzt er mit seinen 79 Jahren noch im Verwaltungsrat der Swatch Group.

Mit seinem Engagement ging Hayek ein grosses Risiko ein. Entsprechend legte er sich mächtig ins Zeug. Sein Glück war, dass der geniale Marketing-Mann Max Imgrüth für den Verkauf der Swatch verantwortlich war. Ihm war der frühe Höhenflug der Plastikuhr zu verdanken, er hatte es fertiggebracht, dass eine weltweite, über mehrere Jahre anhaltende Sammelwut einsetzte. Zehn Jahre nach der Lancierung war die Billiguhr die Stütze des Konzerns.

Hayeks grosses Verdienst ist, was er in den letzten 25 Jahren aus dem Konzern gemacht hat. Den Umsatz vervierfachte er, das Prestige des Konzerns trieb er in sphärische Höhen. Das gelang ihm dank seiner unkonventionellen Persönlichkeit, dank seiner Art, sich in Szene zu setzen. Er liebte die Kamera und er wusste genau, was es brauchte, um eine mediale Wirkung zu erzielen. Ganz im Gegensatz zum herkömmlichen Schweizer Unternehmer wollte er auffallen und im Mittelpunkt stehen. Es war ihm klar, dass die Uhr nicht in erster Linie der Zeitmessung dient, sondern der sozialen Identifikation. Er wusste, dass ein Konzern, der emotionale Produkte verkaufte, ein Gesicht braucht. Da halfen nicht nur das offene Hemd und die vielen Uhren am Handgelenk, da beeindruckte sein kühner stechender Blick. Mit seiner mitreissenden Art hat er der gesamten Schweizer Uhrenindustrie neues Leben eingehaucht. Er hat damit der Schweiz ihr bestes Identifikationsmerkmal zurückgegeben, die Präzision.

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