Wider den Finanzplatz?

5. April 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Ausgangslage in Sachen Abgeltungssteuer in Deutschland ist klar: Heute Donnerstag wird das Zusatzabkommen durch die beiden Regierungen unterzeichnet, dann geht das Papier in die beiden Parlamente. In der Juni-Session soll es parallel im Stände- und Nationalrat verabschiedet werden. So wie die Dinge liegen, wird das Abkommen in Bern locker durchgewinkt werden. Bis im Sommer sollten auch der Deutsche Bundestag und – davon darf man getrost ausgehen – auch die links dominierte Länderkammer Ja sagen.

Das aktuelle Schweiz-Bashing in Nordrhein-Westfalen ist Wahlkampfgetöse. Sobald dieses vorüber ist, wird sich die deutsche Linke dem vielen Geld nicht verweigern, das der Deal in die Kassen spülen wird. Alleine die Abgeltung der Altlasten bringt den Ländern sieben Milliarden und dem Bund drei Milliarden obendrauf. Geld, das ohne Abkommen weg wäre. Die Schweiz kann es lockernehmen. Kommt das Abkommen nicht, geht das Leben weiter wie bisher: Mit Deutschland besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen, die Schweiz verhält sich OECD-konform, Auskunft über Steuersünder wird weiterhin nach den bestehenden Richtlinien erteilt und die Banken müssten keine Milliardenbeträge überweisen.

Bedenkenswert hingegen ist eine neue Initiative der EU, die unter dem Namen Mifid II (Markets in Financial Instruments Directive) läuft. Damit ist die Überarbeitung der seit 2007 geltenden Finanzmarktregulierung der EU gemeint. Noch ist dieses Mifid-II-Papier nicht unter Dach und Fach, aber die Grundzüge sind klar: Unter dem euphemistischen Begriff Anlegerschutz wird Protektionismus betrieben. Konkret soll Banken aus Drittstaaten, insbesondere aus der Schweiz und den USA, der direkte Kundenkontakt verboten werden, es sei denn, ein Institut unterhalte innerhalb der EU eine Niederlassung. Für die Grossbanken ist das kein Problem, aber die vielen Privatbanken könnten mit der ab 2015 geplanten revidierten Richtlinie innerhalb der EU keine Kunden mehr betreuen.

Damit die Schweizer Banken allenfalls doch Marktzugang erhalten – was auszuhandeln wäre –, übt sich die Finma seit langem in vorauseilendem Gehorsam und übernimmt laufend Regeln aus der EU und den USA. Ihr Chef, Patrick Raaflaub, redet sogar dem automatischen Informationsaustausch das Wort. In ihrem Übereifer hat die Finma in den letzten Jahren und Monaten dem Finanzplatz ein Korsett übergestülpt, das ihm die Wettbewerbsfähigkeit geraubt hat: Nicht nur haben wir mit «Too big to fail» die mit Abstand härtesten Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften, wir haben das strengste Geldwäschereigesetz, wir haben de facto das Bankgeheimnis aufgegeben und wir verlangen von den Banken Polizeifunktionen. Darob lachen sich die anderen Finanzplätze ins Fäustchen. Statt dass sich die Schweiz als Kleinstaat um einen agilen Finanzplatz bemüht, arbeitet der Regulator gegen die Interessen der Branche. Nötig wäre eine tragfähige gemeinsame Strategie, stattdessen liegt man sich in den Haaren.

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Joe Ackermann back home

29. März 2012

AZ Mittelland Zeitung

Es gehört zu den Eigenheiten des heutigen Managerdaseins, dass Karrieren selten mehr gradlinig verlaufen. Längst vorbei sind die Zeiten, da einer als Lehrling oder Uni-Abgänger begann und kontinuierlich die Leiter hinaufstieg, mit 55 Konzernleiter wurde, mit 60 als Verwaltungsratspräsident nachrückte und mit 70 beglückt die Geschicke des Unternehmens seinem Nachfolger anvertraute.

Joe Ackermann, der scheidende CEO der Deutschen Bank, ist ein Paradebeispiel für die wechselvolle Vita auch erfolgsverwöhnter Topshots. Als er als noch nicht einmal 40-Jähriger in das oberste Leitungsgremium der damaligen Kreditanstalt gewählt wurde, war bald klar, dass er gute Chancen haben würde, dereinst in die Fussstapfen des allmächtigen Rainer Gut zu treten. Allein, Ackermanns sprichwörtlicher Ehrgeiz behagte Gut nicht und es kam zum Eklat. Doch das Glück blieb Ackermann hold, Rolf Breuer holte ihn als Chef des Investmentbanking in die Deutsche Bank und bestimmte ihn bald zu seinem Nachfolger.

Zehn Jahre hielt der Melser durch, verhalf dem Institut international zu Ansehen, war lange Vertrauter von Angela Merkel und wurde auch Präsident der Vereinigung der weltgrössten Banken. Doch er sorgte zusehends für Irritation und Eklats, angefangen beim berüchtigt gewordenen, im Affekt gezeigten Victory-Zeichen im Mannesmann-Schmiergeldprozess über politisch unbedachte Äusserungen, die Merkel erzürnten. Doch er schiffte die Bank elegant durch die Finanzkrise. Zum gloriosen Abgang kam es nicht mehr. Das Aufsichtsratspräsidium wurde ihm verwehrt, ebenso die Lösung des schwelenden Kirch-Prozesses.

Ackermanns Nachfolger wird mit Anshu Jain sein ärgster Widersacher in der Bank, der Ackermanns Schweizer Kollegen in Spitzenpositionen schon auswechselte, bevor er seinen Job antreten kann. Ackermann selber blieb in den Augen des deutschen Wirtschaftsestablishments immer der Schweizer. Ein Ruf, eine der führenden internationalen Organisationen – IWF, Weltbank – zu leiten, erreichte ihn nicht, obwohl er sich das gewünscht hätte.

Ackermann verlässt Deutschland also mit gemischten Gefühlen. Für die «Zürich», zu deren Präsident er heute gewählt wird, ist er ein Glücksfall. Kein anderer Schweizer ist in der internationalen Wirtschaftspolitik besser vernetzt als der promovierte HSG-Absolvent. Er war an der Umschuldung Griechenlands beteiligt, er kennt Asien sehr gut, was für die «Zürich» von grosser Bedeutung ist. Frei von deutschem Machtgerangel wird sich Ackermann hier wohl fühlen. Sein Know-how kann der Finanzplatz gebrauchen, und ohne übertriebene Heimatgefühle darf man festhalten: Endlich wird die Schweizer Versicherung wieder von zwei Schweizern geleitet.

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Hunger in Europa

22. März 2012

AZ Mittelland Zeitung

In Primarschulen in Griechenland kommen Schüler ohne Frühstück und Znüni zur Schule, schlafen beim Unterricht ein oder fallen mangels Nahrung gar in Ohnmacht, wie Radio DRS diese Woche in einem eindrücklichen Beitrag berichtete. Arbeitslosen Eltern fehlt schlicht das Geld für Nahrungsmittel. Betroffen sind je nach Gegend bis zu einem Drittel der Schüler. Die Lehrer schlagen Alarm, doch der verhallt im finanziellen Streichkonzert, das dem Staat durch die EU, den IWF und die Europäische Zentralbank aufoktroyiert worden ist. Die Einsparungen sind so absurd, dass nicht einmal mehr Fürsorgegelder für die Ärmsten bezahlt werden. Mittlerweile herrscht in Griechenland Armut und Mangelernährung. So weit hat es Europa gebracht.

Derweil die Griechen den Niedergang ihres Staates fassungslos hinzunehmen scheinen, starrt das übrige Europa auf das erfolgreiche Deutschland und die tollen Exportzahlen. Doch die rekordhohen Abschlüsse von BMW, VW, Mercedes und der grossen Industriekonzerne täuschen über den bedenklichen Zustand der öffentlichen Haushalte hinweg. Besonders gravierend ist die Situation in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland. Gestern streikten dort 70000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes.

Zwar wird vordergründig bloss der Ausgleich des Reallohnverlustes gefordert, doch der Unmut in der Verwaltung steckt weit tiefer. De facto sind viele Kommunen kaum noch zahlungsfähig. Längst wurden viele Theater und Bibliotheken geschlossen, Zoos verkleinert oder aufgelöst, Strassen werden nicht geflickt oder frei gewordene Stellen in der Verwaltung nicht mehr besetzt. Im bankrotten Oberhausen etwa bleibt der Busbetrieb ab 21 Uhr eingestellt, was Kinos, Restaurants und Theater Besucher und Gäste kostet. Der Schuldenberg von NRW (inklusive der Städte) betrug Ende September 2011 horrende 223 Milliarden Euro, das sind zwei Drittel der jetzt noch verblieben Schulden Griechenlands.

In einer Studie hat die Deutsche Bank aufgezeigt, dass die Schulden dieser Städte so hoch sind, dass sie nie mehr zurückbezahlt werden können. Jetzt droht die Kreditverweigerung durch die Banken. Die meisten dieser mit Zentrumslasten überhäuften Städte stehen vor einer Nettoverschuldung, was bedeutet, dass der Gegenwert der Grundstücke, Schulen und anderer Infrastruktureinrichtungen geringer ist als der aufgetürmte Schuldenberg. Deshalb ist die Rede von griechischen Verhältnissen.

Gestern gab Finanzminister Schäuble bekannt, ab 2016 dem Bundeshaushalt keine zusätzliche Neuverschuldung mehr aufzubürden. Doch im laufenden Jahr wächst der Schuldenberg weiter, um satte 35 Mrd. Euro. So präsentiert sich die Lage im erfolgreichsten Land der EU.

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Die Illusion zeigt sich an der Börse

17. März 2012

AZ Mittelland Zeitung

Fast wär der Seufzer der Erleichterung hörbar, so rasant streben in diesen Tagen die Börsenkurse nach oben. Credit Suisse, ehedem arg gebeutelt, haben innert weniger Wochen um 15 Prozent zugelegt. Italienische Staatsanleihen, bis vor kurzem noch mit einem prohibitiven Zins von über 7 Prozent belegt, rentieren noch 4,8 Prozent. Die Nationalbank sieht keine Veranlassung, den Frankenkurs weiter zu senken, die Konjunkturforscher, eben noch in tiefem Pessimismus versunken, prognostizieren wieder ansprechendes Wachstum. Die Jahresabschlüsse der Unternehmen für 2011 sind teilweise brillant ausgefallen. Auch im europäischen Kontext scheint sich das Blatt gewendet zu haben.

Schön wärs, alles wäre paletti und wir könnten zur Tagesordnung übergehen. Doch leider basiert die aufkeimende Euphorie auf der Schweinwelt eines anscheinend unerschöpflichen Geldsegens. Mit ihrem 1000 Milliarden Euro umfassenden Bankensanierungsprogramm hat die Europäische Zentralbank den finalen Kollaps des Bankensystems verhindert und in gigantischem Ausmass neues Geld geschaffen. Das ist zwar übel, aber war unvermeidlich. Der Giga-Kredit ermöglicht es den Banken, mit einem Teil dieser Gelder Staatspapiere zu kaufen und so vor allem die Krisenstaaten Italien, Spanien und Frankreich zu finanzieren. Damit schlägt die EZB drei Fliegen auf einen Streich: Die Zinsen sind gesunken, selber muss die EZB keine Staatspapiere mehr übernehmen und sie ermöglicht den Geldhäusern erst noch ein gutes Geschäft. Diese bezahlen bei der EZB 1 Prozent Zins, können es aber zu 3, 4 oder mehr Prozent wieder anlegen. Der Vorgang ist einzigartig: Die Steuerzahler stellen (via EZB) ihren privaten Banken eine automatische Geldmaschine zur Verfügung in der Illusion, in drei Jahren, wenn der Kredit ausläuft, seien alle Banken wieder gesund.

«Leider basiert die aufkeimende Euphorie auf der Schweinwelt eines unerschöpflichen Geldsegens.»

Gelöst sind selbstredend auch die Probleme der Krisenländer nicht. Mittlerweile haben auch die Hardliner in der EU, der EZB und des IWF erkannt, dass die Gesundschrumpfungsmethode nicht funktioniert, eine bessere Lösung haben sie allerdings nicht. Auch nach dem Schuldenschnitt lebt Griechenland weiter auf Pump und gibt nach wie vor wesentlich mehr Geld aus, als es einnimmt. Die Wirtschaft schrumpft immer stärker, im vierten Quartal 2011 um erschreckende 7,5 Prozent.

Für Italien gilt Gleiches. Die Schulden wachsen weiter, allein in den letzten Monaten haben die Ausstände um 36 Milliarden zugenommen, während die Wirtschaft in eine heftige Rezession schlittert. Das mindert die Steuereinnahmen, erhöht die Arbeitslosigkeit und schwächt die Unternehmen. Bald wird das Augenmerk wieder auf Spanien gerichtet, den nächsten Krisenkandidaten. Weil jährlich etwa 7 Prozent hinzukommen, wird die Schallmauer von 100 Prozent bald durchbrochen. Es ist nur ein Frage der Zeit, bis die Kredite versiegen.

Das Beängstigendste an der gesamten Wirtschaftslage aber sind die gewaltigen Arbeitslosenzahlen namentlich in Spanien und Griechenland, wo bis zur Hälfte aller Jugendlichen ohne Job und ohne Perspektive aufwachsen. Dieser soziale Zündstoff wird zwangsläufig irgendwann explodieren und mit Blick auf die Geschichte und aktuell auf Ungarn graut einem vor den möglichen Konsequenzen.

«Um die verloren gegangene Wettbewerbsfähigkeit zurückzuerobern, müssten viele Reformen umgesetzt werden.»

All die Übel haben eine einzige Ursache: Von Deutschland, der Schweiz und den nordischen Ländern abgesehen, hat sich das übrige, technisch nicht an der Spitze bewegende Europa mit seinen teuren Sozialsystemen regelrecht aus dem Markt katapultiert, am besten ist das an der 35-Stunden-Woche Frankreichs ersichtlich. Gleichzeitig sind in Indien und namentlich in China zwei Giganten auf den Markt getreten, die billiger, besser, zuverlässiger und schneller produzieren. Um die verloren gegangene Wettbewerbsfähigkeit wieder zurückzuerobern, müssten eine Vielzahl von Reformen umgesetzt werden: flexiblere Arbeitsmärkte, damit Firmen überhaupt investieren, geringere Sozialkosten, tiefere Steuern, eine andere Arbeitsmentalität und insbesondere bessere Bildungssysteme, die diese Länder technologisch wieder an die Spitze führen. Makroökonomisch ausgedrückt heisst das: Die Leistungsbilanzdefizite dieser Länder müssen eliminiert werden.

Nüchtern betrachtet bleibt das ein frommer Wunsch. Die Zeit wird nicht ausreichen, zumal die asiatischen Staaten in ihrer Wirtschaftspotenz weiter zulegen. Kommt hinzu, dass Demokratien die nötigen Selbstbeschränkungen nicht zulassen und reformwillige Politiker durch Populisten ersetzen, wie das Beispiel Ungarn exemplarisch zeigt.

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Willkommen in der neuen Bankenwelt

8. März 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Weissgeldstrategie ist das zentrale Bankenthema. Die Vorreiter der De-facto-Abkehr vom Bankgeheimnis wollen nur noch deklarierte Gelder annehmen und glauben felsenfest, dass sich die Schweizer Beratungsqualität durchsetzen werde – sodass kaum Vermögen abgezogen, dafür viele neue gewonnen würden. Die Probe aufs Exempel lässt sich an den liechtensteinischen Banken machen, die durch den Datenklau eines Mitarbeiters schon vor zwei Jahren zur Weissgeldstrategie gezwungen wurden. Der Befund: Die Ergebnisse 2011 waren katastrophal.

Das beginnt bei den verwalteten Vermögen. Die drei grossen Banken LGT, Liechtensteinische Landesbank (LLB) und VP Bank verwalteten 2007 zusammen 170 Milliarden Franken, jetzt sind es noch 120. Rückgang: satte 30 Prozent. Die Geschäftszahlen sehen zwangsläufig noch schlechter aus, weil erfahrungsgemäss die lukrativsten Vermögen abgezogen werden und sich die Kosten nicht im gleichen Ausmass senken lassen. Was das heisst, zeigen die eben publizierten Zahlen der VP Bank: Mit verwalteten Vermögen von noch 27,4 Milliarden (–0,8 Prozent) blieben unter dem Strich im letzten Jahr homöopathische 4,3 Millionen Franken übrig. Das sind hauchdünne 0,015 Prozent und anderthalb Basispunkte. Die LLB meldete provisorisch 15 Millionen Franken Gewinn, im Vorjahr waren es noch 108 Millionen gewesen. Verwaltet werden noch 48 Milliarden, die Nettomarge beträgt damit 0,03 Prozent oder drei Basispunkte.

Das goldene Zeitalter ist auch bei den Boni vorbei.

Natürlich waren die Bedingungen letztes Jahr besonders garstig. Dergestalt, dass sich sowohl die LGT wie auch die VP Bank aus Deutschland zurückzogen. Dummerweise sind die Aussichten für dieses Jahr und darüber hinaus kaum besser, weil die negativen Faktoren bleiben: Rezession, Verschuldung, tiefe Zinsen. Die Anleger streiken nach wie vor und halten grosse Beträge in bar auf den Konti.

Was für Liechtenstein gilt, wird leicht verzögert auch auf die Schweizer Vermögensverwaltungsbanken zutreffen. Die Weissgeldstrategie vertreibt bis zu 30 Prozent der Vermögen, die ertragreichsten wandern Richtung Singapur ab, während viel deutsches Geld zurück in die Heimat fliesst. Zwar müssen die Banken noch keine Verluste verkraften, aber die Margen tendieren gegen null. Das wird alles nicht ohne Stellenabbau gehen; branchenintern wird geschätzt, dass der Finanzplatz um 20000 bis 30000 Stellen schrumpfen wird. Das goldene Zeitalter ist auch bei den Gehältern und Boni vorbei.

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Aufgescheuchte Hühner

16. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Man kann nicht mal schadenfreudig sein. Den gut betuchten und ehedem wohlbezahlten Bankern bläst ein eisiger Wind ins Gesicht, dergestalt, dass der gesamte Bankensektor zu erstarren droht. Das wird unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft und mithin auf den Wohlstand in diesem Land haben. So wie die Dinge derzeit liegen, ist es vorbei mit der üppigen Wertschöpfung in der Finanzbranche. Überall wird Personal abgebaut, Geschäftsmodelle bringen schlicht nicht mehr genügend Ertrag. Kleinere und mittlere Institute werden gezwun- gen sein, sich grösseren anzuschliessen. Ein Schrumpfungsprozess gröberen Ausmasses steht bevor. Das Steuersubstrat schrumpft und reisst Löcher in die Kassen von Gemeinden, Kantonen und Bund, die zu stopfen wohl nur über Steuererhöhungen möglich sein wird.

Noch immer tut jedoch die öffentliche Schweiz so, als sei mehr oder weniger alles im Griff. Es brauche bloss die Steuerabkommen mit Deutschland und Grossbritannien sowie eine Pauschallösung mit den USA und schwupps sei alles in Butter. Dabei wird längst klar, dass das Steuerabkommen im Deutschen Bundestag scheitern wird, dass in der Folge auch das Vereinigte Königreich vom Vorschlag Abstand nehmen wird. In den USA wird es keine Pauschallösung geben, vielmehr wird sich die Justiz jede einzelne Bank vorknöpfen. Zu einer gemeinsamen Haltung, zu einer für den hiesigen Finanzplatz kohärenten Strategie können sich die Banken nicht durchringen. Die Bankiervereinigung ist der Club des kleinsten gemeinsamen Nenners. Stattdessen sollten das Justizdepartement, die Finma, die Steuerverwaltung und die Banken längst an einer gemeinsamen Finanzplatzstrategie arbeiten. Doch die Herren (und einige Damen) liegen sich in den Haaren. Die Banken sind über die Finma und das Justizdepartement frustriert, sie selber bieten sich untereinander gegenseitig keine Hand. Jede versucht, ihr Scherflein ins Trockene zu bringen, verhandelt direkt mit den Amerikanern und liefert hemmungslos Daten über Kunden und eigene Mitarbeiter, dass einem die Haare zu Berge stehen.

So gleicht der Finanzplatz einem Haufen in Panik geratener Hühner, weil der Fuchs um den Zaun herumstreicht. Dazu kommen interne Auseinandersetzungen über die Retrozessionen, die, sollten sie definitiv durch ein Bundesgerichtsurteil den Kunden zugeteilt werden, die Geschäftsgrundlage der beiden Grossbanken infrage stellt. Wie gerne würde man einen mit hellen Köpfen zusammengesetzten Finanzplatz-Ausschuss sehen, der in der Lage ist, eine tragfähige, zukunftsgerichtete Strategie für den gesamten Finanzplatz auszuarbeiten. Vermutlich wird ein solcher eingesetzt, wenn die Dämme längst gebrochen und die Kunden auf Nimmerwiedersehen abgewandert sind.

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130 Prozent Preisdifferenz

9. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Frage ist schon fast philosophisch: Dürfen Produkte in der Schweiz teurer sein als im Ausland, weil wir besser verdienen? Sind hohe Preise quasi Garantie für einen insgesamt höheren Wohlstand in der Schweiz im Vergleich zum umliegenden Ausland? Und, wenn ja, um wie viel darf denn der Preis in der Schweiz höher sein als im Ausland?

Seit die Grossverteiler Migros und Coop mit Aldi und Lidl im direkten Wettbewerb stehen und vor allem, seit der Euro so viel billiger geworden ist, kauft wer kann im umliegenden Ausland ein. Dergestalt, dass die Grossverteiler Umsatzeinbussen erleiden und die Preise senken müssen. Mitleid brauchen wir keines zu haben, wie ein Beispiel zeigt: Kürzlich war ich in Deutschland in einem edlen Foodgeschäft – alles andere als ein Harddiscounter – und hab mir eher zufällig die Preise für mein Lieblings-Glace-Produkt von Unilever angeschaut: After Dinner. Ein paar Tage zuvor hatte ich bei Coop für Fr. 8.50 eine Packung davon erstanden, was ich gefühlsmässig teuer fand. Die gleiche Schachtel war im deutschen Edelladen für 2.99 Euro zu haben, also umgerechnet und aufgerundet Fr. 3.70. Daraus ergibt sich von unten gerechnet (ist ja ein ausländisches Produkt) eine Preisdifferenz von satten 130 Prozent.

Man mag das als ungeheuerlich abtun, Fakt ist: Unilever bzw. Coop kann in der Schweiz mehr als das Doppelte verlangen und erreicht dennoch – das ist der entscheidende Punkt – einen zufriedenstellenden Absatz. Genügend Konsumenten sind bereit, für die Süssigkeit stolze Fr. 8.50 zu zahlen. Übrigens: Die 2.99 Euro waren kein Aktions-, sondern ein regulärer Preis. Konkret: Der Glace-Gigant verdient unter dem Strich offensichtlich mehr, als wenn er höhere Mengen bei tieferen Margen absetzt.

Nun wissen wir aus diesem Preisvergleich zwischen Deutschland und der Schweiz natürlich nicht genau, was Coop im Einkauf für After Dinner bezahlen muss. Einkaufspreise sind bekanntlich ein gut gehütetes Geheimnis. Könnte es sein, dass Coop satte 130 Prozent draufschlägt? Bei aller Abgebrühtheit von versierten Händlern: Das glaube ich nicht. Undenkbar ist aber auch, dass Coop sich mit bescheidenen fünf Prozent Marge zufrieden gibt. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Doch weil Coop via die deutsche Rewe an einer europäischen Grosseinkaufsmacht angeschlossen ist, wird Coops Marge für dieses Luxusprodukt aber hoch sein.

Auf einem andern Blatt steht, ob solche Riesenmargen taktisch klug sind. Sie bestätigen, dass in den hiesigen Detailhandelspreisen offensichtlich noch viel Spielraum nach unten steckt. Der Wohlstand bricht deswegen also noch nicht zusammen.

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Ausgelieferte Bankberater

2. Februar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Hoch gehen die Wogen im aktuellen Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA. Die Emotionen sind zwiespältig: Da ist auf der einen Seite der ruchlose Druck der Amerikaner, die sich einen Deut um unterschiedliche Rechtssysteme scheren und knallharte Machtpolitik ausüben. Es kümmert sie nicht, dass sie eine Bank zerstören, obwohl weder ein Fehlverhalten nachgewiesen ist, geschweige denn ein Urteil vorliegt.

Doch auch die gegenteilige Sichtweise hat ihre Berechtigung: Wie konnten einzelne Banken nach dem UBS-Fall so töricht sein und aktiv jene US-Kunden aufnehmen, welchen die UBS die Türe gewiesen hatte und die seit Jahren Geld vor dem US-Fiskus versteckten und dies auch weiterhin tun wollten? Jetzt soll sie der Staat aus der Falle befreien, die sie sich selber gestellt haben. Dabei hätte diesen Geldhäusern das kompromisslose Vorgehen der US-Steuerbehörden im Fall der UBS eine unmissverständliche Warnung sein müssen.

Wie dieser für den hiesigen Finanzplatz in höchstem Masse schädliche Streit ausgehen wird, ist völlig offen. Vielleicht gelingt es Staatssekretär Michael Ambühl, einen (milliardenteuren) Deal mit Schlussstrichwirkung auszuhandeln, vielleicht aber war Wegelin erst ein Vorgeschmack auf das, was noch folgt.

Für unbeteiligte Dritte hält sich das Bedauern mit den Bankern und insbesondere mit den verantwortlichen Chefs in engen Grenzen. Etwas anders sieht es mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus, den Bankberatern, deren Job es jahrelang war, ihre amerikanischen Kunden zu betreuen, meist nur in der Schweiz. Weil viele Daten schon geliefert sind – Mails, Kundenkontakte, Besuchsprotokolle auch aus der Schweiz – müssen viele von ihnen befürchten, auf einer «Verschwörer»-Liste zu stehen. Ihre Rechtsabteilungen haben ihnen längst untersagt, in die USA zu reisen.

Doch damit nicht genug. Sie müssen jeden einzelnen Auslandaufenthalt vorzeitig melden, auch wenn es sich um reine Ferien handelt. Die Gefahr besteht nämlich, dass die USA solche Personen auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt haben. Sobald diese Personen in ein Land reisen, das mit den USA ein Auslieferungsabkommen unterzeichnet hat, besteht die Gefahr, dass dieses Land den USA einen Gefallen erweisen will und den gesuchten Bankberater verhaftet und ausliefert.

Damit wird auch verständlich, weshalb der Bund entschied, in den auszuliefernden Bankdaten die Namen der Berater zu verschlüsseln. Nur schon der Fakt, dass die Namen bei einem Abkommen entschlüsselt werden, ist Bedrohung genug. Immerhin haben diese Mitarbeiter im Auftrag der Bank gehandelt. Dass die Schweiz sie potenziell ausliefert, ist schon eine Ungeheuerlichkeit an sich.

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Hummler findet Frieden mit Bach

29. Januar 2012

BaZ Basler Zeitung

Der Wegelin-Banker ist Rebell und Bildungsbürger in einer Person

St. Gallen. Es war böse, was der linke WOZ-Journalist im Kulturmagazin «Saiten» über Konrad Hummler und dessen Freunde schrieb: «Was sich aufgeschlossen und unideologisch gibt, ist zutiefst reaktionär und rechts: Man strebt nach Geld und Glück und Vollkommenheit. Freiheit und Brüderlichkeit! Gleichheit und Gerechtigkeit hingegen negiert man. Über die Dummen, die Armen und die Ehrlichen wird gespottet.» Und seis nicht genug, setzte der Schreiber noch eins oben drauf: «Hummler, der Superreiche, der eine Lohndumping-Politik mitverantwortet: Anstelle der Demokratie soll es einen Hofstaat geben.»

Spannend ist nicht so sehr, ob und wie berechtigt diese Pauschalverurteilung ist, aufschlussreich ist vielmehr, wie sich der Sohn des St. Galler Stadtpräsidenten und FDP-Nationalrats Alfred Hummler gegen dieses Pamphlet wehrte: Musikmäzen Hummler schrieb in ebendiesem Kulturmagazin einen geharnischten Leserbrief mit folgender Sentenz: «Was wir heute (im «Saiten», Red.) zu lesen bekommen, ist ein aufgemotzter Dorfkalender, inseratemässig finanziert von den inflationär um sich greifenden, oft nur mässig besuchten, hochsubventionierten Veranstaltungen, drapiert mit zusammengekleistertem schlechtem Fotomaterial und nicht einmal halbwegs lustigen Cartoons, das kulturelle Alibi redaktionell zusammengekratzt mit Möchtegern-Meienberg-Material. Meienberg ist tot; er hat im Dorf nur Würstchen hinterlassen.»

Vorbild Niklaus Meienberg

Man merkt, da fehlt einem brillanten Kopf die Nonchalance, da enerviert sich einer und sagt, wie es halt in St. Gallen üblich ist, wo Gott hockt. Reaktionsschnell haut er in die Tasten, ganz so, wie er es in seinen Anlagekommentaren der Bank Wegelin und immer öfter auch in der von ihm nach wie vor präsidierten NZZ tut oder bisher tat. In langen, aber gut gedrechselten Sätzen, so, wie es einige altgediente Redaktoren noch pflegen, sprudelt es nur so aus ihm heraus, wortgewaltig und unverblümt, frech, direkt, schonungslos. Keine Frage, Meienberg erwähnte er nicht zufällig. Dieser Sprachtitan war ihm Vorbild.

Dass der 59-jährige so direkt und undiplomatisch ist, hat mit der Gallusstadt zu tun. In diesem klosterdominierten Bischofssitz kennt sich Hinz und Kunz, schliesslich sind alle in die «Flade» zur Schule gegangen und buhlten in der gleichen Disco. Ob Harry Hasler oder Hummler, St. Galler nehmen kein Blatt vor den Mund.

Eigenwilligkeit ist schon früh im Leben des Koni Hummler ein Thema. Fünfzehnjährig türmt er 1968 nach Paris. Er will mit eigenen Augen sehen, wie gegen das Establishment demonstriert wird. Er studiert in Zürich Jura und hängt ein Wirtschaftsstudium in Rochester im US-Bundesstaat New York an, wird begeisterter Offizier.

Holzach-Assistent, «Widder»-Umbau

Schon damals holen sich die Grossbanken die besten Köpfe, die allerbesten dürfen ins Vorzimmer des Präsidenten. Hummler wird Assistent von Robert Holzach, dem Grandseigneur der Bankgesellschaft mit Schloss im Thurgau. Dieser betraut seinen Assistenten nicht nur mit allerlei Privatjobs rund um das stolze Anwesen, Hummler betreut den kostspieligen Kauf und Umbau des Hotels Widder am Zürcher Rennweg, das zum Prestigeobjekt der Bankgesellen wird. Wie in der Bahnhofstrasse 45 damals üblich, gehörte eine zünftige Militärkarriere zum Berufsethos, Hummler schafft es in den Generalstab. Bei den Bankgesellen lernt er auch seinen späteren Kompagnon Otto Bruderer kennen, auch er ein Assistent der Generaldirektion.

Es spricht für den unternehmerischen Geist der beiden, dass sie 1989, als der bisherige Besitzer der Bank Wegelin, der kinderlose asketische Arthur Eugster, einen Nachfolger für sein kleines Bänkli suchte, um die Privatbank warben und die übliche Managerkarriere in der Grossbank ausschlugen. Wegelin lief nicht besonders gut, der Preis war mithilfe von Bankkrediten zu stemmen. Die beiden ergänzten sich prima, Otto Bruderer als intellektueller Kopf kümmerte sich um die Interna, der umtriebige, gesellige Hummler entpuppte sich als begnadeter Verkäufer. Die Bank gedieh, die Kundenvermögen stiegen von einer Milliarde auf 21 Milliarden, die Mitarbeiterzahl explodierte von 30 auf 700.

Ein Treiber hinter diesem fulminanten Wachstum war Hummler mit seinen immer ausführlicheren Anlagekommentaren, die sich zum absoluten «must» unter der Bankenliteratur entwickelten und auf die Traumauflage von fast 100 000 Exemplaren anschwollen. Nach jedem neuen Erguss tingelte er von Filiale zu Filiale, die Kunden und Mitarbeiter hingen an den Lippen des Gurus, die Journalisten liebten die knackigen Sätze. Keiner schrieb prägnanter, keiner sprach so Klartext wie der St. Galler Privatbanker. Das Bankgeheimnis verteidigte er als Menschenrecht, und die amerikanische Politik und insbesondere die verlogene Steuermoral geisselte er mit Blick auf Miami und Delaware als «atemberaubende Doppelmoral».

Das Schulterklopfen war ihm sicher, allein, sein Erfolg machte ihn blind. Als die UBS 2008 ihre US-Kunden vor die Tür setzte, sprang Wegelin, auf das Bankgeheimnis pochend, in die Lücke und übernahm Dutzende US-Kunden, in der falschen Annahme, unbehelligt zu bleiben, weil die Bank keine Niederlassung in den USA besass. Doch Mitarbeiter flogen nach Miami und besuchten Kunden, einer wurde erwischt, Anklage wurde erhoben. Ob Recht verletzt wurde ist offen, doch Hummler wäre nicht Hummler, wenn er sich nicht weigern würde, Kundendaten auszuliefern.

Im laufenden Steuerstreit zwischen elf Schweizer Banken und den USA wurde Wegelin herausgepflückt und zum Bauernopfer gemacht. Die Amerikaner, so die Lesart, sind nur dann zu einem abschliessenden Deal bereit, wenn sie einen Erfolg in der Verfolgung von Steuersündern vermelden können. Obwohl noch keine Anklage und schon gar kein Urteil gegen die Bank vorliegt, hat die Finanzmarktaufsicht (Finma) Wegelin regelrecht zur Aufgabe gezwungen. Wie die «Finanz und Wirtschaft» am Samstag meldete, hätte die Finma den Teilhabern die Gewährleistung für eine einwandfreie Geschäftsführung entzogen, wenn sie nicht in einen Verkauf der Bank eingewilligt hätten.

Ideales Verhandlungspfand

Mit der Trophäe Wegelin können die Amerikaner der Welt beweisen, dass selbst die älteste Schweizer Privatbank aufgeben muss, wenn sie hilft, steuerpflichtige Amerikaner vor dem Fiskus zu verstecken. Für die Schweizer Verhandlungsdelegation ist das Verschwinden der Bank Wegelin von der Bildfläche das kleinste Übel. Die Bank ist nicht systemrelevant, sie kann unter neuem Namen von einem anderen Institut (Raiffeisen) weitergeführt werden, die meisten Jobs bleiben erhalten.

Ob Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Verhandlungsleiter Botschafter Michael Ambühl dank der mit Staatsräson begründeten Preisgabe von Wegelin tatsächlich zum Ziel kommen und einen Vertrag mit den USA zustande bringen, wird sich weisen. In jedem Fall haben sie Schweizer Recht gebrochen und Kunden ans Ausland verraten. Genau dazu war der liberale Hummler nicht bereit. Er mag leichtfertig oder gar tollkühn gewesen sein, aber fraglos hat er Stil bewiesen.

Trost in der schmerzlichen Aufgabe seines Lebenswerkes wird Hummler bei Johann Sebastian Bach finden. Wer eine solche Geistesgrösse ernsthaft als seinen Übervater bezeichnen kann (Hummler, NZZ 19. 1. 2009), wird in den Klängen des kongenialen Komponisten Frieden mit sich selber finden. Als Dank an diesen Übervater finanziert Hummler über eine Stiftung in einem rund 20-jährigen Projekt die Aufführung aller 224 Kantaten des Genies. Einmal monatlich in der Kirche von Teufen, seinem steuergünstigen Appenzeller Wohnsitz.

Der neue Name der bisherigen Bank Wegelin ist Notenstein. So heisst das Haus mitten in St. Gallen, in dem Wegelin den Hauptsitz hat. Ob Notenstein eine Anspielung auf die Frieden bringenden Klänge Bachs sind, ist eher fraglich. Im 15. Jahrhundert hiess das turmartige Haus Nothfeststein. Eine in Not schutzbietende steinerne Festung ist tatsächlich, was die Kunden jetzt dringend brauchen.

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Vorsicht vor zu viel Hoffnung

26. Januar 2012

AZ Mittelland Zeitung

Die Wolken haben sich etwas gelichtet. Die Zinsen, die die südlichen Eurostaaten entrichten müssen, sind etwas gesunken. Offensichtlich zeigt die dreijährige de facto Gratisfinanzierung von Banken durch die EZB Wirkung. Gut sichtbar wird das abgeflaute Fieber der Finanzmärkte an den deutlich höheren Aktienkursen der Banken. UBS und CS haben innerhalb von gut zwei Wochen um über 15 Prozent zugelegt. An den Bond-Märkten hat ein kleines Rally eingesetzt. Kein Wunder: Die Institutionellen sitzen auf Bergen von Cash und warten nur, bis sich eine Gelegenheit mit vertretbarem Risiko bietet, Geld wieder irgendwie zinsbringend anzulegen. Zur besseren Stimmung haben auch die optimistischen Aussichten der US-Wirtschaft beigetragen, insbesondere ist die Arbeitslosigkeit auf den tiefsten Stand seit fast vier Jahren gesunken.

Durchaus möglich, dass dieser optimistischere Blick auf die Weltlage eine Welle von Anleihen- und Aktienkäufen auslöst, nach dem Motto: La hausse amène la hausse. Zumal Chinas Wirtschaftswachstum im vierten Quartal überraschend hoch ausgefallen ist, sodass bereits spekuliert wird, dass der prognostizierte Abschwung weitgehend ausbleiben dürfte. Setzt der Herdentrieb erst einmal ein, können Dämme brechen, was die Zinsen kräftig drücken würde, sodass eine positive Spirale in Schwung käme.

Doch so vielversprechend sich ein solches Szenario auch ausnimmt, uns fehlt der Glaube. Der bevorstehende Schuldenschnitt Griechenlands kommt die Banken teuer zu stehen und eine einseitig formulierte Zahlungsunfähigkeit ist immer noch wahrscheinlich. In Italien hat Mario Monti zwar einen hoffnungsvollen Anfang gemacht, doch die Umsetzung der Reformen und Steuererhöhungen muss erst noch bewiesen werden. Irland und Portugal brauchen ebenfalls einen Schuldenschnitt und Spanien ist auch nicht aus dem Schneider. Wenn die EZB ihre griechischen Anleihen im Umfang von 40 Milliarden abschreibt, ist das zwar auf den ersten Blick hilfreich, doch untergräbt sie damit ihre Wirkungskraft, weil der Markt davon ausgehen wird, dass von der EZB aufgekaufte Anleihen wertlos werden.

Vor allem aber ist das Grundproblem der Ungleichgewichte innerhalb der EU nicht gelöst. So lange Deutschland dank dem Exporterfolg riesige Zahlungsbilanzüberschüsse produziert, während der Süden in Defiziten versinkt, wirkt der Euro für die schwachen Länder wie ein Knebel im Rad. Deutschland müsste mehr konsumieren und der Süden seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Aber solche Reformen werden noch Jahre und Jahrzehnte auf sich warten lassen. Die Lösung, glauben kritische Ökonomen, könne für die schwachen Länder nur darin bestehen, den Euroraum zu verlassen. Nicht vorstellbar, dass der Süden ohne Abwertung gesunden kann.

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