Basel III – abgeschwächt

29. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Der satte Sprung um rund 10 Prozent, den die europäischen Bankaktien am Dienstag vollführt haben, war eine Folge des Einlenkens der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Diese internationale Aufsichtsbehörde hatte Ende 2009 ein Papier in die Vernehmlassung geschickt, welches von den Banken massiv höhere Eigenkapital- und Liquiditätspolster verlangte. Weil aber namentlich deutsche, britische und französische Banken immer noch auf mageren Reserven sitzen, hätten sie die neuen Vorschriften mit dem Titel Basel III in unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht.

Abgeschwächt wurden im Wesentlichen finanztechnische Vorschriften, wie Anleihen, Kredite, Hypotheken, Derivate, Hedge-Instrumente, CDO etc. in der Bilanz zu bewerten sind. Was im Detail gemeint ist, zeigen zwei Beispiele. Viele Banken halten Minderheitsbeteiligungen an anderen ausländischen Banken. Solche Minderheitsbeteiligungen werden nicht konsolidiert und gelten als ausserhalb der Bilanz (off balance sheet) geführt. Nun wurde festgelegt, dass bereits eine 10-Prozent Beteiligung dem Eigenkapital zugerechnet werden darf.

Ein zweites Beispiel betrifft den Begriff «Stabiles Nettowiederbeschaffungsverhältnis» («net stable funding ratio»), das stark gelockert wurde. Mit diesem Wert wird die zeitliche Übereinstimmung von Kredit und Absicherung definiert. Dabei gilt: je kongruenter die zeitliche Abstimmung, desto höher der Eigenkapitalbedarf. Hätte die BIZ am ursprünglichen Wert festgehalten, hätte dem Finanzsektor insgesamt die horrende Summe von 1500 Milliarden Euro gefehlt, wie ein Analyst ausgerechnet hat.

Das Nachgeben der BIZ hat einen konkreten Hintergrund. Dem Bankensystem fehlt es massiv an Eigenkapital. Einerseits, weil die Krise viel davon weggefressen hat, andererseits, weil gerade die Krise deutlich machte, dass das Finanzsystem mit mehr Eigenkapital ausgestattet sein muss. Ein gutes Beispiel sind die britischen Banken. Sie haben zwar den Stresstest bestanden, doch müssen sie gemäss der Bank of England bis Ende 2012 total 800 Milliarden Pfund an kurzfristigen Verbindlichkeiten zurückbezahlen, können aber nur etwa die Hälfte davon auf dem Kapitalmarkt beschaffen. Woher das Geld nehmen? Wächst die Wirtschaft stark, ist die Kapitalbeschaffung via Wachstum möglich, wächst sie nicht, werden die Banken das Geld von ihren Schuldnern zurückfordern und entsprechend Kredite kündigen. Das würde das Wirtschaftswachstum erst recht beeinträchtigen.

Die BIZ reagiert mit ihren gelockerten Vorschriften also auf die Gefahr, dass es zum doppelten Taucher kommen könnte, dass auf die durch die Finanzkrise ausgelöste Rezession eine zweite folgen könnte, die durch Kreditverknappung ausgelöst würde. Deshalb wird die Einführung der Vorschriften auch zeitlich verzögert, von 2012 erst auf 2018.

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Stresstest bringt Nationalbank in Erklärungsnot

25. Juli 2010

Sonntagszeitung

Ob der Stresstest hart genug war und die Märkte beruhigen wird, muss sich noch weisen. Jedenfalls beteuert die EU damit, dass ihr Bankensystem stabil ist und folglich kein «Too big to fail»-Problem besteht. Wäre das nicht die Überzeugung der EU, wäre der Stresstest eine Farce, und die Politik (und die Fachleute, die hinter diesem Test stehen) hätte die Märkte und ihre Bürger belogen. Nun sind im Banking Systemrisiken nicht auf einzelne Länder beschränkt, wie das Beispiel Lehman Brothers gezeigt hat. Wo immer eine systemrelevante Bank scheitert, löst sie ein Erdbeben im Bankensystem weltweit aus. Konsequenterweise kann man auch nicht behaupten, die beiden Schweizer Grossbanken seien anders zu behandeln als andere europäische Banken. Fakt ist, dass CS und UBS im Test obenaus schwingen; statt mit den geforderten 4 Prozent stünden sie im schlimmsten angenommenen Fall mit einer Kernkapitalquote von über 12,5 Prozent da.

«CS und UBS stünden im schlimmsten Fall mit einer Kernkapitalquote von über 12,5 Prozent da»

Da stellt sich die Frage, warum die Nationalbank zusammen mit der Finma trotz der bereits 2008 massiv erhöhten Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften mit der Solidität der beiden Grossbanken noch nicht zufrieden ist, zumal diese den Eigenhandel massiv eingeschränkt und ihre Bilanzen reduziert haben. Für CS und UBS entstünde Stress – so dürfen wir annehmen – nicht im eigenen Land, etwa weil hier der Immobilienmarkt kollabieren würde, nein, Stress käme auf, weil beispielsweise Griechenland, Spanien oder Portugal ihre Schulden sanieren müssten. Derlei Stress beträfe aber die Banken im Ausland viel eher als die beiden Grossbanken. Oder konkreter: Bevor CS oder UBS in die Existenzkrise rutschen würden, kollabierten systemrelevante ausländische Institute reihenweise.

Auf die Schweizer Banken bezogen, beweist der Stresstest, dass das, was SNB und Finma bisher schon von den beiden Banken gefordert haben, a) ganz offensichtlich genügt und b) schon weit über das hinausgeht, was das Ausland unternimmt. Damit stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit zusätzlicher Vorschriften, wie sie von der «Too big to fail»-Kommission im August präsentiert werden sollen. Fordern SNB und Finma von den Grossbanken noch mehr Eigenkapital und Liquidität, wäre dies ein unmissverständliches Signal an Europa: Der Stresstest ist reine Schönfärberei. Wir sind gespannt, ob die offizielle Schweiz den Mut hat, Europa die Leviten zu lesen.

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Das gewagte Spiel der Nationalbank

22. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Das hat es in der neueren Geschichte der Nationalbank noch nie gegeben: Die Währungshüterin veröffentlicht eine Gewinnwarnung. Sie tut das aus gutem Grund: Die Kritik an ihrer Geldpolitik hat massiv zugenommen. Sie richtet sich gegen die Euro-Stützungskäufe, die nun prompt jene Verluste gebracht haben, vor der viele gewarnt haben. Alleine 14 Milliarden mit dem Euro zu verspekulieren, ist schon ein starkes Stück. Schon in früheren Phasen, als für die Schweiz noch der Dollar die absolute Leitwährung war, hatte die Nationalbank hin und wieder versucht, Kursausschläge zu glätten. Immer wieder hatten frühere Nationalbankchefs selber darauf hingewiesen, dass sich weder die Notenbanken gemeinsam, geschweige denn eine einzelne wie die schweizerische gegen den Markttrend stemmen könnten.

Dennoch hat die SNB in diesem Frühling in noch nie da gewesenem Ausmass Euro gegen Franken gekauft. Sie tat dies im Glauben, Arbeitsplätze der Exportindustrie sichern zu müssen. Doch dieser geht es plötzlich blendend, just wegen des tiefen Euros. Namentlich die deutsche Wirtschaft boomt dank der tiefen Währung, was zu Anschlussaufträgen in der Schweizer Wirtschaft führt. Diverse Branchen verzeichnen plötzlich wieder Auftragseingänge wie in der Hochkonjunktur. Und Asien boomt sowieso.

Doch die Eurokäufe führten zu einer ganzen Reihe von neuen Ungleichgewichten. Plötzlich schwimmen im Ausland Milliarden von Franken, die irgendwann wieder abgesogen werden müssen. Das wird dann den Euro drücken und den Franken stärken, auf jeden Fall neue Kursauschläge bewirken. Die Wirtschaft aber wünscht sich eine möglichst berechenbare Währung. Die Geldschwemme kann zu Inflation führen, welche die Notenbank mit hohen Zinsen bekämpfen muss.

Natürlich kann die Nationalbank die Verluste verkraften, zumal der Zufall wollte, dass das Gold teurer wurde und damit die Goldbestände an Wert zulegten, was einen grossen Teil der Euroverluste kompensierte. Und als besondere Pointe verdiente die Nationalbank an den Subprimes, welche die UBS notfallmässig an die Nationalbank auslagern musste. Doch was, wenn der Euro weiter fällt, etwa auf Fr. 1.20, wie das verschiedene Ökonomen in ihre Szenarien eingebaut haben? Was, wenn das Gold wieder taucht und der Dollar dazu? Die Nationalbank ist unnötig grosse Risiken eingegangen.

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Bahnfahren ist viel zu billig

18. Juli 2010

Sonntagszeitung

Moritz Leuenberger hinterlässt bekanntlich jede Menge Baustellen, reale wie die Neat (die am Schluss den Steuerzahler doppelt so viel kosten wird wie einst geplant) und Baustellen im übertragenen Sinn. Nur schon aus dieser Sicht ist zu hoffen, dass ein neuer Wind im Departement Uvek blasen wird. Besonders gravierend ist die Situation bei den SBB.

«Die Pendler nehmen immer längere Fahrwege in Kauf. Das kostet die Allgemeinheit doppelt»

Obwohl die Passagierzahlen im letzten Jahr um 1,5 Prozent zunahmen – ein stetiger Prozess –, gingen die Erträge insgesamt massiv zurück. Der ausgewiesene Gewinn von 370 Millionen Franken ist reine Kosmetik: Für 240 Millionen verscherbelten die SBB Tafelsilber (in Form von Immobilienbesitz). Für die Infrastruktur (Geleise, Bauten) und die nicht rentierenden Regionallinien werden die SBB direkt vom Bund mit 2,7 Milliarden Franken jährlich entschädigt. Doch auch so konnten die Bähnler die Investitionen nicht vollständig aus den Betriebsmitteln zahlen, sodass die Verschuldung um 0,8 auf 8 Milliarden netto anstieg. Seit ein paar Monaten wissen wir, dass der Unterhalt der Geleise falsch berechnet wurde. Der Nachholbedarf beträgt je nach Quelle 500 bis 850 Millionen Franken jährlich. Hinzu kommt neues Rollmaterial von 20 Milliarden, das über die kommenden Jahre zu beschaffen ist. Das Loch wird immer grösser. Eine Rückzahlung der Verschuldung innert zehn Jahren eingerechnet, fehlen den SBB bei ungeschönter Kostenrechnung jährlich mindestens 4 Milliarden Franken. Anders formuliert: Gerade weil immer mehr Leute Zug fahren, steigen die Kosten sprunghaft. Doch statt verursachergerechte Tarife zu erheben, betreibt der Staatsbetrieb Umverteilung zulasten der Allgemeinheit. Auf den Fahrplanwechsel hin wollen alle Bahnen die Tarife um 6,4 Prozent anheben, was der Preisüberwacher verhindern will, weil nicht klar geregelt ist, wie der Gewinn der SBB zu berechnen ist. Es besteht die Gefahr, dass eine völlig ungenügende oder gar keine Erhöhung beschlossen wird.

Das hat Konsequenzen: Weil das Bahnfahren viel zu billig ist, werden falsche Anreize geschaffen. Statt dass Pendler den Wohn- und Arbeitsort in einer vernünftigen Distanz halten, nehmen sie immer längere Fahrwege in Kauf. Das kostet die Allgemeinheit doppelt: In den Metropolregionen steigen die Infrastrukturkosten überproportional, und die SBB bitten den Steuerzahler vermehrt zur Kasse. Die Unternehmen schliesslich können sich bequem in den Speckgürteln der grossen Städte ansiedeln, das Personal finden sie dank dem übersubventionierten ÖV ohnehin.

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Irland hat nichts zu lachen

15. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Dieses Jahr habe ich Irland als Reiseziel gewählt, was die Gelegenheit gibt, die irische Krise aus der Nähe zu analysieren. Die Zahlen sind für ein Land mit nur gerade 3,5 Millionen Einwohnern erschreckend. Das merkt etwa der Betreiber eines kleinen Hotels an der Südküste, dessen Haus in Irland als Trouvaille gilt. Nie musste er sich ums Marketing kümmern, die Mundpropaganda und die vielen lobenden Zeitungsartikel haben ihm das Haus fast ausschliesslich mit einheimischen Gästen gefüllt. Doch jetzt, in der Hochsaison, ist das Haus kaum halb voll. «Die Iren können sich schlicht keine Ferien mehr leisten», sagt er resigniert.

Über Jahre haben Irlands Banken fast blind in Immobilien investiert, ausgelöst durch eine von der Regierung initiierte, abstruse Steuerabschreibungspraxis. Wer in Immobilien investierte, konnte die Schuldzinsen von den Steuern abziehen, auch wenn er in einem ganz anderen Business zu Hause war. So wurden Unsummen in Hotels und Wohnüberbauungen gepumpt, ohne dass jemand abklärte, ob dafür auch genügend Nachfrage vorhanden war. In der Folge wurden jährlich bis zu 130000 Häuser und Wohnungen gebaut (Schweiz 2008: 44000 Wohnungen).

Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige Chef der drittgrössten irischen Bank, der Anglo Irish Bank, Sean Fitzpatrick. Schon während seiner Amtszeit investierte er privat in alle möglichen Immobilienprojekte, darunter auch in trendige Restaurantketten. Der einst als Held des keltischen Tigers gefeierte Fitzpatrick, dessen Anglo Irish Bank an der Börse zu Boomzeiten mit 13 Milliarden Euro bewertet war, mutierte zum grössten Finanzübeltäter der Nation. Im von Ehrgeiz geprägten Wettlauf um die Spitzenposition mischten auch alle anderen Banken im Immobilienbusiness mit und verloren dabei jede Hemmung. Fitzpatrick ist mittlerweile bankrott und schuldet seinem ehemaligen Arbeitgeber 110 Millionen Euro. Seine Bank wurde verstaatlicht und muss durch einen Auffangfonds der Zentralbank rekapitalisiert werden.

Mit Infusionen von 10 Milliarden Euro werden andere irische Banken am Leben gehalten. Weil der Markt so überhitzt ist, dürfte der grösste Teil dieses Geldes verloren sein. Noch ist der Finanzminister zuversichtlich, dass alle Banken den europäischen Stresstest bestehen. Die staatliche Hilfe machts möglich. Die Wunden wird das Land noch lange lecken müssen.

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Die Wirtschaft profitiert vom tiefen Euro

11. Juli 2010

Sonntagszeitung

Bekanntlich hat die Nationalbank im ersten Halbjahr den Euro in gigantischem Ausmass gestützt und die Bestände auf rund 200 Milliarden aufgestockt. Dafür wird sie zunehmend lauter kritisiert. Die Probleme in Euroland scheinen unsere Währungshüter unterschätzt zu haben. Die Verschuldungsprobleme werden nicht gelöst, sondern wie eine Bugwelle vor sich hergeschoben. Namhafte Ökonomen glauben, dass besonders Griechenland saniert werden muss. Gemäss Devisenexperten gehört die griechische Eiterbeule aufgestochen, was eine heilsame Wirkung auf den Euro hätte, der an Wert zulegen würde. Mit ihrer Strategie, Franken auf den Markt zu werfen und Euros zu kaufen, versuchte die Nationalbank in erster Linie, unsere Exportindustrie zu schützen. Was schon der legendäre Fritz Leutwiler festhielt, hat sich auch diesmal gezeigt: Interventionen wirken höchstens temporär. Auch eine Notenbank hat dem langfristigen Trend nichts entgegenzusetzen. Tatsächlich ist der Euro über 15 Prozent vom Zielkurs von 1.50 Franken entfernt. Dafür hat sich die Notenbank im ersten Halbjahr Währungsverluste von über 10 Milliarden Franken eingehandelt.

«Steigt der Euro wieder, mutieren die Währungsverluste in Währungsgewinne»

Dabei hat die Exportindustrie die immens teure Schwächung des Frankens gar nicht nötig. Der tiefe Euro verhilft Europa zum Exportboom. Vor allem in Deutschland verzeichnet die Industrie plötzlich massive Bestellungseingänge, wovon die Schweizer Industrie als Zulieferer profitiert. Das gilt etwa für die Chemie, aber auch für die Autoindustrie. Mehrere angefragte Zulieferer bestätigen sprunghaft gestiegene Bestellungseingänge. Diese Volumen kompensieren einen wesentlichen Teil der Währungsverluste. Verbilligt haben sich ferner Roh- und Halbfertigfabrikate sowie Maschinen, welche unsere Industrie in Euro bezahlt. Bleiben die Lohnkosten. In der häufig hochgradig automatisierten Produktion ist der Lohnanteil in einem Produkt gering. Konklusion: Für die Exportindustrie ist die Frankenstärke unangenehm, aber nur in wenigen Fällen wirklich bedrohlich.

Hat sich die Nationalbank also verspekuliert? Vielleicht hat sie die Abfederung unterschätzt, oder sie hat dem Lamento der Industrie zu viel Gehör geschenkt. Ironie oder Kalkül: Am Ende könnte sich das Euro-Engagement als eine gigantische Spekulation entpuppen: Wenn nämlich Griechenland doch saniert wird und der Euro tatsächlich wieder steigt, mutieren die Währungsverluste in Währungsgewinne. Doch derlei verwegene Spekulation wollen wir der SNB natürlich nicht unterstellen.

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Das Beständige loben

8. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Viel ist in den letzten Jahren lamentiert worden über die Schweiz. Angefangen hat das schon lange, etwa als Klaus Jacobs die Toblerone an die Amerikaner verkaufte oder als Bally ins Ausland verscherbelt wurde. Schlimm wurde es, als uns amerikanische Anwälte in der Holocaust-Krise kollektiv der Hehlerei bezichtigten und vollends ans Lebendige ging es, als die Swissair von einigen an die Wand gefahren wurde. Die UBS-Krise hat uns den Glauben genommen, der Finanzplatz sei unangreifbar. Dazu zwangen uns die Amerikaner zum juristisch fragwürdigen Kotau in Form eines Staatsvertrags und Gaddafi führte uns vor wie einen Zirkusbären. Nein, Schweizerin oder Schweizer zu sein, war in den letzten Jahren kein Schleck. Gerade der Finanzplatz liefert immer wieder Munition zur Kritik. Dabei sind die Banken Gefangene ihrer selbst. Sie wehren sich kaum, ihre Argumente sind schwach, oder sie schiessen sich selber in den Fuss, etwa wenn Bonus-Programme zu absurden Bezügen führen.

Dabei ist die Schweiz, wie wir wissen, hervorragend durch die Krise gekommen (wenige haben es besser gemacht, Kanada etwa, das keine einzige Bank retten musste). Weshalb das so ist, wird kaum je erörtert. Wir lieben es stattdessen, uns selbst schlechter zu machen, als wir sind. Während sich andere Länder hemmungslos schönreden und – um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken – mit dem Finger auf andere zeigen, besitzen wir Schweizer eine veritable Obsession, uns Asche aufs Haupt zu streuen. Dabei hätte dieses Land durchaus eine Botschaft an die Welt, nämlich, dass das Kleinräumige immense Vorteile hat, dass die politisch nach unten delegierte Verantwortung, das Subsidiäre also, zu Spareffekten führt, dass weiter die Steuerhoheit der Kantone und Gemeinden untereinander einen Wettbewerb auslöst, der den Fiskus limitiert. Wir schreiben Eigenverantwortung gross und sind dem Kollektiv gegenüber kritisch.

Die Bank Julius Bär als Player auf dem viel kritisierten Finanzplatz hat nun den Mut, in einem ausführlichen und sorgfältig recherchierten Essay (www.juliusbaer.com) eine Exegese der Schweiz vorzunehmen, also in einer fast psychoanalytischen Auslegeordnung den helvetischen Seelenzustand darzulegen und die positiven Faktoren aufzulisten, die diesem Land zu Wohlstand verholfen haben . Dabei ist der Text nie salbaderisch und durchaus auch kritisch.

Dieser Text macht den Bürgern bewusst, weshalb dieses Land da steht, wo es ist. Das ist nötig und hilfreich. Dass er von einer Bank angeregt wurde, mag man als PR-Übung abtun. Doch wer sonst hat denn etwas Ähnliches geleistet? Die viel gescholtene UBS oder die CS? Die FDP, CVP oder gar die SVP. Erwarten würden wir eine solche Analyse von den politischen Behörden, allen voran vom Bundesrat. Doch dazu ist dieser nicht fähig. Aber das wissen wir ja. Und gehört offenbar zum System.

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Es wird eng für UBS und CS

4. Juli 2010

Sonntagszeitung

Hart wurde das letzte G-20-Treffen kritisiert. Weder Beschlüsse zur Bankenregulierung wurden gefasst, noch wurde eine Bankentransaktionssteuer beschlossen. Doch die Kritik war voreilig. In den entscheidenden Punkten Eigenkapital, Liquidität, Systemrisiken und Derivatkontrolle ist die globale Bankenaufsicht weiter, als viele denken. Ziel ist, dass definitive Vorschläge am nächsten G-20-Treffen vom November in Seoul vorliegen. Das Financial Stability Board mit Sitz in Basel als Plattform der Notenbanken arbeitet auf Hochtouren an einem koordinierten Papier.

Am vergangenen Montag hat dieses einflussreiche Gremium eine bemerkenswerte Neuerung bekannt gemacht. Danach sollen die neuen Regulierungen je nach Konjunktur- bzw. Krisenlage erst nach und nach eingeführt werden, und zweitens werden den einzelnen Ländern unterschiedliche Geschwindigkeiten zugestanden. Bisher galt die eiserne Regel, dass verschärfte Vorschriften, insbesondere was das Eigenkapital betrifft, nur gemeinsam eingeführt werden, da sonst eine Wettbewerbsverzerrung droht, was zur Folge haben könnte, dass internationale Banken ihren Sitz in jene Länder verlegen. Erst kürzlich hat FDP-Präsident Fulvio Pelli davor gewarnt, CS und UBS könnten sich mit ihren Headquarters ins Ausland absetzen, wenn ihnen die Schweiz zu enge Vorschriften macht. Tatsächlich wird es eng für die beiden. Am meisten treibt sie die Frage über die Höhe des Eigenkapitals um. Müssten sie, wie von Finanzmarktaufsicht und Nationalbank angestrebt, ihr Eigenkapital verdoppeln, würde sich die Rendite halbieren. Das hätte gravierende Auswirkungen auf den Aktienkurs. Offen ist, ob die gewonnene Solidität auch tatsächlich zu mehr Kunden im Vermögensverwaltungsgeschäft führt.

Die vom Financial Stability Board abgesegnete individuelle Umsetzung der Empfehlungen öffnet insbesondere dem Präsidenten der Nationalbank, Philipp Hildebrand, die Möglichkeit, seine harte Position den Grossbanken gegenüber eher durchzusetzen. Mit Spannung wird man beobachten, was ihm Grübel und Dougan entgegenhalten. Um Kulissenschieberei dürfte es sich bei der angedrohten Sitzverlegung ins Ausland handeln. Diese käme weder bei den ausländischen Kunden und noch im Stammland gut an. Zu vermuten ist eher, dass die Banken darauf pochen werden, die Entscheide zu staffeln und hinauszuschieben. Ihr bestes Argument: Nach der Krise sind nur wenige solide Banken übrig geblieben. Der grösste Teil der Risiken wurde abgebaut. Wieso jetzt die Rahmenbedingungen im Alleingang verschlechtern, wo ihre Ausgangslage so gut wie noch nie ist?

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Ohne Sanierung geht es nicht

1. Juli 2010

Mittelland Zeitung

Sparen oder nicht sparen, das ist hier die Frage. Leider fällt die Antwort nicht leicht. Denn wenn gespart würde, wie das die G-20 mit politischem Schönreden getan haben, droht unweigerlich die nächste heftige Rezession. Denn gespart werden würde an Löhnen, an Projekten und Subventionen, die letztlich alle nur eines tun: Menschen Arbeit bescheren. Also stiege die Arbeitslosigkeit und sänke der Konsum und damit die Nachfrage. Unternehmen gerieten in Schwierigkeiten, Steuereinnahmen blieben aus, was es noch schwieriger machen würde, die Staatsfinanzen ins Lot zu bringen.

Auf der andern Seite die gewaltigen Defizite nicht zu bekämpfen, hiesse die Schuldenberge weiter aufzutürmen. Damit nähme das Vertrauen der Märkte in die Solidität der Staatsfinanzen weiter ab. Die grossen Institutionellen, die Pensionskassen, die Finanzabteilungen grosser Konzerne würden aufhören, Staatsobligationen zu kaufen. Das würde die Notenbanken, also insbesondere die Europäische Zentralbank, die Bank of England und das amerikanische Fed, zwingen, Staatspapiere zu kaufen, was gleichbedeutend ist mit dem Drucken von Geld, für das es keinen Gegenwert gibt. Für die Politiker eine miserable Situation. Sie können tun und lassen, was sie wollen, es kommt falsch heraus. Also wählen sie das letzte zur Verfügung stehende Mittel: Sie beschwichtigen, machen gute Miene zum absehbaren Desaster und versuchen, das Problem auf morgen zu vertagen.

Allein, der Abgrund naht. Der Euro sinkt und sinkt. Was wir schon vor zwei Wochen gesagt haben, wird immer unausweichlicher: Die griechischen Schulden (und danach vermutlich auch die spanischen) müssen saniert werden. Das heisst, Gläubiger müssen auf einen erheblichen Teil ihrer Schulden verzichten, vermutlich auf die Hälfte. Treffen würde es hauptsächlich deutsche und französische Banken. Doch eine Sanierung ist die Voraussetzung dafür, dass das Vertrauen in den Euro wieder zurückkehrt. Medizinisch betrachtet gehört die Beule aufgestochen.

Eine Sanierung mit dem Skalpell ist allemal die fairere Lösung, denn sie trifft jene, die Geld haben. Schliesslich haben die Investoren auch ein Risiko genommen, denn auch bei einem Staat kann man nicht davon ausgehen, dass er ein risikoloser Schuldner ist. Das ist keine neue Erkenntnis aus der Zeit nach der Finanzkrise, das steht in jedem Schulbuch. Freilich ist eine Schuldensanierung kein schmerzfreies Unterfangen. Banken werden die Eigenständigkeit verlieren, Arbeitsplätze gingen verloren. Doch im Szenario «Weiterwursteln» träfe es die ganze Bevölkerung, alle Steuerzahler, Unschuldige verlören ihren Job.

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Hayek gab uns die Präzision zurück

30. Juni 2010

Mittelland Zeitung

Die Uhrenindustrie hat dem Unternehmer viel zu verdanken

Er ist, er war nach Roger Federer der berühmteste Schweizer. Ein Spitzenathlet in der Disziplin des Unternehmertums. Kein anderer war in der Schweiz erfolgreicher, kein anderer hat es weiter gebracht als er. Herzblut haben andere auch, bei Hayek aber war die pure Lust, Visionen umzusetzen, mit Händen zu greifen.

Welch ein Charakter war dieser Mann! Er hat provoziert, er hat polarisiert, er war rücksichtslos und schonungslos. Einer, der sich durchtankte wie neulich Klose gegen England. Wehe, du standest ihm im Weg! Napoleon muss ein ähnlicher Typ gewesen sein oder Alfred Escher. Wer als General oder Unternehmer in die Geschichte eingeht, ist kein Softie. Nie vergesse ich die zitternden Knie und den Schweiss auf der Stirn seines Chefbuchhalters, als er diesen einmal in meiner Gegenwart in sein Büro zitierte und über ein Detail in der Erfolgsrechnung Auskunft verlangte.

1983 hatte ich Nicolas Hayek kennen gelernt, an der ersten Pressekonferenz der Swatch-Gruppe. In Zürich. Ein unscheinbarer Raum in einem Hotel. Nicht mehr als 20 Journalisten. Vorne ein schlichter Holztisch. Darauf ein grosser Berg Uhren. Unscheinbares Plastik. Unifarbig, unspektakulär, blau, schwarz, braun, militärgrün. Hässlich. War es das gewesen? Wir waren enttäuscht und konnten uns nicht vorstellen, dass damit die Schweizer Uhrenindustrie gerettet werden sollte.

Sein Glück war, dass der geniale Marketing-Mann Max Imgrüth für den Verkauf der Swatch verantwortlich war.

Wie viele internationale Blätter titelte gestern, unter anderem auch «Die Welt»: «Swatch-Erfinder Nicolas Hayek gestorben». Das ist Geschichtsklitterung, gegen die sich Hayek nie gewehrt hat. Erfunden hatte er die Uhr nicht, das waren zwei Ingenieure – lange bevor Hayek in die Firma eingetreten war. Den Anstoss dazu hatte Ernst Thomke geben, der damalige Chef der SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère). Ihm war klar geworden, dass die Schweiz nur dann eine Chance gegen die japanische Digitaluhren hatte, wenn es gelänge, eine Uhr mit massiv weniger Teilen weitgehend automatisch herzustellen. Derlei war nur mit Plastikspritzguss und ausgeklügeltem Anlagebau zu schaffen.

Hayek war als Berater von SSIH engagiert worden und ihm gelang Ähnliches, was auch Christoph Blocher gelungen war: Beide überzeugten die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG), dass sie sich an den Firmen beteiligte, für die sie tätig waren. Christoph Blocher konnte so die Mehrheit an Ems-Chemie erwerben, Hayek und andere übernahmen von der Bankgesellschaft Aktien der von ihr rekapitalisierten SMH (Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie), dem Fusionsprodukt der gescheiterten SSIH und Asuag. Möglich gemacht hatte das einer, der heute fast vergessen ist: SBG-Generaldirektor Peter Gross vertraute auf Hayek. Zum Dank sitzt er mit seinen 79 Jahren noch im Verwaltungsrat der Swatch Group.

Mit seinem Engagement ging Hayek ein grosses Risiko ein. Entsprechend legte er sich mächtig ins Zeug. Sein Glück war, dass der geniale Marketing-Mann Max Imgrüth für den Verkauf der Swatch verantwortlich war. Ihm war der frühe Höhenflug der Plastikuhr zu verdanken, er hatte es fertiggebracht, dass eine weltweite, über mehrere Jahre anhaltende Sammelwut einsetzte. Zehn Jahre nach der Lancierung war die Billiguhr die Stütze des Konzerns.

Hayeks grosses Verdienst ist, was er in den letzten 25 Jahren aus dem Konzern gemacht hat. Den Umsatz vervierfachte er, das Prestige des Konzerns trieb er in sphärische Höhen. Das gelang ihm dank seiner unkonventionellen Persönlichkeit, dank seiner Art, sich in Szene zu setzen. Er liebte die Kamera und er wusste genau, was es brauchte, um eine mediale Wirkung zu erzielen. Ganz im Gegensatz zum herkömmlichen Schweizer Unternehmer wollte er auffallen und im Mittelpunkt stehen. Es war ihm klar, dass die Uhr nicht in erster Linie der Zeitmessung dient, sondern der sozialen Identifikation. Er wusste, dass ein Konzern, der emotionale Produkte verkaufte, ein Gesicht braucht. Da halfen nicht nur das offene Hemd und die vielen Uhren am Handgelenk, da beeindruckte sein kühner stechender Blick. Mit seiner mitreissenden Art hat er der gesamten Schweizer Uhrenindustrie neues Leben eingehaucht. Er hat damit der Schweiz ihr bestes Identifikationsmerkmal zurückgegeben, die Präzision.

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