10. Januar 2012
AZ-Mittelland Zeitung
Philipp Hildebrand · Der Rücktritt des Nationalbankpräsidenten könnte die Schweiz noch teuer zu stehen kommen
«Kashya, es tut mir leid (dass ich eingreifen muss, Red.), aber Währungen sind wirklich ein Spezialfall». Man muss es mit dieser Deutlichkeit sagen: Philipp Hildebrand, der international eine ausserordentliche Reputation geniessende Nationalbanker und im Standing derzeit neben Roger Federer der höchst angesehene lebende Schweizer, ist über seine Frau gestolpert. Und über seine eigene Grosszügigkeit, ihr in Geldfragen freie Hand zu lassen.
Der zitierte Satz im Mail vom 16. August um 7.36 Uhr an seinen Sarasin-Banker mit Kopie an seine Frau und den internen Rechtsdienst lassen keinen Zweifel offen: Hildebrand hat Kashya blind vertraut und darauf gezählt, dass sie die SNB-internen Regeln einhalten würde, genauso übrigens wie der Bankberater auch. Beide wussten sehr wohl, was erlaubt ist und was nicht. Wie Kashya Hildebrand gestern offiziell bestätigte, war sie die Auftraggeberin, er nicht resolut genug. Hildebrands Rücktritt ist die logische Konsequenz einer nüchternen Analyse: Zur für einen Nationalbanker gebotenen absoluten Glaubwürdigkeit hätte er nie mehr zurückgefunden.
In breiten Schichten der Bevölkerung herrschen jetzt Konsternation und Wut.
Damit geht eine Ausnahmekarriere zu Ende, welche die Schweiz noch beklagen wird. Hildebrand war beliebt, hat gerade mit seinen letzten beiden Medienauftritten auch die Herzen vieler Bürgerinnen und Bürger gewonnen. Jetzt herrschen in breiten Schichten der Bevölkerung Konsternation und Wut. Darüber, dass ausgerechnet die SVP diesen Mann mit Datenhehlerei (Rechtsprofessor Paolo Bernasconi) zu Fall gebracht hat. Ausgelöst oder mitbeeinflusst von Hildebrands Intimfeind Christoph Blocher, der – wie schon im Fall der «Basler Zeitung» – gelogen hat, als er behauptete, er hätte der Bundespräsidentin keine Unterlagen abgegeben. Es ist nicht etwas faul im Staate Schweiz, es gibt «Grusiges» in der SVP.
Prophetische Worte
In einem in bewunderndem Ton gehaltenen Porträt über Hildebrand, das die «Bilanz» 2003, einige Monate nach seiner überraschender Ernennung ins Direktorium der Nationalbank, publizierte, schloss der Autor mit der Frage, ob ein ehemaliger Hedge-Funds-Manager, der es innert weniger Jahre zum dutzendfachen Multimillionär gebracht habe, den Versuchungen der Devisendeals widerstehen könne. Schon damals war Hildebrand offensichtlich bewusst, wie heikel der Job in Sachen Eigenanlagen ist. «In jedem öffentlichen Amt gibt es potenzielle Interessenkonflikte, im Fall der SNB sind sie vermutlich am grössten», diktierte er den Journalisten fast prophetisch ins Notizbuch.
Sein Privatvermögen sei, sagte er damals, «extrem langweilig strukturiert». Nicht langweilig genug, wie man heute weiss und wie er an der gestrigen Medienkonferenz auch zugab, als er sagte, mit heutigem Kenntnisstand hätte er überhaupt nie Dollar halten sollen. Pikant, dass der Bankrat nach Hildebrands Ernennung ein erstes Reglement ausarbeiten liess und dieses erst vor zwei Jahren überarbeitete. Es verbietet explizit Devisentransaktionen (unter sechs Monaten) auch für «in häuslicher Gemeinschaft verbundene Personen». Nicht vorstellbar, dass Hildebrands Frau Kashya davon keine Kenntnis hatte.
Beim WEF den letzten Schliff geholt
In Toronto den Bachelor, in Genf und Harvard den Master und in Oxford den Doktortitel in internationalen Beziehungen: Klar fand WEF-Gründer Klaus Schwab Gefallen an dem sprachgewandten Jungtalent. Mehrere Jahre arbeitete Hildebrand für das WEF, wo er den ungezwungenen Umgang mit Regierungschefs und Topmanagern lernte. Dort holte er sich den nötigen Schliff, dort lernte er, auf internationalem Parkett zu tanzen. Englisch hatte er in den USA gelernt, wo er vier Jahre Mittelschule absolvierte, als sein Vater bei IBM arbeitete.
Als er einmal einen Partner vom Hedge Fund Moore Capital vom Flughafen nach Davos ans WEF chauffieren musste, bot ihm dieser einen Job in Paris an. Dort lernte er auch seine Frau kennen, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, die früher Devisenhändlerin war und schon vor Hildebrands Ernennung ins Direktorium der SNB in Genf eine internationale Galerie betrieb. Das Paar besitzt Grundstücke und Häuser in den USA, deshalb ist auch nachvollziehbar, dass der Dollar «zu unserem Leben gehört», wie Hildebrand gestern sagte.
Philipp Hildebrand wollte Vorbild sein unter seinesgleichen.
Das herausragendste Merkmal des mehrfachen Schweizer Meisters im Schwimmen ist seine gewinnende, stets freundliche Art. Davon war schon sein Mentor bei Moor Capital angetan. Und dank seinem Charme hievte ihn der Bundesrat ins Direktorium der SNB. Kombiniert mit seiner politischen Analyse und eines globalen und exklusiven Netzwerkes, avancierte er nach der Lehman-Brothers-Krise 2008 bald auch zum gefragten Mann in der sonst anglosächsisch dominierten Sphäre der Zentralbanker. Die beiden Schweizer Grossbanken, glaubte er, könnten es sich leisten, doppelt so hohe Eigenkapitalquoten zu halten wie die übrigen systemrelevanten Geldhäuser. Er wollte Vorbild sein unter seinesgleichen. Ohne ihn wäre das «Too big to fail»-Gesetz nicht durchgekommen, doch damit holte er sich den Zorn der Grossbanken. 2010 war er mit unkoordinierten Devisenkäufen noch gescheitert, ein Jahr später aber setzte er unter grossem Risiko den Euro auf 1.20 fest. Der Markt gehorchte, Hildebrand erntete internationalen Applaus. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, wird der Markt den Franken testen. Das kann teuer werden.
Artikel als pdf 